Penny Joelson — Ein kleines Wunder würde reichen

Penny Joelson Ein kleines Wunder würde reichen6.Juni 2018

Die bri­ti­sche Autorin Pen­ny Joel­son hat in den Roman ‘Ein klei­nes Wun­der wür­de rei­chen” vor allem ihre Erfah­run­gen in der Arbeit mit schwer­be­hin­der­ten Kin­dern und Jugend­li­chen ein­flie­ßen las­sen. In ihren Roman stellt sie ein jun­ges Mäd­chen in den Mit­tel­punkt, das unter Zere­b­ral­pa­re­se lei­det, einer durch eine Hirn­schä­di­gung aus­ge­lös­te Läh­mung und unver­hofft einen Hin­weis zum Täter eines Mord­falls erhält. Nur ohne spre­chen zu kön­nen, stellt es eine gewis­se Her­aus­for­de­rung dar, einen Böse­wicht zu über­füh­ren. Ein sehr fein­füh­lig, ruhi­ges und authen­tisch geschrie­be­nes Buch! Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Jem­ma ist 14 Jah­re. Sie hat eine schwe­re Zere­b­ral­pa­re­se“Das bedeu­tet, dass ich kei­ne Kon­trol­le über mei­ne Arme und Bei­ne habe — und auch über sonst nichts. Ich kann nicht selbst­stän­dig essen. Ich kann nicht ohne Hil­fe auf die Toi­let­te gehen. Ich kann mich nicht bewe­gen, brau­che immer jeman­den, der mich mit einer Vor­rich­tung hoch­hebt oder im Roll­stuhl schiebt. Und ich kann nicht spre­chen.” (Zitat aus “Ein klei­nes Wun­der wür­de rei­chen” S.12ff) Jem­mas Eltern, die sie “Mom” und “Dad” nennt, sind nicht ihre ech­ten Eltern. Seit sie zwei Jah­re alt ist, lebt sie als Pfle­ge­kind bei ihnen. Ihre bio­lo­gi­sche Mut­ter hat sie Penny Joelson Ein kleines Wunder würde reichennicht mehr haben wol­len, war mit ihr über­for­dert. Doch Jem­ma fühlt sich wohl jetzt. Ist in einer lie­be­vol­len Fami­lie gelan­det, die außer­dem noch zwei ande­re Pfle­ge­kin­der haben: den 9-jäh­ri­gen Wir­bel­wind Oli­via, die erst seit Kur­zem bei ihnen lebt und immer wie­der Wut­an­fäl­le bekommt und den 5-jäh­ri­gen Finn, der Autist ist und eben­falls nicht spricht. Und dann gibt es natür­lich auch noch Sarah, Jem­mas Pfle­ge­rin, die sie über alles mag und mit der sie so gut aus­kommt. Nur Dan, deren Freund kann Jem­ma über­haupt nicht aus­ste­hen. Er ist rich­tig gemein zu ihr“Kei­ne Ahnung, wie du das aus­hältst.” […] So etwas sagt er nur, wenn kein Drit­ter dabei ist. […] “Wenn ich du wäre, wür­de ich mir’n Strick neh­men”, flüs­tert er. Mein Herz pocht laut, Dan reibt sich nach­denk­lich den Kopf. “Ach, stimmt, kannst du ja gar nicht! Egal”, fährt er fort, “wenn du Hil­fe brauchst, das über­neh­me ich ger­ne -” Schrit­te auf der Trep­pe. Dan tritt zurück. Sein höh­ni­sches Grin­sen ver­zieht sich zu einem auf­ge­setz­ten Lächeln…” (Zitat S.8) Doch nie­mand ahnt von Dans zwei­tem Gesicht und Jem­ma kann sich nie­man­dem mit­tei­len. Noch viel schlim­mer ist aller­dings, dass Dan ihr ein furcht­ba­res Geheim­nis anver­traut hat. “Ande­re wei­hen mich manch­mal in Penny Joelson Ein kleines Wunder würde reichenihre Geheim­nis­se ein. Wahr­schein­lich liegt es dar­an, dass es ziem­lich anstren­gend ist, ein ein­sei­ti­ges Gespräch zu füh­ren. Wenn Men­schen mit mir allein sind, wol­len sie reden, damit die Zeit ver­geht, und am Ende erzäh­len sie mir, was ihnen gera­de in den Sinn kommt. Sie wis­sen ja, dass ich es nicht wei­ter­sa­gen kann, und glau­ben des­halb, bei mir sei es gut auf­ge­ho­ben. Ich bin die per­fek­te Zuhö­re­rin.” (Zitat S.13) In der Stra­ße, in der Jem­ma und ihre Fami­lie leben, wur­de vor ein paar Tagen der Sohn einer Nach­ba­rin umge­bracht. Und Dan war der Täter. Das ahnt aller­dings nie­mand. Nur Jem­ma weiß Bescheid. Doch wie soll sie sich mit­tei­len, wenn sie nicht spre­chen kann? Sich in kei­ner Wei­se ver­ständ­lich machen kann? Als plötz­lich uner­war­tet eine Zwil­lings­schwes­ter von Jem­ma auf­taucht und dann auch noch Sarah spur­los ver­schwin­det, über­schla­gen sich die Ereig­nis­se…

