Morton Rhue — Dschihad online

23Morton Rhue - Dschihad online.Juli 2017

Dschi­had online” von dem ame­ri­ka­ni­schen (Rea­li­ty-) Best­sel­ler­au­tor Mor­ton Rhue ist nun neu als Taschen­buch erschie­nen. Eine Geschich­te über die Ver­füh­rung zum radi­ka­len Islam. Im Mit­tel­punkt zwei Brü­der, die in die Fän­ge des Dschi­had gera­ten. Ein aktu­el­les, hoch­bri­san­tes und wich­ti­ges Buch. Ide­al als Schul­lek­tü­re. Man könn­te fast sagen: “Die Wel­le” rel­oa­ded! Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Kha­lil ist in Ame­ri­ka gebo­ren. Doch sei­ne Eltern und sein gro­ßer Bru­der Amir stam­men ursprüng­lich aus Bos­ni­en. “Dad hat immer von den Pan­zern in den Stra­ßen erzählt, bevor Mom und er aus Sre­bre­ni­ca geflo­hen sind. Artil­le­rie­an­grif­fe. Gan­ze Wohn­blö­cke gin­gen in die Luft, Hun­der­te von Män­nern und Jun­gen zogen in den Kampf, wur­den abge­schlach­tet und in engen Gru­ben platt gewalzt.” (Zitat aus “Dschi­had online” S.23) Die­se Men­schen wur­den bei dem Mas­sa­ker getö­tet, weil sie Mos­lems waren. Kha­lils Eltern gelang die Flucht nach Ita­li­en, von wo aus sie sich nach Ame­ri­ka auf­mach­ten — in das Land der unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten. Doch obwohl sie Arbeit und eine Unter­kunft fan­den, ver­lief das Leben der Fami­lie nicht beson­ders rosig. “Seit letz­ter Woche ist es eis­kalt hier. Kei­ne Hei­zung. Amir hat sich bei unse­rem Ver­mie­ter Mr Zent beschwert, der gleich damit droh­te, ihn bei der Ein­wan­de­rungs­be­hör­deMorton Rhue - Dschihad onlinezu mel­den, wenn er wei­ter nervt.” (Zitat S.24) Vor allem seit Kha­lils Eltern zurück nach Bos­ni­en gefah­ren sind:…irgend­wann wur­den Dads Eltern alt und krank und hat­ten nie­man­den, der sich um sie küm­mer­te. Und Moms Schwes­ter wur­de Wit­we, mit drei klei­nen Kin­dern. Mei­ne Eltern hat­ten kei­ne Wahl, sie muss­ten uns allein las­sen und zurück in ihre Hei­mat gehen. Aber das darf kein Außen­ste­hen­der wis­sen.” (Zitat S.32) Abge­se­hen von ein paar (Skype-)Telefonaten und regel­mä­ßi­gem Geld, das die Eltern ihnen schi­cken — aber das hin­ten und vor­ne nicht reicht — sind Kha­lil und Amir ganz auf sich allein gestellt. Kha­lil ver­ehrt sei­nen gro­ßen Bru­der, merkt jedoch, dass die­ser auf ein­mal immer öfters online in Kon­takt mit irgend­wel­chen Leu­ten ist. Leu­te, die dem Dschi­had angehören…

