Wendy Orr — Raven: Der Berg der Gefahren

Wendy Orr Raven Der Berg der Gefahren10.Februar 2016

Die kana­di­sche Auto­rin Wen­dy Orr hat mit “Raven: Der Berg der Gefah­ren” eine rich­tig schö­ne Aben­teu­er­ge­schich­te geschrie­ben. Über einen Fami­li­en­aus­flug in den Ber­gen, der außer Kon­trol­le gerät und ein tap­fe­res, jun­ges Mäd­chen, das über sich hin­aus­wächst. Sehr span­nend und unter­halt­sam erzählt. Für Jugend­li­che ab 11 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Die 11-jäh­ri­ge Raven und ihre älte­re Schwes­ter Lily sind mit ihrer Mut­ter und ihrem Stief­va­ter Scott umge­zo­gen. In die frü­he­re Hei­mat von Scott. Nahe den kana­di­schen Rocky Moun­ta­ins. Auf einen die­ser Ber­ge will Scott nun an einem drei-Tages-Aus­flug mit ihnen stei­gen: “…Cam­pen und Wan­dern in den Ber­gen, ein neu­er Beginn für unse­re brand­neue Fami­lie.” (Zitat aus “Raven: Der Berg der Gefah­ren” S.8) Ravens Mut­ter muss lei­der spon­tan arbei­ten und ist nicht mit von der Par­tie. Der Beginn des Aus­flugs ereig­net sich zunächst — abge­se­hen von klei­nen Riva­li­tä­ten zwi­schen Raven und ihrer Schwes­ter — als sehr har­mo­nisch: sie angeln ihren ers­ten Fisch, schla­fen unterm Ster­nen­him­mel und ent­de­cken die ver­schie­dens­ten Tie­re und Pflan­zen. Sogar eine Bären­mut­ter mit ihren zwei Klei­nen sind dabei. Scott erklärt den Kin­dern genau, wie sie sich gegen­über Bären ver­hal­ten müs­sen. Sicher­heits­hal­ber hat er sogar Bären­spray dabei, den jeder zur Ver­tei­di­gung bei sich trägt. Als sie sich dem aus­wähl­ten Berg nähern, bemerkt Scott jedoch, dass die Wie­se davor sich etwas ver­än­dert hat: rie­si­ge Geröll­hau­fen Wendy Orr Raven Der Berg der Gefahrenmit Fel­sen lie­gen davor. Als ob der Berg sich eini­ger der Fel­sen ein­fach ent­le­digt und sie hier abge­wor­fen hät­te. “Viel­leicht ist das der Grund, war­um es hier kei­ne Feri­en­an­la­ge gibt”, sagt Scott. “Dann ist es also gefähr­lich, hier zu blei­ben”, sagt Lily. “Ach, seht euch doch nur das Gras und das Moos an — der Fels­sturz muss Jah­re her sein. Und der Berg lau­ert schließ­lich nicht dar­auf, dass wir kom­men und er noch mal Stei­ne reg­nen las­sen kann!(Zitat S.14) Doch genau das pas­siert, als Raven ein Stück vor­aus­rennt, um den Gip­fel als Ers­te zu errei­chen. Sie führt eine Freu­den­tanz auf der Spit­ze auf und springt eupho­risch in die Luft. Ein Fels­bro­cken löst sich und sie rutscht ein Stück den Berg hin­un­ter und wird leicht ver­letzt. Eine Felsla­wi­ne löst sich eben­so aus. Eine, die Raven von Lily und Scott trennt. Die bei­den wer­den ein­ge­sperrt von den Fel­sen. Scott ist bewusst­los. Durch ein enges Fel­sen­loch kann Raven noch mit Lily spre­chen. Aber sie kann die bei­den nicht befrei­en. Nicht ein­mal das Han­dy, das natür­lich kei­nen Emp­fang hat, passt durch das klei­ne Loch hin­durch. Es gibt nur eine Mög­lich­keit: Raven muss den lan­gen Weg hin­un­ter ins Tal auf sich neh­men und Hil­fe holen. Aber kann sie das? Sie, die noch nicht ein­mal allei­ne den Weg zu Schu­le zurück­ge­gan­gen ist? Doch das Leben ihrer Fami­lie steht auf dem Spiel…

