Stefan Gemmel & Uwe Zissener — Befreiungsschlag

Stefan Gemmel & Uwe Zissener - Befreiungsschlag13.Feburar 2017

Für sei­nen aktu­el­len Roman “Befrei­ungs­schlag” hat sich der deut­sche Autor und Bun­des­ver­dienst­kreuz­trä­ger (für lite­ra­ri­sche Nach­wuchs­för­de­rung) Ste­fan Gemmel den Diplom­so­zi­al­ar­bei­ter und Anti-Gewalt-Trai­ner Uwe Zis­sener mit ins Boot geholt und ein Buch über ein wich­ti­ges The­ma geschrie­ben: Jugend­ge­walt und der Man­gel an Empa­thie. Ver­bun­den mit einem Anti-Gewalt-Trai­ning, das die letz­te Chan­ce für einen Jun­gen vor dem Gefäng­nis ist. Äußerst flott und inter­es­sant erzählt. Ein tol­les Buch für Jungs! Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Der 17-jäh­ri­ge Maik hat Mist gebaut. Mal wie­der. Zu vie­le Prü­ge­lei­en, zu vie­le Fehl­zei­ten bei sei­ner Berufs­för­de­rungs­maß­nah­me, kei­ne Lust auf irgend­et­was, am liebs­ten mit sei­nen Freun­den abhän­gen, das kenn­zeich­net sein Leben. Doch nach sei­ner letz­ten Prü­ge­lei, die etwas eska­liert ist, fin­det er sich nun vor Gericht wie­der: “Aus den Augen­win­keln her­aus erkann­te Maik, wie sein Ver­tei­di­ger neben ihm zusam­men­zuck­te. Er selbst stand völ­lig unge­rührt an sei­nem Platz. Die Wor­te der Rich­te­rin zogen an ihm vor­bei. So wie frü­her die immer wie­der­keh­ren­den Sprü­che sei­ner Leh­rer oder heu­te die Päd­ago­gen in der sinn­lo­sen Berufs­för­de­rungs­maß­nah­me und natür­lich auch die sei­ner Mut­ter und sei­nes Groß­va­ters.” (Zitat S.6) Das Urteil der Rich­te­rin: er bekommt drei Jah­re Bewäh­rung; darf sich drei Jah­re lang nichts zuschul­den kom­men las­sen, sonst lan­det Maik für andert­halb Jah­re im Gefäng­nis! Dazu 80 Sozi­alstun­den und die ver­bind­li­che Teil­nah­me an einem ATG, einem Anti-Gewalt-Trai­ning. “Natür­lich hat­te er nicht vor, die­se Sozi­alstun­den abzu­leis­ten. Und auf die­ses — wie nann­te die Lynch das noch — Anti­ge­walt-Trai­ning hat­te er auch kei­nen Bock. Er wuss­te zwar nicht, was das war, aber sicher­lich wie­der nur so päd­ago­gisStefan Gemmel & Uwe Zissener - Befreiungsschlagch schwach­sin­ni­ges Gela­ber. Was hat­te das mit ihm zu tun? Was soll­te der Scheiß brin­gen? (Zitat S.9) Fünf­und­zwan­zig Mal fin­det das Tref­fen statt, jede Woche vier Stun­den. Am liebs­ten wür­de Maik sich da auch krank­schrei­ben las­sen, so wie er das manch­mal bei den Sozi­alstun­den macht. Doch er bekommt immer mehr Druck von außen. Sei­ne Freun­din Julia, die sich immer mehr von ihm abwen­det: “Ich kann nur mit jeman­dem fest zusam­men sein, der mir Sicher­heit gibt”, hat­te sie vor eini­ger Zeit zu ihm gesagt. […] Maik schüt­tel­te den Kopf. Auch sie ver­stand ihn ein­fach nicht. Mehr Sicher­heit als er konn­te ihr nie­mand bie­ten. Maik wür­de jedem, der Julia auch nur schief ansah, den Kie­fer bre­chen. Mehr Sicher­heit ging doch gar nicht.” (Zitat S.18) Auch sein Groß­va­ter liegt ihm mit sei­nen stän­di­gen Vor­wür­fen in den Ohren: “Für dich ist das eben nur ein ein­zi­ges Spiel, oder? Aber ist dir mal auf­ge­fal­len, dass du stän­dig ver­lierst? Wenn ich sehe, wie die meis­ten dei­ner Alters­ge­nos­sen im Leben vor­an­kom­men. Sie alle wür­feln dau­ernd Sech­sen und hüp­fen die Kar­rie­re­lei­ter hin­auf, wäh­rend du eine Eins nach der ande­ren wür­felst. Falls du über­haupt mal einen Wür­fel in die Hand nimmst!” (Zitat S.41) Als auch sei­ne Mut­ter ihn mit Wor­ten scho­ckiert, die er so von ihr noch nie gehört hat (“Maik, das AGT ziehst du durch. Klar? Ein­mal im Leben bringst du was zu Ende. […] Zeig mir ein­mal nur — ein ein­zi­ges Mal -, dass ich kei­nen Schwäch­ling und Feig­ling groß­ge­zo­gen habe!” (Zitat S.42)), da beschließt er tat­säch­lich sich auf die­ses AGT ein­zu­las­sen. Und ist über­rascht, als er fest­stellt, dass ihn dort etwas ganz ande­res erwar­tet, als er sich vor­ge­stellt hat. Ein respekt­vol­les und wert­schät­zen­des Ver­hal­ten sei­ner bei­den Trai­ner…

