Michael Gruenbaum & Todd Hasak-Lowy — Wir sind die Adler: Eine Kindheit in Theresienstadt

Michael Gruenbaum Todd Hasak-Lowy Wir sind die Adler Eine Kindheit in Theresienstadt6.Mai 2017

Der ame­ri­ka­ni­sche Autor Todd Hasak-Lowy hat gemein­sam mit Micha­el Gru­en­baum des­sen Lebens­ge­schich­te nach­er­zählt: “Wir sind die Adler: Eine Kind­heit in The­re­si­en­stadt”. Der auto­bio­gra­fi­sche Roman schil­dert die Erleb­nis­se eines jüdi­schen Kin­des, das in Prag auf­wächst und nicht nur in das Ghet­to abge­scho­ben wird, son­dern schließ­lich auch im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger The­re­si­en­stadt lan­det. Ein ergrei­fen­des, erschüt­tern­des Zeug­nis einer Zeit zwi­schen Kind­heit und Erwach­sen­wer­den, beglei­tet von Ter­ror, Aus­gren­zung und Hass. Aber auch ein Bericht über jene Men­schen, die trotz allem Schwe­ren uner­bitt­lich für Respekt und Mensch­lich­keit unter­ein­an­der gekämpft haben. Das Buch ist zwar in einem Ver­lag für Erwach­se­ne erschie­nen, wur­de vom Autor aller­dings auch bewusst für ein jün­ge­res Publi­kum geschrie­ben”…mit die­sem Roman wird die Geschich­te zum ers­ten Mal so erzählt, dass sie auch jene Leser anspricht, die jetzt das glei­che Alter haben wie ich damals.” (Zitat S.14) Somit ist “Wir sind die Adler: Eine Kind­heit in The­re­si­en­stadt” für Jugend­li­che ab 15 Jah­ren und für Erwach­se­ne geeig­net.

1939. Prag. Es gibt so vie­le Din­ge, die der 8-jäh­ri­ge Micha­el, genannt Mischa, nicht ver­steht. War­um sein Vater, ein ange­se­he­ner Anwalt, plötz­lich nicht mehr arbei­ten darf. War­um sie in der Stra­ßen­bahn auf ein­mal nur noch hin­ten sit­zen dür­fen. War­um sei­ne jüdi­sche Fami­lie die meis­ten Restau­rants und Hotels nicht mehr betre­ten darf. War­um es ihm und sei­ner Schwes­ter Mari­et­ta sogar unter­sagt wird auf eine Schu­le und in ein öffent­li­ches Schwimm­bad zu gehen. Und was ist mit Mischas Michael Gruenbaum Todd Hasak-Lowy Wir sind die Adler Eine Kindheit in Theresienstadtgelieb­tem Fuß­ball­spie­len? “Wenn alle Juden dort­hin gehen, in den alten Stadt­teil, meinst du, sie las­sen uns dann da in den Parks spie­len? “Das weiß ich nicht, Mischa, wir wer­den…” “Nur weil ich nicht rich­tig zur Schu­le gehen kann, heißt das doch nicht, dass ich auch schlecht im Fuß­ball­spie­len wer­den soll­te. Oder?” (Zitat S.45) So vie­les ver­schlech­tert sich für den Jun­gen und sei­ne Fami­lie, seit die Deut­schen Prag ein­ge­nom­men haben und stän­dig irgend­wel­che neu­en Regeln und Vor­schrif­ten machen. Sogar das Kin­der­mäd­chen, das seit jeher auf Mischa und Mari­et­ta auf­ge­passt hat, darf nicht mehr für die Fami­lie arbei­ten. Weil kei­ner, der selbst kein Jude ist, noch für Juden arbei­ten darf. “Was haben wir getan? Was habe ich getan, das die­se Kin­der vor ein paar Wochen dazu gebracht hat, Stei­ne nach mir zu wer­fen und mich eine Gas­se hin­un­ter­zu­ja­gen? Was haben wir getan, dass die Nazis uns mit dem Tod bedro­hen, nur weil wir ein Hotel betre­ten? Und wenn das alles nicht bald endet, was dann? Wie wird es wohl sein, wenn es noch schlim­mer wird?” (Zitat S.55) Denn es ist schlim­mer gewor­den, seit sie kaum mehr etwas zu Essen haben und man sie noch gezwun­gen hat ihr Zuhau­se zu ver­las­sen und in einen ande­ren Stadt­teil, in ein Ghet­to, zu zie­hen. Eines Tages for­dern auch ein paar Sol­da­ten Mischas Vater auf mit ihm Michael Gruenbaum Todd Hasak-Lowy Wir sind die Adler Eine Kindheit in Theresienstadtzu kom­men. Sie wol­len sich nur mit ihm unter­hal­ten, sagt sei­ne Mut­ter. Aber sein Vater kommt nie­mals zurück. Bald dar­auf wer­den auch Mischa, Mari­et­ta und sei­ne Mut­ter abtrans­por­tiert. 1942 lan­den sie in dem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger in The­re­si­en­stadt, das “…über­füllt ist mit mehr als fünf­zig­tau­send Men­schen? Was zehn­mal mehr Men­schen sein müs­sen, als hier eigent­lich rein­pas­sen. Fünf­zig­tau­send Gefan­ge­ne mit gel­ben Ster­nen auf der Brust, die immer noch nicht wis­sen, war­um sie hier sind und was sie falsch gemacht haben.” (Zitat S.130ff) Doch zum Glück gibt es dort den älte­ren Fran­ta, der den Schlaf­saal mit den fast 40 Jun­gen, unter sei­ne Fit­ti­che genom­men hat: “Mischa”, hat er gesagt und mir sogar kräf­tig die Hand geschüt­telt, will­kom­men bei den Neša­rim”. “Nescha­was?”, habe ich gefragt. […] “Neša­rim”, hat ein Jun­ge mit wel­li­gem brau­nen Haar gesagt, viel­leicht Kapr. “Das heißt <Adler>. Wir sind die Adler.” […] “<Neša­rim> ist Hebrä­isch für <Adler>.” (Zitat S.124ff) Fran­ta unter­nimmt alles Mög­li­che, um auf die Jun­gen auf­zu­pas­sen und ihnen einen leich­te­ren All­tag zu ermög­li­chen. Sie wer­den unter­rich­tet und spie­len sogar regel­mä­ßig Fuß­ball. Doch wird Fran­ta sie auch vor der End­sta­ti­on namens Aus­schwitz schüt­zen kön­nen?

