Philip Kerr — Winterpferde

Philip Kerr Winterpferde23.November 2016

Der bri­ti­sche Autor Phi­lip Kerr hat ein neu­es Jugend­buch geschrie­ben: “Win­ter­pfer­de”. Eine Mischung aus Aben­teu­er­buch, his­to­ri­schem Kriegs­ro­man und der Geschich­te einer ganz beson­de­ren Freund­schaft. Außer­ge­wöhn­lich, span­nend und sehr ergrei­fend zu lesen. Lese­tipp!! Jetzt als Taschen­buch erschie­nen. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

1941. Die jun­ge Kalin­ka lebt seit eini­ger Zeit ver­steckt in dem Natur­re­ser­vat Aska­nia-Nowa, in der Süd­ukrai­ne. Sie ist Jüdin und jetzt ganz allein. Ihre gesam­te Fami­lie wur­de von der SS erschos­sen. Anschluss hat sie an eine Her­de von Wild­pfer­den gefun­den. Die soge­nann­ten Prze­wal­ski-Pfer­de, eine sehr sel­te­ne Art. “Die Tie­re waren unge­wöhn­lich klug und besa­ßen eine bei­na­he kind­li­che Ver­spielt­heit, die sie noch nie bei Pfer­den gese­hen hat­te. Und viel­leicht erkann­ten sie — da sie selbst Aus­ge­sto­ße­ne waren — etwas Ähn­li­ches in Kalin­ka; zumin­dest stell­te sie sich das so vor.” (Zitat aus “Win­ter­pfer­de” S.21). Nachts schläft sie zwi­schen den war­men Kör­pern der Stu­te und des Leit­hengs­tes. In einer Holz­hüt­te in Aska­nia-Nowa lebt auch Max, er ist der Hüter des Reser­vats, mit sei­nem Hund Taras. Sein Vor­ge­setz­ter hat ihm befoh­len, ehe er vor den Deut­schen die Flucht ergriff, alle Tie­re dort zu töten. Alle: Die Hüh­ner, die Enten, die Hir­sche, die Lamas, die Kame­le, die Bisons, die Zie­gen, die Zebras, sogar die Pfaue und die Prze­wal­ski-Pfer­de, die der alte Mann beson­ders in sein Herz geschlos­sen hat­te, auch wenn sie sich von ihm nie zäh­men lie­ßen. Kei­nes der Tie­re soll­te dem Feind als Nah­rung die­nen. Doch Max bringt es Philip Kerr Winterpferdenicht fer­tig die­sen Auf­trag aus­zu­füh­ren. Sein Vor­ge­setz­ter hat das Reser­vat ohne­hin schon ver­las­sen. “Das Reser­vat, über das er nun die allei­ni­ge Auf­sicht hat­te, war ein ent­le­ge­ner, ver­zau­ber­ter Ort mit einem Zoo und einer offe­nen Step­pe, die mehr als drei­hun­dert Qua­drat­ki­lo­me­ter umfass­te. Es war eine wil­de, öde wir­ken­de Regi­on mit offe­nem baum­lo­sem Wei­de­land, abge­se­hen von Abschnit­ten mit dich­ten Wäl­dern, die sich in der Nähe von Flüs­sen und Seen befan­den. Die Step­pe ist dafür bekannt, dass sie so kahl ist wie die Hand­flä­che eines Men­schen; dass es hier im Win­ter vor Wind und Käl­te nicht aus­zu­hal­ten ist und im Som­mer vor Hit­ze.” (Zitat S.12) Und dann naht tat­säch­lich der Win­ter. Und die Deut­schen beset­zen das Reser­vat. Sie sind freund­lich zu Max, obwohl sie zu ande­ren grau­sam sind und er sat­telt dem Haupt­mann jeden Tag eines der Han­no­ve­ra­ner. Doch dann erhal­ten die Deut­schen den Befehl die Prze­walk­si-Pfer­de alle­samt zu töten. “Die Prze­walskis sind jetzt geäch­tet, eine ver­bo­te­ne Ras­se, und müs­sen als sol­che ver­nich­tet wer­den.” (Zitat S.32). Max kann nichts dage­gen tun. Hilf­los muss er mit anse­hen, wie die ers­ten Tie­re ein­fach erschos­sen wer­den. Bis eines Abends ein jun­ges Mäd­chen plötz­lich vor sei­ner Tür steht: Kalin­ka. Sie braucht Hil­fe. Es ist der Leit­hengst und die Stu­te, die Max Bör­te genannt hat, die bei ihr sind. Letz­te­re ist von einer Kugel getrof­fen wor­den und ver­letzt. Max staunt nicht schlecht, wie zahm die Pfer­de sich bei Kalin­ka ver­hal­ten. Und er beschließt dem Mäd­chen zu hel­fen. Doch dafür muss sie das Reser­vat mit den Pfer­den so schnell wie mög­lich ver­las­sen, ehe die Deut­schen sie ent­de­cken. Doch der deut­sche Haupt­mann ist ihnen auf der Spur…

