Alice Kuipers — Sommerdunkle Tage

Alice Kuipers - Sommerdunkle Tage2.September 2018

Es ist schon eine Wei­le her, dass die bri­ti­sche Autorin Ali­ce Kui­pers (“Sehen wir uns mor­gen?” mit vie­len Prei­sen aus­ge­zeich­net) etwas von sich hat hören las­sen. “Som­mer­dunk­le Tage” heißt ihr neu­es­ter Roman, der die Geschich­te einer wie­der­auf­le­ben­den Freund­schaft erzählt, die von dunk­len Geheim­nis­sen über­schat­tet wird. Ein berüh­rend erzähl­tes Buch, das sich lang­sam ent­fal­tet und unter des­sen Ober­flä­che es mehr und mehr bro­delt. Mit einem uner­war­te­ten Ende. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Eden­vil­le. Hier lebt die 16-jäh­ri­ge Cal­lie, die für die Schü­ler­zei­tung arbei­tet und jetzt gera­de Som­mer­fe­ri­en hat. Doch kei­ner ihrer Freun­de ist daheim. Alle sind ver­reist und ihre Mut­ter hat sie dazu ange­hal­ten, sich doch einen Feri­en­job zu suchen, dem sie eher wider­wil­lig nach­geht. Umso über­rasch­ter ist Cal­lie, als im Haus neben­an Ivy mit ihrer Mut­ter und einem neu­en Freund wie­der­auf­taucht. “Ich bin unfä­hig, ein ein­zi­ges Wort her­aus­zu­brin­gen, weil Ivy Foulds durch mei­nen Flur tän­zelt […] und mich inmit­ten einer rie­si­gen Par­füm­wol­ke sofort umarmt. Sie riecht genau wie immer, Vanil­le, mit einer etwas schwe­ren Note, wie ein dunk­ler Wald. Ihr Haar kit­zelt an mei­nem Gesicht, und im ers­ten Moment muss ich schwer gegen den Kloß in mei­nem Hals anschlu­cken. Ich erwi­de­re ihre Umar­mung ganz fest. Ivy ist zier­lich, fast zer­brech­lich, wie ein Vogel, aber den­noch kräf­tig.” (Zitat S.20) Ivy war damals ihre bes­te Freun­din. Bis sie von einem Tag auf den ande­renAlice Kuipers - Sommerdunkle Tagever­schwand. Sie und ihre Mut­ter. Das war vor drei Jah­ren. Dass sie jetzt wie­der zurück sind, wie­der in ihrer Stra­ße woh­nen, das ist nahe­zu unglaub­lich. Und Ivy ist so hübsch gewor­den. Als wir drei­zehn waren, war sie schon hübsch. Jetzt ist sie umwer­fend! Ihr pla­tin­blon­des Haar ist glatt, ihre grau­en Augen haben noch immer das glei­che sil­ber­ne Schlan­gen­haut­mus­ter, um das ich sie stets benei­det habe. Ihre Haut ist gebräunt und makel­los. […] Ich bin immer noch klei­ner und etwas pum­me­li­ger als sie..” (Zitat S.20ff) Genau­so wie Ivy, das wäre Cal­lie ger­ne. So selbst­be­wusst und von sich selbst über­zeugt. Kein Wun­der, dass sich sofort alle um Ivy rei­ßen. Selbst Kurt, der auch für die Schü­ler­zei­tung arbei­tet, und mit dem Cal­lie öfters über ihre gemein­sa­me Arbeit spricht, scheint sich für Ivy zu inter­es­sie­ren. Sie tritt ein, die Tür fällt hin­ter ihr ins Schloss, und ich schwö­re, die Unter­hal­tun­gen ver­stum­men für den kur­zen Moment, in dem die ande­ren Gäs­te sie mus­tern. Die Män­ner betrach­ten sie län­ger als nötig, die Frau­en wir­ken etwas weni­ger selbst­si­cher als zuvor. Ich fra­ge mich, wie es sich anfühlt, einen sol­chen Effekt auf die Welt zu haben — wenn dich die Leu­te stän­dig anschau­en und mus­tern, wenn Eifer­sucht und Begeh­ren um dich her­um­schwir­ren wie klei­ne dunk­le Schat­ten.” (Zitat S.68) Mit Ivy liegt nun ein Som­mer der unge­ahn­ten Mög­lich­kei­ten vor Cal­lie. Mit Boots­fahr­ten, Par­tys und jeder Men­ge Spaß. Aben­teu­er, Abwechs­lung — genau das, was Cal­lie, deren Mut­ter ein neu­es Baby bekom­men hat, zu dem das Mäd­chen kein rech­tes Ver­hält­nis auf­bau­en kann, jetzt braucht. Doch dann ver­bie­tet ihre Mut­ter ihr Ivy zu sehen. Denn die­se weiß, was damals gesche­hen ist…

