Alex Gino — George

Alex Gino George25.August 2016

Alex Gino hat mit “Geor­ge” ein ganz außer­ge­wöhn­li­ches Buch geschrie­ben. Eine herz­er­wär­men­de Geschich­te über das Anders­sein und den Mut, zu sich selbst zu ste­hen. Und über ein Tabu­the­ma in der Jugend­li­te­ra­tur: Trans­se­xua­li­tät. Ein Jun­ge, der sich selbst als Mäd­chen fühlt und es eines Tages wagt, dies sei­ner Umwelt zu geste­hen. Authen­tisch und sehr ergrei­fend. Ein Roman, der erzählt wer­den muss­te. Für Jugend­li­che jeg­li­chen Alters (frü­hes­tens ab 10 Jah­ren) und Erwach­se­ne.

Der 10-jäh­ri­ge Geor­ge geht in die 4.Klasse. Manch­mal wäre er ger­ne jemand anders. Irgend­je­mand. Nur nicht er selbst. In der Schu­le wird er von zwei Jun­gen geär­gert. Mit dem einem von ihnen war er sogar ein­mal befreun­det gewe­sen: “He, da heult irgend­ein Mäd­chen wegen einer toten Spin­ne.” “Das ist kein Mäd­chen. Das ist Geor­ge.” “Wo ist da der Unter­schied?” Geläch­ter ertön­te.” (Zitat aus “Geor­ge” S.20) Aber was für die ande­ren nur ein Witz ist, ist für Geor­ge bit­te­rer Ernst. Er fühlt sich tat­säch­lich wie ein Mäd­chen. Bei Video­spie­len mit sei­nem Bru­der wür­de er am liebs­ten die Prin­zes­sin als Figur wäh­len. Er mag rosa, aber kein blau. “Geor­ge hass­te die Jun­gen­toi­let­te. […] hass­te die blau­en Flie­sen an den Wän­den, die einen immer dar­an erin­ner­ten, wo man war, als ob das ange­sichts der Uri­na­le nicht offen­sicht­lich genug wäre. Der gan­ze Raum war aus­schließ­lich für Jun­gen gemacht, und wenn Jun­gen hier waren, dann rede­ten sie stän­dig über das, was zwi­schen ihren Bei­nen war.” (Zitat S.25) Hin­ter sei­nen alten Spiel­sa­chen hat Geor­ge Alex Gino Georgeeine Jeans­ta­sche mit Mäd­chen­zeit­schrif­ten ver­steckt, die er sich gele­gent­lich ansieht. Sein älte­rer Bru­der hin­ge­gen ver­steht völ­lig falsch, war­um er sich für das heim­li­che Blät­tern dar­in für län­ge­re Zeit auf dem Klo ein­schließt: “So ist das also.” Scott grins­te, ohne Geor­ges Panik zu bemer­ken. “Mein klei­ner Bru­der wird erwach­sen und guckt sich schwei­ni­sche Zeit­schrif­ten an.” (Zitat S.17) Aber Geor­ge kann nie­man­dem etwas von sei­nen wah­ren Gefüh­len sagen. Nicht ein­mal sei­ner bes­ten Freun­din Kel­ly, die mit ihm zusam­men für ein Schul­thea­ter­stück übt, bei dem er ger­ne die weib­li­che Haupt­rol­le spie­len möch­te: “Ich ver­ste­he nicht, was das soll”, sag­te Kel­ly, “Du willst auf der Büh­ne ein Mäd­chen spie­len. Na und? Es ist ja nicht so, dass du ein Mäd­chen sein willst.” Geor­ge wur­de blass. […] “Was ist los?”, frag­te Kel­ly. Geor­ge öff­ne­te den Mund, aber da waren kei­ne Wor­te… (Zitat S.66ff) Doch eines Tages sagt er ihr doch die Wahr­heit. Das ver­än­dert alles…

