“Zoe, Grace und der Weg zurück nach Hause” ist der neueste Roman des kanadischen Autoren Allan Stratton. Eine Geschichte, die eine Großmutter in den Mittelpunkt stellt, deren Enkelin sich nicht damit abfinden will, dass ihre geliebte Bezugsperson wegen Demenz in ein Altersheim abgeschoben wird und kurzerhand mit ihr die Flucht ergreift. Ein Roadmovie, eine Familiengeschichte mit außergewöhnlichen Charakteren — berührend und unterhaltsam erzählt. Für Jugendliche ab 13 Jahren und interessierte Erwachsene.
Ihre Großmutter ist alles für die junge Zoe. Jeden Tag besucht sie sie zu Hause. Und sonntags kommt Granny immer zum Essen zu ihnen. Doch dieses Mal erwarten ihre Eltern, die in ärmlichen Verhältnissen wohnen, Besuch von Tante Jess und Onkel Chad, die in der besseren Wohngegend leben und deren Tochter Madi, die Zoes Cousine ist, schon mal eine Markenjeans tragen kann. Zoes Eltern wollen sie um einen Kredit bitten, um den Friseursalon, der sich momentan aus Platzgründen im Wohnzimmer der Familie befindet, an einen anderen Ort zu verlegen. “Der Abend heute wird grausam. Wenn Granny hier wäre, würde
uns nicht langweilig werden. Wir würden uns unterm Tisch mit den Füßen anstupsen und versuchen, uns das Lachen zu verkneifen. Wie soll ich das Essen nur ohne sie durchstehen?” (Zitat aus “Zoe, Grace und der Weg zurück nach Hause” S.9) Doch der Abend verläuft nicht gut. Den Kredit wollen Tante Jess und Onkel Chad ihren Eltern nicht geben und auch Madi, die Zoe schon seit sie klein ist, kennt, möchte mit Zoe ab sofort nichts mehr zu tun haben: “Ich würde es dir ja gerne auf nette Art beibringen, aber das funktioniert nicht, also sag ich es dir ganz direkt: Sprich in der Schule nicht mehr mit mir, setz dich mittags nicht an meinen Tisch und lass dich nicht an meinem Spind blicken, Okay?” Mir wird schlecht. “Madi?” “Sorry, wenn das jetzt hart klingt, aber alle halten dich für eine Witzfigur. […] “Aber wir kennen uns schon, seit wir ganz klein sind.” “Erinnere mich nicht daran.” (Zitat S.14ff) Aber auch Zoes Rückzugsort
- das große 1000 Quadratmeter-Anwesen der Familie Vogel, das Wohnhaus ihrer Großmutter — scheint bald keines mehr zu sein. Denn ihre Granny ist in letzter Zeit immer vergesslicher geworden, wurde schon mal im Nachthemd beim Einkaufen gesehen, hat den Kühlschrank voller verschimmelter Sachen und weiß auch sonst nicht mehr alles. “Sie konnte dem Arzt nicht sagen, welcher Tag war. Sie wusste nicht einmal, welche Jahreszeit wir gerade haben.” (Zitat S.42) Zoe will ihre Großmutter unterstützen, wo sie nur kann, doch bald erfährt sie, was ihre Eltern vorhaben — sie wollen sie in ein Altersheim bringen! “Granny! Bleib im Wagen. Das ist eine Falle.” Ich kämpfe mit dem Türgriff — Dad hat die Sicherheitsverriegelung aktiviert. Ich versuche über en Sitz nach vorne zu klettern. “Wir sind hier in Greenview, Granny!” Mom versucht, mich wieder nach hinten zu ziehen. “Hör auf, Zoe. Das ist nur zu ihrem Besten.”
