Marieke Nijkamp — 54 Minuten: Jeder hat Angst vor dem Jungen mit der Waffe

Marieke Nijkamp - 54 Minuten: Jeder hat Angst vor dem Junge mit der Waffe21.September 2017

Die nie­der­län­di­sche Auto­rin Marie­ke Nij­kamp hat für ihren Roman “54 Minu­ten: Jeder hat Angst vor dem Jun­gen mit der Waf­fe” gut und viel recher­chiert. Nicht nur des­we­gen ist ihr auf Eng­lisch geschrie­be­nes Buch (die Auto­rin beherrscht meh­re­re Spra­chen) in Ame­ri­ka zu einem über­ra­schen­den Erfolg gewor­den. Eine erschre­cken­de Geschich­te über einen Amok­lauf und das Geflecht mensch­li­cher Bezie­hun­gen, die bei die­ser Schre­ckens­tat wie durch ein Skal­pell scho­nungs­los offen­ge­legt wer­den. Bewe­gend, hef­tig und sehr fes­selnd geschrie­ben. Für Jugend­li­che ab 15 Jah­ren und für Erwachsene.

Oppor­tu­ni­ty. Ein klei­nes Städt­chen in Ame­ri­ka. Es scheint ein ganz gewöhn­li­cher Tag zu sein. Die Direk­to­rin Mrs Tren­ton hält wie immer zu Beginn des nächs­ten Halb­jah­res ihre Eröff­nungs­re­de. In der Aula. Den Inhalt der Rede kön­nen vie­le Schü­ler schon nahe­zu aus­wen­dig. Er ist jedes Mal gleich. “Mein Bru­der wür­de mir sagen, dass Mrs Tren­tons Anspra­che mehr Wahr­heit ent­hält, als ich mir vor­stel­len kann. Dass die Welt mir zu Füßen läge und es an mir wäre, das Bes­te aus mei­ner Zukunft zu machen. Das habe ich mehr­fach ver­sucht und bin immer wie­der geschei­tert. Inzwi­schen steht mir der Sinn nach Flucht. (Zitat S.13) Autumn, die das Tan­zen liebt, dies aber seit dem Tod ihrer Mut­ter heim­lich tun muss, sitzt neben ihrer Freun­din Syl­via, mit­ten in der Aula und hört zu. Als die Anspra­che end­lich zu Ende ist, drän­gen sich die Schü­ler Rich­tung Aus­gang. Aber selt­sa­mer­wei­se geht es Marieke Nijkamp - 54 Minuten: Jeder hat Angst vor dem Junge mit der Waffeda irgend­wie nicht wei­ter. Die Türen sind zu! Hat sich da jemand einen Scherz erlaubt? Als die ers­ten Schüs­se ertö­nen, sind auch Clai­re und ihr Lauf­team auf der Ascher­bahn völ­lig per­plex. Sie sind gera­de dabei zu trai­nie­ren und ihre Best­zei­ten zu über­tref­fen: “Noch ein­mal Feri­en, noch einen Som­mer bis zum Erwach­sen­wer­den. […]Es wird schwer wer­den, sich von den ande­ren in unse­rem Lauf­team, unse­ren Kadet­ten sowie allen ande­ren zu ver­ab­schie­den. Das Leben wird farb­lo­ser sein […] Also lau­fen wir. Nicht nur in Run­den um die Asche­bahn. Wir ren­nen auf alles, was uns noch erwar­tet, zu. Wir lau­fen neben­ein­an­der her, solan­ge es noch geht.” (Zitat S.28) Ihr Coach ist über­for­dert und Clai­re, die aus einer Mili­tär­fa­mi­lie stammt, über­nimmt das Ruder und sen­det ihre Team­kol­le­gen in unter­schied­li­che Rich­tun­gen. Sie wol­len Hil­fe holen. Sie ahnen aller­dings nicht, dass Tomás und sein Freund Fareed dies bereits getan haben. Sie befan­den sich gera­de ver­bo­te­ner­wei­se im Büro der Direk­to­rin, als die Schüs­se zu hören waren. Tomás war auf der Suche nach einer Schul­ak­te. Woll­te mehr über den Jun­gen her­aus­fin­den, vor dem sei­ne Zwil­lings­schwes­ter Syl­via so gro­ße Angst hat: Tyler. Autums Bru­der. Doch außer, dass er nach Ver­las­sen der Schu­le dort­hin wie­der zurück­kehrt, steht dort nicht viel: “Ein­stu­fungs­test­er­geb­nis: 2140 Punk­te. Oha. Ein ver­kann­tes Genie. Viel­leicht erklärt das, war­um Tyler, trotz sei­nes groß­spu­ri­gen Geha­bes, sei­ne Dro­hun­gen nie umge­setzt hat. Er ist viel­leicht ein Wurm, aber einer von der schlau­en Sor­te: ein harm­lo­ser.” (Zitat S.20) Doch Tyler ist kein Wurm. Er ist der Atten­tä­ter, der die Schu­le gestürmt, sei­ne Mit­schü­ler und Leh­rer in der Aula ein­ge­sperrt und nun das Feu­er eröff­net hat. Und er hat jede Men­ge Muni­ti­on bei sich…

