Melvin Burgess — Kill all enemies

Melvin Burgess Kill all enemies4.April 2015

Ein neu­er Mel­vin Bur­gess. “Kill all enemies” ist der Titel eines Romans des bri­ti­schen Auto­ren, der sich mit zer­rüt­te­ten Fami­li­en­ver­hält­nis­sen, Gewalt, Gerech­tig­keit und der Hoff­nung auf ein bes­se­res Leben aus­ein­an­der­setzt. Roh und derb und gleich­zei­tig sen­si­bel erzählt, wenn man hin­ter die Fas­sa­de die­ser drei Jugend­li­chen schaut, aus deren Sicht berich­tet wird. Aus­drucks­stark! Abge­fah­ren. Anders. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Die 15-jäh­ri­ge Bil­lie ist wie­der­holt von der Schu­le geflo­gen. Oft gerät sie in Schlä­ge­rei­en. So viel Wut ist dann in ihr, dass sie ein­fach explo­diert. Eigent­lich woll­te sie sich auf der neu­en Schu­le zurück­hal­ten, doch dann haben Riley und sei­ne Cli­que einen über­ge­wich­ti­gen Jun­gen geär­gert und in den Schwitz­kas­ten genom­men. “Na los, Bil­lie. Du bist dran! Gib’s ihm!” […] “So viel­leicht?”, frag­te ich. Und box­te Riley voll auf die Nase. Bäng. Er ging zu Boden. Jetzt drauf mit dem Stie­fel. Bäng, bäng, bäng. Dann muss­te sich sei­ne Freun­din, Jess oder wie sie heißt, ein­mi­schen, also krieg­te sie auch was ab — bäng!, ein­mal voll auf die Zäh­ne. Auch sie ging zu Boden, alles war voll Blut.” (Zitat aus “Kill all enemies”, Sei­te 8). Das Schlimms­te für Bil­lie ist jedoch nicht mehr zu ihrer Fami­lie zu gehö­ren. Um ihre alko­hol­kran­ke Mut­ter und ihre Geschwis­ter hat sie sich immer geküm­mert, hat sich schon als Zehn­jäh­ri­ge um den gan­zen Haus­halt gesorgt und dar­um, dass ihre Geschwis­ter etwas zu essen auf dem Tisch hat­ten, wenn ihre Mut­ter mal wie­der “unpäss­lich” war. Bis ein Nach­bar sie beim Jugend­amt ver­petz­te und die Fami­lie aus­ein­an­der­ge­ris­sen wur­de. Bil­lie selbst hat schon meh­re­re Pfle­ge­fa­mi­li­en hin­ter sich. Und doch hat ihre Mut­ter nach einem Ent­zug ihre ande­ren Geschwis­ter wie­der zu sich genom­men. Nur sie, Bil­lie, nicht. Das schmerzt. Zumal das Mäd­chen das Gefühl hat, dass ihrer jün­ge­ren Schwes­ter, die sich auch um alles küm­mert, nun das glei­che Schick­sal blüht wie ihr damals. Das will Bil­lie auf jeden Fall ver­hin­dern…

RMelvin Burgess Kill all enemiesob ist der über­ge­wich­ti­ge Jun­ge, den Riley in den Schwitz­kas­ten genom­men und den Bil­lie uner­war­te­ter Wei­se aus sei­ner Mise­re befreit hat. Rob will mit ihr befreun­det sein. Doch Bil­lie kann kei­ne Freun­de gebrau­chen. Zuhau­se geht es dem Jun­gen nicht gera­de rosig. Sei­ne Mut­ter strei­tet sich oft mit sei­nem Stief­va­ter. Lau­te, häss­li­che Sze­nen, die Rob nur mit Musik zu über­blen­den ver­sucht. “Metal­li­ca löst fast alle Pro­ble­me. Wenn Metal­li­ca spielt, braucht man nicht wütend zu sein. Braucht man kei­ne Angst zu haben. Braucht man sich kei­ne Sor­gen zu machen. So ist Metal­li­ca. Wenn ich Metal­li­ca höre, bin ich Gott.” (Sei­te 30). Er ist es auch, der sei­nen Stief­bru­der Davey von den Sze­nen zu Hau­se ablenkt und mit ihm an der XBox spielt: “Ich setz­te mich neben ihn. Der Bild­schirm ging an. “Kill All Enemies”, sag­te ich und wir fin­gen an zu spie­len.” (Sei­te 32). Doch dann ver­lässt sei­ne Mut­ter die Fami­lie…

