Meg Wolitzer — Was uns bleibt ist jetzt

Meg Wolitzer Was uns bleibt ist jetzt14.Juli 2017

Was uns bleibt ist jetzt” ist das ers­te Jugend­buch der ame­ri­ka­ni­schen Auto­rin Meg Wolit­zer. Ein Roman über den Ver­lust der gro­ßen Lie­be, das Wei­ter­le­ben in einem Inter­nat für trau­ma­ti­sier­te Jugend­li­che und über einen ganz beson­de­ren Lite­ra­tur­kurs. Unter­halt­sam. Bewe­gend. Groß­ar­tig! Jetzt neu als Taschen­buch erschie­nen. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Die 16-jäh­ri­ge Jamai­ca, die von allen nur Jam genannt wird, kann das Leben nicht mehr ertra­gen. Das Leben ohne ihn. Ree­ve Max­field, den Jun­gen, der ihre gro­ße Lie­be war. Nur 41 Tage lang waren sie zusam­men, dann ist er gestor­ben und hat irgend­wie auch einen Teil von Jam mit ins Grab genom­men. Seit­dem hat sie zu nichts mehr Lust, ver­kriecht sich nur noch in ihrem Bett und geht nicht mehr zur Schu­le. Freun­de, die sie anfangs noch regel­mä­ßig besu­chen, kom­men bald nicht mehr. Sie bekommt einen Pri­vat­leh­rer, dem sie aber über­haupt nicht zuhö­ren kann. Ihre Trau­er nimmt sie völ­lig gefan­gen. Ihre Eltern wis­sen sich schließ­lich nicht anders zu hel­fen, als sie auf ein Inter­nat in Ver­mont zu schi­cken, das für “emo­tio­nal fra­gi­le, hoch­in­tel­li­gen­te Teen­ager” (Zitat aus “Was uns bleibt ist jetzt” S.7) sein soll. Und auch wenn sie am liebs­ten wie­der nach Hau­se zurück möch­te, so muss Jam dort — laut ihren Eltern — min­des­tens ein hal­bes Jahr blei­ben. Das Inter­nat ist eine Mischung aus Kran­ken­haus und Schu­le. Jedoch müs­sen alle Schü­ler ihre Han­dys abge­ben und Inter­net­emp­fang gibt es dort eben­falls nicht. Nur ein altes Tele­fon steht ihnen zur Ver­fü­gung. Merk­wür­dig ist auch der Lite­ra­tur­kurs “Aus­ge­wähl­te The­men der Lite­ra­tur­ge­schich­te” von Mrs Quenell, an dem Jam teil­neh­men soll. DJ, Jams Zim­mer­ge­nos­sin, ist dar­über völ­lig ver­blüfft. “…du bist drin”, sag­te sie. “[…] Hast du eine Ahnung wie außer­ge­wöhn­lich das ist?” (Zitat S.24). Die­ser Unter­richt, der über Meg Wolitzer Was uns bleibt ist jetztein hal­bes Jahr geht, soll legen­där sein und die schon etwas älte­re Leh­re­rin, die nur dann unter­rich­tet, wenn sie dazu Lust hat, wählt eine klei­ne Grup­pe an Schü­lern expli­zit dafür aus. “Du kannst mei­nen Platz haben”, sag­te ich groß­zü­gig. “Wenn das so ein­fach wäre! Das Halb­jahr hin­durch tun alle aus die­ser Klas­se so, als wäre es kei­ne gro­ße Sache, aber danach behaup­ten sie, es hät­te ihr Leben ver­än­dert.” (Zitat S.26) Jam hin­ge­gen glaubt an kei­ne Ver­än­de­rung ihres Lebens, als sie den Unter­richt besucht, der mit ihr tat­säch­lich nur aus fünf Schü­lern besteht. Mrs Quenell ist wirk­lich ein wenig anders, als ande­re Leh­rer, die Jam bis­her gehabt hat. Sie liest mit ihren trau­ma­ti­sier­ten Schü­lern sogar aus­ge­rech­net “Die Glas­glo­cke” von Syl­via Plath (auto­bio­gra­phi­scher Roman über Depres­si­on und Sui­zid­ver­such). Und sie gibt jedem ihrer Schü­ler ein Tage­buch, in dass sie hin­ein­schrei­ben sol­len. Das ers­te Mal, als Jam dies nachts tut, lan­det sie auf ein­mal in einer Welt — die sie bald Belz­har nennt — in der sie sich vor dem schmerz­li­chen Ver­lust befin­det: in der sie Ree­ve wie­der­sieht. Wenn auch nur für kur­ze Zeit, aber immer­hin. Bald fin­det sie her­aus, dass auch den ande­ren Schü­lern der Lite­ra­tur­klas­se das­sel­be wider­fährt. Auch sie begeg­nen den Personen/Umständen vor ihrem eige­nen Trau­ma, das sie über­haupt in das Inter­nat geführt hat. Schließ­lich tref­fen sich die Schü­lern abends regel­mä­ßig um über das Erleb­te zu spre­chen. Doch jedes Mal, wenn sie nach Belz­har gehen, fül­len exakt fünf geschrie­be­ne Sei­ten das Tage­buch, ohne, dass die Schü­ler sich dar­an erin­nern kön­nen, die­se geschrie­ben zu haben. Was, wenn das Tage­buch voll­ge­schrie­ben ist? Das Ende rückt immer näher…