Marieke Nijkamp - 54 Minuten: Jeder hat Angst vor dem Junge mit der WaffeGanz ehr­lich: am Anfang hat­te ich wirk­lich ein wenig Schwie­rig­kei­ten in die Geschich­te hin­ein­zu­kom­men. Man ver­steht nicht gleich alle Anspie­lun­gen, stol­pert förm­lich über man­che For­mu­lie­run­gen, die man erst ein­mal nicht rich­tig ein­ord­nen kann. Ich habe sel­ten in einem Roman so oft zurück­ge­blät­tert und noch ein­mal “nach“gelesen. Wenn sich dann alles geklärt hat, man weiß, wer wer ist und wie zu wem steht, funk­tio­niert die Geschich­te, die sich aus vier wech­seln­den Ich-Per­spek­ti­ven zusam­men­setzt (Autumn, Syl­via, Clai­re und Tomás). Inter­es­sant ist hier­bei, dass die Kapi­tel in Minu­ten unter­teilt sind und ein Kapi­tel sich jeweils auf zwei Minu­ten beschränkt. Ins­ge­samt sind es dann 54 Minu­ten, die in dem Roman beschrie­ben wer­den. Am Ende jedes Kapi­tels fin­den sich zudem Nach­rich­ten aus sozia­len Netz­wer­ken: Twit­ter­bei­trä­ge, Blog­ein­trä­ge mit Kom­men­ta­ren oder Kurz­nach­rich­ten. Dies ergibt ein umfang­rei­ches, viel­schich­ti­ges Bild des Gesche­hens und der Wir­kung nach außen. Die Span­nung baut sich schnell auf, das Ent­set­zen ist groß — ich habe kaum ein Buch gele­sen, das so vie­le Tote und das Erleb­nis des Ster­bens jener Men­schen zeigt. “54 Minu­ten: Jeder hat Angst vor dem Jun­gen mit der Waf­fe” ist die Geschich­te eines Blut­ba­des, daher auch die Alters­emp­feh­lung ab 15 Jah­ren: “Wenn ihr euch koope­ra­tiv zeigt, wer­den viel­leicht ein paar von euch heil nach Hau­se kom­men. Alles, was ihr dazu tun müsst, ist mir gut zuzu­hö­ren. Kein Geschrei, kein Weg­ren­nen, kei­ne Han­dys und schon gar kei­ne Ver­su­che mich zu ent­waff­nen. Dies­mal wer­det ihr mir alle zuhö­ren.” (Zitat S.87ff) Doch für Tyler sind die wenigs­ten koope­ra­tiv und der Hass auf die Welt ist zu groß, die Macht durch die Waf­fe zu ver­lo­ckend. Zwar sind die blu­ti­gen Details nicht all­zu sehr aus­ge­führtMarieke Nijkamp - 54 Minuten: Jeder hat Angst vor dem Junge mit der Waffe, aber der Tod ist all­ge­gen­wär­tig. Beson­ders die emo­tio­na­len Tei­le des Buches, die Geschich­ten, die hin­ter allem ste­hen und die Wahr­hei­ten, die lang­sam ans Tages­licht beför­dert wer­den, die berüh­ren und erzeu­gen wirk­lich Gän­se­haut! Ner­ven­zer­rei­ßen­de Span­nung, ein Buch, das sich fast wie ein Kri­mi liest, dazu Inhal­te mit Tief­gang — bei Marie­ke Nij­kamp erhält man das vol­le Paket. Wenn man das Buch zuschlägt, weiß man instink­tiv: die­se Geschich­te ist so aktu­ell wie noch nie und zeigt den­noch Mensch­lich­keit in Zei­ten des Schre­ckens. Dies lässt auch Best­sel­ler­au­tor Mor­ton Rhue in einem Kom­men­tar auf den letz­ten Sei­ten ver­lau­ten: “Solan­ge es New­towns und Colom­bi­nes gibt, wird es einen drin­gen­den Bedarf an fes­seln­den, gut geschrie­be­nen und ein­dring­li­chen Roma­nen wie die­sem geben. Vie­le Leu­te sind abge­stumpft ange­sichts der Nach­richt, dass ein wei­te­res Kind, eine wei­te­re Fami­lie ermor­det wur­de. Hof­fent­lich wird ein Buch wie 54 Minu­ten das Pro­blem unse­rer Gene­ra­ti­on bewuss­ter machen.”

