Sarah Darer Littman — Die Welt wär besser ohne dich

Sarah Darer Littman Die Welt wär besser ohne dich24.Januar 2016

Die ame­ri­ka­ni­sche Auto­rin Sarah Darer Litt­man hat mit “Die Welt wär bes­ser ohne dich” einen Roman geschrie­ben, der an die Sub­stanz geht. Eine Geschich­te über Cyber­mob­bing und des­sen Fol­gen, Eifer­sucht und Freund­schaft. Wahn­sin­nig authen­tisch und sehr bewe­gend geschrie­ben. Ein Buch, das man so schnell nicht ver­ges­sen wird! Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Syd­ney hat ein wich­ti­ges Vor­spre­chen in der Schu­le vor sich. Sie will eine Haupt­rol­le in “Die Schö­ne und das Biest” ergat­tern und ihre ner­vi­ge, älte­re Schwes­ter Lara blo­ckiert mal wie­der das Bad! Schon seit vier­zig Minu­ten hat sie sich dar­in ein­ge­schlos­sen. Auch ihre Mut­ter ist Syd­ney nicht wirk­lich eine Hil­fe. Sie, die Mit­glied des Stadt­rats ist und vor einer wich­ti­gen Wahl steht, möch­te lie­ber unge­stört arbei­ten, als sich in die Strei­te­rei­en zwi­schen Syd­ney und Lara ein­zu­mi­schen. Also häm­mert Syd­ney noch ein­mal wütend an die Bade­zim­mer­tü­re. “In die­sem Moment mel­det sich das ers­te lei­se Unbe­ha­gen, ein mul­mi­ges Gefühl, dass heu­te irgend­et­was anders ist. […] Doch es ist nicht die ver­schlos­se­ne Türe, die mich beun­ru­higt. Lara schließt sich immer im Bade­zim­mer ein. Es ist die Stil­le. Die Tat­sa­che, dass sie mich nicht durch die Tür hin­durch anschreit. “Lara?” Mei­ne wach­sen­de Sor­ge ver­drängt die Wut. “Ist alles okay bei dir?” Nichts. Nicht mal das kleins­te plät­schern­de Geräusch. Mit einem Anflug von Panik has­te ich die Trep­pe hin­un­ter und stol­pe­re fast auf den letz­ten Stu­fen. “Mum — ich glau­be, mit Lara stimmt etwas nicht”! (Zitat aus “Die Welt wär bes­ser ohne dich” S.12). Und tat­säch­lich, Syd­neys Schwes­ter, die vor eini­ger Zeit unter Depres­sio­nen litt, liegt bewusst­los und mit einer Rei­he lee­ren Pil­len­do­sen in der Bade­wan­ne, was Poli­zei und Ret­tungs­sa­ni­tä­ter her­aus­fin­den, als sie die Türe öff­nen. Lara wird ins Kran­ken­haus gebracht.
DSarah Darer Littman Die Welt wär besser ohne dichie lau­ten Sire­nen haben auch die Nach­bars­kin­der Bree und Liam dar­auf auf­merk­sam wer­den las­sen. Ihre Fami­li­en waren frü­her eng mit­ein­an­der befreun­det. “Eine Zeit lang war sie [Lara] ziem­lich durch den Wind. Da waren wir noch in der Midd­le School. Ihre Eltern haben das nicht an die gro­ße Glo­cke gehängt, des­halb weiß fast nie­mand davon. Laras Mut­ter ist doch Poli­ti­ke­rin. Aber ich weiß es, denn wir waren mal die bes­ten Freun­din­nen. Vor allem ihr stän­di­ges Gejam­mer hat dazu geführt, dass wir es nicht mehr sind.” (Zitat S.17) Obwohl ihre Mut­ter es Bree und Liam ver­bo­ten hat, gehen sie nach drau­ßen und Bree schießt mit ihrem Han­dy sogar ein Foto von der bewusst­lo­sen Lara, die gera­de abtrans­por­tiert wird. Sie lädt es auf Face­book hoch. Das gefällt vor allem Liam nicht, der frü­her eben­falls mit Syd­ney befreun­det war und nur des­halb ihre Freund­schaft hat aus­lau­fen las­sen, weil sich Jungs aus sei­ner Klas­se dar­über lus­tig gemacht haben. Doch jetzt will er wis­sen, wie es Syd­ney und ihrer Schwes­ter geht. Und er will wis­sen, was pas­siert ist…

