Marian de Smet — French Summer: A fucking great road trip

Marian de Smet French Summer A fucking great road trip15.Februar 2016

French Sum­mer: A fuck­ing gre­at road trip” von der bel­gi­schen Auto­rin Mari­an de Smet erzählt nicht nur die Geschich­te eines Road­trips quer durch Frank­reich, son­dern die Geschich­te einer Flucht vor den eige­nen Gefüh­len, vor Kum­mer und Leid. Und von einer beson­de­ren Freund­schaft und der Erkennt­nis, dass gemein­sam vie­les ein­fa­cher durch­zu­ste­hen ist. Kraft­voll. Authen­tisch. Beein­dru­ckend. Und defi­ni­tiv lesens­wert! Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren (beson­ders für Jungs) und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Eppo und Tab­by. Gemein­sam unter­wegs in einem roten VW Golf, der zudem nicht ihnen gehört. Quer durch Frank­reich. Tab­by hat ihn auf­ge­le­sen. An einem Rast­platz. Er, der per Anhal­ter gefah­ren ist. Er, der von Zuhau­se weg ist: “Anke und Hen­drik mein­ten, ich müs­se was von der Welt sehen. Ein­fach mal raus. Neue Orte ent­de­cken. Auf ande­re Gedan­ken kom­men.” “Wer sind Anke und Hen­drik?” “Mei­ne Eltern.” (Zitat S.20 aus “French Sum­mer: A fuck­ing gre­at road trip”). Eppo ist ein Außen­sei­ter. Still. Schweig­sam. Mehr in sich gekehrt. Tab­by ist das genaue Gegen­teil: sie plap­pert ohne Punkt und Kom­ma und kann kei­ne Sekun­de still hal­ten. Sie hat die merk­wür­digs­ten Ein­fäl­le (bei­spielswie­se einen alten Stuhl mit­zu­neh­men, den sie unter­wegs fin­den) und hat nach eine Fär­be­un­fall grün­li­che Haa­re. Sie raucht viel und isst wenig. “Ihr Sinn für Humor war kon­stant. All ihre Scher­ze waren fade und lie­ßen mich nur müde grin­sen, wäh­rend sie übers gan­ze Gesicht strahl­te bei so viel Ein­falls­reich­tum.” (Zitat S.23) Und doch blei­ben sie zusam­men auf ihrer Rei­se quer durch das fran­zö­si­sche Land. Mit im Gepäck fah­ren jedoch zwei Geheim­nis­se, die jeden der bei­den bald ein­zu­ho­len dro­hen…

