Es ist schon eine Weile her, dass die britische Autorin Alice Kuipers (“Sehen wir uns morgen?” mit vielen Preisen ausgezeichnet) etwas von sich hat hören lassen. “Sommerdunkle Tage” heißt ihr neuester Roman, der die Geschichte einer wiederauflebenden Freundschaft erzählt, die von dunklen Geheimnissen überschattet wird. Ein berührend erzähltes Buch, das sich langsam entfaltet und unter dessen Oberfläche es mehr und mehr brodelt. Mit einem unerwarteten Ende. Für Jugendliche ab 13 Jahren und Erwachsene.
Edenville. Hier lebt die 16-jährige Callie, die für die Schülerzeitung arbeitet und jetzt gerade Sommerferien hat. Doch keiner ihrer Freunde ist daheim. Alle sind verreist und ihre Mutter hat sie dazu angehalten, sich doch einen Ferienjob zu suchen, dem sie eher widerwillig nachgeht. Umso überraschter ist Callie, als im Haus nebenan Ivy mit ihrer Mutter und einem neuen Freund wiederauftaucht. “Ich bin unfähig, ein einziges Wort herauszubringen, weil Ivy Foulds durch meinen Flur tänzelt […] und mich inmitten einer riesigen Parfümwolke sofort umarmt. Sie riecht genau wie immer, Vanille, mit einer etwas schweren Note, wie ein dunkler Wald. Ihr Haar kitzelt an meinem Gesicht, und im ersten Moment muss ich schwer gegen den Kloß in meinem Hals anschlucken. Ich erwidere ihre Umarmung ganz fest. Ivy ist zierlich, fast zerbrechlich, wie ein Vogel, aber dennoch kräftig.” (Zitat S.20) Ivy war damals ihre beste Freundin. Bis sie von einem Tag auf den anderen
verschwand. Sie und ihre Mutter. Das war vor drei Jahren. Dass sie jetzt wieder zurück sind, wieder in ihrer Straße wohnen, das ist nahezu unglaublich. Und Ivy ist so hübsch geworden. “Als wir dreizehn waren, war sie schon hübsch. Jetzt ist sie umwerfend! Ihr platinblondes Haar ist glatt, ihre grauen Augen haben noch immer das gleiche silberne Schlangenhautmuster, um das ich sie stets beneidet habe. Ihre Haut ist gebräunt und makellos. […] Ich bin immer noch kleiner und etwas pummeliger als sie..” (Zitat S.20ff) Genauso wie Ivy, das wäre Callie gerne. So selbstbewusst und von sich selbst überzeugt. Kein Wunder, dass sich sofort alle um Ivy reißen. Selbst Kurt, der auch für die Schülerzeitung arbeitet, und mit dem Callie öfters über ihre gemeinsame Arbeit spricht, scheint sich für Ivy zu interessieren. “Sie tritt ein, die Tür fällt hinter ihr ins Schloss, und ich schwöre, die Unterhaltungen verstummen für den kurzen Moment, in dem die anderen Gäste sie mustern. Die Männer betrachten sie länger als nötig, die Frauen wirken etwas weniger selbstsicher als zuvor. Ich frage mich, wie es sich anfühlt, einen solchen Effekt auf die Welt zu haben — wenn dich die Leute ständig anschauen und mustern, wenn Eifersucht und Begehren um dich herumschwirren wie kleine dunkle Schatten.” (Zitat S.68) Mit Ivy liegt nun ein Sommer der ungeahnten Möglichkeiten vor Callie. Mit Bootsfahrten, Partys und jeder Menge Spaß. Abenteuer, Abwechslung — genau das, was Callie, deren Mutter ein neues Baby bekommen hat, zu dem das Mädchen kein rechtes Verhältnis aufbauen kann, jetzt braucht. Doch dann verbietet ihre Mutter ihr Ivy zu sehen. Denn diese weiß, was damals geschehen ist…
Das Cover zieht sogleich die Blicke auf sich und ist passend und gut gewählt, wobei ich das englische (siehe unten) auch sehr schön finde. Der Roman wird abwechselnd aus drei Perspektiven und in zwei Zeitebenen erzählt. Es sind Kurt, Ivy und Callie, die in der jeweiligen Ich-Perspektive berichten. Und doch trennen sie die Zeitebenen voneinander. Kurt, der in dem Roman den Anfang macht, befindet sich in der Jetztzeit, am 31.Juli eines unbekannten Jahres. Auf einer Party seines Freundes Xander: “Ich schlendere hinüber zu den Jungs in meiner Nähe. Höre zu. Sie reden über Mädchen. Über Ivy. Klar, alle wollen was von ihr. Blond, sexy. […] Aber irgendwie bleibt sie trotzdem unnahbar. Sie ist einfach das Mädchen, das immer im Mittelpunkt steht, immer angehimmelt wird. Geht gar nicht anders.” (Zitat S.7) Doch dann erfährt Kurt von einem schrecklichen Unfall. Von einem Auto, das die Brücke hinabgestürzt ist: “Polizei und Feuerwehr ziehen ein Auto aus dem Fluss. Das Auto ist ziemlich verbeult, aber nicht so stark, dass man es nicht mehr erkennen könnte. Es ist Ivys Auto. Mir wird schlecht. Es ist Ivys Auto. […] Oh, verdammt, denke ich. Callie!” (Zitat S.8ff) Bald darauf sitzen Kurt, Xander und Ivys Mutter im Krankenhaus und warten auf erste Neuigkeiten. Was ist passiert? Wie konnte es zu dem Unfall kommen und was ist mit Ivy und Callie? Nun setzt die zweite Zeitebene ein: VIERZEHN TAGE ZUVOR. Ivy und Callie erzählen ih
