Meg Haston — Alles so leicht

Meg Haston Alles so leicht24.Juli 2015

Meg Has­ton hat mit “Alles so leicht” einen Roman mit auto­bio­gra­fi­schen Zügen geschrie­ben, der sich mit den The­ma­ti­ken Ess­stö­rung und dem Wunsch das eige­ne Leben zu been­den aus­ein­an­der­setzt und in einer psych­ia­tri­schen Kli­nik spielt. Dra­ma­tisch, bewe­gend und schmerz­haft zugleich. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Die 17-jäh­ri­ge Ste­pha­nie, die von allen Stevie genannt wer­den möch­te, ist in eine Kli­nik ein­ge­lie­fert wor­den. Es war ihr eige­ner Vater, der dies ver­an­lasst hat. Jetzt steckt sie in einem The­ra­pie­zen­trum mit­ten in der Wüs­te New Mexi­cos. 60 Tage lang soll sie dort blei­ben und mög­lichst von ihrer Ano­re­xie geheilt wer­den, die ihren Anfang nahm, als Stevies Mut­ter vor eini­ger Zeit die Fami­lie von einem Tag auf den ande­ren ver­ließ. Doch das Mäd­chen hat kei­nes­wegs vor geheilt zu wer­den. Sie will ster­ben. Für ihren Bru­der, an des­sen Tod sie sich schul­dig fühlt. In 27 Tagen jährt sich sein Todes­tag: “Ich wer­de Josh nicht noch ein­mal im Stich las­sen. Wenn sich der Tag, an dem ich mei­nem Bru­der umge­bracht habe, zum ers­ten Mal jährt, wer­de ich kei­nen Atem­zug mehr tun.” (Zitat aus “Alles so leicht” S.23). Die Kli­nik bringt ihren Plan zwar ein wenig durch­ein­an­der, mit ihren durch­struk­tu­rier­ten Tages­ab­läu­fen und den vie­len Regeln, die man hier befol­gen muss, aber Stevie ist sich sicher, dass sie ihr Vor­ha­ben den­noch in die Tat umset­zen wird: “Ich stel­le mir vor, wie ich sein wer­de, wenn ich tot bin. Voll­kom­men. Atem­los. Mit einem stil­len, stei­ner­nen Her­zen. Die Last mei­nes nutz­lo­sen Kör­pers ver­fault in der Erde. Mei­ne See­le, leich­ter als Papier, glei­tet weg von ihrem Ker­ker aus Fleisch.” Dazu sam­melt sie heim­lich Schlaf­ta­blet­ten und ande­re Medi­ka­men­te, die sie schlu­cken soll. Doch Stevie hat den Plan ohne Anna, ihre The­ra­peu­tin gemacht, die so ganz anders ist, als sie sich eine The­ra­peu­tin vor­ge­stellt hat. Und Anna bringt Stevie all­mäh­lich dazu über ihre Ver­gan­gen­heit zu spre­chen…

