Tom Leveen — Ich hätte es wissen müssen

Tom Leveen Ich hätte es wissen müssen29.Juli 2015

Der ame­ri­ka­ni­sche Autor Tom Leveen hat mit “Ich hät­te es wis­sen müs­sen” einen Roman geschrie­ben, der sich mit den The­men Schuld, Mob­bing und Sui­zid aus­ein­an­der­setzt. Ein auf­wüh­len­des, packen­des Buch, das auf jeden Fall nach­denk­lich machen wird! Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Im Leben der 16-jäh­ri­gen Vic­to­ria, die von allen Tori genannt wird, ist nichts mehr so, wie es ein­mal war. Das Auto ihrer Mut­ter wur­de mit einem Zie­gel­stein beschä­digt, die Pres­se lun­gert vor dem Haus der Fami­lie her­um, ihr Bru­der Jack spricht kaum ein Wort mehr mit ihr und ihre Eltern haben ihr den Lap­top und das Smart­pho­ne weg­ge­nom­men. Tori soll nicht mit­be­kom­men, was man Schlim­mes im Inter­net über sie schreibt. Über sie und die sechs ande­ren Jugend­li­chen, die einen Jun­gen durch (Cyber-)Mobbing in den Sui­zid getrie­ben haben. Jetzt hat Tori nur noch ein altes, klapp­ba­res Han­dy. Doch auf genau die­sem ruft sie am Abend vor der Gerichts­ver­hand­lung ein Jun­ge, namens Andrew an, der behaup­tet die­se Num­mer ganz zufäl­lig gewählt zu haben und sich umbrin­gen will. Aus­ge­rech­net bei Tori! Das kann nur ein schlech­ter Scherz sein. Sie legt auf. Doch kurz dar­auf mel­det Andrew sich wie­der. ““Du hast die­se Num­mer ganz zufäl­lig gewählt”, unter­bre­che ich ihn, “Und das soll ich dir glau­ben? Das ist doch Tom Leveen Ich hätte es wissen müsseneine mie­se Lüge.” Er sagt nichts. Aber er beschimpft mich auch nicht. “Du hast recht”, sagt Andrew und räus­pert sich. “Ich hät­te dich nicht beläs­ti­gen sol­len. Dum­me Idee. Sor­ry, dass ich dich gestört habe.” Stil­le. Er hat auf­ge­legt. “Gut”, sage ich. Nur, dass ich mich gar nicht gut füh­le.” (Zitat aus “Ich hät­te es wis­sen müs­sen” S.38/39). Was, wenn Andrew tat­säch­lich kei­nen Scherz macht? Wenn er die Wahr­heit sagt und sie ihn ret­ten könn­te? Tori ruft die Num­mer auf ihrem Dis­play zurück und fängt an sich mit Andrew zu unter­hal­ten. Sie erfährt, war­um er ster­ben will und dass sei­ne Freun­din eben­falls durch Mob­bing in den Sui­zid gedrängt wur­de. Andrew scheint nicht wirk­lich zu wis­sen, wer Tori ist. Mit wem er da tele­fo­niert. Doch auch Andrew stellt unbe­que­me Fra­gen. “Mein Leben liegt in dei­nen Hän­den, Tori”, sagt er schließ­lich. “Viel­leicht soll­test du dich momen­tan lie­ber nicht wei­gern, über das zu reden, wor­über ich spre­chen möch­te.” […] “War­te mal. Willst du mich irgend­wie mit dei­nem Leben erpres­sen?” “Ich den­ke schon. Ja.” (Zitat S.124). Und Tori muss sich mit der Ver­gan­gen­heit aus­ein­an­der­set­zen, ob sie will oder nicht…

