Allan Stratton — Zoe, Grace und der Weg zurück nach Hause

Kasimira8.Oktober 2020

Zoe, Grace und der Weg zurück nach Hau­se” ist der neu­es­te Roman des kana­di­schen Autoren All­an Strat­ton. Eine Geschich­te, die eine Groß­mutter in den Mit­tel­punkt stellt, deren Enke­lin sich nicht damit abfin­den will, dass ihre gelieb­te Bezugs­per­son wegen Demenz in ein Alters­heim abge­scho­ben wird und kur­zer­hand mit ihr die Flucht ergreift. Ein Road­mo­vie, eine Fami­li­en­ge­schich­te mit außer­ge­wöhn­li­chen Cha­rak­te­ren — berüh­rend und unter­halt­sam erzählt. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Ihre Groß­mutter ist alles für die jun­ge Zoe. Jeden Tag besucht sie sie zu Hau­se. Und sonn­tags kommt Gran­ny immer zum Essen zu ihnen. Doch die­ses Mal erwar­ten ihre Eltern, die in ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen woh­nen, Besuch von Tan­te Jess und Onkel Chad, die in der bes­se­ren Wohn­ge­gend leben und deren Toch­ter Madi, die Zoes Cou­si­ne ist, schon mal eine Mar­ken­jeans tra­gen kann. Zoes Eltern wol­len sie um einen Kre­dit bit­ten, um den Fri­seur­sa­lon, der sich momen­tan aus Platz­grün­den im Wohn­zim­mer der Fami­lie befin­det, an einen ande­ren Ort zu ver­le­gen. “Der Abend heu­te wird grau­sam. Wenn Gran­ny hier wäre, wür­de

Kasimira uns nicht lang­wei­lig wer­den. Wir wür­den uns unterm Tisch mit den Füßen anstup­sen und ver­su­chen, uns das Lachen zu ver­knei­fen. Wie soll ich das Essen nur ohne sie durch­ste­hen?” (Zitat aus “Zoe, Grace und der Weg zurück nach Hau­se” S.9) Doch der Abend ver­läuft nicht gut. Den Kre­dit wol­len Tan­te Jess und Onkel Chad ihren Eltern nicht geben und auch Madi, die Zoe schon seit sie klein ist, kennt, möch­te mit Zoe ab sofort nichts mehr zu tun haben: “Ich wür­de es dir ja ger­ne auf net­te Art bei­brin­gen, aber das funk­tio­niert nicht, also sag ich es dir ganz direkt: Sprich in der Schu­le nicht mehr mit mir, setz dich mit­tags nicht an mei­nen Tisch und lass dich nicht an mei­nem Spind bli­cken, Okay?” Mir wird schlecht. “Madi?” “Sor­ry, wenn das jetzt hart klingt, aber alle hal­ten dich für eine Witz­fi­gur. […] “Aber wir ken­nen uns schon, seit wir ganz klein sind.” “Erin­ne­re mich nicht dar­an.” (Zitat S.14ff) Aber auch Zoes Rück­zugs­ort Kasimira- das gro­ße 1000 Qua­drat­me­ter-Anwe­sen der Fami­lie Vogel, das Wohn­haus ihrer Groß­mutter — scheint bald kei­nes mehr zu sein. Denn ihre Gran­ny ist in letz­ter Zeit immer ver­gess­li­cher gewor­den, wur­de schon mal im Nacht­hemd beim Ein­kau­fen gese­hen, hat den Kühl­schrank vol­ler ver­schim­mel­ter Sachen und weiß auch sonst nicht mehr alles. “Sie konn­te dem Arzt nicht sagen, wel­cher Tag war. Sie wuss­te nicht ein­mal, wel­che Jah­res­zeit wir gera­de haben.” (Zitat S.42) Zoe will ihre Groß­mutter unter­stüt­zen, wo sie nur kann, doch bald erfährt sie, was ihre Eltern vor­ha­ben — sie wol­len sie in ein Alters­heim brin­gen! “Gran­ny! Bleib im Wagen. Das ist eine Fal­le.” Ich kämp­fe mit dem Tür­griff — Dad hat die Sicher­heits­ver­rie­ge­lung akti­viert. Ich ver­su­che über en Sitz nach vor­ne zu klet­tern. “Wir sind hier in Green­view, Gran­ny!” Mom ver­sucht, mich wie­der nach hin­ten zu zie­hen. “Hör auf, Zoe. Das ist nur zu ihrem Bes­ten.KasimiraGran­ny begreift, wo sie ist. “Green­view!” Sie will zurück­wei­chen, aber die Män­ner ste­hen hin­ter ihr. Sie hal­ten sie an den Ober­ar­men fest. “Zoe! Hilf mir!” (Zitat S.59) Immer wie­der ruft Gran­ny Zoe vom Alters­heim aus an. Ver­steht nicht, wo sie ist. Will nicht hier bei die­sen “Ver­rück­ten” blei­ben. Bald reift in Zoe ein küh­ner Plan. Sie wird ihre Groß­mutter aus dem Heim befrei­en und mit ihr abhau­en.…