Philip Kerr WinterpferdeWin­ter­pfer­de” ist aus der Sicht eines all­wis­sen­den Erzäh­lers geschrie­ben. Abwech­selnd berich­tet er meist aus Max’ und aus Kal­in­kas Per­spek­ti­ve. Die Grau­sam­kei­ten der Sol­da­ten mit­zu­er­le­ben — vor allem das Töten der Pfer­de — ist sehr schmerz­lich zu lesen. Auch beschreibt Phi­lip Kerr die Ambi­va­lenz des Bösen: Der deut­sche Haupt­mann, der äußerst kunst­vol­le, fein­füh­li­ge Feder­zeich­nun­gen von Pfer­den anfer­tigt, wie Max sie noch nie gese­hen hat und gleich­zei­tig so bru­tal sein kann. Als Leser fie­bert man wahr­lich mit Max und Kat­in­ka mit, hofft, dass sie und die Prze­wal­ski-Pfer­de es schaf­fen den Deut­schen zu ent­kom­men. Span­nung gepaart mit his­to­ri­schen, wah­ren Bege­ben­hei­ten las­sen den Roman umso inten­si­ver wir­ken. Das Reser­vat Aska­nia-Nowa gibt es übri­gens wirk­lich. Auch dass es ein deut­scher Baron gegrün­det hat, wie es in “Win­ter­pfer­de” erzählt wird, stimmt. Ich fand die Geschich­te unheim­lich bewe­gend zu lesen. Man schließt deren Figu­ren rasch ins Herz und freut sich für sie oder lei­det mit ihnen: “Kalin­ka wach­te in der Nacht auf… […] als sie den alten Mann und Taras am Feu­er schla­fen sah, konn­te sie nicht mehr ein­schla­fen, jeden­falls nicht gleich — sie woll­te ein­fach dasit­zen und den Kopf auf die Knie legen und sie eine Wei­le anse­hen und dar­über nach­den­ken, wie schön es war, wenn sich jemand um einen küm­mer­te. Jemand, der sich um einen sorg­te und einen als Per­son ansah, nicht bloß als eine Jüdin oder einen Flücht­ling, auf den man sei­ne Hun­de het­zen muss­te.” (Zitat S.105) Das Mäd­chen kann nicht wirk­lich Trä­nen ver­gie­ßen, den Ver­lust ihrer Fami­lie zulas­sen. Weil sie Angst hat, dann nie wie­der mit dem Wei­nen auf­hö­ren zu kön­nen. “Win­ter­pfer­de” ist trau­rig und dra­ma­tisch, ja, aber zugleich ein Plä­doy­er für mehr Mensch­lich­keit und das Zeug­nis zwei­er Men­schen, die unheim­li­chen Mut bewei­sen. Die­ses Buch soll­te man gele­sen haben!

Bekannt im Kin­der- und Jugend­buch ist Phi­lip Kerr vor allem unter dem LesealternativenNamen P.B. Kerr und der “Die Kin­der des Dschinn”-Rei­he, die du natür­lich auch lesen kannst. Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren hat er noch “Geheim­mis­si­on Mond” geschrie­ben. Eine inhalt­li­che Alter­na­ti­ve wäre “Wil­de Pfer­de in Gefahr” von Chris­to­pher Ross, in dem eine Her­de Wild­pfer­de eben­falls in Gefahr gerät, etwas roman­ti­scher jedoch als “Win­ter­pfer­de”, aber auch auf einer wah­ren Bege­ben­heit beru­hend. Pfer­de und Krieg, die­se The­men tref­fen eben­so in fol­gen­den Büchern zusam­men: “Gefähr­ten” von Micha­el Mor­pur­go (ers­ter Welt­krieg) und in der Neu­erschei­nung “Was dir bleibt, ist dein Traum” von Suzy Zail (zwei­ter Welt­krieg). Eine sehr berüh­ren­de Geschich­te, die wäh­rend des zwei­ten Welt­kriegs spielt und auch Freund­schaft in den Vor­der­grund rückt, ist “Flü­gel aus Papier” von Mar­cin Szczy­gie­l­ski.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-499-21774-6
Erscheinungsdatum: 21.Oktober 2016
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 9,99€
Seitenzahl: 288
Übersetzer: Christiane Steen
Originaltitel: "The winter horses"
Originalverlag: Knopf Books for Young Readers

Britisches Originalcover:
Philip Kerr Winterpferde









Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

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Britisches Cover: Homepage von Random House Kids

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