Einen Roman, an den ich irgend­wie auto­ma­tisch den­ken muss­te, der sich sehr gut als Alter­na­ti­ve zu “54 Minu­ten: Jeder hat Angst vor dem Jun­ge mit der Waf­fe” eig­net, ist ein Roman für ErwachLesealternativensene von der Erfolgs­au­to­rin Jodi Picoult: “19 Minu­ten”. Eben­so eine gelun­ge­ne Neu­erschei­nung ist “Was wir dach­ten, was wir taten” von Lea-Lina Oppel­mann. Ande­re gelun­ge­ne Bücher zum The­ma Amok­lauf sind: “Klas­sen­ziel” von T.A. Weg­berg, “Böser Bru­der, toter Bru­der” von Narin­der Dha­mi (mit einem kras­sen Ende!) und “Es wird kei­ne Hel­den geben” von Anna Seidl (von einer sehr jun­gen Auto­rin). Gut gefal­len haben mir auch “Ales­sas Schuld” von Bri­git­te Blo­bel und “Nach dem Amok” von Myri­am Keil. Oder lies das hef­ti­ge “Die Schü­ler von Win­nen­den” von Dani­el O.Bachmann, das auf wah­ren Bege­ben­hei­ten beruht. Ande­re Titel über das The­ma Amok­lauf, die ich noch nicht gele­sen habe, sind “So vol­ler Wut” von Pete Smith und “Amok” von Man­fred Thei­sen.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Fischer FJB
ISBN: 978-3-8414-4016-7
Erscheinungsdatum: 21.September 2017
Einbandart: Broschur
Preis: 14,99€ 
Seitenzahl: 336 
Übersetzer: Mo Zuber
Originaltitel: "54 Minuten: De schoolbel gaat. Iemand begint te schieten."
Originalverlag: Harper Collins Holland

Niederländisches Originalcover:
Marieke Nijkamp - 54 Minuten: Jeder hat Angst vor dem Junge mit der Waffe
Niederländischer Trailer:
   
Die Autorin erzählt über ihr Buch (auf Niederländisch): 
 

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Niederländisches Cover: Homepage von Harper Collins Holland

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