Alice Kuipers - Sommerdunkle TageDas Cover zieht sogleich die Bli­cke auf sich und ist pas­send und gut gewählt, wobei ich das eng­li­sche (sie­he unten) auch sehr schön fin­de. Der Roman wird abwech­selnd aus drei Per­spek­ti­ven und in zwei Zeit­ebe­nen erzählt. Es sind Kurt, Ivy und Cal­lie, die in der jewei­li­gen Ich-Per­spek­ti­ve berich­ten. Und doch tren­nen sie die Zeit­ebe­nen von­ein­an­der. Kurt, der in dem Roman den Anfang macht, befin­det sich in der Jetzt­zeit, am 31.Juli eines unbe­kann­ten Jah­res. Auf einer Par­ty sei­nes Freun­des Xan­der: “Ich schlen­de­re hin­über zu den Jungs in mei­ner Nähe. Höre zu. Sie reden über Mäd­chen. Über Ivy. Klar, alle wol­len was von ihr. Blond, sexy. […] Aber irgend­wie bleibt sie trotz­dem unnah­bar. Sie ist ein­fach das Mäd­chen, das immer im Mit­tel­punkt steht, immer ange­him­melt wird. Geht gar nicht anders.” (Zitat S.7) Doch dann erfährt Kurt von einem schreck­li­chen Unfall. Von einem Auto, das die Brü­cke hin­ab­ge­stürzt ist: “Poli­zei und Feu­er­wehr zie­hen ein Auto aus dem Fluss. Das Auto ist ziem­lich ver­beult, aber nicht so stark, dass man es nicht mehr erken­nen könn­te. Es ist Ivys Auto. Mir wird schlecht. Es ist Ivys Auto. […] Oh, ver­dammt, den­ke ich. Cal­lie! (Zitat S.8ff) Bald dar­auf sit­zen Kurt, Xan­der und Ivys Mut­ter im Kran­ken­haus und war­ten auf ers­te Neu­ig­kei­ten. Was ist pas­siert? Wie konn­te es zu dem Unfall kom­men und was ist mit Ivy und Cal­lie? Nun setzt die zwei­te Zeit­ebe­ne ein: VIERZEHN TAGE ZUVOR. Ivy und Cal­lie erzäh­len ihAlice Kuipers - Sommerdunkle Tagere Sicht der Din­ge. Die Absät­ze wer­den mit dem Namen der jeweils erzäh­len­den Per­son beti­telt, so dass man alle Figu­ren gut von­ein­an­der abgren­zen kann. Wie ein Count­down nähern sich die Erzäh­lun­gen jener ent­schei­den­den Nacht an und ein Geflecht von Bezie­hun­gen zuein­an­der wird all­mäh­lich geknüpft. Die Span­nung baut sich lang­sam auf, und auch wenn in dem Buch manch­mal gar nicht so viel pas­siert, wird man als Leser den­noch unwei­ger­lich in einen Sog gezo­gen. Denn “Som­mer­dunk­le Tage” hat etwas Geheim­nis­vol­les an sich. Die Autorin spielt mit dem Leser, macht Andeu­tun­gen, die nicht sofort zu durch­schau­en sind und des­we­gen noch mys­te­riö­ser wir­ken: “Cal­lie mei­det plötz­lich mei­nen Blick. “Du hast es nie­man­dem erzählt, oder?”, fra­ge ich. “Nicht Kevin? Nicht ein­mal dei­ner Mom?” “Natür­lich nicht.” (Zitat S.29) Was hat Cal­lie nie­mals ver­ra­ten? War­um ver­bie­tet ihre Mut­ter ihr den Umgang mit Ivy? Es macht Spaß die­ses Buch zu lesen, weil man tat­säch­lich das Gefühl hat, auf jede Fein­heit ach­ten zu müs­sen, auf jede Klei­nig­keit, die dann doch bedeut­sam sein könn­te für den über­ra­schen­den Twist am Ende, mit dem auf dem Klap­pen­de­ckel des Buches bereits gewor­ben wird. Mit gera­de mal 239 Sei­ten, einer unge­wohnt gro­ßen Schrift und einer eher ein­fa­che­ren, aber atmo­sphä­ri­schen Spra­che lan­det man jedoch rela­tiv rasch beim Ende der Geschich­te, die gewünscht irgend­wie noch län­ger hät­te sein kön­nen. Das Ende ist tat­säch­lich uner­war­tet, wirk­te für mich einer­seits hef­tig und bewe­gend, ande­rer­seits aber auch Alice Kuipers - Sommerdunkle Tageein biss­chen unbe­frie­di­gend. Eine Geschich­te, die unglaub­lich viel Poten­ti­al hat, am Ende dann aber doch etwas in sich zusam­men­fällt, fast so wie die Papier­la­ter­nen auf dem Cover. Man­che Hand­lungs­strän­ge ver­lau­fen sich im San­de, man hat das Gefühl man­ches wird auf­ge­bauscht und dann doch irgend­wie fal­len gelas­sen, wie die Arbeit in der Gale­rie und die Sache mit Cal­lies Groß­mutter. Auch über das Ver­hält­nis zwi­schen Ivy und ihrer Mut­ter hät­te ich noch ger­ne mehr erfah­ren und was sie Rebec­ca denn ange­tan haben. Den­noch wirkt das Buch noch lan­ge nach und macht nach­denk­lich.

