Nana Rademacher — Immer diese Herzscheiße

Nana Rademacher Immer diese Herzscheiße3.Okto­ber 2017

Die deut­sche Auto­rin Nana Rade­ma­cher hat mit “Immer die­se Herz­schei­ße” ihren zwei­ten Jugend­buch­ro­man ver­öf­fent­licht, der sei­ne Leser in die sozia­le Unter­schicht eines in Stutt­gart leben­den Mäd­chens ent­führt. Eine Geschich­te über Freund­schaft, ver­meint­li­che Chan­cen­lo­sig­keit und der einer ers­ten Lie­be. Und der Bot­schaft: manch­mal kannst du mehr, als du denkst! Unglaub­lich authen­tisch und sehr bewe­gend erzählt. Ein rund­um gelun­ge­nes Lese­er­leb­nis! Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Stutt­gart. Im Stadt­vier­tel Hall­schlag. Die 15-jäh­ri­ge Sarah lebt bei ihren Groß­el­tern, seit ihre Mut­ter die Fami­lie ver­las­sen hat. Den Vater kennt sie nicht. Ihr Bru­der, der frü­her auch stän­dig Mist bau­te, ist erwach­sen gewor­den und zum Spie­ßer mutiert und führt ein gere­gel­tes, lang­wei­li­ges Spie­ßer­le­ben. Sarahs Welt hin­ge­gen ist eine ein­zi­ge Par­ty. Sie lügt, trinkt, klaut und das alles mit ihrer bes­ten Freun­din Son­ja, die alle nur Dixi nen­nen. Zusam­men sind sie unschlag­bar: “Ich bin das Uni­ver­sum!”, schrie ich. Wir rann­ten immer wei­ter und brüll­ten rum, damit uns die gan­ze Stadt hören konn­te […]. Wenn ein Auto gekom­men wäre, wären wir Nana Rademacher Immer diese Herzscheißenicht aus­ge­wi­chen. Wir waren näm­lich unsterb­lich. Aber es kam lei­der kein Auto.” (Zitat S.117) Dixi wohnt im Hoch­haus gegen­über. Da wer­den schon mal die Taschen­lam­pen abends her­aus­ge­holt, um sich Zei­chen zu geben, wenn das Han­dy­gut­ha­ben leer ist und sie noch mal mit ihrer Cli­que los­zie­hen wol­len. Die Schu­le fin­det Sarah abso­lut lang­wei­lig. Sie mag es nicht, wenn ande­re über sie bestim­men und sie auch noch so früh auf­ste­hen muss. Jeman­dem wie ihr gibt man sowie­so kei­ne Chan­ce. Daher ist ihr Berufs­wunsch Hartz IV und Schwarz­ar­beit. Etwas ande­res kann die 15-Jäh­ri­ge, deren Groß­el­tern eben­falls auf jeden Cent schau­en müs­sen, sich nicht vor­stel­len. “Ich an der Uni, das wär ja, als ob man Senf auf Mar­me­la­de schmiert.” (Zitat S.23) Doch dann wird Sarah von ihrem Deutsch­leh­rer erwischt wie sie einem Schü­ler einen Joint ver­kauft. “Wenn es nur Gum­mi­bär­chen gewe­sen wären.. Aber Sarah, was du ver­kauft hast, waren Dro­gen. […] Und nicht nur das, Sarah, es war ein sehr jun­ger Schü­ler.” “Der ist vier­zehn! Der raucht, seit­dem er lau­fen kann.” “Und es war in der Schu­le, Sarah.” “Aber in der Pau­se. Und es war nur ein Joint.” (Zitat S.7ff) Aber Herr Straub­mann kennt kei­ne Gna­de. Oder zumin­dest nur ein biss­chen. Denn um einen Schul­ver­weis (was sie ihren Groß­el­tern auf kNana Rademacher Immer diese Herzscheißeeinen Fall zumu­ten will) kommt sie nur her­um, wenn sie für den Rest vom Schul­jahr an einem Thea­ter­pro­jekt mit­ar­bei­tet. Dar­auf hat Sarah natür­lich über­haupt kei­nen Bock. Uner­war­tet trifft sie dort jedoch Leu­te, die fort­an ihr Leben ver­än­dern wer­den. Allen vor­an Paul, in den sie sich doch eigent­lich gar nicht ver­lie­ben woll­te… Aber was ist, wenn ihre neue Welt und ihre alte auf­ein­an­der tref­fen wer­den? Kann das gut gehen? Vor allem Dixi ist mit Sarahs neu­em Leben gar nicht ein­ver­stan­den…