Chris hat sein vier Jah­ren kei­ne Haus­auf­ga­ben mehr gemacht. Er macht sie aus Prin­zip nicht. Die Schu­le ödet ihn an, die Leh­rer wol­len nur ihr Gehalt und geben sich kaum Mühe. “Ich akzep­tie­re die Ein­rich­tung Schu­le. Die ist zwar lang­wei­lig, aber wir müs­sen hin. Das ver­ste­he ich. Ich gehe hin. Ich mache mit — solan­ge sie mich nicht ver­ar­schen. Aber wenn ich zu Hau­se bin, ist das mei­ne Zeit. […] Was ich in der Schu­le mache, bestim­men sie. Was ich zu Hau­se mache — bestim­me ich.” (Sei­te 37). Sei­ne Eltern dach­ten zuerst, mit ihm wür­de etwas nicht stim­men, er wäre Leg­asthe­ni­ker oder hät­te eine Seh­schwä­che. Nach­dem die­se Even­tua­li­tä­ten durch alle mög­li­chen Test aus dem Weg geräumt wur­den, bezeich­nen sie ihn ein­fach nur als faul und unin­tel­li­gent. Sper­ren ihn in sei­nem Zim­mer ein, damit er sei­nen Haus­auf­ga­ben macht. Das gefällt Chris gar nicht. Denn er braucht die Schu­le nicht um erfolg­reich zu sein: “Die kom­men ein­fach nicht mit der Tat­sa­che klar, dass mein Platz nicht in der Schu­le ist, son­dern drau­ßen in der Welt, wo ich genau jetzt mei­ne ers­te Mil­li­on ver­die­nen soll­te. Ein Unter­neh­mer braucht kei­ne Abschluss­prü­fung, höchs­tens Kennt­nis­se in Betriebs­wirt­schaft, aber das eigent­lich auch nicht. Ich ver­die­ne jetzt schon ganz ordent­lich bei eBay. […] Und die mei­nen ernst­haft, ich soll­te lie­ber ler­nen, wie man im Binär­sys­tem bis eine Mil­li­on zählt? Nicht mit mir.” (Sei­te 15). Doch dann fliegt er von der Schu­le und muss in ein Auf­fang­pro­gramm…

Melvin Burgess Kill all enemiesKill all enemies” war­tet mit einem deut­li­chen Cover auf. Klar. Schnör­kel­los. Direkt. So wie die Spra­che der Jugend­li­chen. Her­aus­for­dern­de Bli­cke, die sich zwi­schen die Buch­sta­ben quet­schen. Ankla­gend. Distan­ziert. Oder mit ganz geschlos­se­nen Augen. Ich will nicht sehen. Lass mich in Ruhe. Doch mit dem Roman gelingt es vor allem eines: zu sehen. Was sich hin­ter der rau­en Scha­le ver­birgt, wo der wei­che Kern liegt. Und der ist bei jedem der drei Jugend­li­chen zu fin­den. Wenn man tie­fer gräbt. Und das tut Mel­vin Bur­gess. Er bewer­tet nicht, er erzählt. Und lässt ein eige­nes Bild beim Leser ent­ste­hen. Der Roman ist abwech­selnd aus der Sicht der drei geschrie­ben (wobei spä­ter noch eine Per­son dazu­kommt) und in meh­re­re Tei­le ein­ge­teilt. Teil 1: Schu­le. Teil 2: Die Brant-Schu­le. Teil 3: Die Band. Teil 4: Kill all enemies. Die Spra­che ist scho­nungs­los und rea­li­täts­nah. Das Schick­sal der Jugend­li­chen berührt. Als ihre Wege sich in dem Auf­fang­pro­gramm kreu­zen, ändert sich alles. Für jeden von ihnen. Vor allem die Musik spielt dabei eine Rol­le. Die Geschich­te ist durch­weg unter­halt­sam geschrie­ben. Man fie­bert mit, bangt, hofft und das bis auf die letz­ten Sei­ten. Lese­tipp!!

Wenn dir Mel­vin Bur­gess Erzähl­stil gefällt, kannst du auch noch die ande­ren Bücher von ihm lesen. Rich­tig cool und tra­shig ist zum LesealternativenBei­spiel “Death” (erst ab 15 bzw 16 Jah­ren). Der Autor schreibt oft über sehr erns­te The­men. Junk” (Dro­gen), Nicho­las Dane” (Gewalt und Miss­brauch in einem Kin­der­heim), “Sarahs Gesicht” (Gesichts­trans­plan­ta­ti­on), Bil­ly Elli­ot” (Jun­ge will Bal­lett­tän­zer wer­den), Doing it” (das ers­te Mal). Eini­ge Titel sind lei­der nur noch als E-Book erhält­lich. Eine gute Alter­na­ti­ve zu Mel­vin Bur­gess ist Kevin Brooks, der den Ton der Jugend­li­chen trifft und über beson­de­re The­men schreibt: “Bun­ker Dia­ry” (erst ab 1516 Jah­ren) oder “i Boy” (ab 14) sind rich­tig gut! Men­schen am Ran­de der Gesell­schaft fin­dest du auch in “Wie ein flam­men­der Schrei” von Mats Wahl. Ähn­lich ekla­tant sind But­ter” von Erin Jade Lan­ge und “Die Liga der Guten” von Rüdi­ger Bertram. Eben­falls aus der Sicht von drei Per­so­nen wer­den fol­gen­de Geschich­ten erzählt: Zwei oder drei Din­ge, die ich dir nicht erzählt habe” von Joy­ce Carol Oates und die Auge um Auge”-Tri­lo­gie von Jen­ny Han und Siob­han Vivi­an.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58303-1
Erscheinungsdatum: 26.Februar 2015
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,90€
Seitenzahl: 272
Übersetzer: Heike Brandt
Originaltitel: "Kill all enemies"
Originalverlag: Penguin

Britisches Originalcover:
Melvin Burgess Kill all enemies












Melvin Burgess über sein Buch (englisch):
 

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Britisches Cover: Homepage von Melvin Burgess

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