Maja Hjertzell — Henrietta, mein Geheimnis

Maja Hjertzell Henrietta, mein Geheimnis9.März 2016

Die schwe­di­sche Auto­rin Maja Hjert­zell hat mit “Hen­ri­et­tas Geheim­nis” einen Roman geschrie­ben, den der Kos­mos Ver­lag mit “Lieb­lings­buch 2016” beti­telt hat. Eine Geschich­te über die ers­te Lie­be, extre­me Schüch­tern­heit und den Mut, sich auf etwas Unbe­re­chen­ba­res ein­zu­las­sen. Erzählt aus der Per­spek­ti­ve eines Jun­gen. Sen­si­bel, poe­tisch und erfri­schend anders. Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren.

Möwe ist eher der unschein­ba­re Typ. Er schreibt gute Noten, geht sel­ten auf Par­tys. Er beob­ach­tet ger­ne Vögel und liebt das Foto­gra­fie­ren. Und er ist seit Ewig­kei­ten in Hen­ri­et­ta ver­liebt. “Hen­ri­et­tas Bli­cke sind wie Licht­re­fle­xio­nen, wie klei­ne Blit­ze. Wenn mich so ein Blick zufäl­lig trifft, wenn ich in sei­ne Bahn gera­te, möch­te ich am liebs­ten in Ohn­macht fal­len, ihn auf­fan­gen und abtau­chen, weg­ren­nen und nie mehr zurück­keh­ren, alles zugleich.” (Zitat S.11) Aber bis auf ein paar ver­ein­zel­te Wor­te ist zwi­schen ihnen noch nie etwas pas­siert. Möwe him­melt ger­ne aus der Fer­ne an. Er spei­chert jede Begeg­nung mit ihr ab — selbst ein zufäl­li­ges Neben­ein­an­der­sit­zen auf einer Bank ist für ihn von gro­ßer Bedeu­tung — und erin­nert sich regel­mä­ßig an die­se Momen­te zurück, die er sam­melt, wie einen Schatz. Einen ers­ten Schritt wagen? Unmög­lich, denn Möwe ist mehr als schüch­tern. “Ich habe eine Hei­den­angst vor Mäd­chen und vor dem Küs­sen und davor, mit jeman­dem zusam­men­zu­kom­men. [..] Ich war nie mit jeman­den zusam­men. Maja Hjertzell Henrietta, mein GeheimnisNoch nie. Ich habe kei­nen blas­sen Schim­mer, wie das geht. Was soll man sagen? Wie soll man sein? Und was wer­den die ande­ren sagen?” (Zitat S.10) Sei­ne bes­te Freun­din Rebe­cka ist da schon ganz ande­rer Natur. Und so sagt sie ihm eines Tages, dass sie sei­ner heim­li­chen Lie­be genau jene Heim­lich­keit gestan­den hat: “Wie soll man sich in dich ver­lie­ben, wenn du nie den Mund auf­machst und immer nur dastehst, als müss­test du dich für dei­ne Exis­tenz auch noch ent­schul­di­gen?” (Zitat S.29) Das ist der SUPER-GAU für Möwe. Wie soll er sich denn jetzt ver­hal­ten? Vor allem, als Hen­ri­et­ta tat­säch­lich auf ihn zugeht und auch an ihm inter­es­siert zu sein scheint? Das kann doch nur schief gehen, oder…?