Immer die­se Herz­schei­ße” wird — bis auf das letz­te Kapi­tel — durch­ge­hend aus Sarahs Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Ein Mäd­chen, das am Ran­de der Gesell­schaft lebt, regel­mä­ßig klaut und kei­ne wirk­li­chen Zie­le im Leben hat, weil sie nicht glaubt, dass sie irgend­wel­che Chan­cen bekom­men wird. Die sich nicht bemüht, weil es sowie­so nichts bringt: “Das ech­te Leben ist ganz anders. Im ech­ten Leben gibt’s kein Hap­py End. Das ech­te Leben ist eine ein­zi­ge gro­ße Herz­schei­ße mit ein paar Eimern vol­ler Glück. Nur dass ich noch nie in einen rein­ge­stol­pert war, son­dern immer dran vor­bei­lief.” (Zitat S.176) Mit­zu­er­le­ben, wie sie in der Thea­ter­grup­pe eine Chan­ce bekommt und die­se schließ­lich nutzt, liest sich sehr ergrei­fend. Aber auch ihren inne­ren Zwie­spalt nach­zu­emp­fin­den, wie sie mit ihreNana Rademacher Immer diese Herzscheißen neu­en und alten Freun­den umge­hen soll, hat Nana Rade­ma­cher gut getrof­fen und mit Sarah einen sehr erfri­schen­den Cha­rak­ter geschaf­fen. Eine Prot­ago­nis­tin, die sagt, was sie denkt und durch­ge­hend glaub­wür­dig ist. Die zwar eine raue Scha­le, aber einen wei­chen Kern hat, auf den man in man­chen Momen­ten Ein­blick gewährt bekommt (wie zum Bei­spiel das Geld, das ihre Oma ihr zusteckt, das Sarah heim­lich wie­der in die Haus­halts­do­se packt, weil ihre Groß­el­tern ohne­hin so wenig haben). Auch die Neben­cha­rak­te­re sind in “Immer die­se Herz­schei­ße” rich­tig gut skiz­ziert. Sarahs coo­ler Leh­rer, der sie als Straf­ar­beit — weil sie und Dixi ihm ein paar Por­nos unter­schie­ben woll­ten, um ihn von dem Thea­ter­kram abzu­len­ken — die bei­den Mäd­chen prompt eine Inhalts­an­ga­be und eine Inter­pre­ta­ti­on eben jener Wer­ke schrei­ben lässt. Oder Paul mit sei­ner typi­schen, lie­bes­wür­di­gen Paul-Art und sei­ne Eltern, die so anders sind und zum Bei­spiel ihre Wän­de regel­mä­ßig mit phi­lo­so­phi­schen Sprü­chen voll­schrei­ben. Die Lie­bes­ge­schich­te ist dezent, völ­lig unkit­schig und sehr sen­si­bel in den Roman ein­ge­ar­bei­tet“Haben dir die Blu­men gefal­len?” Eigent­lich woll­te ich Nein sagen, was zwar nicht stimm­te, aber er soll­te nicht mer­ken, dass ich ihn irgend­wie moch­te, weil, Nana Rademacher Immer diese Herzscheißeich woll­te ihn ja über­haupt nicht mögen. Ich woll­te nie­man­den mögen, der selt­sa­me Stoff­ho­sen trug und alte Bücher toll fand. Er war so anders als alle, die ich kann­te. Aber dann guck­te Paul so ver­zwei­felt auf sei­nen Sat­tel, als ob da die Ant­wort ste­hen wür­de, und dar­um sag­te ich: “Viel­leicht..” (Zitat S.93) Die Spra­che ist sehr locker und teil­wei­se jugend­sprach­lich, aber immer in dem pas­sen­den Ton und man­che Text­stel­len sind mit optisch fett gedruck­ten Sät­zen oder Wör­tern in grö­ße­rer Schrift ver­se­hen. Der Titel: passt wie die Faust aufs Auge. Der Schluss: tref­fend und mit einem schö­nen Wohl­fühl-Ende, bei dem sogar die Star­kö­chin Sarah Wie­ner eine klei­ne (mit ihr abge­spro­che­ne) Rol­le spielt.