Stefan Gemmel & Uwe Zissener - BefreiungsschlagBefrei­ungs­schlag” ist in einer äußerst flüs­si­gen und flott erzähl­ten Spra­che geschrie­ben. Lan­ge­wei­le? Fehl­an­zei­ge! Man kommt gut hin­ein in die Geschich­te, die durch­gän­gig in der per­so­na­len Sicht­wei­se aus Maiks Per­spek­ti­ve erzählt wird. Zu Beginn staunt man noch über des­sen Egal-Hal­tung, des­sen Locker­heit: “Er ver­such­te ein inter­es­sier­tes Gesicht zu machen, doch es fiel ihm schwer. Das, was da vorn am Rich­ter­tisch gespro­chen wur­de, woll­te er gar nicht hören. Das kam von Leu­ten, die kei­ne Ahnung von sei­nem Leben hat­ten. […] …gleich wür­de die­se Rich­te­rin wohl ihr dum­mes Gela­ber been­den und Maik käme end­lich hier raus. Und dar­auf kam es doch letzt­end­lich an: Raus hier!” (Zitat S.6ff) Selbst als sei­ne Freun­din von sei­nem Gerichts­ur­teil erfährt und davon­läuft, kann er das nicht nach­voll­zie­hen: “Maik starr­te ihr hin­ter­her. “Was hat sie denn? Bewäh­rung hat doch fast jeder von uns.” Alex schüt­tel­te den Kopf. “Aber kei­ne drei Jah­re. Mensch, Maik, du bist gera­de sieb­zehn. So ein Urteil, das ist schon hef­tig.” “Da winkt schon fast der Knast…” (Zitat S.13) Sogar als sei­ne Mut­ter und sein Groß­va­ter ihm das schrift­li­che, vier­sei­ti­ge Urteil zu lesen geben, erschreckt es, mit was für einer Distanz er die­ses wahr­nimmt: “Schwei­gend sahen sie Maik zu, wie er die Zei­len in sich auf­nahm. Doch es berühr­te ihn kaum, was er da las. Es war inter­es­sant, den gesam­ten Abend ein­mal so detail­liert nach­zu­le­sen, aber Maik kam es eher vor, als lese er einen Kri­mi. Eine Kurz­ge­schich­te, die sich jemand erdacht hat­te.” (Zitat S.37) Ste­fan Gemmel hat ein wich­ti­ges The­ma in sei­nem Jugend­buch auf­ge­grif­fen: der Empa­thie­ver­lust von Jugend­li­chen. Stefan Gemmel & Uwe Zissener - BefreiungsschlagDie feh­len­de Fähig­keit Ver­ant­wor­tung für sei­ne Taten zu über­neh­men. Sie über­haupt zu reflek­tie­ren. Wie geht man in der Gesell­schaft mit sol­chen Jugend­li­chen um? Wie kann man sie zum Nach­den­ken bewe­gen? Gera­de als Schul­lek­tü­re eig­net sich das Buch her­vor­ra­gend! Und es ist sehr authen­tisch geschrie­ben, da es zum Teil auf Erfah­run­gen beruht, die der Autor gesam­melt hat, als er Uwe Zis­sener ein Jahr lang bei des­sen Arbeit mit Jugend­li­chen auf einem Anti-Gewalt-Trai­ning beglei­te­te. Die Metho­den, die dort ange­wandt wer­den, die in den Roman ein­ge­baut wur­den, sind fas­zi­nie­rend und inter­es­sant und ver­än­dern Maik und die ande­ren Teil­neh­mer nach­hal­tig. Zudem wird der Ursa­che von Gewalt im Leben des Jun­gen nach­ge­gan­gen, indem er sich immer wie­der an Gescheh­nis­se aus sei­ne Kind­heit zurück­er­in­nert. Das Ende ist posi­tiv und fast ein biss­chen pathe­tisch, zeigt eine Wand­lung der Haupt­fi­gur.

Ste­fan Gemmel hat noch ande­re Jugend­bü­cher geschrie­ben: “Sichel­mond” und die “Schat­ten­grei­fer”-Tri­lo­gie (Band 1: “Die Zei­ten­seg­ler”, BLesealternativenand 2: “Der Zei­ten­herr­scher”, Band 3: Die Zei­ten­fes­tung”). In einem besonderen Auf­fang­pro­gramm lan­den auch drei Jugend­li­chen in Mel­vin Bur­gess’ bril­lant erzähl­tem “Kill all enemies”, in dem eben­falls ein Mäd­chen nur mit Gewalt ihre Pro­ble­me zu lösen ver­sucht. Wenn dich das The­ma Gewalt inter­es­siert, dann kannst du noch fol­gen­de Bücher lesen: “Evil” von Jan Guill­ou (fast schon ein Klas­si­ker; wie man auf klu­ge Art und Wei­se mit Gewalt umgeht), “Dreck­stück” von Clé­men­ti­ne Beau­vais (in dem ein paar Jugend­li­che ein­fach aus Lan­ge­wei­le ein Mäd­chen ent­füh­ren) und Die ver­git­ter­te Welt: Mit 16 im Knast” von Jana Frey (inhalt­lich auch sehr pas­send zu “Befrei­ungs­schlag”).

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Arena
ISBN: 978-3-401-50952-5
Erscheinungsdatum: 6.Januar 2017
Einbandart: Broschur
Preis: 9,99€ 
Seitenzahl: 240 
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw 110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw

(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

Dir gefällt die­ser Bei­trag? Dann abon­nie­re “Kasi­mi­ra” ein­fach
und erhal­te eine E-Mail
sobald ein neu­er Bei­trag erscheint!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.