Dschi­had online” ist zwar die Geschich­te zwei­er Brü­der, wird aber kom­plett aus der Sicht von Kha­lil erzählt. Dass Amir anders ist, als ande­re Kin­der, das wur­de dem Jun­gen schon früh klar: “Als wir klein waren, bau­ten die Kin­der in unse­rer Nach­bar­schaft Schnee­män­ner und mach­ten Schnee-Engel. Nur Amir spiel­te immer Krieg.” (Zitat S.11) Doch die Bezie­hung der bei­den ist nicht nur eng, son­dern auch klar zuein­an­der absteckt: “Amir war mein gro­ßer Bru­der. Er bestimm­te, was wir mach­ten. Er leg­te die Regeln fest. Er war der Anfüh­rer, der Chef.” (Zitat S.12) Und wenn der ihn mit­ten in der Nacht weckt, um einen Laden aus­zu­rau­ben, dann ist Kha­lil dabei. Ohne Wenn und Aber. Der Leser darf somit auf­merk­sam ver­fol­gen, wie weMorton Rhue - Dschihad onlineit Kha­lil wirk­lich für sei­nen Bru­der gehen wür­de. Und das “Dabei­blei­ben” fällt bei Mor­ton Rhu­es ange­neh­men und flot­ten Erzähl­stil sehr leicht. Die Kapi­tel sind kurz, die Spra­che ein­fach und aus­sa­ge­kräf­tig. Auch kur­ze Whats­App-Nach­rich­ten wer­den gra­fisch im Text her­vor­ge­ho­ben. Man kann sich her­vor­ra­gend in die Per­spek­ti­ve von Kha­lil ein­füh­len und sei­ne schwie­ri­ge Situa­ti­on nach­emp­fin­den: “Kei­ner von denen ist selbst für Essen oder Wäsche ver­ant­wort­lich, weil sei­ne Eltern sich am ande­ren Ende der Welt um ihre kran­ken, bedürf­ti­gen Ver­wand­ten küm­mern müs­sen. Kei­ner von denen lebt mit einem stän­di­gen Gefühl der Zer­ris­sen­heit — in die­sem ver­rück­ten, groß­ar­ti­gen Land, in dem die Men­schen sich einer­seits sicher füh­len kön­nen, genug zu essen und Arbeit haben und wo ande­rer­seits jede ver­schlei­er­te mus­li­mi­sche Frau und jeder mus­li­mi­sche Mann mit Bart und Gebets­kap­pe für einen poten­zi­el­len Ter­ro­ris­ten gehal­ten wird.” (Zitat S.53ff) Der Autor macht nicht nur hier, son­dern auch in vie­len ande­ren Situa­tio­nen im Buch äußerst deut­lich, wie schnell Vor­ur­tei­le ent­ste­hen kön­nen: “Zig­tau­sen­de Mos­lems in die­sem Land wol­len nichts ande­res, als gute Ame­ri­ka­ner sein. Und dann müs­sen sie sich mit isla­mo­pho­ben Idio­ten wie dir rum­schla­gen, die den­ken, sie wären alle Ter­ro­ris­ten. Wahr­schein­lich wärst du froh, wenn wir sie alle­samt ins Inter­nie­rungs­la­ger ste­cken wür­den.” (Zitat S.102) Und der Autor zeigt wie ein­fach es auch heu­te ist (ähn­lich wie in “Die Wel­le”) sich beein­flus­sen und — wie in die­sem Fal­le — radi­ka­li­sie­ren zu las­sen. Bes­ter Stoff sozu­sa­gen, um Dis­kus­sio­nen anzu­re­gen und ide­al für eine Klas­sen­lek­tü­re oder für eine Buchvorstellung.

Wenn dir “Dschi­had online” gefal­len hat, kannst du noch die ande­ren Bücher von Mor­ton Rhue lesen, hier chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum: Die Wel­le” (1984, Expe­ri­ment, Natio­nal­so­zia­lis­mus), “Ich knall euch ab!” (2002, Amok­lauf), Asphalt tri­be” (2004, Leben auf der Stra­ße), Ghet­to kidz” (2005, Gewalt, Kri­mi­na­li­tät), “Boot camp” (2006, Erzie­huLesealternativenngs­an­stalt), “Fame Jun­kies” (2010, Berühmt­heit), “No place, no home” (2013, plötz­li­che Armut) und das letz­te “Crea­tu­re: Gefahr aus der Tie­fe” (2017, Aben­teu­er, Leben auf einem ande­ren Pla­net). Unter sei­nem rich­ti­gen Namen als Todd Stras­ser hat er noch drei span­nen­de Thril­ler ver­öf­fent­licht: “Wish u were dead” (2010, Mob­bing), “Blood on my hands” (2011, Mord­fall) und “Dying for Beau­ty” (2012, Ver­schwin­den drei­er Models).
Über das The­ma IS/Dschihad wur­de im Jugend­buch bereits eini­ges geschrie­ben: 2011 erschien Black Box Dschi­had: Dani­el und Sa’ed auf ihrem Weg ins Para­dies” von Mar­tin Schäub­le (2013 als Taschen­buch). 2012 wur­de “Regio­nal­ex­press” von Agnes Ham­mer ver­öf­fent­licht, wel­ches Anfang die­ses Jah­res noch ein­mal neu auf­ge­legt wur­de mit dem Titel “Nächs­ter Halt: Dschi­had”. 2013 kam “Dji­had Para­dies” von Anna Kuschna­ro­wa her­aus (2016 als Taschen­buch). 2015 folg­te “Dschi­had cal­ling” von Chris­ti­an Lin­ker. Mit auf­fal­lend vie­len Neu­erschei­nun­gen war 2016 zu rech­nen: Im Juli erschie­nen “Mond über Rak­ka: Ver­füh­rung Dschi­had” von Robert Kle­ment und Blood & Ink: Die Bücher von Tim­buk­tu” von Ste­phen Davies. Im August kam “Kadir, der Krieg und die Kat­ze des Pro­phe­ten” von Ben­no Köp­fer her­aus. Die­ses Jahr wur­de noch “Dji­had, mon ami” von Dou­nia Bou­zar veröffentlicht.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Ravensburger
ISBN: 978-3-473-58513-7
Erscheinungsdatum: 23.Juli 2017
Einbandart: Taschenbuch 
Preis: 7,99€ 
Seitenzahl: 256 
Übersetzer: Nicolai von Schweder-Schreiner
Originaltitel: "Birds in Paradise"
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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