Sara Lövestam — Wie ein Himmel voller Seehunde

Sara Lövestam Wie ein Himmel voller Seehunde20.Juni 2017

Wie ein Him­mel vol­ler See­hun­de” von der schwe­di­schen Auto­rin Sara Löves­tam ist ein Roman der lei­sen Töne. Die Geschich­te eines Som­mers und die einer zar­ten Lie­be zwi­schen zwei Mäd­chen. Behut­sam und fein­füh­lig erzählt. Die idea­le Feri­en­lek­tü­re. Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Auf der Fäh­re zur Schä­ren­in­sel, auf der bei­de ihren Som­mer ver­brin­gen wer­den, begeg­nen sich ihre Bli­cke das ers­te Mal. Neh­men sich die bei­den Mäd­chen das ers­te Mal wahr. Beob­ach­ten ein­an­der heim­lich. Anna und Lopp­an, die von allen aber nur Lol­lo genannt wird. Letz­te­re, die 15 Jah­re alt ist und aus rei­chen Ver­hält­nis­sen stammt, hat auf den Urlaub auf der Insel über­haupt kei­nen Bock. Sie fühlt sich von allem pro­vo­ziert und ihre Eltern (beson­ders ihre Mut­ter) ner­ven sie: “Die bei­den sind wie zwei pene­tran­te Mücken. Zwei, die unab­läs­sig und nerv­tö­tend durch ein dunk­les Schlaf­zim­mer sur­ren und sich nicht die Boh­ne dar­um sche­ren, wie man selbst sich dabei fühlt. Man kann von Glück reden, dass sie einem nicht auch noch das Blut aus­sau­gen.” (Zitat S.51) Das schi­cke Som­mer­haus mit der Hol­ly­wood­schau­kel und dem rie­sen­gro­ßem Grund­stück und dem per­fekt getrimm­ten Rasen kommt ihr eher vor wie ein Gefäng­nis. Anna hin­ge­gen magSara Lövestam Wie ein Himmel voller Seehundedie Som­mer auf der Schä­ren­in­sel. Jedes Jahr fährt sie mit ihrer Fami­lie dort­hin, auch wenn davon jetzt nur noch ihr Vater übrig geblie­ben ist (ihre Mut­ter ist gestor­ben und ihr älte­rer Bru­der fährt nicht mehr mit). Das Häus­chen, das ihnen gehört, ist sehr klein. Küche und Schlaf­zim­mer befin­den sich in einem Raum, es gibt kei­nen Strom und das Dach ist undicht, das ihr Vater — der ger­ne mal einen über den Durst trinkt — zu repa­rie­ren ver­sucht. Neben ihrem Haus befin­det sich die “Höl­le”, eine Sen­ke, in der Schrott abge­la­den wird. Trotz allem nen­nen Anna und ihr Vater es das “Para­dies”. Zudem haben sie noch ein klei­nes Boot, in dem jedes Jahr das Was­ser steht, mit dem sie aufs Meer raus­fah­ren und Fische fan­gen. Als Anna dies eines Abends allei­ne macht, beglei­tet Lol­lo sie spon­tan. Dies wird nur das ers­te der bei­den Tref­fen zwi­schen den Mäd­chen sein, die all­mäh­lich bei­de — auch wenn sie es sich zunächst noch nicht ein­ge­ste­hen wol­len — Gefüh­le für­ein­an­der ent­wi­ckeln…