Das Cover von “Zoe, Grace und der Weg zurück nach Hau­se” ist ein Hin­gu­cker und sehr schön gestal­tet. Dazu der klei­ne, gezeich­ne­te Vogel — ein wich­ti­ges Sym­bol des Romans, der auch bei jedem Kapi­tel­be­ginn auf­taucht. Nicht nur, dass die Fami­lie der Groß­mutter mit Nach­na­men Vogel heißt, eben­so das Motiv des in einen Käfig gesperr­ten Vogels (das eng­li­sche Cover ver­wen­det dies noch deut­li­cher, sie­he unten) passt sym­bo­lisch sehr gut zum Inhalt der Geschich­te. Das Aus­bre­chen aus gesell­schaft­li­chen Kon­ven­tio­nen, das Flüch­ten aus Kasimiradem Alters­heim, das Man-selbst-sein-Dür­fen ist hier­durch ver­sinn­bild­licht. Auch die etwas sprö­de wir­ken­de Haupt­fi­gur Zoe — ein eher stör­ri­scher, wil­der Cha­rak­ter, auf den man sich erst ein­mal ein­las­sen muss — wirkt irgend­wie “ein­ge­sperrt”. Auf das Ver­hal­ten ihrer Cou­si­ne bezo­gen, der sie sich trotz aller­lei Gemein­hei­ten unter­ord­net: “Erin­nerst du dich: damals, als wir zum Spie­len ver­ab­re­det waren und ich so getan habe, als hät­test du mich gehau­en? Dei­ne Mom hat dich zur Stra­fe in der Ecke sit­zen las­sen. Das war echt zu komisch.” (Zitat S.15) Von ihr lässt sie sich (als Kind) sagen, wel­che Spiel­sa­chen sie benut­zen darf, wel­che Freun­de sie haben darf (sie darf nur bei den coo­len Jugend­li­chen sit­zen). Mit ihrer zyni­schen, bis­si­gen Art (Zoe nennt ihre Mut­ter schon mal “Blö­de Kuh.” (Zitat S.49)), kommt sie anfangs fast ein wenig unsym­pa­thisch her­über: “Ihr könnt mich mal!” Wäh­rend ich aus der Schul­kan­ti­ne stürm­te, blaf­fe ich in KasimiraRich­tung der ande­ren Tische: “Was glotzt ihr Mist­kä­fer denn so?” (Zitat S.44) Doch sie wirkt echt und unge­stüm, setzt sich für ihre Groß­mutter ein und gibt ihren Eltern auf ver­zwei­fel­te, aber sehr krea­ti­ve Art Kon­tra: “Also eins ist sicher: Glück­lich ist sie nicht. Ich hab eine Idee. Gebt Gran­nys Medi­ka­men­te lie­ber mir. Auf die­se Wei­se kriegt sie ihren Ver­stand wie­der, und ich kann ver­ges­sen, dass ihr bei­de exis­tiert.” (Zitat S.67) Und doch spürt man bald die Unge­rech­tig­keit, die Zoe so oft durch­lebt. Ihre Eltern, die ihr nicht glau­ben und zuhö­ren, die bies­ti­ge Cou­si­ne, die mit allem durch­kommt und angeb­lich so vor­bild­lich erzo­gen wur­de, obwohl ihr Ver­hal­ten Zoe gegen­über eher das Gegen­teil zeigt. Dass die Cha­rak­te­re in “Zoe, Grace, und der Weg zurück nach Hau­se” kei­ne 0–8‑15-Figuren das merkt man gleich schon zu Beginn, wenn die Mut­ter, die Fri­sö­rin ist, aber unter Alo­pe­zie lei­det (Ver­lust der Haa­re), ihr Man­ko unbe­dingt mit einer Perü­cke retou­chie­ren will und der unter Panik­at­ta­cken lei­den­de Vater sei­ne Schu­he am liebs­ten über­all aus­zie­hen möch­te, weil sei­ne Füße vor Angst immer zu schwit­zen begin­nen. Auch die Dia­lo­ge sind mit­un­ter sehr unter­halt­sam. Das The­ma Demenz wird auf sehr rea­lis­ti­sche Art und Wei­se dar­ge­stellt, zeigt Schwie­rig­kei­ten auf, macht aber auch Mut ein­mal ande­re Wege zu gehen. Das Ende pas­send und zu Trä­nen rüh­rend.

Du möch­test noch ande­re Bücher von All­an Strat­ton lesen? DLesealternativenann greif zu “Wor­über kei­ner spricht” (Aids), “Chandas Krieg” (Kin­der­sol­da­ten), “In sei­nem Schat­ten: Les­lies Geschich­te” (zer­stö­re­ri­sche Bezie­hung), “Im Faden­kreuz der Angst” (Ter­ror­angst) und “Dark Dogs” (Ter­ro­ris­mus). Dich inter­es­siert das The­ma Demenz? Eben­falls die Groß­mutter, die dar­un­ter lei­det, fin­dest du in Schwar­ze Zeit” von Jana Frey (sehr berüh­rend!), Die blau­en und die grau­en Tage” von Moni­ka Feth, “Die Geschwis­ter Gadsby im Som­mer­cha­os” von Nata­sha Farrant, “Obwohl es dir das Herz zer­reißt” von Jen­ny Down­ham und beson­ders zu emp­feh­len: “Mor­gen ist heu­te schon vor­bei” von Cla­re Fur­niss. Der Vater, der an Alz­hei­mer erkrankt ist, das kannst du in die­sen Büchern ent­de­cken: Ver­lieb dich nie in einen Var­gas” von Sarah Ock­ler, “Fos­ter ver­ges­sen” von Dian­ne Tou­chell und Anna Eis­blu­me” von Kris­ti­na Dun­ker. Die Mut­ter in “Mücke im März” von Vero­ni­ka Rot­fuß (sehr ein­fühl­sam).

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-26820-3
Erscheinungsdatum: 21.September 2020
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 256
Übersetzer: Manuela Knetsch
Originaltitel: "The way back home"
Originalverlag: Andersen

Kanadisches Originalcover: 
Kasimira











Englischer Trailer:
 
Allan Stratton spricht über sein Buch (auf Englisch):

Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Kanadisches Cover: Homepage von Allan Stratton

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