Die Welt wär bes­ser ohne dich” beginnt mit einem Pro­log aus Laras Sicht, in dem sie meh­re­re öffent­li­che Ein­trä­ge eines Jun­gen auf ihrer Face­book-Pinn­wand liest. Mit ihm — Chris­ti­an — hat sie seit län­ge­rer Zeit online gechat­tet. In ihn hat sie sich ver­liebt, obwohl sie ihn noch nie getrof­fen hat. Und plötz­lich schreibt er die schlimms­ten Sachen über sie: “Du bist so ätzend. Du bist eine mie­se Freun­din. […] Du bist so eine Lose­rin. Die Welt wär bes­ser ohne dich.” (Zitat S.9/10). Das Mäd­chen ist völ­lig fas­sungs­los. Doch als sie ihm ant­wor­ten will, merkt sie, dass er ihren Kon­takt blo­ckiert hat. Dar­an schließt die Per­spek­ti­ve von Syd­ney an, die end­lich ins Bade­zim­mer möch­te und letzt­end­lich auf eine bewusst­lo­se Lara stößt. Der Roman glie­dert sich in meh­re­re Tei­le auf. Teil eins ist die Gegen­wart und umfasst Laras Sui­zid­ver­such und die unmit­tel­ba­ren Fol­gen dar­auf. Ihre Ein­lie­fe­rung in eine Kli­nik und ihr Wei­ter­le­ben zu Hau­se. Teil zwei beginnt zwei­ein­halb Mona­te vor­her und erklärt, wie es zu die­sen Aus­sa­gen Chris­ti­ans kom­men konn­te. Sarah Darer Littman Die Welt wär besser ohne dich “Die Welt wär bes­ser ohne dich” berich­tet jedoch nicht nur aus Syd­neys und Laras Sicht, son­dern lässt auch die Geschwis­ter Bree und Liam zu Wort kom­men. Die­se Per­spek­ti­ven las­sen ein sehr umfas­sen­des Bild ent­ste­hen und sor­gen vor allem im zwei­ten Teil für eine uner­war­te­te Über­ra­schung. Was mir sehr gut an dem Roman gefal­len hat, ist die Authen­ti­zi­tät der Prot­ago­nis­ten, allen vor­an den Schwes­tern Lara und Syd­ney und ihrer Fami­lie. Syd­neys zwie­späl­ti­gen Gefüh­le ihrer Schwes­ter wer­den beson­ders deut­lich her­vor­ge­ho­ben. Einer­seits hat sie es satt, dass Lara immer im Mit­tel­punkt steht und mit Samt­hand­schu­hen ange­fasst wird und sie immer zurück­ste­cken muss: “Lara! Wach auf”, schreie ich plötz­lich. Ich habe es satt, zu war­ten, ich habe Lara satt, ich habe alles und jeden satt. Ich bin sau­er, weil ich das Vor­spre­chen mor­gen bestimmt ver­pas­sen wer­de — nur wegen mei­ner Schwes­ter und ihren end­lo­sen Kri­sen.” (Zitat S.31) Ande­rer­seits fühlt sie sich wie “die schlimms­te Schwes­ter der Welt (Zitat S.63) und ist sich ihrer ego­is­ti­schen Ver­hal­tens­wei­sen bewusst. Die­se Zer­ris­sen­heit beob­ach­tet Syd­ney auch bei ihrer Mut­ter: “Sie erwi­dert mei­ne Umar­mung und ich atme den Duft ihres Par­füms ein, das sie immer trägt. Selbst wenn Lara in Stü­cke zer­fällt — Mum wür­de trotz­dem Make-up auf­le­gen und sich anzie­hen, als wäre sie auf dem Weg zu einem Foto­ter­min. Viel­leicht ist das der Kle­ber, den sie benutzt, um sich selbst zusam­men­zu­hal­ten.” (Zitat S.72) Womit ersicht­lich wird, dass jeder anders mit Laras Tat umgeht. Der Vater bei­spiels­wei­se hat es sich in einem per­sön­li­chen Rache­feld­zug zur Auf­ga­be gemacht in umfang­rei­chen Tabel­len zu erfas­sen, wer auf Chris­ti­ans Aus­sa­gen wie reagiert hat, da es Leu­te gab, die geschrie­ben haben, war­um sich Lara nicht ein­fach umbringt. Auch auf Brees hoch­ge­la­de­ne Fotos wur­de eini­ges gepos­tet. Schimpf­wör­ter einer leid­vol­len Ver­gan­gen­heit kamen wie­der ans Tages­licht, als Lara noch etwas kräf­ti­ger war und “Spe­cki” und “Spe­ckisau­rus” genannt wur­de. Sarah Darer Littman Die Welt wär besser ohne dichDie Gefähr­lich­keit von Cyber­mob­bing tritt in aller Deut­lich­keit her­vor. Es ist erschre­ckend zu lesen, was Wor­te aus­rich­ten kön­nen, wenn sie in einer vir­tu­el­len Welt geschrie­ben wer­den und das Leben eines jun­gen Men­schen so dras­tisch ver­än­dern kön­nen. Das wird sogar Syd­ney bewusst: “Ich schal­te mein Han­dy aus. […] Ich will nichts mehr von die­ser wider­li­chen, gemei­nen, geis­tes­kran­ken Welt wis­sen. Und plötz­lich ver­ste­he ich, war­um Lara es getan hat. Es ist nicht ein­fach, Laras Schwes­ter zu sein. Wäre sie nur eine Mit­schü­le­rin, wäre ich wahr­schein­lich nicht mit ihr befreun­det. Aber sie ist mei­ne Schwes­ter. Und nie­mand, nie­mand, Schwes­ter oder nicht, ver­dient, was da gera­de mit ihr auf Face­book pas­siert.” (Zitat S.49) Der Roman liest sich durch­ge­hend span­nend und lässt kaum einen ruhi­gen Moment zu. Er for­dert sei­ne Leser dazu auf, sich auch mit unbe­que­men Wahr­hei­ten aus­ein­an­der­zu­set­zen und bei­spielswie­se sein eige­nes Online-Ver­hal­ten unter die Lupe zu neh­men. Das Ende ist rea­lis­tisch und macht nach­denk­lich.

