Adriana Popescu — Wie ein Schatten im Sommer

Kasimira27.Oktober 2021

Wie ein Schat­ten im Som­mer” ist der neu­es­te Roman der deut­schen Autorin Adria­na Popes­cu. Eine Geschich­te, die in länd­li­cher Idyl­le spielt — Freund­schaft und Lie­be in den Mit­tel­punkt setzt, aber vor allem das The­ma Frem­den­feind­lich­keit behan­delt, das sei­ne dunk­len Schat­ten wirft. Ein Buch, das locker-leicht beginnt, dann aber mit viel Ernst­haf­tig­keit auf­war­tet und zum Nach­den­ken anregt. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Vio und ihre Eltern, die aus Rumä­ni­en kom­men, sind umge­zo­gen. Von der Groß­stadt auf das Land in das klei­ne süd­deut­sche Wald­dorf, das gera­de mal 3331 Ein­woh­ner hat. Vio hat­te ein paar Pro­ble­me in Mün­chen und die Pacht ihrer Eltern für deren Restau­rant lief aus und wur­de nicht mehr ver­län­gert, also haben sie dies für einen Neu­an­fang genutzt: All die Jugend­li­chen, die hier sorg­los in der Son­ne lie­gen, haben kei­ne Ahnung, was pas­siert ist. Sie sehen mich nicht so an, sie machen kei­ne gehäs­si­gen Bemer­kun­gen und sie tuscheln nicht dar­über hin­ter mei­nem Rücken. Viel­leicht ist das hier wirk­lich eine neue Chan­ce und nicht nur ein enges Dorf.” (Zitat aus “Wie ein Schat­ten im Som­mer” S.47) Und tat­säch­lich wird VioKasimira äußerst freund­lich in die Dorf­ge­mein­schaft auf­ge­nom­men. Lernt eine Cli­que ken­nen, mit denen sie regel­mä­ßig zum See fährt und trifft auf den sym­pa­thi­schen, ruhi­gen Kon­stan­tin. “Mein Kom­men­tar sorgt für ein fre­ches Grin­sen auf sei­nem Gesicht, und ich genie­ße die Tat­sa­che, dass er die Augen noch immer geschlos­sen hat. So kann ich sein Gesicht in aller Ruhe stu­die­ren. Er wäre weder mir noch mei­nen Freun­din­nen in Mün­chen in einer wil­den Par­ty­men­ge auf­ge­fal­len, aber hier in der Mit­te des Sees, auf einem Surf­brett, da kann ich mei­nen Blick kaum von ihm wen­den.” (Zitat S.106) Vios Eltern über­neh­men das Restau­rant eines Ver­eins­heims an einem Ten­nis­platz, wo auch Kon­stan­tin und sein Vater regel­mä­ßig spie­len. Sie bie­ten rumä­ni­sche Spe­zia­li­tä­ten an. Wäh­rend ihr Essen gut ankommt, gibt es jedoch auch Jugend­li­che, die Vio beim Auf­neh­men der Bestel­lung absicht­lich pro­vo­zie­ren und unbe­dingt eine Piz­za essen Kasimirawol­len, die die Fami­lie aber nicht auf der Spei­se­kar­te ste­hen hat und die dann woan­ders hin­ge­hen. Bald wird Vio bewusst, dass vor allem die Cli­que um Kon­stan­tins Bru­der Robin oft frem­den­feind­li­che Sprü­che von sich gibt. Auch Kon­stan­tin, der sich immer öfters mit Vio trifft, wird von den Kom­men­ta­ren nicht ver­schont: “Die neh­men unse­ren Leu­ten den Job weg. Und wenn es dann heißt, ab zurück nach Hau­se, blei­ben die hier und machen sich breit.” “Quatsch, die küh­len sich hier nur nach der Arbeit ab.” “Und ver­dre­cken unse­ren See.” “Blöd­sinn.” “Bist jetzt ganz dicke mit den Rumä­nen, hm? Ein­mal bei denen geges­sen und schon bist du hin und weg, ja?” (Zitat S.170) Vor allem da Kon­stan­tins Bru­der schon seit Ewig­kei­ten nach einer Aus­bil­dungs­stel­le sucht und kei­ne fin­det, obwohl er doch am liebs­ten aus Wald­dorf weg will. Ganz im Gegen­satz zu Kon­stan­tin, der Kasimirasich in dem idyl­li­schen Dörf­chen ganz wohl fühlt. Doch dann wird auf ein­mal immer mehr ran­da­liert. Es tau­chen Schmie­re­rei­en auf der Bau­stel­le eines ent­ste­hen­den Flücht­lings­heims auf und ein Spen­den­con­tai­ner geht in Flam­men auf. Hat Kon­stan­tins Bru­der damit etwas zu tun?