Michael Gruenbaum Todd Hasak-Lowy Wir sind die Adler Eine Kindheit in TheresienstadtWir sind die Adler: Eine Kind­heit in The­re­si­en­stadt” beginnt mit einem Vor­wort von Micha­el Gru­en­baum selbst ver­fasst, in dem auch ein Brief sei­ner Mut­ter abge­druckt ist und er auf die Hin­ter­grün­de sei­ner Geschich­te ein­geht: “[Die]…Geschichte, die die­ses Buch erzählt, […] han­delt von den här­tes­ten Jah­ren mei­nes Lebens. Jah­ren, die so hart waren, dass sie mich fast das Leben gekos­tet hät­ten, noch bevor ich mei­nen fünf­zehn­ten Geburts­tag erreich­te.” (Zitat S.14) Der nach­fol­gen­de Haupt­teil ist in meh­re­re gro­ße Tei­le unter­teilt, die sich auf die jewei­li­gen ört­li­chen Auf­ent­halts­or­te bezie­hen und inner­halb die­ser Teil in Kapi­tel auf­ge­split­tet, die mit exak­ten Datums­an­ga­ben ver­se­hen sind. “Ich glau­be, wer es liest, wird durch die Lek­tü­re in der Lage sein, zu ver­ste­hen, in was für einer Welt wir von 1939 bis 1945 gelebt haben — und bei­na­he umge­kom­men wären. Und ich ver­mu­te, wer die­se Welt erst ein­mal ver­stan­den hat, wir sie nicht mehr ver­ges­sen.” (Zitat S.15) Und Micha­el Gru­en­baums wah­re Geschich­te mit­zu­er­le­ben, ist tat­säch­lich unver­gess­lich. Gera­de sei­ne kind­li­che Sicht­wei­se mit­zu­er­le­ben, sei­ne anfäng­li­che Nai­vi­tät gegen­über den sich ver­än­dern­den Umstän­den, ist unheim­lich berüh­rend und zugleich schmerz­lich: “Des­halb fra­ge ich Michael Gruenbaum Todd Hasak-Lowy Wir sind die Adler Eine Kindheit in TheresienstadtVater nicht danach, ob wir immer noch mit dem Zug fah­ren dür­fen. Ich ent­schei­de ein­fach, dass es so ist. Denn wenn die Deut­schen uns hier so wenig mögen, müss­ten sie uns doch bereit­wil­lig in die Züge stei­gen las­sen. So könn­ten wir schließ­lich woan­ders hin­fah­ren.” (Zitat S.40) Sei­ne Art zu den­ken, sei­ne Art Fra­gen zu stel­len (“War­um ist nie­mand bereit, uns oder den ande­ren Juden hier in der Gegend zu hel­fen, obwohl wir ihnen hel­fen wür­den, wenn es umge­kehrt wäre?” (Zitat S.42)) ist glas­klar und die Spra­che ein­fach und ver­ständ­lich. Natür­lich gibt es in “Wir sind die Adler: Eine Kind­heit in The­re­si­en­stadt” auch vie­le trau­ri­ge Sze­nen, als sie vom Tod des Vaters bei­spiels­wei­se erfah­ren, aber auch hef­ti­ge und ver­stö­ren­de, als Mischa beob­ach­tet wie ein Pär­chen von einem Hoch­haus hin­un­ter­springt oder ein Mann auf der Fahrt nach The­re­si­en­stadt in sei­nen Fäka­li­en sitzt und einen Teil sei­ner Exkre­men­te zum Mun­de führt. Daher die Alters­emp­feh­lung erst ab 15 Jah­ren. Aber zugleich hat der auto­bio­gra­fi­sche Roman auch vie­le posi­ti­ve Momen­te, wenn er zum Bei­spiel schil­dert, Michael Gruenbaum Todd Hasak-Lowy Wir sind die Adler Eine Kindheit in Theresienstadtwas Fran­ta bei den Kin­dern bewegt. Was für klu­ge Din­ge er ihnen erzählt, um sie vor­an­zu­brin­gen und für Ver­ständ­nis und Respekt unter­ein­an­der zu sor­gen. Und wenn der Roman von den Wun­dern und der Wil­lens­kraft von Mischas Mut­ter berich­tet, die immer wie­der einen Trans­port nach Ausch­witz zu ver­hin­dern ver­sucht. Im Innen­teil von “Wir sind die Adler: Eine Kind­heit in The­re­si­en­stadt” sind vie­le Foto­gra­fi­en von Mischa und sei­ner Fami­lie zu fin­den. Im Anhang geht Todd Hasak-Lowy noch auf die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Romans ein, wie er mit Micha­el Gru­en­baum Gesprä­che geführt hat und an wel­chen Stel­len er krea­ti­ve Ergän­zun­gen vor­nahm. 