Fazit: Ein Klein­od mit klei­nen Schwä­chen, trotz allem lesens­wert! Eines die­ser Bücher, das man am bes­ten zwei Mal liest.

Du möch­test noch mehr von Ali­ce Kui­pers lesen? Dann greif zu ihrem bereits erwähn­ten, erfolg­rei­chen “Sehen wir uns mor­gen?” Danach schrieb sie noch die Roma­ne “Vor mei­nen Augen” (eben­falls sehr bewe­gend!) und “Miss Per­fect oder Das Leben hält sich nicht an dei­ne Plä­ne”. DuLesealternativen magst eine Som­mer­ge­schich­te mit uner­war­te­tem Ende lesen, die dich vom Hocker hau­en wird? Das ging mir so mit “Solan­ge wir lügen” von E. Lock­hart. Eine kunst­vol­le Drei­ecks­ge­schich­te erzählt auch April Gene­vie­ve Tuchol­ke in “All the stran­gest things are true.” Eben­so ein Ver­wirr­spiel spielt die deut­sche Autorin Mar­le­ne Röder in “Cache” mit ihren Lesern. Gute Alter­na­ti­ven einer beson­de­ren Freund­schaft zu einem Mäd­chen, das anders und selbst­be­wusst ist, sind auch die Titel “Schö­ne Mäd­chen bren­nen nicht” von Lynn Wein­gar­ten und “Die Wahr­heit über Ali­ce” von Rebec­ca James. Wenn der bes­te Freund eines Tages ver­schwun­den ist und dann plötz­lich wie­der auf­taucht, das erle­ben auch die Prot­ago­nis­ten in “Mein frem­der Freund” von Emma Hau­gh­ton, in “Long-Lost Fri­end” von Sara Zarr und in dem sprach­lich rich­tig gut geschrie­be­nen “Emmy & Oli­ver” von Robin Ben­way. Die Freun­din, die ver­schwun­den war und dann wie­der auf der Bild­flä­che erscheint, das fin­dest du in dem bril­lan­ten “Böse, böse” von Eliza­beth Woods.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Fischer
ISBN: 978-3-73734129-5
Erscheinungsdatum: 22.August 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,00€ 
Seitenzahl: 240 
Übersetzer: Angelika Eisold Viebig
Originaltitel: "The dead of us" 
Originalverlag: Harper Collins Canada

Englisches Originalcover: 
Alice Kuipers - Sommerdunkle Tage











Alice Kuipers spricht über ihr Buch (auf Englisch):
 

Kasimiras Bewertung:

110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw 110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw

(4 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.