Sharon E. McKay — Die letzte Haltestelle

Sharon E. McKay Die letzte Haltestelle28.April 2017

Die letz­te Hal­te­stel­le” von der kana­di­schen Auto­rin Sharon E. McK­ay ist ein his­to­ri­scher Roman, der wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs in den Nie­der­lan­den spielt. Eine Geschich­te über ein jüdi­sches Mäd­chen auf der Flucht, zwei uner­war­tet muti­ge Brü­der, Zivil­cou­ra­ge und Mensch­lich­keit in Zei­ten des Schre­ckens. Ver­se­hen mit vie­len Zeich­nun­gen. Bewe­gend und alters­ge­recht für Kin­der ab 9 Jah­ren erzählt.

1942. In den Nie­der­lan­den. Die 6-jäh­ri­ge Bea­trix ist auf der Flucht mit ihrer Mut­ter. Die bei­den sind Juden und haben es seit der Beset­zung der Deut­schen äußerst schwer, denn “Die Natio­nal­so­zia­lis­ten hass­ten vor allem die Juden. Die Nazis glaub­ten, die Juden trü­gen die Schuld am gro­ßen Unglück der Welt.” (Zitat aus “Die letz­te Hal­te­stel­le” S.20) Jetzt hat Bea­trix’ Mut­ter einen Tipp bekom­men, wer ihre Toch­ter bei sich auf­neh­men und schüt­zen kön­ne. Sie müs­sen nur ein paar Häu­ser­blocks weit lau­fen und fünf Hal­te­stel­len mit der Stra­ßen­bahn fah­ren. Dort erwar­tet sie eine Frau mit grü­nem Hut, die Bea­trix in Sicher­heit brin­gen soll. Doch die Mut­ter erreicht die­se Hal­te­stel­le nie. Denn ein Sol­dat steigt unter­wegs zu und kon­trol­liert die Papie­re der Insas­sen. Bea­trix’ Mut­ter nimmt er gleich mit, als er sieht, dass sie Jüdin ist. Ehe er das Kind eben­falls auf­for­dern kann mit ihm zu kom­men und abzu­trans­por­tie­ren, mischt sich uner­war­tet ein Sharon E. McKay Die letzte HaltestelleMann ein. Es ist der älte­re Lars, der Fahr­kar­ten­kon­trol­leur, der sich mit sei­nem Bru­der Hans zusam­men in der Stra­ßen­bahn befin­det. Letz­te­rer ist der Fah­rer jener Bahn. “Das Kind gehört nicht zu der Frau. Es gehört zu…” Er ver­stumm­te. Der Sol­dat hielt inne. Hans, der immer noch am Steu­er saß, warf einen Blick in den Rück­spie­gel. Er konn­te sehen, wie sich die Lip­pen sei­nes Bru­ders beweg­ten. “Sie gehört zu mir. Sie ist mei­ne Nich­te.” Lars’ Stim­me brach. Hans’ Lip­pen form­ten ein stum­mes “Oh”.” (Zitat S.30) Und obwohl ihnen nicht wirk­lich jemand glaubt, ent­fernt sich der Sol­dat auf­grund eines Tumults außer­halb der Stra­ßen­bahn und lässt das Kind zurück. Ahnungs­los, was die bei­den Män­ner mit dem Kind nun machen sol­len, brin­gen sie es zu ihrer Nach­ba­rin und engs­ten Freun­din ihrer ver­stor­be­nen Mut­ter. Die­se erfasst die Situa­ti­on sofort und will das Kind aber nicht selbst auf­neh­men, son­dern über­lässt dies den über­rasch­ten Brü­dern: “Hans und Lars starr­ten die Frau mit auf­ge­ris­se­nen Augen an. Sie hät­ten gar nicht ver­wirr­ter sein kön­nen. Sie waren gute Men­schen, freund­li­che Men­schen, aber nichts in ihrem Leben hat­te sie auf die Auf­ga­be vor­be­rei­tet, sich um ein Kind zu küm­mern…” (Zitat S.51) Wie sol­len die bei­den das nur schaf­fen? Vor allem da sie sich auf kei­nen Fall erwi­schen las­sen dür­fen…?