re Sicht der Dinge. Die Absätze werden mit dem Namen der jeweils erzählenden Person betitelt, so dass man alle Figuren gut voneinander abgrenzen kann. Wie ein Countdown nähern sich die Erzählungen jener entscheidenden Nacht an und ein Geflecht von Beziehungen zueinander wird allmählich geknüpft. Die Spannung baut sich langsam auf, und auch wenn in dem Buch manchmal gar nicht so viel passiert, wird man als Leser dennoch unweigerlich in einen Sog gezogen. Denn “Sommerdunkle Tage” hat etwas Geheimnisvolles an sich. Die Autorin spielt mit dem Leser, macht Andeutungen, die nicht sofort zu durchschauen sind und deswegen noch mysteriöser wirken: “Callie meidet plötzlich meinen Blick. “Du hast es niemandem erzählt, oder?”, frage ich. “Nicht Kevin? Nicht einmal deiner Mom?” “Natürlich nicht.” (Zitat S.29) Was hat Callie niemals verraten? Warum verbietet ihre Mutter ihr den Umgang mit Ivy? Es macht Spaß dieses Buch zu lesen, weil man tatsächlich das Gefühl hat, auf jede Feinheit achten zu müssen, auf jede Kleinigkeit, die dann doch bedeutsam sein könnte für den überraschenden Twist am Ende, mit dem auf dem Klappendeckel des Buches bereits geworben wird. Mit gerade mal 239 Seiten, einer ungewohnt großen Schrift und einer eher einfacheren, aber atmosphärischen Sprache landet man jedoch relativ rasch beim Ende der Geschichte, die gewünscht irgendwie noch länger hätte sein können. Das Ende ist tatsächlich unerwartet, wirkte für mich einerseits heftig und bewegend, andererseits aber auch
ein bisschen unbefriedigend. Eine Geschichte, die unglaublich viel Potential hat, am Ende dann aber doch etwas in sich zusammenfällt, fast so wie die Papierlaternen auf dem Cover. Manche Handlungsstränge verlaufen sich im Sande, man hat das Gefühl manches wird aufgebauscht und dann doch irgendwie fallen gelassen, wie die Arbeit in der Galerie und die Sache mit Callies Großmutter. Auch über das Verhältnis zwischen Ivy und ihrer Mutter hätte ich noch gerne mehr erfahren und was sie Rebecca denn angetan haben. Dennoch wirkt das Buch noch lange nach und macht nachdenklich.
Fazit: Ein Kleinod mit kleinen Schwächen, trotz allem lesenswert! Eines dieser Bücher, das man am besten zwei Mal liest.
Du möchtest noch mehr von Alice Kuipers lesen? Dann greif zu ihrem bereits erwähnten, erfolgreichen “Sehen wir uns morgen?” Danach schrieb sie noch die Romane “Vor meinen Augen” (ebenfalls sehr bewegend!) und “Miss Perfect oder Das Leben hält sich nicht an deine Pläne”. Du
magst eine Sommergeschichte mit unerwartetem Ende lesen, die dich vom Hocker hauen wird? Das ging mir so mit “Solange wir lügen” von E. Lockhart. Eine kunstvolle Dreiecksgeschichte erzählt auch April Genevieve Tucholke in “All the strangest things are true.” Ebenso ein Verwirrspiel spielt die deutsche Autorin Marlene Röder in “Cache” mit ihren Lesern. Gute Alternativen einer besonderen Freundschaft zu einem Mädchen, das anders und selbstbewusst ist, sind auch die Titel “Schöne Mädchen brennen nicht” von Lynn Weingarten und “Die Wahrheit über Alice” von Rebecca James. Wenn der beste Freund eines Tages verschwunden ist und dann plötzlich wieder auftaucht, das erleben auch die Protagonisten in “Mein fremder Freund” von Emma Haughton, in “Long-Lost Friend” von Sara Zarr und in dem sprachlich richtig gut geschriebenen “Emmy & Oliver” von Robin Benway. Die Freundin, die verschwunden war und dann wieder auf der Bildfläche erscheint, das findest du in dem brillanten “Böse, böse” von Elizabeth Woods.
Bibliografische Angaben:Verlag: Fischer ISBN: 978-3-73734129-5 Erscheinungsdatum: 22.August 2018 Einbandart: Hardcover Preis: 14,00€ Seitenzahl: 240 Übersetzer: Angelika Eisold Viebig Originaltitel: "The dead of us" Originalverlag: Harper Collins Canada Englisches Originalcover:
Alice Kuipers spricht über ihr Buch (auf Englisch):
Kasimiras Bewertung:
(4 von 5 möglichen Punkten)

Verlag: Fischer
ISBN: 978-3-73734129-5
Erscheinungsdatum: 22.August 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,00€
Seitenzahl: 240
Übersetzer: Angelika Eisold Viebig
Originaltitel: "The dead of us"
Originalverlag: Harper Collins Canada
Englisches Originalcover:
Alice Kuipers spricht über ihr Buch (auf Englisch):
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