Lynda Mullaly Hunt — Wie ein Fisch im Baum

Lynda Mullaly Hunt - Wie ein Fisch im Baum

18.Dezember 2016

Die ame­ri­ka­ni­sche Schrift­stel­le­rin Lyn­da Mulla­ly Hunt hat mit “Wie ein Fisch im Baum” einen wirk­lich ganz beson­de­ren Roman geschrie­ben. Über ein jun­ges Mäd­chen, das an Leg­asthe­nie lei­det, und lie­ber rebel­lisch und auf­müp­fig ist, anstatt ihr Geheim­nis preis­zu­ge­ben. Bis sie an einen Leh­rer gerät, der hin­ter ihre Fas­sa­de schaut. Eine herz­er­grei­fen­de Geschich­te über Freund­schaft, Zivil­cou­ra­ge und den Mut, zu sich selbst zu ste­hen und anders zu sein. Ein klu­ges, bewe­gen­des Buch mit star­ken Cha­rak­te­ren. Für alle Fans von “Wun­der” und “Mit Wor­ten kann ich flie­gen”. Für Jugend­li­che von 10–14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Die 11-jäh­ri­ge Ally fühlt sich ein­sam. Freun­de hat sie nicht wirk­lich. Die Schu­le mag sie gar nicht: “Ich habe mich selbst gezeich­net, wie ich aus einer Kano­ne geschos­sen wer­de. Das wäre ein­fa­cher, als zur Schu­le zu gehen. Weni­ger qual­voll.” (Zitat aus “Wie ein Fisch im Baum” S.8) Das Lesen und Schrei­ben fällt ihr äußerst schwer. Im Grun­de kann sie es nicht wirk­lich. “Sie­ben Schu­len in sie­ben Jah­ren, und sie sind alle gleich. Immer wenn ich mein Bes­tes tue, heißt es, dass ich mir nicht genug Mühe gebe. Zu nach­läs­sig sei. Schlam­pi­ge Recht­schrei­bung hät­te. […] Und die Kopf­schmer­zen. Ich bekom­me immer Kopf­schmer­zen, wenn ich zu lan­ge die dunk­len Buch­sta­ben auf den grell­wei­ßen Sei­ten anschaue.” (Zitat S.8) Ally lei­det unter Leg­asthe­nie. Doch das weiß das jun­ge Mäd­chen nicht. Damit kei­ner her­aus­fin­det, wo ihre Lynda Mullaly Hunt - Wie ein Fisch im Baumgro­ße Schwä­che liegt, pro­vo­ziert sie die Leh­rer oder gibt Auf­ga­ben mit nur einem ein­zi­gen Wort ab (“War­um?”) — das aber zig Mal hin­ter­ein­an­der geschrie­ben. Ziem­lich oft lan­det sie bei der Direk­to­rin. Oder wird von der gemei­nen Shay geär­gert, der immer ein dum­mer Spruch ein­fällt, um sich über Ally lus­tig zu machen. Auf gar kei­nen Fall darf jemand hin­ter ihr Geheim­nis kom­men! Bis ihre Klas­se auf ein­mal einen neu­en Leh­rer bekommt: Mr Dani­els. “Mein wah­res Ich will er bestimmt nicht ken­nen­ler­nen. Das wäre so wie in Gru­sel­fil­men, in denen Leu­te mei­nen, dass sie wis­sen wol­len, was im Kel­ler ist. Aber wenn sie es her­aus­fin­den, bereu­en sie ihre Neu­gier jedes Mal.” (Zitat S.50) Doch Mr Dani­els will Allys wah­res Ich ken­nen­ler­nen. Er schaut genau hin. Und er schlägt ihr einen über­ra­schen­den Deal vor…