Tom Leveen Ich hätte es wissen müssenIch hät­te es wis­sen müs­sen” wird durch­ge­hend aus Toris Sicht geschrie­ben. Zu Beginn wirkt der Erzähl­stil noch etwas flap­sig und zum Teil jugend­sprach­lich, doch dann zieht die Geschich­te einen förm­lich in ihren Bann. Das Gespräch zwi­schen Andrew und Tori wird immer wie­der von gra­fisch auf­be­rei­te­ten Face­book-Aus­zü­gen unter­bro­chen. Die­se Aus­zü­ge zei­gen Gesprä­che zwi­schen Tori und einem Jun­gen namens Kevin, die gut mit­ein­an­der befreun­det waren. Dann tau­chen neue Freun­de in der Face­book-Ansicht auf, die über Kevin läs­tern. Tori ver­harm­lost das, steht nicht wirk­lich auf sei­ner Sei­te. Als Leser weiß man bereits: Kevin ist der Jun­ge, der sich das Leben genom­men hat. Der Jun­ge, den Tori sogar das ers­te Mal geküsst hat. Was ist seit­dem gesche­hen? Die Chat­aus­zü­ge fül­len die­se Lücken all­mäh­lich, auch wenn nicht expli­zit auf die Ursa­che des begin­nen­den Mob­bings ein­ge­gan­gen wird.
Und dann ist da noch die gro­ße Fra­ge der Schuld, die über dem Roman schwebt wie ein Damo­kles­schwert: “Ich mei­ne, nimm’s mir nicht übel”, sage ich, wäh­rend mir die Wut bren­nend heiß ins Gesicht steigt, “Aber vie­le Leu­te haben ein beschis­se­nes Leben und brin­gen sich trotz­dem nicht um. Es ist nicht die Schuld von jemand ande­rem, es ist ihre eige­ne Schuld. Oder? Fin­dest du nicht? Oder willst du wirk­lich sagen, dass es mei­ne Schuld ist, wenn du heu­te Nacht über die Klip­pe fährst?” (Zitat S.111) Tom Leveen Ich hätte es wissen müssenIst es Toris Schuld gewe­sen? Die der ande­ren, die angeb­lich gemei­ne­re Sachen getan oder gesagt haben? Hät­te sie Kevins Selbst­mord ver­hin­dern kön­nen? Hät­te Tori es wis­sen müs­sen? Der Titel des Romans “Ich hät­te es wis­sen müs­sen” ist daher geni­al gewählt, bereits auf Sei­te 30 taucht die­ser Satz auf, als das Mäd­chen den Hörer auf­legt, in der Annah­me es mit einem Spin­ner zu tun zu haben. Doch kann er auch auf den gan­zen Roman und die Schuld­fra­ge bezo­gen wer­den. Das eng­li­sche Cover (sie­he unten) muss ich sagen, gefällt mir noch einen Tick bes­ser, als das deut­sche. Fas­zi­nie­ren­der­wei­se zeigt Tom Leveen auf sei­ner Home­page noch ein ganz ande­res Cover, das wohl ursprüng­lich geplant war. Er ver­rät sei­nen Lesern eben­so zwei inter­es­san­te Din­ge: 1.die eige­ne Erfah­rung eines nächt­li­chen Tele­fo­nats hat ihn dazu ver­an­lasst die­se Geschich­te zu erzäh­len 2. anfäng­lich war Tori als eine männ­li­che Figur und Andrew als eine weib­li­che gedacht gewe­sen;-)

LesealternativenDie wohl bes­te Alter­na­ti­ve zu “Ich hät­te es wis­sen müs­sen” ist “Das wirst du bereu­en” von Aman­da Maciel. Hier wird die Haupt­per­son eben­falls von einer Mob­be­rin zu einer Gemobb­ten und muss sich mit ande­ren Jugend­li­chen vor Gericht stel­len, weil sie ein Mäd­chen in den Tod getrie­ben haben sol­len. “Umge­kehr­tes” Mob­bing fin­dest du auch in der Neu­erschei­nung Denk­zet­tel: Wenn dein Alb­traum wahr wird” von Daniël­le Bak­huis, in der eine Täte­rin zum Opfer wird. Ein nach­denk­lich machen­der Roman zum The­ma Schuld ist “Das haben wir nicht gewollt” von Paul Zin­del, einem moder­nen Klas­si­ker in der ame­ri­ka­ni­schen Jugend­li­te­ra­tur. Oder lies “Speech­less” von Han­nah Har­ring­ton, das ist eben­so eine echt gute Alter­na­ti­ve!

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-24931-8
Erscheinungsdatum: 27.Juli 2015
Einbandart: Broschur
Preis: 15,90€
Seitenzahl: 208
Übersetzer: Anja Hansen-Schmidt
Originaltitel: "Random"
Originalverlag: Simon Pulse

Amerikanisches Originalcover:
Tom Leveen Ich hätte es wissen müssen











Ursprünglich geplantes Cover:
Tom Leveen Ich hätte es wissen müssen











Interview mit Leonie Landa (Sprecherin des Hörbuchs):
 

Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Tom Leveen 

 

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