Das Cover von “Wie ein Schat­ten im Som­mer” ist schön gestal­tet und auch vom Titel her sehr pas­send. Fasst den Inhalt genau zusam­men. Denn im Grun­de ist der Roman genau das — eine leich­te Som­mer­ge­schich­te, die aber mit erns­ten The­men wie Frem­den­feind­lich­keit und Zivil­cou­ra­ge daher­kommt und all­mäh­lich ihre Schat­ten wirft. Das Buch wird in zwei sich abwech­seln­den Sicht­wei­sen erzählt und lässt bei­de Prot­ago­nis­ten — Vio und Kon­stan­tin — in der jewei­li­gen Ich-Per­spek­ti­ve Kasimirazu Wort kom­men. Die Cha­rak­te­re sind sehr ange­nehm und auch tief­grün­dig skiz­ziert, wie zum Bei­spiel Kon­stan­tin: “Manch­mal wür­de ich ger­ne län­ger, als mei­nen Lun­gen es zulas­sen, hier unten blei­ben. Da oben ist es mir oft zu laut, zu wild und zu chao­tisch. Ich bin nicht Robin, der sofort in der ers­ten Rei­he steht, wenn es dar­um geht, was Auf­re­gen­des zu erle­ben. Mir gefällt es in der zwei­ten Rei­he, wo nicht jeder sofort auf mich auf­merk­sam wird.” (Zitat S.54) Vio will vor allem neu anfan­gen. Ihren Cha­rak­ter umge­ben daher eini­ge Geheim­nis­se, die sich erst nach und nach lüf­ten las­sen. Hier spielt die Autorin immer wie­der geschickt mit Andeu­tun­gen, die neu­gie­rig machen: “Am Ufer der Isar sit­zen sie, gril­len, sto­ßen mit ihrem mit­ge­brach­ten Ape­rol Spritz an und lächeln in die Kame­ras. Letz­ten Som­mer war Kasimiraich noch eine von ihnen, irgend­wo mit­ten­drin, bevor es die Run­de gemacht hat und das Getu­schel hin­ter mei­nem Rücken immer lau­ter wur­de.” (Zitat S.15) Beson­ders inter­es­sant fand ich die Gegen­sät­ze zwi­schen den Prot­ago­nis­ten und deren sozia­le Hin­ter­grün­de. Wäh­rend Vio, die sich “anders” fühlt und ger­ne “gewöhn­lich” wäre, ist es bei Kon­stan­tin genau anders her­um. Er, der im Schat­ten sei­nes Bru­ders zuwei­len steht, möch­te nicht immer “gewöhn­lich” sein:  “Lass dir von dem gewöhn­lichs­ten Typ des Dor­fes eines gesagt sein: gewöhn­lich ist schei­ße. Du wirst über­se­hen, du wirst für selbst­ver­ständ­lich gehal­ten, du gibst nie den Aus­schlag. Anders ist cool. Die Leu­te sehen hin, sie hören hin und sie neh­men dich ernst!” (Zitat S.116) “Wie ein Schat­ten im Som­mer” ist ein eher ruhig erzähl­tes Buch, am Anfang locker-flo­ckig leicht und dann all­mäh­lich mit erns­teKasimiraren Tönen. An eini­gen Stel­len fehl­te mir manch­mal etwas der Span­nungs­bo­gen. Den­noch ahnt man in dem Roman unwei­ger­lich, das alles auf etwas Unheil­vol­les zusteu­ern wird, dafür lie­fert Adria­na Popes­cu immer wie­der Andeu­tun­gen, wie zum Bei­spiel die­se: “Hal­te dich von denen ein­fach ein biss­chen fern. […] Damit du nicht in irgend­was rein­ge­zo­gen wirst.” (Zitat S.170) Sehr fein­füh­lig lotet die Autorin die Gren­zen zwi­schen pas­si­vem und akti­vem Han­deln aus, zwi­schen “etwas gesche­hen las­sen” und sich aktiv gegen Unge­rech­tig­keit ein­zu­set­zen. Denn letzt­end­lich gehört auch jede Men­ge Mut dazu, Zivil­cou­ra­ge zu zei­gen: “Kon­stan­tin Wagen­feld, der Jun­ge, der nie jeman­den ver­letzt, der nie was Fal­sches sagt. […] Und aus Angst davor, über­haupt irgend­et­was falsch zu machen, sagst du gar nichts und machst es ein­fach nur immer schlim­mer.” Ihre Wor­te tref­fen mich wie Ohr­fei­gen, und ich kann nichts erwi­dern, weil ich zu genau weiß, dass sie recht hat. (Zitat S.93) Am Ende wird es dann noch ein­mal rich­tig schön dramatisch.

