Rusalka Reh — Back to blue

Rusalka Reh back to blue25.Februar 2015

Back to blue” der aus­tra­lisch-deut­schen Auto­rin Rusal­ka Reh ist ein Roman über ein beson­de­res The­ma. Herz­lo­sig­keit und Käl­te in einer Fami­lie, die das Selbst­wert­ge­fühl eines jun­gen Mäd­chens prä­gen. Deren Befrei­ung und ihr Erle­ben einer ers­ten Lie­be liest sich sehr berüh­rend. Mit einer teil­wei­se recht poe­ti­schen Spra­che. Für Jugend­li­che ab 14 Jahren.

Kid ist 16. Sie ist ein Ein­zel­kind. Ihre Mut­ter woll­te sie im Grun­de auch nie haben. “Wenn sie mei­nen Namen aus­spricht, zucke ich zusam­men. Ihre Stim­me klingt immer ein biss­chen böse. Ich weiß eigent­lich nie, wie­so. Ich glau­be, es ist, weil ich ich bin. Auf jeden Fall ist es so, seit ich den­ken kann.” (Zitat aus “Back to blue” S.10). Manch­mal spricht ihre Mut­ter nicht mit Kid. Oder sie mäkelt an ihr her­um. Nie kann sie es ihr recht machen. “Ich füh­le mich immer, als wäre ich ein biss­chen eklig, ein biss­chen beschmiert mit was, das sie gern abwa­schen wür­den. Viel­leicht hat Mama des­halb ges­tern plötz­lich den Dusch­vor­hang auf­ge­zerrt, als ich dusch­te, mir den Brau­se­kopf aus der Hand geris­sen und ihn mir fron­tal aufs Gesicht gehal­ten. Ich habe mich irre erschro­cken und ver­sucht, den Kopf weg­zu­dre­hen, aber sie hat wei­ter­ge­macht…” (S.16) Rusalka Reh back to blueKid möch­te ger­ne Schrift­stel­le­rin wer­den. Sie liebt es Gedich­te zu schrei­ben und hat nun zur Übung auch das Tage­buch­schrei­ben begon­nen. Das ver­birgt sie vor ihren Eltern natür­lich. Auch, dass sie sich in Maxim, einen jun­gen Rus­sen ver­liebt hat, möch­te sie lie­ber für sich behal­ten. Über per­sön­li­che Din­ge kann sie mit ihren Eltern nicht reden. Sie selbst sein. Unmög­lich. “Ich habe es frü­her mal ver­sucht, und manch­mal, wenn ich nicht auf­pas­se, rutscht mir auch jetzt noch mal was raus. Und dann sehe ich ihre ent­geis­ter­ten Gesich­ter, die­se getausch­ten Bli­cke, die sagen: Unse­re Toch­ter ist nicht ganz dicht, lenk ein­fach ab, dann legt sich das.” (S.15) Doch mit Maxim und vor allem mit Sil­via, eine älte­re Frau, die sie ken­nen­lernt und die immer so nett zu ihr ist, beginnt sich etwas in Kid zu ändern. Sie fängt an nach­zu­den­ken. Über sich. Und über das, was ihr in ihrer Fami­lie immer nor­mal erschien…