Wie ein Fisch im Baum” besticht nicht nur durch einen tref­fen­den Titel, der das Gefühl der Anders­ar­tig­keit der Prot­ago­nis­tin deut­lich her­vor­hebt, son­dern auch durch ein auf­fal­lend schö­nes und aus­drucks­star­kes Cover. Der Roman ist in beson­ders gro­ßer Schrift Lynda Mullaly Hunt - Wie ein Fisch im Baumgeschrie­ben, daher (aber auch inhalt­lich gese­hen) schon für Kin­der ab 10 Jah­ren gut geeig­net, und wird kom­plett aus Allys Sicht erzählt. Die Spra­che ist ein­fach und — was mir sehr gut gefal­len hat — mit tol­len, bild­ge­wal­ti­gen Ver­glei­chen durch­zo­gen, wie zum Bei­spiel:  “Die Buch­sta­ben auf dem Pla­kat sehen aus wie schwar­ze Käfer, die über die Wand lau­fen.” (Zitat S.22) und “Ich wünsch­te, sie wür­de mei­ne Welt ver­ste­hen. Aber das wäre so, als ver­such­te man, einem Wal zu erklä­ren, wie es ist, im Wald zu leben.” (Zitat S.39) Eben­so die unter­schwel­li­ge Iro­nie, die sich von Zeit zu Zeit im Text fin­det, passt her­vor­ra­gend zur Prot­ago­nis­tin und ihrer Art zu den­ken: “Ich wünsch­te, Mrs Hall wür­de ein­fach zu Albert, der leben­den Goog­le-Sei­te, wei­ter­ge­hen. Der bekä­me schon eine bes­se­re Note als ich, wenn er in das Auf­ga­ben­blatt schnäu­zen wür­de.” (Zitat S.9) Leg­asthe­nie oder Lese-Recht­schreib-Schwä­che genannt, ist im Jugend­buch noch immer ein sehr sel­te­nes The­ma. Das, obwohl in Deutsch­land schein­bar 4% der Schü­ler an die­ser Stö­rung lei­den. In “Wie ein Fisch im Baum” wird für Jugend­li­che sehr authen­tisch geschil­dert, was es für ein jun­ges Mäd­chen bedeu­ten kann, Leg­asthe­nie zu haben, ohne jedoch über die Hin­ter­grün­de Bescheid zu wis­sen: “Ich habe schon so oft geübt, gebe­tet uLynda Mullaly Hunt - Wie ein Fisch im Baumnd gehofft, aber einen Text zu lesen ist für mich immer noch so, als wür­de ich ver­su­chen, in einem Tel­ler Buch­sta­ben­sup­pe einen Sinn zu fin­den. Ich weiß wirk­lich nicht, wie ande­re Leu­te das machen.” (Zitat S.18) Für Ally ist es der ein­zi­ge Weg ihre Schwä­che vor den ande­ren zu ver­ber­gen, in dem sie Auf­ga­ben nicht erle­digt oder die Leh­rer mit irgend­wel­chen Aktio­nen abzu­len­ken ver­sucht. Jeman­dem davon zu erzäh­len? Nein, lie­ber nicht. “Ich will es ihr [der Direk­to­rin] erzäh­len, aber ich habe zu viel Angst. Ich bli­cke zu ihr hoch. Sie sieht mich ent­täuscht an. Wie­der ein­mal. Ich glau­be, es hat kei­nen Sinn. Ich bin bereits als Ner­ven­sä­ge ver­schrien. War­um sol­len alle oben­drein erfah­ren, dass ich dumm bin? Mir kann sowie­so nie­mand hel­fen. Wie soll man Dumm­heit hei­len?” (Zitat S.20ff) Gera­de dass Ally sich eigent­lich für dumm hält, obgleich sie ein äußerst intel­li­gen­tes und klu­ges Mäd­chen ist, trifft zutiefst. Auch als sie einer Leh­re­rin eine Freu­de machen will und ihr zum Abschied in die Baby­pau­se eine Kar­te mit Blu­men drauf schenkt, bei der sich hin­ter­her jedoch her­aus­stellt, dass dies eine Bei­leids­kar­te ist (was sie auf­grund der Schrift aber nicht erken­nen konn­te), ern­tet sie nur Ärger und Fas­sungs­lo­sig­keit ihrer Mit­men­schen, obwohl sie esLynda Mullaly Hunt - Wie ein Fisch im Baum eigent­lich nur gut gemeint hat. Es gibt eini­ge sol­cher Sze­nen in dem Buch, die sich beson­ders bewe­gend und gera­de­zu herz­zer­rei­ßend lesen, wie zum Bei­spiel die­se hier: “Ich den­ke an die zwei­te Klas­se zurück, als mei­ne Leh­re­rin einen Hau­fen Buch­sta­ben auf­schrieb und mich frag­te, was da stand. Ich hat­te kei­ne Ahnung. Aber das war ich gewohnt. “Das ist dein Name, Ally. Ally Nicker­son.” Wer hät­te gedacht, dass eine Zweit­kläss­le­rin ver­steht, was es bedeu­tet, gede­mü­tigt zu wer­den.(Zitat S.32) Der Wen­de­punkt in Allys Leben ist jedoch ihr neu­er Leh­rer, Mr Dani­els, der sie und ande­re Schü­ler wahr­nimmt, sie nicht ver­ur­teilt und ihnen eine Chan­ce ein­räumt. Er kommt bald dahin­ter das, was bis­her kein ande­rer Leh­rer erkannt hat und setzt sich für sei­ne Schü­le­rin ein. Neben dem Erken­nen und (begin­nen­den) Behan­deln von Leg­asthe­nie wer­den aller­dings auch die The­men Mob­bing und Freund­schaft in den Mit­tel­punkt gerückt. Ally, die mit Albert (dem wan­deln­den Lexi­kon) und Kei­sha (die sagt, was sie denkt) neue Freun­de gewinnt und es auch schafft sich gegen die böse Shay durch­zu­set­zen, die ihr immer noch das Leben schwer macht. Neben der Bot­schaft des “Gemein­sam-ist-man-stark”, wird eben­soLynda Mullaly Hunt - Wie ein Fisch im Baum deut­lich gemacht, dass es nicht schlimm ist anders zu sein, son­dern manch­mal sogar eine Tugend sein kann. Toll fand ich auch jene klu­ge Weis­heit, die Ally gegen Ende des Buches äußerst“Ich den­ke über Wör­ter nach. Über die Macht, die sie haben. Man kann sie benut­zen, um Gutes zu errei­chen, wie Mr Dani­els. Er gibt Kin­dern wie mir und Oli­ver das Gefühl, mehr wert zu sein, als wir glau­ben. Aber man kann Wör­ter auch benut­zen, um Leu­te zu ver­let­zen. Opa sag­te immer, dass man mit Wör­tern so vor­sich­tig umge­hen muss wie mit Eiern. Bei bei­den kann man den ein­mal ange­rich­te­ten Scha­den nicht mehr rück­gän­gig machen. Je älter ich wer­de, des­to kla­rer wird mir, wie klug mein Groß­va­ter war.” (Zitat S.207)