Sara Lövestam Wie ein Himmel voller SeehundeDer Ein­stieg in “Wie ein Him­mel vol­ler See­hun­de” hat mir sehr gut gefal­len. Die glas­kla­re Spra­che, die atmo­sphä­ri­schen Beschrei­bun­gen und die leicht süf­fi­san­te Iro­nie ganz zu Beginn, als Anna Lol­lo und ihre rei­che Fami­lie beob­ach­tet: “Sie ist eine von die­sen Bon­zen. Das sind die, die des­halb raus in die Schä­ren fah­ren, weil sie auf dem Fest­land schon zu viel besit­zen. “Was hast du gesagt?”, fragt ihre Mut­ter, mög­li­cher­wei­se aber auch ihre Schwes­ter. Bei all den glat­ten Botox-Gesich­tern heut­zu­ta­ge lässt sich das nur noch schwer unter­schei­den.” (Zitat S.8/9) Auch die Kapi­tel sind inhalt­lich schön abge­run­det, las­sen gegen Ende “zufäl­li­ge” Sät­ze fal­len, die sich auf den Kon­text davor bezie­hen und die ein­fach pas­sen. Dann wird es lei­der etwas schwä­cher und zieht sich bis­wei­len etwas. Der Roman ist abwech­selnd aus bei­den Sicht­wei­sen in der per­so­na­len Erzähl­per­spek­ti­ve geschrie­ben. Bei­de Blick­win­kel zu erle­ben, ist fas­zi­nie­rend, denn es ist zunächst ein sehr lang­sa­mes Her­an­tas­ten der bei­den, das man mit ver­fol­gen kann, ein Beob­ach­ten, eine Wei­ge­rung dem ent­ste­hen­den Inter­es­se eine Bedeu­tung zu zuschrei­ben: “Unwich­tig, unwich­tig, unwich­tig. Sie ken­nen ein­an­der ja über­haupt nicht. Un-un-un, häm­mert Annas Puls. Wich­tig. Eine Per­son wird schließ­lich nicht auto­ma­tisch zum Inbe­griff der eige­nen Hoff­nun­gen und Träu­me, bloß weil man zufäl­lig gemein­sam ein Netz aus­ge­legt hat. Oder weil man ihr Lachen mag.” (ZitSara Lövestam Wie ein Himmel voller Seehundeat S.92) Ein ers­tes Tref­fen bei Nacht, eine gemein­sa­me Fahrt mit Annas Boot. Ein Aus­tausch von kur­zen Brie­fen. Und das, obwohl die Mäd­chen aus höchst unter­schied­li­chen Wel­ten stam­men. Doch der Som­mer währt nicht ewig und Mut zu Gefüh­len zu ste­hen, ist nicht immer ein­fach. Sprach­lich gese­hen liest sich “Wie ein Him­mel vol­ler See­hun­de” sehr ange­nehm, und zuwei­len recht stim­mungs­voll: “Im Ofen knis­tern die Fich­ten­zwei­ge bei jedem Fun­ken Glut, den sie ver­sprü­hen, und drau­ßen haben die melan­cho­li­sche­ren Vögel der Nacht den Gesang über­nom­men. Genau­so klingt der Som­mer. […] Sie legt den Kopf in den Nacken und schaut von der Erde gera­de­wegs ins Welt­all hin­auf. Es ist hell, auch ohne Son­ne, chan­giert von Oran­ge über Rosa zu Blau. Ver­gli­chen mit dem Welt­all ist man doch ziem­lich klein.” (Zitat S.16) Das Cover ist zwar etwas über­be­lich­tet, aber erweckt doch Neu­gier­de und macht Lust auf eine schö­ne Som­mer­ge­schich­te. Der Titel macht zunächst etwas rat­los, wird aber inhalt­lich spä­ter erklärt und ist sehr pas­send.

Fazit: Eine sanf­te, gera­de­zu anmu­tig wir­ken­de Geschich­te, die zwar nicht mit rie­sen­gro­ßen Span­nungs­bö­gen ver­se­hen ist, aber ein viel­schich­ti­ges Por­trät einer ent­ste­hen­den Lie­be dar­stellt.

Sara Löves­tam hat noch ande­re Bücher geschrie­ben, diLesealternativene ins Deut­sche über­setzt wur­den (aller­dings alle in Ver­la­gen für Erwach­se­ne erschie­nen): So wie du bist”, Herz aus Jazz” und Die Wahr­heit hin­ter der Lüge”. Letz­te­res Buch ist ein Kri­mi. Wenn du Lie­bes­ro­ma­ne lesen möch­test, in denen ein Mäd­chen sich in ein ande­res ver­liebt, dann schau dir mal fol­gen­de Titel an: Ein­fach nur Lie­be: San­dra liebt Mei­ke” von Mar­lie­se Arold, “We could be heros” von Lau­ra Kuhn, “Wenn der Mond am Him­mel steht, denk ich an dich” von Debo­rah Ellis“Wir sind unsicht­bar” von Mai­ke Stein oder “Beau­ti­ful world” von Rebec­ca Bur­ton. Sehr gelun­gen fand ich “Mut ist der Anfang vom Glück” von Hei­ke Karen Gürt­ler und “Hen­ri­et­ta, mein Geheim­nis” von Maja Hjert­zell.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-499-21768-5
Erscheinungsdatum: 23.Juni 2017
Einbandart: Broschur
Preis: 12,99€ 
Seitenzahl: 256 
Übersetzer: Stephanie Elisabeth Baur
Originaltitel: "Som eld" 
Originalverlag: Lilla Piratförlaget

Schwedisches Originalcover:
Sara Lövestam Wie ein Himmel voller Seehunde

Kasimiras Bewertung:

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Schwedisches Cover: Homepage von Sara Lövestam

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