Back to blue” wird im Tage­buch­stil und aus Kids Sicht geschrie­ben. Was zunächst noch im Rah­men des Mög­li­chen erscheint, wie es in einer Fami­lie zuge­hen kann, lässt den Leser bald ungläu­big das Gesicht ver­zie­hen. Wie kann eine Mut­ter ihr eige­nes Kind nur so behan­deln? “Kaum war ich zur Tür rein, pack­te sie mich am Hand­ge­lenk und zerr­te mich zum Herd. […] Sie drück­te mei­ne Hand noch ein­mal fest auf die Plat­te und ich spür­te die Hit­ze. Ich spür­te die Wut mei­ner Mut­ter. Ich bin ein Stück Mist.” (S.40/41) Was aber noch viel schlim­mer ist, wie kann die Toch­ter glau­ben, dass sie tat­säch­lich zu nichts fähig ist? Eine Toch­ter, deren Lebens­mot­to es ist, immer in Deckung zu blei­ben und sich stets vor dem nächs­ten (meist) ver­ba­len Angriff fürch­tet. Man fühlt als Leser bestän­dig mit Kid mit und hofft gleich­zei­tig, dass es dem Mäd­chen gelingt sich von ihren Eltern zu befrei­en. “Ich habe Angst. Angst, dau­ernd aus­ge­lacht oder mit Steil­fal­te zwi­schen den Augen wie etwas Ekli­ges behan­delt oder als unfä­hig und dumm bezeich­net zu wer­den. Ich bin das ja auch wirk­lich: ängst­lich, eklig, dumm. Jeden­falls habe ich oft das Gefühl. Dann mei­ne ich wie­der, es stimmt viel­leicht doch nicht.” Rusalka Reh back to blueDer Titel des Romans ist sehr gut gewählt, mit ihm har­mo­niert auch das Cover per­fekt. Kids Lieb­lings­song ist näm­lich “Back to black” von Amy Wine­hou­se. Frü­her als Kind, war ihre Lieb­lings­far­be blau. Im Alter von 5 Jah­ren und aus einer Lau­ne her­aus hat sie ein­mal alle blau­en Klei­dungs­stü­cke, die sie beses­sen hat, über­ein­an­der ange­zo­gen und stolz ihrer Mut­ter prä­sen­tie­ren wol­len. Doch die ohr­feig­te sie nur und befahl ihr, die Sachen sofort wie­der aus­zu­zie­hen. Seit­dem hat Kid ihre Lieb­lings­far­be ver­ges­sen. Sich selbst ver­ges­sen. In Form eines Klei­des im Schau­fens­ter, das ihr gefällt, aber von dem sie nicht glaubt, dass es ihr ste­hen könn­te, taucht das Blau wie­der in Kids Leben auf. Sil­via, die sie auf der Stra­ße ein­fach so anspricht, rät ihr, genau die­ses Kleid anzu­zie­hen. Und es passt wie ange­gos­sen! Die­ses Gefühl wie­der mehr sie selbst sein zu dür­fen und so in Ord­nung zu sein, wie sie ist, ver­än­dert das jun­ge Mäd­chen und macht aus dem “Back to black” ein “Back to blue”. Beson­ders schön ist auch die Viel­zahl an Gedich­ten, die Kid immer wie­der schreibt und in ihr Tage­buch, das gleich­zei­tig der Roman ist, mit ein­fügt. Die­se sind rich­tig kunst­voll geschrieben.

Wenn dir der Erzähl­stil von Rusal­ka Reh gefällt, kannst du noch ein ande­res Jugend­buch von ihr lesen: “Asphalt­sprin­ger”. Inhalt­lich Lesealternativengese­hen gibt es eini­ge Alter­na­ti­ven zu “Back to blue”: “Drei Songs spä­ter” von Lola Renn zum Bei­spiel: Ein Roman, der sich eben­falls mit Zustän­den in einer Fami­lie beschäf­tigt, die so nicht sein soll­ten und schon in Rich­tung Ver­nach­läs­si­gung einer Jugend­li­chen geht. Sehr berüh­rend geschrie­ben und eben­falls mit einer Lie­bes­ge­schich­te ver­se­hen, ist In dei­nem Licht und Schat­ten” von Loui­sa Reid, hier stimmt in der Fami­lie ziem­lich viel nicht, auch das The­ma Selbst­be­wusst­sein spielt eine gro­ße Rol­le. Hil­fe von einer außen­ste­hen­den Per­son erwar­ten auch die Mäd­chen in “Mei­ne Freu­din Mia” von Peter Pohl (The­ma: Alko­ho­lis­mus in der Familie).

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Magellan
ISBN: 978-37348-5606-8
Erscheinungsdatum: 20.Januar 2015
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,95€
Seitenzahl: 208
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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