Sharon E. McKay Die letzte HaltestelleDie letz­te Hal­te­stel­le” ist in der Sicht eines all­wis­sen­den Erzäh­lers geschrie­ben, der sich mal in die eine Per­spek­ti­ve, mal in die ande­re hin­ein­ver­setzt. Die Spra­che ist sehr ein­fach und die Inhal­te, auch die geschicht­li­chen Hin­ter­grün­de, wer­den sehr kind­ge­recht und anschau­lich erklärt. Vor allem die lie­be­voll ange­fer­tig­ten Zeich­nun­gen von Timo Gru­bing — man­che sogar in einem Comic­stil — tra­gen zu einem bes­se­ren Ver­ständ­nis bei. Beson­ders Lars und Hans sind zwei äußerst lie­bens­wer­te, fast etwas drol­lig wir­ken­de Cha­rak­te­re“Hans und Lars Gor­ter waren Brü­der. Hans war klein und rund — eiför­mig, genau­er gesagt. Lars war groß und dünn wie ein Stock oder viel­leicht wie eine Heu­schre­cke. Ihr Alters­un­ter­schied betrug zwei Jah­re. Hans mit sei­nen fünf­und­sech­zig Jah­ren war der Älte­re, Lars mit drei­und­sech­zig der Jün­ge­re. Kei­ner von bei­den hat­te je gehei­ra­tet. Sie hat­ten bei ihrer Mut­ter gewohnt, bis die­se vor zehn Jah­ren ver­stor­ben war.” (Zitat S.10) Ihre Ver­su­che sich um Bea­trix zu küm­mern, lesen sich teil­wei­se mit einer gewis­sen Iro­nie: “Sie schlos­sen die Türe hin­ter sich. Das war gar nicht so schwie­rig gewe­sen. War­um mach­ten die Leu­te so viel Auf­he­bens um das Groß­zie­hen von Kin­dern? Man muss­te ihnen doch nur zu essen geben, etwas zum Anzie­hen für sie auf­trei­ben, ein Sharon E. McKay Die letzte Haltestellebiss­chen auf Ein­zel­hei­ten wie Haare­bürs­ten und Zäh­ne­put­zen ach­ten und sie ins Bett brin­gen.” (Zitat S.68) Der Roman ver­mit­telt auf sehr sen­si­ble Wei­se — auch wenn die tra­gi­schen Umstän­de des Kriegs natür­lich nicht gänz­lich unter den Tisch gekehrt wer­den kön­nen — wie wich­tig es ist in den schlimms­ten Zei­ten Mit­ge­fühl und Mensch­lich­keit zu bewei­sen und Zivil­cou­ra­ge zu zei­gen. Gera­de der ers­te Satz des Buches rückt die­sen Sach­ver­halt deut­lich in den Vor­der­grund: “Heu­te hören Kin­der häu­fig den Satz: “Geh nicht mit Frem­den mit.” Vor gar nicht all­zu lan­ger Zeit jedoch gal­ten Frem­de als Ret­ter. Im 2. Welt­krieg, als die Deut­schen fast ganz Euro­pa besetzt hat­ten, wur­den sehr vie­le Kin­der in die Obhut von Frem­den gege­ben — um sie zu schüt­zen.” (Zitat S.3) Das Kin­der­buch war­tet mit einem guten Ende auf und im Nach­wort fin­den sich noch wei­te­re Fak­ten und Infor­ma­tio­nen über jene Zeit in den Nie­der­lan­den.

Wenn dir “Die letz­te Hal­te­stel­le” gut gefal­len hat, könn­te auch “Krieg und Freund­schaft” von Dolf Ver­ro­en etwas für dich sein, wel­ches eben­falls in den Nie­der­lan­den wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs spielt und diLesealternativene Geschich­te eines Jun­gen erzählt und die gro­ße Hilfs­be­reit­schaft der Nie­der­län­der ver­deut­licht. Eine sehr schö­ne Lese­al­ter­na­ti­ve für 10-jäh­ri­ge ist Flü­gel aus Papier” von dem pol­ni­schen Auto­ren Mar­cin Szc­zy­gie­lski, hier spie­len Freund­schaft und Mensch­lich­keit eben­so eine gro­ße Rol­le. Oder lies den (fast schon moder­nen) Klas­si­ker “Der Jun­ge im gestreif­ten Pyja­ma” von John Boy­ne (ab 12), über eine beson­de­re Freund­schaft wäh­rend des Krie­ges. Ein Klas­si­ker ist natür­lich zu die­sem The­ma auch das “Tage­buch der Anne Frank” (ab 14). Zwei ande­re Roma­ne, die in den Nie­der­lan­den zur Zeit des Zwei­ten Welt­kriegs spie­len, sind “Kriegs­win­ter” von Jan Ter­louw (in wel­chem ein nie­der­län­di­scher Jun­ge in den Wider­stand hin­ein­ge­rät, ab 14) und “Und im Fens­ter der Him­mel” von Johan­na Reiss (in dem zwei jüdi­sche Schwes­tern in gro­ße Gefahr gera­ten, ab 14). Eine Über­sicht über Rezen­sio­nen ande­rer his­to­ri­scher Roma­ne fin­dest du hier. Sehr bewe­gend fand ich auch “Win­ter­pfer­de” von Phi­lip Kerr, das ein jun­ges, jüdi­sches Mäd­chen auf der Flucht mit zwei Wild­pfer­den beglei­tet (ab 14). 

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: cbj
ISBN: 978-3-570-17250-6
Erscheinungsdatum: 27.März 2017
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,99€ 
Seitenzahl: 176 
Übersetzer: Bettina Obrecht
Originaltitel: "The end of the line" 
Originalverlag: Annick Press

Kanadisches Originalcover: 
Sharon E. McKay Die letzte Haltestelle

Kasimiras Bewertung:

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Kanadisches Cover: Homepage von Sharon E. McKay
Die Abbildungen stammen aus "Die letzte Haltestelle" und wurden abfotografiert

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