Fazit: Eine “Milieu­stu­die”, die sich zu lesen lohnt und nicht nur Hoff­nung macht, son­dern auch jede Men­ge Lese­freu­de ver­spricht!

Wenn dir “Immer die­se Herz­schei­ße” gut gefal­len hat, kannst du noch den ers­ten (unab­hän­gi­gen) Jugend­ro­man von Nana Rade­ma­cher lesen: “Wir waren hier”Ein dys­to­pi­scher Roman, der in Ber­lin spielt und sehr bewe­gend geschrie­ben ist. Über ein Leben am Ran­de der Gesell­schaft gibt es mitt­ler­wei­le eini­ge inter­es­san­te Bücher: bei­spiels­wei­se “Der Pen­ner im Pyja­ma ist mein Papa” von Eli­sa­beth Schmied und “Und wenn schon” von Karen-Suan Fes­sel, in wel­chem eine Fami­lie von Hartz IV leben muss. In einer Sozi­al­woh­nung leben auch die Haupt­per­so­nen in “Das Glück hat vier Far­ben” von Lisa MLesealternativenoore und “Die Bal­la­de von der gebro­che­nen Nase” von Arne Svin­g­en (hier hat der Jun­ge ein beson­de­res Talent, eben­so wie Sarah). Plötz­li­che Armut der Mit­tel­schicht, das erfah­ren die Prot­ago­nis­ten in  “Jen­na-Bel­le wohnt hier nicht mehr” von Alys­sa Brug­mann und in “No place, no home” von Rea­li­ty-Best­sel­ler-Autor Mor­ton Rhue. Eine rich­tig tol­le Geschich­te ist auch “Ghet­to Bitch” von Ger­not Gricksch, hier wird ein rei­ches, ver­wöhn­tes Mäd­chen über Nacht durch die Schul­den des plötz­lich ver­stor­be­nen Vaters in eine völ­lig ande­re (arme) Welt kata­pul­tiert. Ein Roman, der neben­bei mit typi­schen Arm-Reich-Kli­schees auf­räumt und recht humor­voll zu lesen ist. Sozia­le Unter­schie­de einer ent­ste­hen­den Lie­be, das fin­dest du in “8 Tage im Juni” von Bri­git­te Gla­ser. Eine sehr gute Lese­al­ter­na­ti­ve ist eben­falls “Befrei­ungs­schlag” von Ste­fan Gemmel & Uwe Zis­sener — ein Buch, in dem der Prot­ago­nist eine ganz beson­de­re Wand­lung durch­macht und einen bes­se­ren Weg ein­schlägt. Hier wird der Fokus aller­dings noch etwas mehr auf das The­ma “Gewalt” gerich­tet. Ein Leh­rer, der sich einem Mäd­chen annimmt, so wie Herr Straub­mann es bei Sarah tut, das fin­dest du — wenn auch mit einem ande­ren inhalt­li­chen Hin­ter­grund (Leg­asthe­nie) — bei “Wie ein Fisch im Baum von Lyn­da Mulla­ly Hunt.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Ravensburger
ISBN: 978-3-473-40137-6
Erscheinungsdatum: 23.August 2017
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,00€ 
Seitenzahl: 320 
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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