Wendy Orr Raven Der Berg der GefahrenRaven: Der Berg der Gefah­ren” wird durch­ge­hend aus Ravens Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Die Kapi­tel­über­schrif­ten sind mit klei­nen Zeich­nun­gen ver­se­hen, die den Berg, Bären­tat­zen oder Fuß­ab­drü­cke zei­gen, wie auch auf dem Cover abge­bil­det. Die Kapi­tel sind mit Zeit­an­ga­ben ver­se­hen und spä­ter (als Ravens Uhr kaputt geht) nur noch mit unge­fäh­ren Wer­ten. Zwi­schen­drin sind immer mal wie­der Abschnit­te in fet­ter Schrift­art abge­druckt. Die­se gren­zen ihre Erin­ne­run­gen an ihre bes­ten Freun­din­nen oder an frü­he­re Ereig­nis­se vom nor­ma­len Hand­lungs­ge­sche­hen sehr über­sicht­lich ab. Die Spra­che ist ein­fach und sehr flüs­sig zu lesen und der Text ist immer wie­der von sehr schö­nen Bil­dern durch­setzt: “Um uns her­um nur dich­ter, dun­kel­küh­ler Wald. Die Stim­mung ist ruhig und ernst — wie im Wohn­zim­mer mei­ner Groß­mut­ter. Als dürf­te man dort eigent­lich gar nicht sein.” (Zitat S.19) und “Vor sechs Stun­den war ich froh und auf­ge­regt, so weit oben auf einem Berg zu sein, dass dort nur noch Flech­ten wuch­sen. Jetzt füh­le ich mich wie eine dicke schwar­ze Sechs unter einem Dik­tat.” (Zitat S.74) Man kann sich wun­der­bar in Raven hin­ein­ver­set­zen, ihre Ängs­te, ihre Sor­gen nach­voll­zie­hen und mit ihr den wei­ten Weg hin­ab ins Tal gehen. Sie ist eine unheim­lich sym­pa­thi­sche und lie­bes­wür­di­ge Figur, die in einer teils unter­schwel­lig Wendy Orr Raven Der Berg der Gefahreniro­ni­schen Erzähl­art ihre Geschich­te erzählt. “Die Leu­te behaup­ten immer, Ber­ge sei­en schön. Ja gut, wenn sie auf Post­kar­ten sind. Von nahem bau­en sie sich bedroh­lich vor einem auf wie die gro­ßen Jungs auf dem Spiel­platz. Aber seit ich mei­ne Bril­le abge­nom­men habe, sind die Umris­se ein biss­chen undeut­li­cher und wei­cher.” (Zitat S.11) Auch die The­ma­tik des Vaters, der abge­hau­en ist, als Raven auf die Welt kam und den sie ver­misst, obwohl sie ihn nicht kennt, wird sehr sen­si­bel in dem Roman behan­delt. Raven wird auf ihre Art ein Stück weit erwach­sen, zeigt uner­war­te­te Qua­li­tä­ten und wächst buch­stäb­lich über sich hin­aus. “Man denkt immer, im Wald ist es still. Aber das stimmt gar nicht. Jeden­falls nicht, wenn man eine Wei­le lang dar­in ist… […]. Man lernt, auf Geräu­sche zu ach­ten, die man anfangs über­haupt nicht gehört hat, und fin­det her­aus, dass man­che Geräu­sche, die einem Angst machen, gar nichts Gefähr­li­ches bedeu­ten.” (Zitat S.100) Nicht nur ihr Ver­hält­nis zu ihrer Schwes­ter ver­än­dert sich, auch jenes zu ihren Ängs­ten. Dabei spie­len eine Bären­mut­ter und ihre zwei Jun­gen eine nicht unwe­sent­li­che Rol­le… Let­zen Endes kann man über das, was Raven alles wider­fährt und wie mutig sie han­delt, nur stau­nen und nach atem­lo­ser Span­nung bis zur letz­ten Sei­te (nach einem gemäch­li­chen Beginn bis zum Stein­rutsch) nur instink­tiv den­ken: das war doch mal ein ereig­nis­rei­cher Fami­li­en­aus­flug und eine Zusam­men­füh­rung sel­bi­ger auf höchs­tem Niveau;-)

Auf der Home­page der Auto­rin bekommst du übri­gens noch mehr Infor­ma­tio­nen (auf Eng­lisch) zur Ent­ste­hungs­ge­schich­te von “Raven: Berg der Gefah­ren”. Wen­dy Orr hat frü­her selbst eine Wan­der­tour in die Ber­ge mit ihrem Vater und ihrer Schwes­ter unternommen.

LesealternativenWenn dir das Buch von Wen­dy Orr gefal­len hat, dann lies noch “Wie ver­steckt man eine Insel?” (ab 9) und SOS für Sel­kie” (die Fort­set­zung). Inhalt­li­che Alter­na­ti­ven sind “Groß­va­ter und die Wöl­fe” von Per Olav Enquist (ab 8), “Ala­ba­ma Moon” von Watt Key (ab 10 Jah­ren) und “Allein in der Wild­nis” von Gary Paul­sen (ab 10). Eine tol­le Lese­emp­feh­lung ist auch (eher für Jungs, ab 12): “Die wirk­li­che Wahr­heit” von Dan Gemein­hard und (eher für Mäd­chen, ab 14) “Sur­vi­ve: Wenn der Schnee mein Herz berührt” von Alex Morel. Oder lies “Bären­schwur” von Ryan Geb­hart (ab 10), das auch im Ala­din Ver­lag erschie­nen ist.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Aladin
ISBN: 978-3-8489-2058-7
Erscheinungsdatum: 29.Januar 2016
Einbandart: Hardcover
Preis: 12,95€
Seitenzahl: 176
Übersetzer: Sigrid Ruschmeier
Originaltitel: "Facing the mountain"
Originalverlag: Scholastic

Kanadisches Originalcover:
648

 Kasimiras Bewertung: 

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(5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Kanadisches Cover: Homepage von Scholastic

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