Tabitha Suzuma — Broken: Der Moment, in dem du fällst

Tabitha Suzuma Broken Der Moment, in dem du fällst15.März 2016

Die eng­li­sche Auto­rin Tab­i­tha Suzu­ma hat ein neu­es Buch geschrie­ben: “Bro­ken: Der Moment, in dem du fällst”. Nach ihrem Roman “For­bid­den: Wie kann sich etwas so Fal­sches so rich­tig anfüh­len?” (2012 nomi­niert für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis, über das Tabu­the­ma Inzest) nimmt sie sich erneut eines hef­ti­gen The­mas an: Miss­brauch. Die Geschich­te eines Jun­gen, der als Turm­sprin­ger für Olym­pia trai­niert und durch die­se schreck­li­che Tat, deren Opfer er wird, buch­stäb­lich zu zer­bre­chen droht. Ein wahn­sin­nig ergrei­fen­der, emo­tio­na­ler Roman, erzählt mit einer inten­si­ven, atmo­sphä­ri­schen Spra­che. Lese­tipp! Für Jugend­li­che ab 15 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Lon­don. Der 17-jäh­ri­ge Mat­héo ist einer der bes­ten Turm­sprin­ger des Lan­des. Er trai­niert flei­ßig, denn die eng­li­schen Meis­ter­schaf­ten in Brigh­ton ste­hen kurz bevor. Und nächs­tes Jahr erwar­tet ihn Olym­pia. Sein Trai­ner sieht gro­ßes Poten­ti­al in ihm. Pri­vat läuft bei ihm alles super. Er ist in der Eli­te­cli­que der Schu­le, ern­tet stets bewun­dern­de und aner­ken­nen­de Bli­cke und ist mit der attrak­ti­ven, aber boden­stän­di­gen Lola zusam­men. Sie stammt aus nicht gera­de ver­mö­gen­den Ver­hält­nis­sen, so wie Mat­hé­os Fami­lie, aber ihr Zuhau­se umgibt eine sehr herz­li­che und war­me Atmo­sphä­re. Ihre Mut­ter ist ver­stor­ben und ihr Vater Jer­ry ist zugleich ihr bes­ter Freund. Sie kom­po­nie­ren zusam­men Lie­der und für Mat­héo ist Jer­ry fast wie ein Vater, den er in die­ser Form nie hat­te. Denn für Mat­héo Fami­lie, ins­be­son­de­re sei­nen Vater, zäh­len vor allem gesell­schaft­li­ches Anse­hen, Erfolg undTabitha Suzuma Broken Der Moment, in dem du fällst Dis­zi­plin. Zärt­lich­kei­ten, lie­be­vol­le Für­sor­ge, so etwas gibt es in sei­ner Fami­lie nicht. Nur Tau­send Erwar­tun­gen und Leis­tungs­druck. Auch Mat­héo will die­sen Erfolg: “Es ist schon ein ganz beson­de­res Gefühl, wenn man in irgend­et­was der Bes­te ist. Und wenn du ein­mal der Bes­te bist, dann willst du es auch blei­ben. Du willst nicht, dass die­ses Gefühl ver­schwin­det.” (Zitat S.134) Doch dann will er es plötz­lich nicht mehr. Erfolg­reich sein. Nach die­ser Nacht in Brigh­ton, den eng­li­schen Meis­ter­schaf­ten, bei denen er die Gold­me­dail­le gewinnt. Etwas ist in die­ser Nacht, in der er mit den ande­ren fei­ern war und zu viel Alko­hol getrun­ken hat, pas­siert. Etwas, an das er sich nicht mehr erin­nert. Er wacht am nächs­ten Mor­gen in sei­nem Zim­mer Zuhau­se auf, wel­ches kom­plett ver­wüs­tet ist. Er hat Schram­men, Wun­den über­all und ihm ist, “als wür­de er durch eine zer­split­ter­te Wind­schutz­schei­be auf die Wirk­lich­keit bli­cken. […] Sei­ne Gedan­ken rasen, immer wie­der kehrt er zur ver­gan­ge­nen Nacht zurück, ver­sucht sei­nem Gedächt­nis zu ent­rei­ßen, was gesche­hen ist. Ver­ge­bens. Sze­nen blit­zen auf und ver­schwin­den. Erin­ne­run­gen stei­gen hoch und ver­schwim­men gleich dar­auf, flie­ßen inein­an­der wie Far­ben in einem abs­trak­ten Aqua­rell. Er sitzt in einem sich rasend schnell dre­hen­den Karus­sell, Gesich­ter, Far­ben, Lich­ter zucken an ihm vor­bei. Sein Leben fällt aus­ein­an­der, Fet­zen und Stü­cke flie­gen in die Dun­kel­heit davon.” (Zitat S.10) Mat­héo fühlt sich Tabitha Suzuma Broken Der Moment, in dem du fällstselt­sam leer. Taub gegen­über der Außen­welt. Als ob eine stump­fe Schei­be Glas zwi­schen ihnen und den ande­ren ist. Er ist trau­rig. Ver­zwei­felt. Und weiß nicht war­um. Auch sei­nen bes­ten Freun­den bleibt sein Stim­mungs­um­schwung nicht ver­bor­gen. Vor allem Lola, die sich Sor­gen um ihn macht und der er teil­wei­se aggres­siv und ableh­nend begeg­net, und es sich nicht erklä­ren kann. So jäm­mer­lich ist ihm zumu­te, dass er plötz­lich gar nicht begrei­fen kann, war­um die Welt sich nicht zu dre­hen auf­hört, war­um sie nicht mit ihm lei­det. Ver­zwei­felt ver­sucht er, wei­ter die lächeln­de Fas­sa­de auf­recht­zu­er­hal­ten, und gleich­zei­tig wür­de er sich am liebs­ten gegen eine der Schei­ben des Win­ter­gar­tens schmei­ßen, sich von der Haut zer­fet­zen las­sen, damit er end­lich auch äußer­lich so aus­sieht, wie er sich inner­lich fühlt.” (Zitat S.136ff) Doch irgend­wann kehrt die Erin­ne­rung lang­sam zu ihm zurück…