Fazit: Ein sehr wei­ses, ange­nehm erzähl­tes Buch, das sich sehr gut als Klas­sen­lek­tü­re oder für eine Buch­vor­stel­lung eignet.

Übri­gens: Die Auto­rin schreibt des­we­gen so authen­tisch, weil es ihr als Kind ähn­lich erging wie Ally!

Wie bereits erwähnt gibt es im Jugend­buch lei­der nur über­schau­ba­re Lese­al­ter­na­ti­ven zum The­ma Leg­asthe­nie: “Am Ende des Alpha­bets” von Fleur Bea­le und “Wor­te sind nicht mei­ne Spra­che” von Aidan Cham­bers. EineLesealternativen gute Alter­na­ti­ve ist auch “Out of my mind: Mit Wor­ten kann ich flie­gen” von Sharon M. Dra­per, in ein behin­der­tes, unglaub­lich klu­ges Mäd­chen eben­so nicht erkannt und unter­schätzt wird und ähn­lich demü­ti­gen­de Erfah­run­gen machen muss wie Ally — ein Buch, das man gele­sen haben soll­te! Toll ist eben­so “Wun­der” von Raquel J. Pala­cio. Ein biss­chen hat mich Ally auch an die Haupt­fi­gur in dem Roman “Back to blue” von Rusal­ka Reh erin­nert, die sich eben­falls glaubt zu nichts fähig zu sein (wenn auch aus ande­ren Grün­den) und lernt zu sich selbst zu ste­hen und sie selbst zu sein. Oder lies noch den ers­ten Roman von Lyn­da Mulla­ly Hunt, der ins Deut­sche über­setzt wur­de: “Ich hab mich nie so leicht gefühlt”, der ab 11 Jah­ren emp­foh­len wird.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: cbt
ISBN: 978-3-570-16420-4
Erscheinungsdatum: 31.Oktober 2016
Einbandart: Hardcover
Preis: 12,99€ 
Seitenzahl: 304 
Übersetzer: Renate Weitbrecht
Originaltitel: "Fish in a tree"
Originalverlag: Nancy Paulsen Books

Amerikanisches Originalcover: 
Lynda Mullaly Hunt - Wie ein Fisch im Baum











Amerikanischer Trailer:
 

Kasimiras Bewertung:

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Amerikanisches Cover: Homepage von Lynda Mullaly Hunt

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