Fazit: Eine bewe­gen­de Geschich­te und ein wich­ti­ges Buch eines Zeit­zeu­gen.

Todd Hasak-Lowy hat noch ein wei­te­res Buch geschrie­ben, das ins Deut­sche über­setzt wur­de: “Dass ich ich bin, ist genau­so ver­rückt wie die Tat­sa­che, dass du du bist: Ein Roman in Lis­ten”. Inhalt­li­che LesealternativenAlter­na­ti­ven zu “Wir sind die Adler: Eine Kind­heit in The­re­si­en­stadt” gibt es vie­le. Aus der Sicht eines Jun­gen erzählt ist eben­so “Im Vor­hof der Höl­le: Ein Buch gegen das Ver­ges­sen” von Car­lo Ross (1994 erschie­nen). Ande­re Roma­ne sind (sor­tiert nach Erschei­nungs­da­tum): “Ich bin ein Stern” von Inge Auer­ba­cher (1990), Mich hat man ver­ges­sen: Erin­ne­run­gen eines jüdi­schen Mäd­chens” von Eva Erben (erst The­re­si­en­stadt, dann Ausch­witz, 2000), “Die Kin­der aus The­re­si­en­stadt” von Kathy Kacer (2003) und Ein Buch für Han­na” von Mir­jam Press­ler (2011). Eine Neu­erschei­nung von die­sem Jahr ist Im Ghet­to gibt es kei­ne Schmet­ter­lin­ge: Ein Roman über die Kin­der von The­re­si­en­stadt” von Matteo Cor­ra­di­ni. Wenn du des Eng­li­schen mäch­tig bist, kannst du auch das Buch, das Micha­el Gru­en­baums Frau Thel­ma geschrie­ben hat, lesen: Neša­rim: Child Sur­vi­vors of Tere­zín. Oder stö­be­re ein­mal im The­ma des Monats Mai, in dem du noch vie­le ande­re Roma­ne über den Holo­caust fin­dest.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Kindler
ISBN: 978-3-463-40679-4
Erscheinungsdatum: 22.April 2017
Einbandart: Hardcover
Preis: 19,95€ 
Seitenzahl: 352 
Übersetzer: Jan Möller
Originaltitel: "Somewhere there is still a sun" 
Originalverlag: Aladdin

Amerikanisches Originalcover:
Michael Gruenbaum Todd Hasak-Lowy Wir sind die Adler Eine Kindheit in Theresienstadt











Amerikanischer Trailer:
 
Ein Bericht des United States Holocaust Memorial Museum 
über die Erinnerungsstücke von Michael Gruenbaum:
  

Kasimiras Bewertung:

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Amerikanisches Cover: Homepage von Todd Hasak-Lowy

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