Das Beson­de­re an “Geor­ge” ist die Wahl der Per­spek­ti­ve: es wird eine per­so­na­le Erzähl­form ver­wen­det und zwar aus der Sicht eines Mäd­chens: “Die Süße der Scho­ko­la­den­milch füll­te Geor­ges Mund aus und bedeck­te die Wor­te, die ihr auf der Zun­ge lagen. Eines Tages wür­de Geor­ge ihrer Mut­ter irgend­wie sagen müs­sen, dass sie ein Mäd­chen war. Aber nicht heu­te.” (Zitat S.58) Die­se Form ist sehr klug gewählt und macht es für den Leser noch nach­voll­zieh­ba­rer wie Geor­ge sich wirk­lich fühlt. Wüss­te man zu Beginn des Buches über den Inhalt nicht Bescheid, wür­de man wirk­lich erst ein­mal davon aus­ge­hen, Geor­ge sei ein Mäd­chen. Umso bewe­gen­der wird es dadurch mit zu ver­fol­gen, wie sehr er/sie dar­un­ter lei­det. Jede Aus­sa­ge, die für ande­re nor­mal wirkt, kann für Geor­ge ein Schlag ins Gesicht sein, so wie die sei­ner Leh­re­rin bei­spiels­wei­se: “Bewah­re dir die­se Fähig­keit, Geor­ge, dann wird aus dir bestimmt ein ganz beson­de­rer jun­ger Mann.” Das Wort “Mann” traf Geor­ge, als wäre ihr ein Fels­bro­cken auf Alex Gino Georgeden Schä­del gefal­len. Es war hun­dert­mal schlim­mer als “Jun­ge”. Sie bekam kei­ne Luft mehr. Hef­tig biss sie sich auf die Lip­pe und fühl­te, wie ihr erneut die Trä­nen in die Augen stie­gen. Sie leg­te den Kopf auf den Schreib­tisch und wünsch­te sich, sie wäre unsicht­bar.” (Zitat S.24) Die Spra­che des Buches ist sehr schlicht und ein­fach. Alex Gino kon­zen­triert sich nicht auf lite­ra­ri­sche Schnör­ke­lei­en, son­dern stellt das Erzäh­len und das Erle­ben der Haupt­per­son ganz in den Mit­tel­punkt. Hat man mit dem Lesen erst ein­mal ange­fan­gen, zieht die Geschich­te einen in einen Sog, aus dem man sich so leicht nicht mehr ent­zie­hen kann! Gino — von ame­ri­ka­ni­scher Natio­na­li­tät — ist übri­gens selbst trans­gen­der, möch­te weder ein­deu­tig als Mann, noch als Frau bezeich­net wer­den und hat die­sen Roman, der zahl­rei­che Prei­se und eine gro­ße, posi­ti­ve Medi­en­re­so­nanz erhal­ten hat, ver­fasst um ande­ren zu hel­fen. Als Gino 2003 anfing die­ses Buch zu schrei­ben, gab es noch kaum Bücher zum The­ma Trans­se­xua­li­tät, vor allem für Kin­der. Die­ses kon­tro­ver­se The­ma an Kin­der und Jugend­li­che her­an­zu­brin­gen, ist Gino damit auf ein­fühl­sa­me Art zwei­fel­los gelun­gen. Es regt zum Nach­den­ken an und wird sicher­lich für eini­ge Dis­kus­sio­nen sor­gen. Unab­hän­gig von der The­ma­tik ist der Roman zugleich ein Plä­doy­er für mehr Tole­ranz, Offen­heit und Mut im All­ge­mei­nen, für sich selbst ein­zu­ste­hen. Cha­peau!

Zum The­ma Trans­se­xua­li­tät gibt esLesealternativen im Jugend­buch bis­her nur zwei Alter­na­ti­ven: “Zusam­men wer­den wir leuch­ten” von Lisa Wil­liam­son (2015 eben­falls bei Fischer erschie­nen, hier ist auch ein Jun­ge die Haupt­per­son, der sich eigent­lich als Mäd­chen fühlt) und “Jen­ny mit O” von Karen-Susan Fes­sel (2005 erschie­nen, hier ist es genau anders her­um). Zum The­ma Inter­se­xua­li­tät gibt es eben­so einen Titel der­sel­ben Autorin: “Lie­be macht anders” (2013) und eine Neu­erschei­nung aus die­sem Jahr von Chris­ti­ne Fehér: “Weil ich so bin”. Sei anders und steh zu dir selbst, damit machen auch die Haupt­per­so­nen in dem Roman von David Levithan auf sich auf­merk­sam: “Two boys kis­sing: Jede Sekun­de zählt”. Mit den Geschlech­ter­rol­len spielt auf raf­fi­nier­te Art die Autorin Maja Hjert­zell in “Hen­ri­et­ta, mein Geheim­nis”.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Fischer
ISBN: 978-3-7373-4032-8
Erscheinungsdatum: 25.August 2016
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,99€ 
Seitenzahl: 208 
Übersetzer: Alexandra Ernst
Originaltitel: "George"
Originalverlag: Scholastic

Amerikanisches Originalcover: 
Alex Gino George











Trailer zum Buch (auf Englisch):

Alex Gino spricht über "George" (auf Englisch):

Kasimiras Bewertung:

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