Sanne Søndergaard — Mein fantastisches Leben — von wegen!

Sanne Søndergaard Mein fantastisches Leben - von wegen!26.Mai 2015

Die däni­sche Auto­rin San­ne Søn­der­gaard hat mit “Mein fan­tas­ti­sches Leben — von wegen!” einen ganz beson­de­ren Roman über das The­ma Mob­bing und den Wunsch sich selbst das Leben zu neh­men. In Tage­buch­form und mit jugend­sprach­li­cher Aus­drucks­wei­se trifft der Leser auf eine Prot­ago­nis­tin, die kein Blatt vor den Mund nimmt und trotz­dem am Leben zu zer­bre­chen droht. Anders. Bewe­gend. Mit trau­ri­gem Sar­kas­mus. Für taf­fe Jugend­li­che ab 14.

Agnes ist 14. Sie hat begon­nen eine Art Tage­buch zu schrei­ben. Nur dass sie es nicht so nennt. Es ist ihr “Todes­buch”. Denn das jun­ge, etwas über­ge­wich­ti­ge Mäd­chen hat beschlos­sen sichin 12 Tagen, 1 Stun­de und 55 Minu­ten” (Zitat aus “Mein fan­tas­ti­sches Leben — von wegen!” S.5) das Leben zu neh­men. Von ihrem Tod hat sie schon genau Vor­stel­lun­gen. Sie will kein Grab und am liebs­ten ver­brannt und im Wald ver­streut wer­den. Sie wird Tablet­ten neh­men. Am 2. Novem­ber, ihrem 15. Geburts­tag. In der Schu­le wird sie schon seit Jah­ren geär­gert, vor allem von der Klas­sen­queen und ihrer Cli­que: “Auch wenn Sil­le und ihre Hof­schran­zen echt blöd sind, kann ich gut ver­ste­hen, wie­so sie auf mir rum­ha­cken. Wie gesagt: Ich bin anders. Und Men­schen, die anders sind, kann man nicht in Ruhe las­sen. Ich bin ein ver­flix­ter Mutant, jawohl. So sim­pel ist das.” (Zitat S.13). Auch ihre Eltern ver­ste­hen Agnes nicht wirk­lich. Mit ihrer Mut­ter gerät sie öfters in Streit und ihren Vater kann man sowie­so ver­ges­sen. Freun­de hat sie kei­ne. Men­schen “erträgt” sie höchs­tens. Sie fühlt sich unbe­liebt und uner­wünscht. Des­halb geht sie. “Mob­bing. Das klingt so ätzend nach Opfer. Ich will kein Opfer sein. Ich hab das Steu­er in der Hand. Ich gehe. Ich bin fer­tig mit die­sem Scheiß­le­ben!” (Zitat S.28). Sanne Søndergaard Mein fantastisches Leben von wegen!Doch bevor sie fer­tig ist, tut sie noch Din­ge, die sie zuvor nie gewagt hät­te. Sie pro­vo­ziert. Sie mischt ihre Klas­se auf und schmie­det wag­hal­si­ge Plä­ne: Was ich mir dabei gedacht habe? Scheiß­egal, habe ich gedacht! In einer Woche check ich eh aus, war­um soll ich es vor­her nicht noch mal rich­tig kra­chen las­sen? Ich habe es so satt, mich ihren eng­stir­ni­gen Vor­stel­lun­gen anzu­pas­sen, wie man zu sein hat, wenn man eh nie gut genug ist.” (Zitat S.70) Das ver­än­dert alles…

