Alexandra Flint — Kein Horizont zu weit

17.Februar 2023

“Kein Hori­zont zu weit” ist der ers­te Band der “Tales of Sylt”-Tri­lo­gie der deut­schen Autorin Alex­an­dra Flint. Die Autorin ent­führt ihre Leser*innen an einen Ort, an dem sie oft selbst mit ihren Eltern als Kind ihre Feri­en ver­bracht hat. Sie erzählt die Geschich­te einer jun­gen Frau, die auf Sylt eine Aus­bil­dung zur Schiffs­baue­rin macht und die auf ihre alte Jugend­lie­be trifft, die sie seit Jah­ren nicht mehr gese­hen hat. Was ist damals zwi­schen ihnen gesche­hen? War­um will Raf­fa­el, der nur unfrei­wil­lig auf die Insel zurück­ge­kehrt ist, am liebs­ten nichts mehr mit ihr zu tun haben? Und war­um ist da noch immer die­ses Knis­tern zwi­schen ihnen? Eine auf­fal­lend schön und stim­mig erzähl­te Lie­bes­ge­schich­te, die Lust auf Mee­res­rau­schen und Sand zwi­schen den Füßen macht und jede Men­ge Fern­weh erzeugt;-) Mit erfri­schen­den Dia­lo­gen und vie­len emo­tio­na­len Momen­ten. Eine rich­tig schö­ne Wohl­fühl­ge­schich­te! Für Jugend­li­che ab 16 Jah­ren und Erwachsene.

Sylt. Leni hat eine Aus­bil­dung zur Schiffs­baue­rin begon­nen und steckt kurz vor den ers­ten Prü­fun­gen. Sie arbei­tet in der Werft ihres Vaters. “Für mich war die Werft schon immer ein fes­ter Bestand­teil mei­nes Lebens gewe­sen und einen Tag ohne Schif­fe, Holz oder die ein­zig­ar­ti­gen Ent­wür­fe mei­nes Vaters konn­te ich mir nicht vor­stel­len. Ich war qua­si in der Werft zwi­schen Spä­nen und Kie­len auf­ge­wach­sen und ver­band eini­ge mei­ner schöns­ten Erin­ne­run­gen mit die­sem Ort.” (Zitat aus “Kein Hori­zont zu weit” S.19) Sie liebt das Leben auf der Insel, die fri­sche Mee­res­luft, das Segeln und die regel­mä­ßi­gen Tref­fen mit ihren bes­ten Freun­din­nen. Doch plötz­lich taucht Raf­fa­el, genannt Rafe, auf der Insel wie­der auf. Leni und ihr gro­ßer Bru­der Till sind mit Rafe und sei­nem Bru­der Liam zusam­men auf­ge­wach­sen. Waren abwech­selnd bei ihnen zu Hau­se oder in dem Hotel von Rafes Fami­lie gewe­sen. “Doch dann war der Brand aus­ge­bro­chen und hat­te inner­halb weni­ger Stun­den unser aller Leben aus den Fugen geris­sen. Thea war mit Raf­fa­el zu ihrem Bru­der nach Kiel gezo­gen, hat­te jeden Kon­takt abge­bro­chen und wir… wir waren plötz­lich nur noch eine hal­be Fami­lie gewe­sen.” (Zitat S.22) Bei dem Brand sind Rafes Bru­der und sein Vater ums Leben gekom­men. Das war vor fünf Jah­ren. Fünf Jah­re, in denen sie kei­ner­lei Kon­takt mehr hat­ten. Etwas, was Leni schwer zu schaf­fen gemacht hat, weil sie damals als Jugend­li­che ret­tungs­los in Rafe ver­liebt gewe­sen war und noch Kasimiraimmer tie­fe Wun­den über den plötz­li­chen Bruch in sich trägt. “Nicht sel­ten frag­te ich mich, ob sie über­haupt jemals hei­len wür­den. Ob die­se Kluft in mei­ner Brust, die beson­ders Rafes Ver­schwin­den hin­ein­ge­ris­sen hat­te, sich irgend­wann schlie­ßen wür­de. Und ehr­lich gesagt, hat­te ich ziem­li­che Angst dafür, dass die­ses neue Pro­jekt bloß alte Nar­ben auf­rei­ßen wür­de.” (Zitat S.22) Denn jetzt ist der mitt­ler­wei­le 22-jäh­ri­ge Rafe wie­der da, wenn auch unfrei­wil­lig, und soll den Wie­der­auf­bau des Hotels für sei­nen Vater über­wa­chen. Und aus­ge­rech­net die Werft von Lenis Vater soll eine Bar in Schiffs­form für das Hotel bau­en. Aber Rafe ver­hält sich furcht­bar unfreund­lich und abwei­send gegen­über Leni und ihrem Bru­der. Will nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Doch Lenis Gefüh­le für ihn sind immer noch da…

