Marit Kaldhol — Zweet

Marit Kaldhol Zweet22.September 2017

Zweet” ist bereits das zwei­te Jugend­buch der nor­we­gi­schen Auto­rin Marit Kald­hol, das ins Deut­sche über­setzt wur­de. Für ihren ers­ten Roman “Allein unter Schild­krö­ten” wur­de sie 2013 für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis nomi­niert. Ihr aktu­el­les Buch: eben­falls ein klei­nes, lite­ra­ri­sches Schmuck­stück, das sowohl ein­dring­lich, als auch über­ra­schend behut­sam erzählt wird. Im Mit­tel­punkt ein Ter­ror­an­griff an einer Schu­le, vor dem eine jun­ge Außen­sei­te­rin flüch­ten kann, in ihre ganz eige­ne Welt — die Welt der Bie­nen. Eine Geschich­te über das Anders­sein, über Mob­bing und die Zart­heit einer ers­ten Lie­be. Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und für Erwach­se­ne.

Lill-Miri­am ist anders als die ande­ren. “Mama hat den ande­ren Eltern von mei­nem Zyn­drom erzählt. Weil zie woll­te, dazz die ande­ren verzte­hen, war­um ich bin, wie ich bin. Dazz ich man­che Din­ge auf mei­ne eige­ne Art mache. Zeit­dem nen­nen zie mich nur noch Zny­drom. Außer einem Jun­gen mit Zuper­man-T-Zhirt, der hat mich ange­lä­chelt.” (Zitat S.24ff) Sie redet nicht so ger­ne. Schrei­ben mag sie viel lie­ber, auch wenn gera­de mal wie­der die “S”-Taste ihres Lap­tops spinnt und sie lie­ber ein “Z” ver­wen­det. Als ein Alarm in ihrer Schu­le aus­bricht, geht sie nicht mit den ande­ren nach drau­ßen, um in die uner­war­te­ten Fän­ge von Ter­ro­ris­ten zu gelan­gen, son­dern Marit Kaldhol Zweetver­steckt sich auf dem Dach­bo­den der Schu­le in einem unge­nutz­ten Raum, von wo aus sie alles beob­ach­ten kann: “Dort unten sind sie. Ter­ro­ris­ten in Akti­on. Weiß geklei­de­te Men­schen mit Mas­ken vor den Gesich­tern. Sie sind plötz­lich über­all. Das grel­le Heu­len des Alarms. Eine Kolon­ne frem­der Bus­se auf dem Schul­hof. Die Mas­kier­ten scheu­chen die Schü­ler und Leh­rer in die Bus­se. Sie fuch­teln mit den Armen, diri­gie­ren und hal­ten zur Eile an. Schnell, schnell. Da rüber, da rein. Ein unbe­hol­fe­ner Tanz.” (Zitat S.8) Lill-Miri­am flüch­tet sich lie­ber in ihre eige­ne Welt und denkt über die ihr liebs­ten Zeit­ge­nos­sen nach: die Bie­nen. Doch dann ertö­nen Schrit­te im Stock­werk unter ihr…