Dir gefällt das Buch von Adria­na Popes­cu? Dann lies noch ihre ande­ren Jugend­bü­cher. Hier chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum: “Paris, du und ich”“Ein Som­mer und vier Tage”Mein Som­mer auf dem Mond” (toll!), “Mor­gen irgend­wo am Meer”  uLesealternativennd “Ein Lächeln sieht man auch im Dun­keln”. Falls dich das The­ma Rechtsextremismus/Fremdenfeindlichkeit inter­es­siert, dann hast im Jugend­buch jede Men­ge Titel, die du lesen kannst: “Wir sind die Wahr­heit” von Andre­as Götz (2020) “End­land” von Mar­tin Schäub­le (2019), “Angst sollt ihr haben” von Man­fred Thei­sen (2017), “Anschlag von rechts” von Rei­ner Engel­mann (2017), “Neo­na­zi” von Timo F. (2017), “Der Schuss” von Chris­ti­an Lin­ker (2017),“Som­mer unter schwar­zen Flü­geln” (Band 1, 2015) + “Win­ter so weit” (Band 2, 2017) von Peer Mar­tin, “Schwar­zer, Wolf, Skin” von Marie Hage­mann (2016), “Dazwi­schen: Ich” von Julya Rabi­nowich (2016), “Es war ein­mal Alep­po” von Jen­ni­fer Ben­kau (2016), “F.E.A.R.” von Eli­sat­beth Zöl­ler (2015),  “Der rech­te Weg” von Bri­git­te Blo­bel (2014), “Bluts­brü­der” von Micha­el Wil­den­hain (2011), “Ich hab dich gese­hen” von C.Z. Nightin­ga­le (2011), “Der Kick: Ein Lehr­stück über Gewalt” von And­res Vei­el, “Schwarz, rot, tot” von Hei­di Has­sen­mül­ler (2004), “Der Unsicht­ba­re” von Mats Wahl (2001), “Ganz schön blau­äu­gig” von Mats Berg­gren (2001). Neu­erschei­nun­gen  von 2021 wären zum Bei­spiel “Game Chan­ger: Es gibt unend­lich vie­le Mög­lich­kei­ten, alles falsch zu machen” von Neal Shus­ter­man, “Off the record. Unse­re Wor­te sind unse­re Macht” von Cam­ryn Gar­rett und neu als Taschen­buch die­ses Jahr: “Sein Reich” von Mar­tin Schäub­le und “Wie du mich siehst” von Taher­eh Mafi.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: cbt
ISBN: 978-3-570-31439-5
Erscheinungsdatum: 13.September 2021
Einbandart: Broschur
Preis: 14,00€
Seitenzahl: 480
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Trailer zum Buch:

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Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punkten)

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