Hen­ri­et­ta, mein Geheim­nis” wird durch­ge­hend aus Möwes Sicht erzählt. Möwe ist nur ein Spitz­na­me, sein ech­ter Name wird wäh­rend des Romans tat­säch­lich nie ver­ra­ten. Posi­tiv auf­ge­fal­len ist mir die Geschich­te sogleich schon zu Beginn auf­grund der äußerst ein­fühl­sa­men, teils gera­de­zu poe­ti­schen Erzähl­wei­se: “Ihre Stim­me klingt rau und etwas sprö­de, wie Sand­pa­pier. Aber nicht wie neu­es Sand­pa­pier. Ihre Stim­me klingt warm und krat­zig. Wie Sand­pa­pier, bei dem die Kan­ten vom Schlei­fen all­mäh­lich brü­chig wer­den. Das Papier ist warm, und man hat fei­nen Staub an den Fin­gern. Ich kann mir ein Leben ohne die­se Stim­me nicht mehr vor­stel­len.” (Zitat S.7) Möwes Unsi­cher­heit und sei­ne Maja Hjertzell Henrietta, mein Geheimniswider­sprüch­li­chen Gefüh­le, die er ger­ne ver­sucht an- und aus­zu­knip­sen (was ihm aber nicht gelingt;-)), wer­den sehr authen­tisch geschil­dert. Nichts­des­to­trotz möch­te man ihn zuwei­len doch ein­mal schüt­teln und auf­we­cken und ihm ein wenig Mut ein­trich­tern, an dem es ihm so fehlt. Bei­spiels­wei­se ruft Hen­ri­et­ta ihn an, hört ihn atmen, weiß, dass er am Tele­fon ist und er legt ein­fach auf, indem er behaup­tet, sie wäre falsch ver­bun­den. Manch­mal wirkt sei­ne Art jedoch auch unfrei­wil­lig komisch und sorgt für ange­neh­me, unter­schwel­li­ge Iro­nie: “Ich dach­te, ich müss­te den Ver­stand ver­lie­ren, wenn ich nicht mei­ne Hand aus­stre­cken dürf­te, um eines die­ser Hand­ge­len­ke zu umfas­sen und mit dem Dau­men über ihre Haut zu strei­cheln. Aber das habe ich natür­lich nicht getan. Und den Ver­stand ver­lo­ren habe ich auch nicht. Jeden­falls nicht, soweit ich das beur­tei­len kann.” (Zitat S.12) Im Mit­tel­teil gab es ein paar mini­ma­le Län­gen, jedoch macht vor allem das Ende vie­les wie­der wett: das hat mich rich­tig über­rascht! Sehr gut gefal­len habe mir auch die Über­schrif­ten, die kom­plett aus Rede­wen­dun­gen bestehen, wie “Reden ist Sil­ber, Schwei­gen ist Gold” oder “Klei­ne Kin­der, klei­ne Sor­gen. Gro­ße Kin­der gro­ße Sor­gen!” Es ist näm­lich zu einer für den Leser recht erhei­tern­den Ange­wohn­heit zwi­schen Möwe und sei­nem bes­ten Freund Robin gewor­den, sich teil­wei­se in Sprich­wör­tern zu unter­hal­ten;-)

Fazit: Ein authen­ti­sches, ein­fühl­sa­mes Buch, das Mut macht, zu sich selbst zu ste­hen und auch mal ein Risi­ko ein­zu­ge­hen!

Dir gefällt das “Lieb­lings­buch 2016” vom Kos­mos Ver­lag? LesealternativenDann lies die “Lieb­lings­bü­cher” der vor­he­ri­gen Pro­gram­me: “Dein eines, wil­des, kost­ba­res Leben” von Jes­si Kir­by (2014) und “This song will save your life” von Lei­la Sales (2015), die mir bei­de auch sehr gut gefal­len haben. Inhalt­li­che Alter­na­ti­ven vor allem bezüg­lich der Unsi­cher­heit gegen­über Mäd­chen und dem The­ma Selbst­be­wusst­sein fin­dest du in “Kann ich bit­te löschen, was ich gera­de gesagt habe?” von Thors­ten Wohl­le­ben. Eine rich­ti­ge gute Lese­va­ri­an­te ist auch “Die Bal­la­de von der gebro­che­nen Nase” von Arne Svin­g­en, in dem ein Jun­ge sei­ne Unsi­cher­heit über­win­den muss, zudem auch sehr humor­voll. Oder lies das tol­le “Ben Flet­chers total genia­le Maschen” von T.S. Eas­ton, in dem der Prot­ago­nist eben­so lernt, zu sich selbst zu ste­hen.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Kosmos
ISBN: 978-3-440-14912-6
Erscheinungsdatum: 9.März 2016
Einbandart: Hardcover
Preis: 12,99€
Seitenzahl: 208
Übersetzer: Stephanie Elisabeth Baur
Originaltitel: "Henrietta är min hemlighet"
Originalverlag: Rabén & Sjögren

Schwedisches Originalcover:
Maja Hjertzell Henrietta, mein Geheimnis








Kasimiras Bewertung:

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Schwedisches Originalcover: Homepage von Rabén & Sjögren

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