Zweet” ist ein per­fekt cho­reo­gra­phier­ter Roman, der sich auf klu­ge Art und Wei­se zusam­men­setzt. Er wird in vier Tei­len erzählt und bil­det auch inhalt­lich ein stim­mi­ges Geflecht von sich auf­ein­an­der bezie­hen­den Ele­men­ten. Im Vor­der­grund steht — neben Lill-Miri­ams Inter­es­se für vie­le ande­re Insek­ten — aber vor allem die The­ma­tik der Bie­nen. Der Leser erhält vie­le inter­es­san­te Infor­ma­tio­nen über die­se Tie­re, eben­so zum Bie­nenster­ben bei­spiels­wei­se, die in die Gedan­ken­gän­ge der Prot­ago­nis­tin ein­ge­bun­den wer­den. Auch fühlt sich das Mäd­chen manch­mal selbst wie eine Bie­ne “Mein Gehirn ist ein sum­men­der Bie­nen­stock.” (Zitat S.11) oder zieht Ver­glei­che, wenn sie ande­re Per­so­nen betrach­tet: “Ihr Rock bauscht sich, flat­tertMarit Kaldhol Zweet
um ihre Bei­ne wie auf­ge­regt schla­gen­de Flü­gel. Die Rek­to­rin ist eine dicke Hum­mel.”
(Zitat S.10) Marit Kald­hol erzählt in einer sehr kraft­vol­len, inten­si­ven und bild­haf­ten Spra­che“Noch vor weni­gen Minu­ten waren die Klas­sen­zim­mer und Flu­re randvoll mit Alarm. […] Mei­ne Wor­te wur­den von den Sire­nen in tau­send Split­ter zer­sprengt. Geplatzt wie Bal­lons. Wie mit Was­ser gefüll­te Lun­gen. Mei­ne Gedan­ken zer­split­ter­ten wie dün­nes Eis.” (Zitat S.21) Im 1., 3.und 4.Teil des Romans wer­den die Sät­ze ein­ge­rückt, ehe sie zu Ende sind, es ste­hen also in einer Zei­le weni­ger Wor­te, als eigent­lich Platz hät­ten, was dem Text eine gan­ze eige­ne Dyna­mik und Rhyth­mik ver­leiht. Die­ses opti­sche “Anders-Aus­se­hen” wird ver­knüpft mit dem Anders­sein der Prot­ago­nis­ten. Denn wäh­rend in Teil 1 und 4 Lill-Miri­am aus ihrer Per­spek­ti­ve berich­tet, ist es in Teil 3 Ruben, der Jun­ge aus Kuba, der von Lill-Miri­am fas­zi­niert ist, der zu Wort kommt. Eben­falls ein Außen­sei­ter in der Schu­le. Im Teil 2 des Buches erzählt Susan im ganz gewöhn­li­chen Fließ­text, war­um sie Mit­läu­fe­rin in einer Schul­cli­que ist, die begon­nen hat Lill-Miri­am zu mob­ben und wie sich all­mäh­lich das schlech­te Gewis­sen bei ihr regt. “Wir fan­den es uner­träg­lich, wie sie aus­sah. Fett. Dass es ihr so egal war, wie sie aus­sah. Wenn sie wenigs­tens ihre Haa­re hät­te wach­sen las­sen, um mehr wie wir aus­zu­se­hen. Glatt und lang oder hoch­ge­steckt. Sie war anders als wir. Wir konn­ten es nicht lei­den, die­ses Anders­sein. Dass sie war, wie sie war. So ver­dammt sie selbst.” (Zitat S.93) Eine über­ra­schen­de Wen­dung erwar­tet den Leser hier in Teil 2, die die Geschich­te in einem Marit Kaldhol Zweetganz ande­ren Licht erstrah­len lässt. Auch wenn der Anfang des Romans sehr dra­ma­tisch beginnt (“Der Alarm heult. Rüt­telt an mei­nem Kör­per. Sprengt Gra­na­ten in mei­nem Schä­del. Lau­te Geräu­sche aus allen Rich­tun­gen. Ich pres­se die Hän­de auf die Ohren. […] Aber es hört nicht auf. Die Geräu­sche zer­quet­schen mein Gehirn.” (Zitat S.7)), so ist die Span­nungs­kur­ve nicht rie­sig, es wird sich mehr auf das Inhalt­li­che und Erzäh­le­ri­sche kon­zen­triert. Es ist inter­es­sant Lill-Miri­ams Gedan­ken­gän­gen zu fol­gen, die manch­mal auch sehr abge­hackt sein kön­nen und zu ihrer — nicht nament­lich erwähn­ten — Behin­de­rung pas­sen: “Ich rede nicht viel. Meist mit mir selbst, wenn nie­mand mich hören kann. Schrei­ben fällt mir leich­ter. Ich küm­me­re mich nicht um die Hän­se­lei­en. Irgend­wann wer­den sie eine Über­ra­schung erle­ben. Ich esse jeden Tag Honig.” (Zitat S.34) Fas­zi­nie­rend fand ich auch die Wort­er­klä­run­gen nach jedem ein­zel­nen — mit einer Über­schrift ver­se­he­nen — Kapi­tel: so wer­den kom­pli­zier­te Begrif­fe wie “Pol­li­nie­ren”, “Meta­mor­pho­se”, aber auch ein­fa­che wie “Zel­le” oder “Labor” erklärt. Das Ende war mir per­sön­lich etwas zu offen, aber es bie­tet viel Raum für eige­ne Gedan­ken.

Übri­gens: “Zweet” ist kein nor­we­gi­sches Wort, wie man viel­leicht ver­mu­tet, son­dern heißt eigent­lich “Sweet”, ist aber nur durch die feh­ler­haf­te Tas­te von Lill-Miri­ams Lap­tops ent­stan­den, da sie in eini­gen weni­gen Kapi­teln statt einem “s” not­ge­drun­gen ein “z” ver­wen­det: “Der, der mir Honig gege­ben hat, hat vie­le Wör­ter dafür. Züß, zweet, dul­ce. (Zitat S.32). Das klingt zunächst ein wenig befremd­lich, ist aber auf­grund der Zisch­lau­te sehr sehr pas­send zur The­ma­tik der Bie­nen.

Wenn dir “Zweet” gefal­len hat, dann lies noch unbe­dingt das ande­re gelun­ge­ne Buch von Marit Kald­hol, für wel­ches sie für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis 2013 nomi­niert wur­de, uLesealternativennd zwar in der Kate­go­rie “Preis der Jugend­ju­ry”: “Allein unter Schild­krö­ten”. Hier schil­dert die Auto­rin die Gedan­ken­gän­ge eines depres­si­ven Jun­gen, der sich beson­ders für Mee­res­schild­krö­ten begeis­tern kann und sich das Leben neh­men wird. Roma­ne über Bie­nen gibt es im Jugend­buch noch nicht so vie­le“Das Jahr, als die Bie­nen kamen” von Petra Pos­tert und noch rela­tiv neu “Der Som­mer, in dem ich die Bie­nen ret­te­te” von Robin Ste­ven­son. Ein etwas älte­rer Titel über einen Jun­gen, der sich in die Welt der Insek­ten flüch­tet, ist “Glas­flüg­ler” von Mar­le­en Nelen. Eine Prot­ago­nis­tin, die natur­ver­bun­den ist und ein gro­ßes Inter­es­se an Natur­wis­sen­schaf­ten hat, das fin­dest du in Cal­pur­ni­as ®evo­lu­tio­nä­re Ent­de­ckun­gen” und in “Cal­pur­ni­as fas­zi­nie­ren­de For­schun­gen” von Jac­que­line Kel­ly. Schön ist auch Das ganz und gar unbe­deu­ten­de Leben der Cha­ri­ty Tidd­ler” von Marie-Aude Murail — bezau­bernd!

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Mixtvision
ISBN: 978-3-95854-074-3
Erscheinungsdatum: 14.August 2017
Einbandart: Broschur
Preis: 12,90€ 
Seitenzahl: 196 
Übersetzer: Maike Dörries
Originaltitel: "Zweet" 
Originalverlag: Samlaget

Norwegisches Originalcover: 
Marit Kaldhol Zweet

 Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Norwegisches Cover: Homepage von Samlaget

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