Robin Benway — Emmy & Oliver

Robin Benway Emmy & Oliver9.Mai 2016

Emmy & Oli­ver” von der ame­ri­ka­ni­schen Auto­rin Robin Ben­way ist ein Roman über eine Freund­schaft, die durch eine Ent­füh­rung eine gro­ße zeit­li­che Lücke erhält. Kann man zehn Jah­re von­ein­an­der Getrennt­sein über­brü­cken? Vor allem man kein Kind mehr ist, son­dern lang­sam erwach­sen wird? Eine fas­zi­nie­ren­de Geschich­te, sen­si­bel und sehr unter­halt­sam erzählt. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Kali­for­ni­en. “Oli­ver ver­schwand an einem Frei­tag nach der Schu­le, damals, als wir in der zwei­ten Klas­se waren, als Klei­nig­kei­ten uns noch furcht­bar wich­tig erschie­nen und wich­ti­ge Din­ge wie Klei­nig­kei­ten. An jenem Nach­mit­tag kam es mir kein biss­chen selt­sam vor, ihn zu sei­nem Dad ins Auto stei­gen zu sehen, ein rotes Cabrio, des­sen quiet­schen­de Rei­fen ich auch nach Jah­ren noch im Ohr habe.” (Zitat aus “Emmy & Oli­ver” S.9). Denn Oli­vers Vater hat sei­nen Sohn nie wie­der zurück­ge­bracht. Er hat ihn ent­führt. Sein Ver­schwin­den war für Emmy sehr schlimm. Sie war sei­ne bes­te Freun­din. Kann­te ihn schon von Geburt an. Ihre Eltern sind eng befreun­det und woh­nen neben­ein­an­der. Jetzt sind Emmys Eltern über­vor­sich­tig gewor­den. Schon bevor es dun­kel wird, muss sie zu Hau­se und tele­fo­nisch immer erreich­bar sein. So muss Emmy selbst ver­heim­li­chen, dass sie regel­mä­ßig Robin Benway Emmy & Oliversur­fen geht. Nur ihre zwei bes­ten Freun­de Drew und Caro wis­sen davon. “Mei­ne Eltern waren abso­lut dage­gen, dass ich surf­te, und des­we­gen durf­ten sie es auch nie erfah­ren. Ich hat­te die bei­den echt lieb, aber wenn es nach ihnen gegan­gen wäre, hät­ten sie mich in eine Schutz­hül­le aus Luft­pols­ter­fo­lie und Wat­te­bäu­schen gesteckt.” (Zitat S.18) Doch dann taucht Oli­ver auf ein­mal wie­der auf. Die Poli­zei bringt ihn nach Hau­se. In New York war er zuletzt gewe­sen. Sein Vater hat­te mit ihm immer wie­der den Wohn­ort gewech­selt. Als man ihn auf­ge­grif­fen hat­te, war sein Vater geflo­hen. Sein Ver­schwin­den hat­te eine rie­si­ge Kluft in unse­re Mit­te geris­sen, die noch immer nicht wie­der ganz zusam­men­ge­wach­sen war, und ich hat­te kei­ne Ahnung, ob ich es ertra­gen wür­de, wenn sie von Neu­em auf­brach. So schreck­lich die letz­ten zehn Jah­re auch gewe­sen sein moch­ten, wenigs­tens waren sie ver­traut. Ich wuss­te ein­fach nicht, ob ich schon bereit dafür war, sie gegen eine kom­plett neue Rie­ge von Sor­gen und Pro­ble­men ein­zu­tau­schen.” (Zitat S.35) Für Emmy ist Oli­ver wie ein Frem­der. Zehn Jah­re sind ver­gan­gen, seit sie sich das letz­te Mal gese­hen haben. Damals waren sie bei­de sie­ben, jetzt sind sie sieb­zehn. Was hat sich alles zwi­schen ihnen ver­än­dert? Und was ist Oli­ver in der Zwi­schen­zeit gesche­hen? Die Schat­ten der Ver­gan­gen­heit grei­fen lang­sam nach ihnen. Doch auch in der Gegen­wart ist nicht alles so, wie es sein soll. Vor allem Emmy fühlt sich noch immer wie in einem Käfig gefan­gen…