Meg Haston Alles so leichtMeg Has­ton ver­wen­det eine sehr ange­neh­me, meta­phern­rei­che Spra­che (z.B. “Ihre Augen glänz­ten wie feuch­te, metal­li­sche Insek­ten­flü­gel im Som­mer.” Zitat S.67). Sie trifft auch her­vor­ra­gend den ableh­nen­den, teils ver­ächt­li­chen Ton einer Jugend­li­chen, die glaubt in solch einer Kli­nik am fal­schen Platz zu sein, die am liebs­ten sofort abrei­sen möch­te (“Mit wem muss ich spre­chen, wenn ich hier aus­che­cken will? Am bes­ten noch heu­te Abend?” Zitat S.22). Die ande­ren Mäd­chen, die auf dem Weg der Hei­lung sind, bedenkt sie mit ungläu­bi­gen, abschät­zi­gen Bli­cken. “Alles so leicht”, wel­ches sich vor allem auf den Kli­nik­all­tag kon­zen­triert, wird durch­weg aus Stevies Sicht erzählt und in die Tage bis zu Joshs Jah­res­tag ein­ge­teilt. Je näher die­ser Tag rückt, des­to mit­rei­ßen­der ent­wi­ckelt sich die Geschich­te. Wird sie es tat­säch­lich tun? Wird sie ihr Leben been­den? Und was ist eigent­lich pas­siert, damals? War­um ist ihr Bru­der gestor­ben und was hat Stevie damit zu tun? Wie die Fäden auf dem inter­es­sant gestal­te­ten Cover zie­hen sich die­se Fra­gen durch das Buch. Und immer wie­der bekommt der Leser ein neu­es Puz­zle­teil vor die Füße gelegt, wenn sich in Rück­blen­den nach und nach die Ver­gan­gen­heit offen­bart. Der Pro­zess, den Stevie durch­lebt ist sehr schmerz­haft. Das Aus­ein­an­der­set­zen mit dem Ver­gan­ge­nen ein rie­si­ger Berg: “…die Erin­ne­run­gen kom­men jetzt immer schnel­ler, strö­men durch mich hin­durch, als ob der Was­ser­hahn, der sie zum Ver­sie­gen brin­gen könn­te, kaputt ist. Sie kom­men, egal wie weh es tut. Und ich kann nichts wei­ter tun, als den Atem anhal­ten und ver­su­chen, nicht zu ertrin­ken.” (Zitat S.149) Zu ver­dan­ken hat sie es aber vor allem ihrer unkon­ven­tio­nel­len The­ra­peu­tin, dass sie nach und nach beginnt Ant­wor­ten zu suchen, auf Fra­gen, die sie sich nie gewagt hat, zu stel­len.

Die Auto­rin litt übri­gens selbst unter einer Ess­stö­rung und wur­de in einer Kli­nik behan­delt. Ihre Auf­schrie­be, die sie dort mach­te, erzähl­ten von einer erfun­de­nen Per­son — Stevie — die ähn­li­che Erfah­run­gen wie sie mach­te.

Alles so leicht” ist Heu­te will ich leben” von Nora Pri­ce. Die Prot­ago­nis­tin ist eben­falls in eine Kli­nik ein­ge­lie­fert Lesealternativenwor­den und ver­steht gar nicht, war­um sie hier sechs Wochen blei­ben soll. Zwei Roma­ne über eine Ess­stö­rung, die auch sprach­lich her­aus­ra­gend geschrie­ben sind, sind “Win­ter­mäd­chen” von Lau­re Hal­se Ander­son und “Was fehlt, wenn ich ver­schwun­den bin” von Lil­ly Lind­ner. Letz­te­res hat eben­so auto­bio­gra­fi­sche Züge wie das Buch Das Lächeln der Lee­re” von Anna S. Höpf­ner, wel­ches vor allem die Geschich­te einer Hei­lung in den Mit­tel­punkt setzt. Die Ereig­nis­se aus einer Ver­gan­gen­heit zusam­men­puz­zeln, das kannst du in “Zer­trenn­lich” von Sas­kia Sarg­in­son, in wel­chem die eine Haupt­fi­gur unter einer Ess­stö­rung lei­det. Das The­ma Ster­ben in einer gewis­sen Anzahl von Tagen, die wie ein Count­down her­un­ter­ge­zählt wer­den, fin­dest du in “Mein fan­tas­ti­sches Leben — von wegen!” von San­ne Søn­der­gaard, Mein Herz und ande­re schwar­ze Löcher” von Jas­mi­ne War­ga und “By the time you read this, i’ll be dead” von Julie Anne Peters.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Thienemann
ISBN: 978-3-522-20215-2
Erscheinungsdatum: 13.Juli 2015
Einbandart: Hardcover
Preis: 19,99€
Seitenzahl: 320
Übersetzer: Alexandra Ernst
Originaltitel: "Paperweight"
Originalverlag: Harper Teen

Amerikanisches Originalcover:
Meg Haston Alles so leicht











Trailer zum Buch:

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Englisches Cover: von Buchkatalog.de

 

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