Tab­i­tha Suzu­mas größ­te Stär­ke ist die authen­ti­sche Schil­de­rung von Emo­tio­nen. Die gan­ze Brand­brei­te an Gefüh­len legt sie ihrem Prot­ago­nis­ten zu Füßen, aus des­sen Sicht der kom­plet­te Roman erzählt wird. Mat­hé­os sich ver­än­dern­des Ver­hal­ten, sei­ne inne­re Zer­ris­sen­heit, sei­ne wider­sprüch­li­chen Emp­fin­dun­gen wer­den mit solch einer gewal­ti­gen Inten­si­tät dar­ge­stellt, dass man sich kaum dage­gen erweh­ren kann, nicht buch­stäb­lich in den Sog der Geschich­te hin­ein­ge­zo­gen zu wer­den. Gepaart mit der her­vor­ra­gen­den Sprach­ge­wal­tig­keit ist dies ein ganz beson­de­res (lite­ra­ri­sches) Erleb­nis. Tabitha Suzuma Broken Der Moment, in dem du fällstDie Auto­rin ver­steht es vor allem sehr gut den Zustand von ins Unter­be­wusst­sein ver­dräng­ten Erin­ne­run­gen zu schil­dern. Der Leser befin­det sich wis­sens­tech­nisch mit Mat­héo lan­ge Zeit auf der­sel­ben Stu­fe: Ahnungs­los, ver­wirrt. Was ist in die­ser Nacht in Brigh­ton gesche­hen? Und spä­ter, als Mat­héo sich dann erin­nert, ent­hält er die­se Infor­ma­ti­on dem Leser vor. Das sorgt für Span­nung, grau­en­vol­les Erah­nen und schließ­lich erschüt­tern­de Gewiss­heit. Emp­feh­len wür­de ich “Bro­ken: Der Moment, in dem du fällst” vor allem rei­fe­ren Lesern und erst ab 15 Jah­ren. Die Pro­ble­ma­tik ist hef­tig und auch ero­ti­sche Sze­nen wer­den in unver­stell­ter Klar­heit beschrie­ben. Der Roman zeigt einen Men­schen, der dabei ist zu zer­bre­chen, der zer­bricht und nach einem gewal­ti­gen Kraft­akt erst wie­der lernt ins Leben zurück­zu­fin­den.

Fazit: Ein­dring­lich, echt und unvor­stell­bar ergrei­fend. Ein Meis­ter­werk der Emo­tio­nen!

Wenn dir “Bro­ken: Der Moment, in dem du fällst” gefal­len hat, dann lies unbe­dingt noch “For­bid­den: Wie kann sich etwas so Fal­sches so rich­tig anfüh­len?” lesen, das eben­so sehr Lesealternativenbewe­gend geschrie­ben ist. Eine sehr gute inhalt­li­che Alter­na­ti­ve ist “Aidan: Sün­de. Lüge. Lie­be. Mut.” von Bren­dan Kie­ly, in wel­chem der (in rei­chen Ver­hält­nis­sen leben­de) männ­li­che Prot­ago­nist eben­falls miss­braucht wird und sich dies zunächst nicht ein­ge­ste­hen mag. Letz­te­res trifft auch auf die Haupt­fi­gur in dem Roman “Scher­ben­mäd­chen” von Liz Coley zu. Miss­brauch im Jugend­buch, wel­cher aus der Sicht eines Jun­gen geschil­dert wird, gibt es — im Gegen­satz zu der Per­spek­ti­ve weib­li­cher Cha­rak­te­re — nur in über­schau­ba­rer Form: “Dane” von Nicho­las Bur­gess (ergrei­fend!), “Dunk­les Schwei­gen” von Rea­li­ty-Auto­rin Bri­git­te Blo­bel, “Wofür die Wor­te feh­len” von Caro­lin Phil­ipps und “Davids Ver­spre­chen” von Jür­gen Ban­sche­rus. Eine Auto­rin, die eben­so emo­tio­na­le Roma­ne schreibt und Stim­mun­gen sehr gut in Wor­te fas­sen kann, ist Loui­sa Reid. Lies von ihr “In dei­nem Licht und Schat­ten” (The­ma: Miss­brauch) oder Jeden Tag ein biss­chen mehr” (The­ma: psy­chi­sche Abhän­gig­keit).

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Oetinger
ISBN: 978-3-7891-4754-8
Erscheinungsdatum: 22.Februar 2016
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,99€
Seitenzahl: 384
Übersetzer: Bernadette Ott
Originaltitel: "Hurt"
Originalverlag: Random House Children's Books

Englisches Originalcover:
Tabitha Suzuma Broken Der Moment in dem du fällst












Englischer Trailer:
 

Kasimiras Bewertung:

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