Robin Benway Emmy & OliverEmmy & Oli­ver” ist kom­plett aus Emmys Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben. Nur ganz sel­ten fügen sich kur­ze Kapi­tel in den Text ein, in denen Epi­so­den aus der Kind­heit von Emmy und Oli­ver von einem all­ge­mei­nen Erzäh­ler vor­ge­tra­gen wer­den. Die­ser Wech­sel ermög­licht ein bes­se­res Ver­ständ­nis der aktu­el­len Ereig­nis­se, wel­che jedoch auch in der Ver­gan­gen­heits­form erzählt wer­den. Es ist Emmy, die ihre Geschich­te sozu­sa­gen berich­tet. Der Erzähl­stil von Robin Ben­way hat mir sehr gut gefal­len. Die Spra­che ist ange­nehm und der Text sehr flüs­sig zu lesen. Beson­ders her­aus­ra­gend fand ich die Dia­lo­ge in dem Roman. Sel­ten hab ich ein Buch in der Hand gehabt, das so gelun­ge­ne Gesprä­che ver­zeich­net, mit viel Iro­nie und abso­lut authen­tisch! Als Leser erhält man einen inten­si­ven Ein­blick, sowohl in die Gedan­ken­welt der 7-jäh­ri­gen Emmy (wenn sie von der dama­li­gen Zeit erzählt), als auch in die des nun erwach­se­nen Mäd­chens. “Sie konn­ten über­all sein, und die­se Vor­stel­lung war es, die die Welt plötz­lich so groß, so weit erschei­nen ließ. Wie war es mög­lich, dass Men­schen ein­fach so ver­schwan­den? In ihren lich­te­ren Momen­ten, wenn sie gera­de mal nicht wein­te oder eine die­ser win­zi­gen wei­ßen Tablet­ten geschluckt hat­te, die sie ein­fach nur trau­rig aus­se­hen lie­ßen, schwor Oli­vers Mom, bis ans Ende der Welt zu gehen, um ihn zu fin­den. Mir kam es so vor, als müs­se Oli­ver das Ende der Welt längst erreicht haben und von der Kan­te gestürzt sein.(Zitat S.11) Es ist ein all­mäh­li­ches Her­an­tas­ten, als der ver­schwun­de­ne Nach­bars­jun­ge wie­der nach Hau­se zurück­kehrt. An was erin­nert er sich noch von frü­her? Ist das Band zwi­schen ihnen noch intakt oder bereits durch­trennt? “Er sah so anders aus, kein biss­chen wie der ver­schlos­se­ne Typ, den ich über die Schul­flu­re schlei­chen Robin Benway Emmy & Oliversah, aber genau­so wenig wie der klei­ne Jun­ge, mit dem ich im Kin­der­gar­ten immer geschau­kelt hat­te. Er wirk­te wie ein völ­lig Frem­der, bis er mir in die Augen sah und ich das Gefühl hat­te, als wären wir nie getrennt gewe­sen.(Zitat S.97) Über allem schwebt jedoch die Fra­ge, was Oli­ver in jenen zehn Jah­ren erlebt hat. Hier­bei muss der Leser etwas Geduld auf­brin­gen. Es wer­den erst nach und nach eini­ge Details ver­ra­ten. Umso inter­es­san­ter wird es dann, als Oli­ver mit einer uner­war­te­ten Wahr­heit her­aus­platzt: Nach Hau­se zu kom­men fühlt sich an, als wäre ich gleich noch mal gekid­nappt wor­den.” Ich blick­te ihn an, war­te­te dar­auf, dass er anfing zu lachen oder “Haha, rein­ge­legt” sag­te, irgend­et­was, was den frei­en Fall mei­nes Her­zens brems­te. […] “Tut mir leid, das hät­te […] ich nicht sagen dür­fen.” “Hast du es denn ernst gemeint?”, frag­te ich. […] “Ja,” sag­te er. “Hab ich.” (Zitat S.128) Sich zwi­schen die­sen bei­den Wel­ten zu bewe­gen, ist für Oli­ver wie ein Tanz auf einem Seil. Die Unsi­cher­heit ist ihm anzu­mer­ken; die Trau­rig­keit, so vie­les ver­passt zu haben, was Emmy, Drew und Caro zusam­men­ge­schweißt hat; die Fremd­heit sei­ner Mut­ter und sei­nen neu­en unbe­kann­ten Geschwis­tern gegen­über. Zumal ein Sei­len­de völ­lig abge­ris­sen zu sein scheint, da Oli­ver von sei­nem Vater nichts mehr gehört hat und die­ser von der Poli­zei noch immer gesucht wird. Robin Ben­way schil­dert die Emp­fin­dun­gen ihrer Prot­ago­nis­ten sehr fein­füh­lend und war­tet bald dar­auf auch mit ein wenig Roman­tik auf, als Oli­ver und Emmy sich näher kom­men…

Fazit: Eine beson­de­re Geschich­te, die sehr ange­nehm erzählt wird und vor allem durch ihre sprit­zi­gen Dia­lo­ge über­zeugt!

Wenn der bes­te Freund eines TagesLesealternativen ver­schwun­den ist und dann plötz­lich wie­der auf­taucht, das erle­ben auch die Prot­ago­nis­ten in “Mein frem­der Freund” von Emma Hau­gh­ton und in “Long-Lost Fri­end” von Sara Zarr. Oder war­te auf die Neu­erschei­nung “My life in cir­cles” von Bran­dy Col­bert, die im Novem­ber erscheint und ein ähn­li­ches The­ma hat. Gut könn­te ich mir als Lese­al­ter­na­ti­ve auch “Lie­bes­kin­der” von Jana Frey vor­stel­len, das eini­ge par­al­le­le Ele­men­te vor­weist. Es gibt aber auch Bücher, in denen “Emmy & Oli­ver” anders­her­um erzählt wird: es “Oli­vers” Per­spek­ti­ve ist, die geschil­dert wird nach einer her­aus­ge­fun­de­nen Adoption/Entführung: “Scher­ben­mäd­chen” von Liz Coley (auf sehr extre­me Wei­se, aber ein bril­lan­tes Buch!), Ster­nen­him­mel­ta­ge” von Trish Dol­ler und “Lau­ren, ver­misst” von Sophie McKen­zie. Oder lies noch ein ande­res Buch von Robin Ben­way: “Die außer­ge­wöhn­li­chen Geheim­nis­se von April, May & June”.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Magellan
ISBN: 978-3-7348-5018-9
Erscheinungsdatum: 25.Januar 2016
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,95€ 
Seitenzahl: 384 
Übersetzer: Jessika Komina, Sandra Knuffinke
Originaltitel: "Emmy & Oliver"
Originalverlag: HarperTeen

Amerikanisches Originalcover: 
Robin Benway Emmy & Oliver

Kasimiras Bewertung:

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Amerikanisches Cover: Homepage von HarperTeen

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