Ide­al auch als Schul­lek­tü­re bezie­hungs­wei­se für eine Buch­vor­stel­lung!

LesealternativenDie zwei bes­ten Alter­na­ti­ven zu “Die Welt wär bes­ser ohne dich” sind “Denk­zet­tel: Wenn dein Alp­traum Wirk­lich­keit wird” von Daniël­le Bak­huis und Das wirst du bereu­en” von Aman­da Maciel, vor allem hin­sicht­lich der Wech­sel von Täter zu Opfer. Mit den The­men Schuld, Sui­zid und Mob­bing setzt sich eben­so die Neu­heit Ich hät­te es wis­sen müs­sen” von Tom Leveen aus­ein­an­der. Oder lies “This song will save your life” von Lei­la Sales (Mob­bing, Sui­zid). Spe­zi­ell Cyber­mob­bing fin­dest du in dem span­nen­den Roman “Weil es nie auf­hört” von Man­fred Thei­sen. Sarah Darer Litt­man hat übri­gens noch ein ande­res Buch geschrie­ben, wel­ches ins Deut­sche über­setzt wur­de: “Sag, dass du nur mir gehörst”.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Ravensburger
ISBN: 978-3-473-40135-2
Erscheinungsdatum: 
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,99€
Seitenzahl: 
Übersetzer: Franziska Jaekel
Originaltitel: "Backlash"
Originalverlag: Scholastic

Amerikanisches Originalcover:
Sarah Darer Littman Die Welt wär besser ohne dich

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 möglichen Punkten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Sarah Darer Littman

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