Das Cover ist wun­der­schön gestal­tet und ein ech­ter Hin­gu­cker. Auch die Fol­ge­bän­de der Tri­lo­gie, die noch erschei­nen wer­den, sind in einem ähn­li­chen Design gestal­tet. Der Roman beginnt mit einem Pro­log, einem Som­mer vor zehn Jah­ren, als Leni und Rafe noch Teen­ager waren. “Wenn er mit Till zusam­men ist, igno­riert er mich und tut jedes Mal so, als wäre ich nicht da. […] Doch jetzt, wäh­rend wir hier auf die­ser har­ten Trep­pen­stu­fe am Strand sit­zen, behan­delt mich Rafe nicht wie Luft. Jetzt sehen wir ein­an­der direkt ins Gesicht. Kei­ner streckt die Zun­ge raus, kei­ner schnei­det eine Gri­mas­se, kei­ner läuft davon. Es ist ein komi­scher Moment, der mein Herz selt­sa­me Din­ge tun lässt, die es nie zuvor getan hat.” (Zitat S.12f) Hier haben die auf­kei­men­den Gefüh­le zwi­schen den bei­den einen Anfang gefun­den. Dann setzt der Haupt­teil ein, der zehn Jah­re spä­ter in der Jetzt-Zeit spielt und in der Ich-Per­spek­ti­ve aus Lenis Sicht geschrie­ben ist. Nur ganz sel­ten wer­den Kapi­tel ein­ge­floch­ten, die vor fünf Jah­ren spie­len und aus Rafes Sicht erzählt wer­den: “Frü­her habe ich mir nie Gedan­ken dar­über gemacht, was sie für mich ist. Leni war ein­fach die klei­ne Schwes­ter mei­nes bes­ten Freun­des Till. Aber irgend­wann… war sie plötz­lich mehr. Ich habe Leni gese­hen und seit­dem kann ich es nicht mehr abstel­len. Egal, was ich auch mache — und ich habe echt eine Men­ge ver­sucht.” (Zitat S.57ff) Man darf gespannt mit­rät­seln, denn lan­ge Zeit wird nicht genau ver­ra­ten, was damals pas­siert ist. Immer wie­der durch­zie­hen ledig­lich Andeu­tun­gen den Erzähl­text. “Fünf Jah­re waren seit­dem ver­gan­gen und selbst jetzt reich­te die kleins­te Erin­ne­rung aus, um die­ses Pochen in mei­ner Brust in Gang zu set­zen. Dicht gefolgt von altem KasimiraSchmerz und Erin­ne­run­gen, die ich am liebs­ten für immer ver­ges­sen hät­te. Das Lager­feu­er am Strand, das nächt­li­che Meer, der K- Has­tig ver­scheu­te ich die­se Gedan­ken.” (Zitat S.33) Bemer­kens­wert ist in “Kein Hori­zont zu weit” auf jeden Fall das Sylt-Set­ting der Geschich­te. Alex­an­dra Flint schafft es eine sehr hei­me­li­ge (Wohlfühl-)Atmosphäre zu kre­ieren. Dies liegt nicht nur an Loka­li­tä­ten wie zum Bei­spiel dem Café von Lenis Oma — “Es gab vie­le gemüt­li­che Cafés auf der Insel, aber kei­nes war wie die Fla­schen­post: drei kreis­run­de Eta­gen, ver­bun­den durch eine alte Eisen­trep­pe, um die Lich­ter­ket­ten geschlun­gen waren. Holz­mö­bel, bun­te Kis­sen und Email­le-Vasen mit fri­schen Blu­men. Dazu Rega­le voll unzäh­li­ger Bücher und klei­ner selbst gemach­ter Sou­ve­nirs, die Oma für loka­le Küns­ter ver­kauf­te. Ein biss­chen wie eine eige­ne Welt.” (Zitat S.29ff) — , son­dern auch an den beson­de­ren Neben­fi­gu­ren, wie zum Bei­spiel der Vater und allen vor­an Lenis Cli­que, die sich “E.M.I.L.” nennt und ein fes­ter Anker­punkt in ihrem chao­ti­schen Leben ist. Hier wer­den Tugen­den wie Freund­schaft, Zusam­men­halt und Mit­ein­an­der­re­den­kön­nen groß geschrie­ben und die Mäd­chen sind in jeder Gefühls­la­ge für­ein­an­der da. Sehr fas­zi­nie­rend fand ich außer­dem die Ein­bli­cke in die Schiffs­baue­rei, die man durch Lenis Aus­bil­dung bei ihrem Vater erhält, das ist mal etwas ganz Ande­res! Auch das Segeln — Leni ist eine begna­de­te Seg­le­rin — spielt eine wich­ti­ge Rol­le. “Ich lieb­te die Ruhe beim Segeln. Wenn ein­zig das Plät­schern des Was­sers, das gegen den Rumpf schlug, und das Rascheln des Win­des die Luft erfüll­ten und jeden Gedan­ken aus­lösch­ten. Für mich war Segeln pure Magie. Ein Zau­ber, der sich über alles leg­te und eine Klar­heit ver­schaff­teKasimira, die ich sonst nir­gends fand.” (Zitat S.43) Die Autorin hat ins­ge­samt einen sehr schö­nen, ange­neh­men Erzähl­ton mit einer wun­der­ba­ren, leicht unter­schwel­li­gen Iro­nie und lie­fert eini­ge erfri­schen­de, humor­vol­le Dia­lo­ge. Die Lie­bes­ge­schich­te zwi­schen Leni und Rafe ent­fal­tet sich ganz lang­sam und behut­sam. Es gibt vie­le Herz­klopf­mo­men­te, ein bestän­di­ges Auf und Ab der Gefüh­le, ähn­lich dem sanf­ten Auf und Ab der Mee­res­wel­len. Es geht ums Los­las­sen, Neu­ver­trau­en und Altes Hin­ter­sich­las­sen. Am Ende wird es kurz ein wenig ruhi­ger, bis es dann noch ein­mal höchst dra­ma­tisch ausklingt.

