Lisa Moore — Das Glück hat vier Farben

LIsa Moore Das Glück hat vier Farben22.Mai 2017

Die kana­di­sche, preis­ge­krön­te Auto­rin Lisa Moo­re hat mit “Das Glück hat vier Far­ben” einen (ers­ten Jugend-)Roman geschrie­ben, der zugleich das Por­trät einer jun­gen Her­an­wach­sen­den ist. Eine Geschich­te über die Sehn­sucht nach einer bis­her uner­füllt geblie­be­nen Lie­be, über Freund­schaft und die Schwie­rig­kei­ten des Erwach­sen­wer­dens. Behut­sam erzählt und mit fein gezeich­ne­ten Cha­rak­te­ren. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

St. John’s. Neu­fund­land. Die 16-jäh­ri­ge Flan­ne­ry hat es nicht gera­de leicht. Sie lebt mit ihrer Mut­ter und ihrem jün­ge­ren (Nervensägen-)Bruder Felix in einer Sozi­al­woh­nung. Ihr Vater ist auf Nim­mer­wie­der­se­hen ver­schwun­den, ehe er von der Vater­schaft über­haupt erfah­ren konn­te. Die Mut­ter ist Künst­le­rin, libe­ral und unkon­ven­tio­nell und muss wegen ihrer brot­lo­sen Kunst von Sozi­al­hil­fe leben. Wenn sie ein­mal Geld hat, schmeißt sie es lie­ber für etwas Unver­nünf­ti­ges aus dem Fens­ter (zum Bei­spiel für ein Spiel­zeug für Felix), als die nächs­te fäl­li­ge Rech­nung zu beglei­chen. So kann Flan­ne­ry nur hof­fen, dass ihnen nicht LIsa Moore Das Glück hat vier Farbendem­nächst der Strom aus­ge­schal­tet wird. Das Bio­lo­gie­buch, das sie so drin­gend für den Unter­richt braucht, muss eben­falls war­ten. Auch in ihrem Pri­vat­le­ben läuft es für Flan­ne­ry nicht gera­de rund: ihre bes­te Freun­din Amber hat auf ein­mal kaum mehr Zeit für sie und hängt lie­ber mit ihrem Freund Gary und des­sen Freun­den ab. Ein­zi­ger Licht­blick ist da Tyro­ne. Sie kennt ihn schon seit sie ein klei­nes Baby war: “Unse­re Müt­ter haben Tyro­ne und mich mit weni­gen Stun­den Abstand im Grace Hos­pi­tal zur Welt gebracht. Sie teil­ten sich die kran­ken­haus­ei­ge­ne indus­trie­gro­ße Milch­pum­pe. Kein Wun­der, dass sie sich anfreun­de­ten. Sie waren bei­de allein­er­zie­hend und wohn­ten in gegen­über­lie­gen­den Sozi­al­woh­nun­gen an der­sel­ben Stra­ße.” (Zitat S.12) Seit dem Kin­der­gar­ten bis zur 6.Klasse haben die bei­den fast jeden Tag zusam­men gespielt. Auch Tyro­ne kommt aus schwie­ri­gen Ver­hält­nis­sen und muss sich mit einem gewalt­tä­ti­gen Stief­va­ter aus­ein­an­der­set­zen. Doch dann sind er und sei­ne Fami­lie weg­ge­zo­gen. Erst jetzt an der neu­en Schu­le tref­fen Flan­ne­ry und Tyro­ne wie­der zusam­men. “Ich habe an Tyro­ne geglaubt, und ich wer­de immer an ihn glau­ben. LIsa Moore Das Glück hat vier FarbenIch glau­be, dass etwas in ihm ist, etwas, das mich ihn lie­ben lässt, und es ist so unheim­lich, jeman­den zu lie­ben. Es ist eine gro­ße, unkon­trol­lier­te Ham­pel­mann­lie­be, die mich ver­rückt und ein­sam macht.” (Zitat S.142) Doch Tyro­ne ist nicht mehr der, der er vor­her war. Das merkt Flan­ne­ry recht schnell, als sie für ein Schul­pro­jekt zusam­men arbei­ten sol­len. Trotz­dem schlägt ihr Herz nach wie vor für ihn. “Denn wenn Tyro­ne O’Rourke den Raum betritt, fällt es mir schwer, nicht zu glau­ben, dass wir für­ein­an­der bestimmt sind, weil ich ihn in- und aus­wen­dig ken­ne, schon immer.” (Zitat S.142) Auch wenn Tyro­ne es ihr nicht gera­de leicht macht…