Granny begreift, wo sie ist. “Greenview!” Sie will zurückweichen, aber die Männer stehen hinter ihr. Sie halten sie an den Oberarmen fest. “Zoe! Hilf mir!” (Zitat S.59) Immer wieder ruft Granny Zoe vom Altersheim aus an. Versteht nicht, wo sie ist. Will nicht hier bei diesen “Verrückten” bleiben. Bald reift in Zoe ein kühner Plan. Sie wird ihre Großmutter aus dem Heim befreien und mit ihr abhauen.…
Das Cover von “Zoe, Grace und der Weg zurück nach Hause” ist ein Hingucker und sehr schön gestaltet. Dazu der kleine, gezeichnete Vogel — ein wichtiges Symbol des Romans, der auch bei jedem Kapitelbeginn auftaucht. Nicht nur, dass die Familie der Großmutter mit Nachnamen Vogel heißt, ebenso das Motiv des in einen Käfig gesperrten Vogels (das englische Cover verwendet dies noch deutlicher, siehe unten) passt symbolisch sehr gut zum Inhalt der Geschichte. Das Ausbrechen aus gesellschaftlichen Konventionen, das Flüchten aus
dem Altersheim, das Man-selbst-sein-Dürfen ist hierdurch versinnbildlicht. Auch die etwas spröde wirkende Hauptfigur Zoe — ein eher störrischer, wilder Charakter, auf den man sich erst einmal einlassen muss — wirkt irgendwie “eingesperrt”. Auf das Verhalten ihrer Cousine bezogen, der sie sich trotz allerlei Gemeinheiten unterordnet: “Erinnerst du dich: damals, als wir zum Spielen verabredet waren und ich so getan habe, als hättest du mich gehauen? Deine Mom hat dich zur Strafe in der Ecke sitzen lassen. Das war echt zu komisch.” (Zitat S.15) Von ihr lässt sie sich (als Kind) sagen, welche Spielsachen sie benutzen darf, welche Freunde sie haben darf (sie darf nur bei den coolen Jugendlichen sitzen). Mit ihrer zynischen, bissigen Art (Zoe nennt ihre Mutter schon mal “Blöde Kuh.” (Zitat S.49)), kommt sie anfangs fast ein wenig unsympathisch herüber: “Ihr könnt mich mal!” Während ich aus der Schulkantine stürmte, blaffe ich in
Richtung der anderen Tische: “Was glotzt ihr Mistkäfer denn so?” (Zitat S.44) Doch sie wirkt echt und ungestüm, setzt sich für ihre Großmutter ein und gibt ihren Eltern auf verzweifelte, aber sehr kreative Art Kontra: “Also eins ist sicher: Glücklich ist sie nicht. Ich hab eine Idee. Gebt Grannys Medikamente lieber mir. Auf diese Weise kriegt sie ihren Verstand wieder, und ich kann vergessen, dass ihr beide existiert.” (Zitat S.67) Und doch spürt man bald die Ungerechtigkeit, die Zoe so oft durchlebt. Ihre Eltern, die ihr nicht glauben und zuhören, die biestige Cousine, die mit allem durchkommt und angeblich so vorbildlich erzogen wurde, obwohl ihr Verhalten Zoe gegenüber eher das Gegenteil zeigt. Dass die Charaktere in “Zoe, Grace, und der Weg zurück nach Hause” keine 0–8‑15-Figuren das merkt man gleich schon zu Beginn, wenn die Mutter, die Frisörin ist, aber unter Alopezie leidet (Verlust der Haare), ihr Manko unbedingt mit einer Perücke retouchieren will und der unter Panikattacken leidende Vater seine Schuhe am liebsten überall ausziehen möchte, weil seine Füße vor Angst immer zu schwitzen beginnen. Auch die Dialoge sind mitunter sehr unterhaltsam. Das Thema Demenz wird auf sehr realistische Art und Weise dargestellt, zeigt Schwierigkeiten auf, macht aber auch Mut einmal andere Wege zu gehen. Das Ende passend und zu Tränen rührend.
Du möchtest noch andere Bücher von Allan Stratton lesen? D
ann greif zu “Worüber keiner spricht” (Aids), “Chandas Krieg” (Kindersoldaten), “In seinem Schatten: Leslies Geschichte” (zerstörerische Beziehung), “Im Fadenkreuz der Angst” (Terrorangst) und “Dark Dogs” (Terrorismus). Dich interessiert das Thema Demenz? Ebenfalls die Großmutter, die darunter leidet, findest du in “Schwarze Zeit” von Jana Frey (sehr berührend!), “Die blauen und die grauen Tage” von Monika Feth, “Die Geschwister Gadsby im Sommerchaos” von Natasha Farrant, “Obwohl es dir das Herz zerreißt” von Jenny Downham und besonders zu empfehlen: “Morgen ist heute schon vorbei” von Clare Furniss. Der Vater, der an Alzheimer erkrankt ist, das kannst du in diesen Büchern entdecken: “Verlieb dich nie in einen Vargas” von Sarah Ockler, “Foster vergessen” von Dianne Touchell und “Anna Eisblume” von Kristina Dunker. Die Mutter in “Mücke im März” von Veronika Rotfuß (sehr einfühlsam).
Bibliografische Angaben:Verlag: Hanser ISBN: 978-3-446-26820-3 Erscheinungsdatum: 21.September 2020 Einbandart: Hardcover Preis: 16,00€ Seitenzahl: 256 Übersetzer: Manuela Knetsch Originaltitel: "The way back home" Originalverlag: Andersen Kanadisches Originalcover:
Englischer Trailer:
Allan Stratton spricht über sein Buch (auf Englisch):
Kasimira auf Instragram:
Kasimiras Bewertung:
(4 von 5 möglichen Punkten)
------------------------------ Kanadisches Cover: Homepage von Allan Stratton


Verlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-26820-3
Erscheinungsdatum: 21.September 2020
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 256
Übersetzer: Manuela Knetsch
Originaltitel: "The way back home"
Originalverlag: Andersen
Kanadisches Originalcover:
Englischer Trailer:
