Nicole Boyle Rødtnes — Wie das Licht von einem erloschenen Stern

Nicole Boyle Rodtnes Wie das Licht von einem erloschenen Stern19.Juli 2017

Wie das Licht von einem erlo­sche­nen Stern” von der däni­schen Auto­rin Nico­le Boyle Rødt­nes ist ein Roman über ein The­ma, das es so im Jugend­buch noch nie gab: Apha­sie. Der Ver­lust von Spra­che. Die Haupt­fi­gur kann nach einem Unfall weder lesen, schrei­ben, noch spre­chen. Ein authen­ti­sches, sehr ein­dring­lich erzähl­tes Buch über ein Mäd­chen, das unge­wollt zur Außen­sei­te­rin wird. Jetzt neu als Taschen­buch. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren.

Die 17-jäh­ri­ge Vega ist auf einer Par­ty gestürzt. Sie ist in ein Schwimm­be­cken gefal­len und hat sich den Kopf ange­schla­gen. Ertrun­ken. Man muss­te sie wie­der­be­le­ben. “Ich kam in einem Kran­ken­haus­bett zu mir. Gehirn­blu­tung. Sprach­zen­trum beschä­digt. Apha­sie. Die Ärz­te haben immer wie­der ver­sucht, mir das zu erklä­ren. Mei­ne Spra­che ist zer­bro­chen. Wenn ich den Mund öff­ne, kommt nur ein Wör­ter­wirr­war her­aus.” (Zitat aus “Wie das Licht von einem erlo­sche­nen Stern” S.8) Mitt­ler­wei­le ver­steht Vega wie­der, was die ande­ren um sie her­um sagen, doch sie selbst kann — bis auf ein­zel­ne Wör­ter — kaum mehr spre­chen. Lesen geht etwas, schrei­ben über­haupt nicht. Wenn ihr Freund Johan ihr eine Nach­richt schreibt, kann sie Nicole Boyle Rodtnes Wie das Licht von einem erloschenen Sterndie­se mit Mühe ent­zif­fern, aber nicht ant­wor­ten. Er kommt über­haupt immer sel­te­ner bei ihr vor­bei. Wenn ihre bes­te Freun­din Ida sie besucht, schaf­fen sie es viel­leicht gera­de so eine Stun­de auf umständ­li­che Wei­se mit­ein­an­der zu kom­mu­ni­zie­ren, ehe Vega wie­der allei­ne gelas­sen wird. Und allei­ne, das ist das jun­ge Mäd­chen nun oft. Der Unfall hat ihr gan­zes Leben ver­än­dert. Zur Schu­le gehen kann sie nicht mehr. Die Abitur­vor­be­rei­tun­gen lau­fen ohne sie. Ein­mal in der Woche kommt jetzt eine Frau vor­bei, die das Sozi­al­amt bezahlt, die mit ihr übt wie­der rich­tig spre­chen zu ler­nen. Doch Vega macht kaum Fort­schrit­te. “Als sie weg ist, gehe ich zum Com­pu­ter, wo noch immer das Sprech­trai­ning ange­zeigt wird, wie eine dunk­le Gewit­ter­wol­ke aus schlech­tem Gewis­sen. Ich müss­te mehr üben, aber ich brin­ge es ein­fach nicht über ich mich. Ich rol­le mich auf dem Bett zusam­men. Der Mit­tags­schlaf ist jetzt all­täg­lich. Er hilft mir, die Zeit her­um­zu­brin­gen. (Zitat S.15) Zudem hat Vega immer öfters Alb­träu­me, in denen sie von dem Unfall träumt. War­um träumt sie auf ein­mal von jeman­den, der ihr bei ihrem Sturz zusieht? Jeman­dem, der sie hin­ein­stößt in das Schwimm­be­cken? War der Unfall viel­leicht gar kein Unfall? Zusam­men mit Theo, der eben­falls unter Apha­sie lei­det, und den sie bei einem Tref­fen einer Selbst­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on ken­nen­lernt, ver­sucht sie die Wahr­heit her­aus­zu­fin­den…

Nicole Boyle Rodtnes Wie das Licht von einem erloschenen SternWie das Licht von einem erlo­sche­nen Stern” fällt sogleich auf durch sein außer­ge­wöhn­lich schön gestal­te­tes Cover auf. Ein wah­rer Hin­gu­cker! Das Schrift­bild des Titels hat es mich irgend­wie gleich an “Das Schick­sal ist ein mie­ser Ver­rä­ter” von John Green den­ken las­sen. Hier­zu gibt es auch inhalt­lich eine Par­al­le­le: so ler­nen sich Vega und Theo eben­so wie Hazel und Augus­tus durch eine Krank­heit in einer Selbst­hil­fe­grup­pe ken­nen. Der Titel ist sehr pas­send gewählt, berück­sich­tigt man, dass Vegas Vater sei­ne Toch­ter nach einem Ster­nen­bild benannt hat und selbst beruf­lich in der Astro­no­mie tätig ist. Der Ver­gleich Vegas mit einem erlo­sche­nen Stern sym­bo­li­siert zudem ihr gesell­schaft­li­ches “Nicht­mehr­da­zu­ge­hö­ren” sehr gut.
Der Roman wird durch­ge­hend aus der Ich-Per­spek­ti­ve und aus Vegas Sicht geschil­dert. Das Buch ist in Kapi­tel unter­teilt und die ers­te Pas­sa­ge jedes Kapi­tels ist ein kur­siv gedruck­ter Abschnitt, der in Rück­blen­den von dem Unfall, Vegas Erwa­chen im Kran­ken­haus und ihrer dar­auf fol­gen­den Krank­heits­ge­schich­te erzählt. Die Spra­che ist ein­fach und lie­fert doch ab und zu eine Mischung aus Poe­sie und jugend­sprach­li­cher Unver­blümt­heit:“Er hat alles getan, um mich zu ret­ten, und jetzt… jetzt habe ich manch­mal das Gefühl, es wäre bes­ser für ihn, wenn ich nicht über­lebt hät­te. Die­ses Gefühl ist so stark, dass es mein gan­zes Inne­res über­flu­tet, und ich kann es nur ver­ja­gen, wenn Johan ganz dicht bei mir ist. Des­halb küs­se ich ihn. Und aus Küs­sen wer­den Lieb­ko­sun­gen. Und obwohl ich gar kei­ne Lust auf Sex habe, las­se ich mich von ihm von hin­ten vögeln.” (Zitat S.56). Sehr bewe­gend schil­dert Nico­le Boyle Rødt­nes auch die Schwie­rig­kei­ten, die mit Vegas Krank­heit ein­her­ge­hen. Die Ver­zweif­lung, die das Mäd­chen erfüllt, die Hilf­lo­sig­keit und die Wut dar­über, sich nicht ver­ständ­lich machen zu kön­nen. Sehr ver­ständ­lich für den Nicole Boyle Rodtnes Wie das Licht von einem erloschenen SternLeser wie­der­um, wird dies in fol­gen­der Sze­ne dar­ge­stellt, als Vegas Freun­din Ida ihr von einer Par­ty erzählt, auf der sie war und auf der ein Mäd­chen einen sehr kur­zen Rock trug: “Wie kurz war denn ihr Rock?”, frag­te ich. Oder genau­er gesagt, ich glau­be, das gefragt zu haben, aber das Run­zeln auf Idas Stirn sagt mir, dass etwas ande­res aus mei­nem Mund gekom­men ist. “Wie kost war das Fest?”, wie­der­ho­le ich, und jetzt höre auch ich, dass es nicht rich­tig war. “Was der Ein­tritt gekos­tet hat?”, fragt Ida. […] Ich schüt­te­le den Kopf. “Wie kost war das Fest?”, fra­ge ich noch ein­mal und ver­su­che, es mit den Hän­den zu demons­trie­ren. […] “Wie vie­le da waren?” Ich schüt­te­le den Kopf. “Auch egal”, sage ich. Die Wut häm­mert hin­ter mei­ner Stirn. Blö­der Drecks­mund und Scheiß­oh­ren, nie kön­nen sie etwas rich­tig machen.” (Zitat S.13) Die Auto­rin hat­te selbst einen Apha­sie-Fall in ihrer Fami­lie, der sie dazu beweg­te über die­ses noch eher unbe­kann­te The­ma einen Roman zu schrei­ben. Das ist ihr auf sehr ein­drucks­vol­le Wei­se gelun­gen. Die Geschich­te regt auf jeden Fall zum Nach­den­ken an. Wie wür­de man selbst mit so einer Krank­heit umge­hen? Wie mag es für einen Men­schen sein, der sich sei­ner Außen­welt nicht mehr rich­tig mit­tei­len kann? Und wie wich­tig ist Kom­mu­ni­ka­ti­on für die see­li­sche Zufrie­den­heit? Apha­sie ist eine Krank­heit mit einem unge­wis­sen Ver­lauf. Die­se Erfah­rung müs­sen auch Theo und Vega machen, zwi­schen denen sich bald eine zar­te Lie­be ent­wi­ckelt. Jedoch ler­nen sie, dass man gemein­sam mit man­chen Schwie­rig­kei­ten immer bes­ser fer­tig wird, als allei­ne.

Eine gute Alter­na­ti­ve ist wie bereits erwähnt “Das Schick­sal ist ein mie­ser Ver­rä­ter” von John Green. Du kannst aber auch noch ande­re Bücher von Nico­le Boyle Rødt­nes lesen. Sie hat eine Fan­ta­sy-Tri­lo­gie namensLesealternativen “Die Toch­ter der Elfe” geschrie­ben: “Schick­sal­stanz” (Band 1) und  “Unheils­blick” (Band 2) und “Rache­pakt” (Band 3). Sprach­lo­sig­keit und die Schwie­rig­keit sich aus­zu­drü­cken fin­dest du auch her­vor­ra­gend umge­setzt in den Roma­nen “Mit Wor­ten kann ich flie­gen” von Sharon M. Dra­per (ein­ma­lig!) und Das Schwei­gen in mei­nem Kopf” von Kim Hood (sehr bewe­gend!). In “Speech­less” von Han­nah Har­ring­ton wird auch deut­lich wel­che Macht Wor­te haben kön­nen — wenn sie gesagt oder wenn sie nicht gesagt wer­den. Eine Spra­che, die völ­lig anders ist und selbst für den Leser erst ein­mal unver­ständ­lich her­über­kommt, wird in “Sophie Sound­so” von Hay­ley Long ver­wen­det. In “Schö­ne Mäd­chen ster­ben nicht” von Miche­le Jaf­fe muss die Haupt­per­son auch erst her­aus­fin­den, was in einer schick­sals­haf­ten Par­ty­nacht geschah, als sie ver­letzt in einem Dor­nen­strauch erwach­te.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Beltz & Gelberg
ISBN: 978-3-407-74913-0
Erscheinungsdatum: 17.Juli 2017
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 7,95€
Seitenzahl: 243
Übersetzer: Gabriele Haefs
Originaltitel: "Hul i hovedet"
Originalverlag: Forlaget Alvilda

Dänisches Originalcover:
Nicole Boyle Rodtnes Wie das Licht von einem erloschenen Stern 




Kasimiras Bewertung:

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Dänisches Cover: Homepage von Forlaget Alvilda

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