Das Glück hat vier Far­ben” wird durch­ge­hend aus Flan­ne­rys Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Die Spra­che ist ange­nehm und teil­wei­se mit einem leicht iro­ni­schen Grund­ton unter­legt. Was Lisa Moo­re ihren Lesern vor allem bie­tet, sind sehr aus­führ­li­che Per­so­nen­be­schrei­bun­gen. Auch Neben­fi­gu­ren wer­den zum Teil äußerst genau skiz­ziert, was manch­mal fast etwas zu umfas­send und wie eine Anein­an­der­rei­hung von vie­len Punk­ten wirkt. In Flan­ne­ry kann man sich daher sehr gut hin­ein­füh­len. Es wer­den immer wie­der Rück­blen­den in die Geschich­te mit ein­ge­floch­ten, die kur­ze Epi­so­den ihrer LIsa Moore Das Glück hat vier FarbenKind­heit mit Tyro­ne oder ihrer Freund­schaft zu Amber oder aus ihrem Fami­li­en­le­ben dar­stel­len. Nur der Tyro­ne der Jetzt-Zeit blieb für mich beim Lesen lei­der wenig greif­bar. Der Klap­pen­text sug­ge­riert eine Lie­bes­ge­schich­te, aber es ist mehr ein Seh­nen nach Lie­be und ein Ent­täuscht­wer­den von. Dass das Erwach­sen­wer­den nicht ein­fach ist, das zeigt “Das Glück hat vier Far­ben” tadel­los. Dass Freund­schaf­ten zum Erlie­gen kom­men und Traum­schlös­ser wie Kar­ten­häu­ser zusam­men­bre­chen kön­nen. Dass man manch­mal nichts fest­hal­ten kann und sei­nen Hori­zont erwei­tern muss. Mich per­sön­lich konn­te der Roman lei­der nicht durch­gän­gig packen. Die Geschich­te war inter­es­sant, auch erfri­schend kli­schee­los und sehr tief­grün­dig, aber manch­mal fehl­te eben ein wenig der rote Faden, der Span­nungs­bo­gen, der einen vor­an zog. Aber am bes­ten selbst lesen und eine eige­ne Mei­nung bilden;-)

Fazit: Authen­tisch und bewe­gend, aber mit klei­nen Schwächen.

Zwei Roma­ne, die eben­so vom Erwach­sen­wer­den, von Ent­täu­schung und dem Seh­nen nach Lie­be erzäh­len, siLesealternativennd Das ist der Som­mer im Para­dies, wie er eben aus­sieht, wenn man die Son­nen­bril­le absetzt” von Hil­de Kval­va­ag und “Mehr Schwarz als Lila” von Lena Gore­lik. Oder lies den schon etwas älte­ren Roman “Long-lost fri­end” von Sara Zarr, in dem ein einst eng ver­bun­de­ner Sand­kas­ten­freund uner­war­tet wie­der auf­taucht und das Leben eines Mäd­chens auf den Kopf stellt. In eine ähn­li­che Rich­tung gehen auch “Emmy & Oli­ver” von Robin Ben­way und “Mein frem­der Freund” von Emma Hau­g­thonHin­sicht­lich der ärm­li­chen Ver­hält­nis­se der Prot­ago­nis­tin hat mich “Das Glück hat vier Far­ben” auch ein wenig an “Gegen das Glück hat das Schick­sal kei­ne Chan­ce” von Estel­le Lau­re erin­nert. Lisa Moo­re hat übri­gens noch ande­re Bücher geschrie­ben, die aller­dings eher für älte­re Leser/Erwachsene geeig­net sind: Und wie­der Febru­ar”, “Im Rachen des Alli­ga­tors” und Der leich­tes­te Feh­ler”.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Fischer Sauerländer
ISBN: 978-3-7373-5480-6
Erscheinungsdatum: 27.April 2017
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,99€ 	
Seitenzahl: 368 
Übersetzer: Maren Illinger
Originaltitel: "Flannery" 
Originalverlag: Groundwood Books

Kanadisches Originalcover:
LIsa Moore Das Glück hat vier Farben

Kasimiras Bewertung:

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(3 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Kanadisches Cover: Homepage von Groundwood Books

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