Du willst wis­sen wie es auf Sylt wei­ter­geht? Dann lies den zwei­ten Band der Rei­he, der im Juli 2023 erschei­nen wird: “Kein Sturm zu nah” (hier spie­len Eli­sa, Lenis bes­te Freun­din und Bad Boy Jonah eine Rol­le) und den drit­ten Band (Prot­ago­nis­ten Lou & Kai) “Kein Oze­an zu tief”, der im Okto­ber 2023 erschei­nen wird. Du magst Alex­an­dra Flints Erzähl­stil? Dann lies noch ihre ande­ren Roma­ne, hier chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum sor­tiert: die fan­tas­ti­sche “Ely­an­or”-Rei­he (hier noch unter ihrem rich­ti­gen Namen Alex­an­dra Stück­ler-Wede): “Zwi­schen Licht Lesealternativenund Fins­ter­nis” (Band 1) und “Zwi­schen Eis und Feu­er” (Band 2) und das Spin-Off “Calea: Zwi­schen Asche und Rauch”. Danach folg­te die dys­to­pi­sche “Emerd­a­le”-Rei­he: “Two Sides of the Dark” (Band 1) und “One Side of the Light”. Erst­mals auf die Spie­gel­best­sel­ler­lis­te schaff­te es die Autorin dann mit der “Map­le Creek”-Rei­he: “Meet me in Map­le Creek” (Band 1) und “Save me in Map­le Creek” (Band 2). Je eine Kurz­ge­schich­te von Alex­an­dra Flint fin­dest du in die­sen Advents-Antho­lo­gien: “Chris­mas Kis­ses” und “Win­ter Wis­hes”. Dir gefal­len Lie­bes­ge­schich­ten, die auf Sylt spie­len? Hier wären “Sturm­ge­flüs­ter” von Gabri­el­la Engel­mann oder “Som­mer­stür­me” von Ant­je Szil­lat etwas für dich. Zwei Fami­li­en, deren Kin­der mit­ein­an­der­auf­wach­sen und sich dann uner­war­tet näher kom­men? Das fin­dest du auch in der “Der Som­mer, als ich schön wur­de”-Rei­he von Jen­ny Han. Ein wenig muss­te ich auch an “Lass mich nicht los” von Sarah Alder­son den­ken. Der Jugend­freund, der plötzlch wie­der auf­taucht und das Leben der Prot­ago­nis­tin völ­lig auf den Kopf stellt, dies kannst du außer­dem in fol­gen­den, sehr emp­feh­lens­wer­ten Roma­nen ent­de­cken: “Nichts ist gut. Ohne dich.” von Lea Coplin, “Der Som­mer, als du wie­der­kamst” von Emi­ly Mar­tin (gran­di­os!), “Long-lost fri­end” von Sarah Zarr (schon etwas älter), “Emmy & Oli­ver” von Robin Ben­way (sen­si­bel und unter­halt­sam erzählt), “Das Glück hat vier Far­ben” von Lisa Moo­re und “My life in cir­cles” von Bran­dy Col­bert. Sehr pas­send ist auch “Das tie­fe Blau der Wor­te” von Cath Crow­ley.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Loewe
ISBN: 978-3-7432-1407-1
Erscheinungsdatum: 8.Februar 2023
Einbandart: Broschur
Preis: 15,95€
Seitenzahl: 480
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

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Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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