Ein klei­nes Wun­der wür­de rei­chen” ist ein ruhig erzähl­tes Buch. Mit einem ange­neh­men Lese­tem­po kon­zen­triert es sich auch auf die Fein­hei­ten im Zusam­men­le­ben einer Fami­lie. Stellt All­tags­si­tua­tio­nen dar und rückt sen­si­bel gezeich­ne­te Cha­rak­te­re in den Mit­tel­punkt. Beson­ders Jem­ma, die in dem Roman aus ihrerPenny Joelson Ein kleines Wunder würde reichen Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve berich­tet, wird beson­ders gut dar­ge­stellt. Ein Mäd­chen, das ihre Gefüh­le und Sor­gen nicht mit­tei­len kann. Das auf kei­ner­lei Wei­se kom­mu­ni­zie­ren kann: Kei­ner ver­steht es. Wenn ich mir Sor­gen mache und ledig­lich beru­higt wer­den müss­te, gibt es kei­ne Mög­lich­keit, das mit­zu­tei­len. Dadurch wer­den mei­ne Sor­gen immer grö­ßer und grö­ßer. Mum und Dad neh­men meis­tens an, dass es eine kör­per­li­che Ursa­che ist, weil das oft vor­kommt, dabei möch­te ich ihnen ein­fach nur sagen kön­nen, wie mir zumu­te ist…” (Zitat S.48) Am Anfang habe ich mir noch über­legt, war­um nie­mand auf die Idee kommt mit ihr über ein Blin­zeln bei­spiels­wei­se zu kom­mu­ni­zie­ren, aber auch das wird irgend­wann genau­er erklärt: Mein Leben lang gab es Ver­su­che mir zu hel­fen — vom Zei­gen auf Buch­sta­ben bis zur Augen­steue­rung -, aber nichts hat funk­tio­niert. Ich weiß noch, als ich zehn war. Da waren wir alle furcht­bar auf­ge­regt, weil ein neu­er Leh­rer mir bei­gebracht hat­te, mit­tels Blin­zeln “Ja” und “Nein” zu sagen. Aber dann wur­de ich furcht­bar krank. Ich war ewig im Kran­ken­haus, und als es mir lang­sam bes­ser­ging, hat­te ich die Kon­trol­le über das Blin­zeln ver­lo­ren.” (Zitat S.75) Trotz­dem ist es unheim­lich schön zu lesen, wie Jem­ma Anteil an ihrer Fami­lie nimmt, wie sie Quiz­sen­dun­gen mit ihrem Vater im Fern­se­hen sieht, ihre Geschwis­ter beim Spie­len beob­ach­tet und von ihrer Pfle­ge­rin lie­be­voll mit Erzäh­lun­gen aus dePenny Joelson Ein kleines Wunder würde reichenren Leben ver­sorgt wird. Wie wohl sie sich in ihrem Zuhau­se fühlt. Das schließ­lich bedroht wird. Durch Dan und durch das plötz­li­che Ver­schwin­den von Sarah. Auch wenn der Roman jetzt nicht die größ­te Span­nungs­kur­ve ver­zeich­net (abge­se­hen vom Ende, da wird es rich­tig dra­ma­tisch!), habe ich das Buch wirk­lich ger­ne gele­sen. Man fie­bert mit Jem­ma mit und beglei­tet sie auf ihrer erstaun­li­chen Art der Spu­ren­su­che, da sie nicht wirk­lich aktiv han­deln kann, son­dern immer pas­siv ist und nur dar­auf hof­fen kann, dass ein Gespräch in ihrer Nähe geführt wird, dass sie einen Bericht im Fern­se­hen tat­säch­lich anse­hen darf und nicht zuvor schon mit ihrem Roll­stuhl woan­ders hin­ge­scho­ben wird. Als dann plötz­lich eine uner­war­te­te Art der Kom­mu­ni­ka­ti­on auf­taucht, die Jem­ma das ers­te Mal ermög­licht sich wirk­lich aus­zu­drü­cken, ändert sich auf ein­mal alles. Denn manch­mal reicht auch schon ein klei­nes Wun­der aus, um einen gro­ßen Hori­zont zu eröff­nen;-)

Fazit: Lie­bens­wert und sanft erzählt. Ein ganz beson­de­res Buch.

LesealternativenDie wohl bes­te Alter­na­ti­ve zu “Ein klei­nes Wun­der wür­de rei­chen” ist “Out of my mind: Mit Wor­ten kann ich flie­gen” von Sharon M. Dra­per. Ein unglaub­lich berüh­ren­der Roman, eben­falls über ein Mäd­chen mit Zere­b­ral­pa­re­se. Sel­bi­ges fin­dest du in “Flieg, so hoch du kannst” von Bar­ry Jons­berg. Eine Freund­schaft zwi­schen einem Mäd­chen und einem Jun­gen, der eine ähn­li­che Behin­de­rung hat, kannst du in “Das Schwei­gen in mei­nem Kopf” von Kim Hood (klas­se!) ent­de­cken. Oder lies “Die Wahr­heit über Ivy” von Kathy Stin­son (bewe­gend!) oder Wun­der” von Raquel J. Pala­cio. Ein Kri­mi­nal­fall, der trotz Ein­schrän­kun­gen gelöst wird, das erlebt auch der (autis­tisch wir­ken­de) Prot­ago­nist in “Super­gu­te Tage oder Die son­der­ba­re Welt des Chris­to­pher Boo­ne” von Mark Had­don.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Fischer
ISBN: 978-3-8414-4023-5
Erscheinungsdatum: 23.Mai 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,99€ 
Seitenzahl: 320 
Übersetzer: Andrea Fischer
Originaltitel: "I have no secrets"
Originalverlag: Egmont UK

Amerikanisches Originalcover:
Penny Joelson Ein kleines Wunder würde reichen











Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Penny Joelson

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