Meg Wolitzer Was uns bleibt ist jetztWas uns bleibt ist jetzt” wird aus der Ich-Per­spek­ti­ve und aus Jams Sicht geschil­dert. Schon die ers­ten Sät­ze des Romans kom­men sofort auf den Punkt: “Man hat mich wegen eines Jun­gen hier­her­ge­schickt. Sein Name ist Ree­ve Max­field und ich habe ihn geliebt, aber dann ist er gestor­ben, und nach einem Jahr wuss­te kei­ner mehr, was man mit mir anfan­gen soll­te.” (Zitat S.7). Und genau das ist eines von Meg Wolit­zers sprach­li­chen Erzähl­ta­len­ten: sie kommt auf dem Punkt. Sie erzählt direkt und ohne Umschwei­fe. Sie unter­hält, ohne zu lang­wei­len. Fes­selt den Leser mit einer Geschich­te, derer man sich nicht ent­zie­hen kann. Zuwei­len begeg­net sie einem mit einer ange­neh­men Iro­nie, aber immer mit beson­de­rem Ver­ständ­nis für ihre Figu­ren. Hin­ein­ver­set­zen kann man sich sehr gut in die Prot­ago­nis­tin. Sie wirkt abso­lut authen­tisch in ihrer Trau­er und ihrem Schmerz. Sehr deut­lich macht sie dem Leser die Ver­gäng­lich­keit des Lebens bewusst: “Glaub mir, das Leben ist kurz. Wie schnell wird dir jemand genom­men, und dann kannst du nie mehr das sagen, was du sagen woll­test.” (Zitat S.133). Aber auch die Tat­sa­che, dass das Leben in der Ver­gan­gen­heit zwar schön sein kann, aber nie­mals aus­rei­chend genug ist, tritt her­vor. Der Blick nach vor­ne ist exis­ten­zi­ell, auch wenn er weh tut. Denn das Ver­ges­sen, das pas­siert nur im Kopf, aber nie­mals im Her­zen. Und so muss auch Jam ler­nen, sich auf das Leben wie­der neu ein­zu­las­sen. Auch auf Grif­fin, dem Jun­gen aus dem Lite­ra­tur­kurs, dem sie bald unge­wollt näher kommt… Das Ende ist sehr über­ra­schend, aber durch­aus pas­send und zeigt, zu was die mensch­li­che See­le manch­mal fähig ist.

Zunächst hat mich “Was uns bleibt ist jetzt” ein wenig an “Alles so leicht” von Meg Has­ton erin­nert, das die LesealternativenGeschich­te eines Mäd­chens erzählt, die eben­falls einen gelieb­ten Men­schen (ihren Bru­der) ver­lo­ren hat und des­halb in eine Kli­nik muss. Wobei Stevie schon ihren Tod plant und zudem an einer Ess­stö­rung lei­det. Das The­ma des eli­tä­ren Lite­ra­tur­kur­ses lässt auch sofort an zwei ame­ri­ka­ni­sche Klas­si­ker den­ken: “Die gehei­me Geschich­te” von Don­na Tartt (ab 16 Jah­ren) und “Der Club der toten Dich­ter” von Nan­cy H.Kleinbaum. Im Jugend­buch­be­reich gibt es noch Eden Aca­de­my — Du kannst dich nicht ver­ste­cken” von Lau­ren Mil­ler (Geheim­bund in einem Inter­nat) und “Die Regeln des Schwei­gens” von Tino Schrödl (Geheim­klub, der Geheim­nis­se sam­melt). Trau­er­ver­ar­bei­tung mit der Ver­knüp­fung dem Ver­stor­be­nem erneut zu begeg­nen, fin­dest du spo­ra­disch in “Das Jahr, nach­dem die Welt ste­hen blieb” von Cla­re Fur­niss und in “Lie­der eines Som­mers” von Cath Crow­ley. Eine sehr gute Alter­na­ti­ve ist auch “Je mehr ich dir gebe” von Bea­te Döl­ling, in dem die Haupt­per­son eben­falls ihre gro­ße Lie­be ver­liert und in gewis­ser Wei­se mit dem Geist des Ver­stor­be­nen Kon­takt auf­nimmt (ab 16).

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: cbt
ISBN: 978-3-570-31147-9
Erscheinungsdatum: 10.Juli 2017
Einbandart: Taschenbuch 
Preis: 9,99€
Seitenzahl: 384
Übersetzer: Petra Koob-Pawis
Originaltitel: "Belzhar"
Originalverlag: Penguin

Deutsches Originalcover:
Meg Wolitzer Was uns bleibt ist jetzt












Amerikanisches Originalcover:
Meg Wolitzer Was uns bleibt ist jetzt









Kasimiras Bewertung:

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