Mein fan­tas­ti­sches Leben — von wegen!” wird durch­ge­hend in der Ich-Per­spek­ti­ve und aus Agnes Sicht erzählt. Die Tage­buch­form glie­dert sich in Tage, Abschnit­te mit Uhr­zei­ten und die Benen­nung der Schul­stun­den. Agnes spricht den zukünf­ti­gen Leser ihres “Todes­buchs” (Der däni­sche Ori­gi­nal­ti­tel lau­tet über­setzt auch “Lie­bes Todes­buch”) direkt mit “Du” an. Durch ihre Schil­de­run­gen will sie vor allem ihren Eltern klar­ma­chen, war­um sie ster­ben will und dass die­se dar­aus bit­te kein Dra­ma machen sol­len. Ich muss zuge­ben, dass ich am Anfang Schwie­rig­kei­ten hat­te, die Haupt­fi­gur sym­pa­thisch zu fin­den. Sie meckert in einer Tour an allem her­um: hat am Essen ihrer Mut­ter stän­dig etwas aus­zu­set­zen, fin­det es unmög­lich, dass die Schu­le schon um 8 Uhr beginnt oder ihr Vater “per­vers früh zur Arbeit” (Zitat S.22) geht. Sie ver­wen­det ein äußerst direk­tes und teil­wei­se recht der­bes Voka­bu­lar und redet defi­ni­tiv nicht um den hei­ßen Brei her­um, hier­bei wird das The­ma Selbst­be­frie­di­gung zum Bei­spiel auch nicht aus­ge­spart und für einen Jugend­ro­man sehr detail­liert geschil­dert. Zu Beginn scheint Agnes in ihren Erzäh­lun­gen auch immer wie­der abzu­schwei­fen, wirkt fast ein wenig ober­fläch­lich, wäh­rend sie belang­lo­se Din­ge über Schul­stun­den, wer mit wem zusam­men ist und wie wel­cher Leh­rer sich ver­hält, von sich gibt. Auch wirkt sie nicht wie ein “typi­sches” Mob­bin­g­op­fer, Sanne Søndergaard Mein fantastisches Leben von wegen!das sich zurück­zieht und sich kaum traut etwas zu sagen. Sie teilt gegen­über ihren Mit­schü­lern auch ordent­lich aus, belei­digt die­se und macht dann wie­der absicht­lich auf sich auf­merk­sam: “Zum Glück” gin­gen die­se Pha­sen immer ziem­lich schnell vor­bei. Die Pha­sen, in denen sie mich igno­rier­ten. Ich muss­te nur lan­ge genug mit irgend­was auf dem Kopf rum­lau­fen oder mir Gum­mi­bär­chen in die Nase ste­cken, damit sie wie­der über mich lach­ten. Ein paar Tage gelang es mir dann, ihre Auf­merk­sam­keit auf mich zu zie­hen, indem ich irgend­et­was Beklopp­tes sag­te oder tat. Je wil­der, des­to bes­ser. Zum Bei­spiel ein Stunt­ma­nö­ver vom Trep­pen­ab­satz in der ers­ten Eta­ge, mit Pur­zel­baum und allem. Das war ziem­lich cool.” (Zitat S.26) Trotz ihrer spe­zi­el­len Art oder gera­de des­we­gen gelingt es einem als Leser erst all­mäh­lich hin­ter ihre Fas­sa­de zu schau­en, ihre Wut und ihre Ver­zweif­lung zu ver­ste­hen. Ihr Sar­kas­mus, ihre Iro­nie, ihre Hass aus­drü­cken­den Wor­te, die ver­ber­gen viel Schmerz in einem sen­si­blen Kern. Gegen Ende wird das Buch rich­tig cool und abge­fah­ren, als Agnes ihren per­sön­li­chen Rache­feld­zug star­tet. Man klebt förm­lich an den Sei­ten und will wis­sen, was sie sich noch alles ein­fal­len lässt, um es ihren Mit­schü­lern heim­zu­zah­len. Und was am 2. Novem­ber tat­säch­lich geschieht. Man hofft, dass sie es nicht tut… ««««««ACHTUNG SPOILER:»»»»»» Gefal­len hat mir auch ihre klu­ge Ein­sicht am Ende: “Ich muss die Ver­ant­wor­tung für mein Leben über­neh­men. Und jetzt habe ich mich ent­schie­den, es zu behal­ten. Das ist ein ganz schön star­kes Gefühl. […] Klein bei­zu­ge­ben und aus­zu­stei­gen ist ein­fach. Schluck ein­fach die Tablet­ten und drück dich davor, die Pro­ble­me anzu­spre­chen. Ich woll­te ein­fach nur weg. Ohne mich wäre alles leich­ter, dach­te ich. Aber ein­fa­cher für wen? Für mich? Für die ande­ren jeden­falls nicht. […] Aber mein Leben liegt nicht in ihren Hän­den, son­dern in mei­nen! Mein Leben — aber nicht mein Tod. Das ver­su­che ich gera­de zu ver­ste­hen.” (Zitat S.201) ««««««ENDE SPOILER»»»»»»

LesealternativenEine gute Alter­na­ti­ve zu “Mein fan­tas­ti­sches Leben — von wegen!”  ist Mein Herz und ande­re schwar­ze Löcher” von Jas­mi­ne War­ga. Hier pla­nen zwei Jugend­li­che gemein­sam ihren Tod und ent­de­cken unver­hofft die Sehn­sucht nach dem Leben. Das­sel­be pas­siert den Jugend­li­chen in Zehn Grün­de, die tod­si­cher fürs Leben spre­chen” von Albert Bor­ris. Die The­men Mob­bing und Sui­zid fin­den sich eben­so in den Büchern “Das wirst du bereu­en” von Aman­da Maciel, dem Best­sel­ler “Tote Mäd­chen lügen nicht” von Jay Asher und in “But­ter” von Erin Jade Lan­ge. Ein Roman, der zunächst auch ober­fläch­lich erscheint und dann aber doch in die Tie­fe geht, ist “Zer­brech­li­ches Herz” von Rebec­ca Ser­le.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Boje
ISBN: 978-3-414-82419-6
Erscheinungsdatum: 15.Mai 2015
Einbandart: Hardcover
Preis: 12,99€
Seitenzahl: 208
Übersetzer: Maike Dörries
Originaltitel: "Kære Dødsbog"
Originalverlag: Gyldendal 

Dänisches Originalcover:
Sanne Søndergaard Mein fantastisches Leben von wegen!











Dänischer Trailer:
 

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

 
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Dänisches Cover: Homepage von Gyldendal 

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