Marian de Smet French Summer A fucking great road tripFrench Sum­mer: A fuck­ing gre­at road trip” ist wie ein Zug, der an einem vor­über­fährt. Manch­mal erhascht man im Vor­bei­fah­ren ein Detail. Etwas wird für kur­ze Zeit greif­bar, um dann wie­der zu ver­schwin­den und sich auf­zu­lö­sen. Eben­so geschieht es mit den Cha­rak­te­ren: sie zie­hen in Ein­drü­cken an einem vor­bei: Nah und fern. Prä­sent und distan­ziert. Ein­deu­tig und geheim­nis­voll. “Wo musst du eigent­lich hin?” “Nir­gends. Ein­fach weg.” “Weg von was?” “Von wem.” “Von wem denn?” Mit den Schul­tern zucken. Das konn­te sie gut. “Ich brau­che einen Ziga­ret­te.” (Zitat S. 19) Die Spra­che ist ein­fach, aber inten­siv. Eine beson­de­re Stär­ke liegt bei den Dia­lo­gen zwi­schen Tab­by und Eppo, von denen es sehr vie­le gibt. “Wor­an denkst du?” “An nichts.” “Glaub ich dir.” Ich mach­te die Augen auf und sah sie an. “Wie meinst du das?” “So, wie ich’s sag. Ich glau­be es. Du kommst mir so leer vor, Eppo. Du lachst fast nie. Nein… wenn ich es mir recht über­le­ge… du lachst nie.” (Zitat S.41) Zwei Per­sön­lich­kei­ten, die durch etwas in ihrem Leben in Mit­lei­den­schaft gezo­gen wor­den sind, die zer­bro­chen sind. Vor allem Eppo, der durch­weg in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Sein Schick­sal liest sich sehr tra­gisch. “Du bist wohl auch ziem­lich wütend auf jeman­den? […] Auf wen denn?” Ich kur­bel­te das Fens­ter her­un­ter. “Mei­nen bes­ten Freund.” “Was hat er getan?” Ich wand­te den Blick nicht von der Stra­ße, die wei­ßen Strei­fen schos­sen unter dem Wagen hin­weg. “Er ist gestor­ben.”” (Zitat S.52) Sein bes­ter Freund, das war zugleich sein älte­rer Pfle­ge­bru­der: Maar­ten. Marian de Smet French Summer A fucking great road tripIhm stand er so viel näher. Maar­ten, der nach außen hin rau und tough war, aber im Inne­ren ver­letz­lich und sen­si­bel. In ihn hat­te Eppo sich ver­liebt. Sich danach gesehnt, wenn er am Wochen­en­de aus dem Heim nach Hau­se kam. Doch dann hat Maar­ten einen Unfall und ist tot. Eppos Rei­se ist eine Flucht vor sei­nen Gefüh­len, auch denen der Schuld. Er möch­te ver­ges­sen. Doch das Gesche­he­ne holt ihn immer wie­der ein: “Und es war, als wür­de mein Ruck­sack mit jedem Schritt schwe­rer. […] Alles wor­an ich nicht den­ken woll­te, kam in rasen­dem Tem­po auf mich zu, und so klein ich mich auch mach­te, es fand mich trotz­dem und zer­schmet­ter­te mich.” (Zitat S.45 ff) Zwi­schen der Erzäh­lung ihrer Rei­se sind immer wie­der kur­ze Kapi­tel ein­ge­floch­ten, in denen sich Eppo an die Zeit mit sei­nem Pfle­ge­bru­der zurück­er­in­nert. In Revue pas­sie­ren lässt, was sich damals ereig­net hat. Tab­bys Geheim­nis kann man zunächst nicht wirk­lich erah­nen, spürt nur ihre Trau­rig­keit: “Und es ist egal wohin?” Sie schüt­tel­te den Kopf und sah mich an. Das mach­te sie nicht so oft, mir in die Augen schau­en. Ihre waren sehr hell­blau. Ich erhasch­te einen Anflug von Trau­rig­keit, aber es war ganz schnell wie­der vor­bei.” (Zitat S.20) Und doch ver­su­chen bei­de ihr inne­res Emp­fin­den, ihren Schmerz und ihre Sehn­süch­te auf ihre Art und Wei­se zu kom­pen­sie­ren: Marian de Smet French Summer A fucking great road tripTab­by damit ohne Unter­lass zu plap­pern und Eppo damit sich aus­zu­schwei­gen. “Ich kann das nicht Tab­by. Ich habe kei­ne Lust, so zu tun, als…[…] wäre alles in Ord­nung, wäh­rend du Angst hast und die­se Angst hin­ter Rum­ge­quat­sche und dum­men Wit­zen ver­ste­cken willst. Das geht nicht mehr.” Erstaunt hielt sie den Mund. Nur ganz kurz. “Und was ist mit mir? Ich tue seit Tagen so, als wür­de ich dei­nen Kum­mer nicht sehen. Als wäre alles in Ord­nung, wäh­rend du dich quälst und alles hin­ter einem coo­len Gesicht und dem gro­ßen Schwei­gen ver­ste­cken willst.” (Zitat S.132) Bis sie mer­ken, dass das auf Dau­er nicht funk­tio­niert. Dass sie sich ihren Pro­ble­men stel­len müs­sen. Und das kein noch so weit ent­fern­tes Land dazu aus­reicht, um zu ver­ar­bei­ten, was gesche­hen ist.

Fazit: Ein klu­ges Buch, eine Geschich­te mit Tief­gang und vol­ler Authen­ti­zi­tät. Eine Rei­se zu sich selbst.

Von der Erzähl­stim­mung und der Cha­rak­te­ri­sie­rung der Prot­ago­nis­ten hat mich “French Sum­mer: A fuck­ing gre­at road trip” ein wenig an Lesealternativen“Und plötz­lich war der Wald so still” von Moa Eriks­son Sand­berg und die Roma­ne von Hil­de K. Kval­va­ag erin­nert (“Pri­son Island” und “Das ist der Som­mer im Para­dies, wie er eben aus­sieht, wenn man die Son­nen­bril­le absetzt”). Eben­falls in Frank­reich spie­len “Laven­delsom­mer” von Cora Berg und “Glücks­dra­chen­zeit” von Kath­rin Zip­se, eben­so ein Road­mo­vie und toll erzählt. Ande­re tol­le Road­trips sind “Spritz­tour” von Andy Beh­rens (vor allem für Jungs, sehr wit­zig!), “Per­fect escape” von Jen­ni­fer Brown (eben­so mit Tief­gang), “Was ich weiß von dir” von Meg Rosoff (ein klu­ges Buch) und Die wirk­li­che Wahr­heit” von Dan Gemein­hart (tra­gisch und schön! Freund­schaft steht auch im Mit­tel­punkt). Eine sehr gute Alter­na­ti­ve ist auch “Ab ins Para­dies” von Tobi­as Elsä­ßer , in wel­chem eben­falls ein Jun­ge und ein Mäd­chen wäh­rend einer Rei­se zusam­men­tref­fen. Du kannst natür­lich auch noch ein ande­res Buch von Mari­an de Smet lesen: “Kein Emp­fang”.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Gerstenberg
ISBN: 978-3-8369-5840-0
Erscheinungsdatum: 25.Januar 2016
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,95€
Seitenzahl: 192
Übersetzer: Andreas Kluitmann
Originaltitel: "Rotmoevie"
Originalverlag: Moon Uitgevers

Belgisches Originalcover: 
Marian de Smet French Summer A fucking great road trip









Kasimiras Bewertung:

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Belgisches Originalcover: Homepage von Moon Uitgevers

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