Lilly Lindner — Was fehlt, wenn ich verschwunden bin

Lilly Lindner Was fehlt, wenn ich verschwunden bin3.März 2015

Ein zutiefst ergrei­fen­des Buch und zugleich ihr ers­tes Jugend­buch hat die deut­sche Auto­rin Lil­ly Lind­ner geschrie­ben: “Was fehlt, wenn ich ver­schwun­den bin”. Über die Bezie­hung zwei­er Schwes­tern, die ein­an­der alles bedeu­ten, über die Geschich­te einer Mager­sucht, über Wort­ge­wand­heit und Klug­heit und über die Sehn­sucht ver­stan­den zu wer­den. Trau­rig und humor­voll zugleich. Mit Tief­gang und einer Spra­che, die so außer­ge­wöhn­lich schön ist, dass man sich am liebs­ten die Sät­ze sei­ten­wei­se bunt anma­len möch­te. Ein Lese­er­leb­nis, das sich den­fi­nitv lohnt! Nicht nur für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren, son­dern auch für Erwach­se­ne.

Ber­lin. Pho­be ist neun Jah­re alt. In ihrer Fami­lie ist nichts mehr so wie es war. Denn ihre gro­ße Schwes­ter April ist nicht mehr da. Die 16-jäh­ri­ge ist in einer Kli­nik wegen Mager­sucht, wobei Pho­be noch nicht so ganz ver­ste­hen kann, was genau das ist. Aber eines weiß sie: sie ver­misst ihre Schwes­ter ganz schreck­lich! “Mei­ne lie­be, lie­be April — wenn du nur bald gesund wirst und end­lich wie­der bei uns bist. Ohne dich sind wir näm­lich nicht ganz. […] Eine hal­be Mama. Ein hal­ber Papa. Und nur noch ein klei­nes Stück ich. Ohne dich bin ich näm­lich nicht ein­mal halb.” (Zitat aus “Was fehlt, wenn ich ver­schwun­den bin”, S. 38). Und des­halb schreibt Phoebe ihrer Schwes­ter mit größ­tem Eifer Brie­fe. Mona­te­lang. Ohne jemals Lilly Lindner Was fehlt, wenn ich verschwunden bineine Ant­wort zu bekom­men. Sie erzählt von ihrem Schul­all­tag, von ihren Eltern, die so trau­rig und vol­ler Sor­gen sind. Auch dass sie manch­mal von zu Hau­se weg­geht. Um ein­fach mit dem Bus durch die Stadt zu fah­ren oder an Orte zu gehen, die sie an April erin­nern. Mit ihrer Wort­klug­heit begeg­net sie ihren über­for­der­ten Eltern“Also habe ich Papa ver­spro­chen, dass ich nicht mehr weg­lau­fe. Dabei war ich gar nicht ver­schwun­den. Ich wuss­te schließ­lich die gan­ze Zeit über, wo ich war. Und wenn man weiß, wo man ist, dann ist man da und nicht weg.” (S. 71) Manch­mal sucht sie Aprils Nähe auch in deren Zim­mer. Sie legt sich in deren Bett und macht dabei auch nichts unor­dent­lich. Sogar ihr aktu­el­les Lieb­lings­bon­bon schickt sie ihrer Schwes­ter per Post mit. Auch wenn sie es jetzt viel­leicht nicht essen kann, es wäre ja lan­ge halt­bar. Doch dann ver­geht der Som­mer und es kommt der Win­ter…

Lil­ly Lind­ner ist ein sprach­li­ches Phä­no­men! Sie schreibt mit einer Wort­ge­walt, über die man nur stau­nen kann. Wobei sie in ihrem jet­zi­gen Buch ein wenig sanf­ter wirkt und sie gera­de­zu behut­sam mit ihren Figu­ren umzu­ge­hen weiß. Mit Phoebe hat sie einen ganz beson­de­ren Cha­rak­ter geschaf­fen. Ein Mäd­chen, das mit so kla­rer Logik zu reden weiß und von solch kind­li­cher Klug­heit erfüllt ist:  “Wir haben uns Sor­gen gemacht!”, hat Mama geschimpft. “Ihr seid erwach­sen”, hast du gesagt. “Das gehört dazu.” “Was?”, hat Papa gefragt. “Na, hast du schon ein­mal einen Erwach­se­nen ohne Sor­gen getrof­fen?”, hast du zurück­ge­fragt, “Ich glau­be nicht, dass es so etwas gibt”. (S.258)
Lilly Lindner Was fehlt, wenn ich verschwunden binPhoebe plap­pert am liebs­ten ohne Unter­lass. Und wenn ihr Vater sie ein­mal bit­tet, doch wenigs­tens mal fünf Minu­ten still zu sein, so kann sie ihm sogar ihre Gefühl, durch sei­ne Wor­ten ver­letzt wor­den zu sein, ganz deut­lich sagen: “Da habe ich zu Papa gesagt, dass er sei­ne Wor­te etwas sorg­fäl­ti­ger wäh­len muss, weil ich eine Toch­ter bin und kein Sohn, obwohl wir mitt­ler­wei­le manch­mal in den Park gehen zum Fuß­ball­spie­len, und dass Töch­ter nun mal sen­si­bler sind als Söh­ne.” (S. 26) Und ihr Vater ent­schul­digt sich sogar anschlie­ßend bei ihr. Doch so sehr Phoebe mit Wor­ten auch umzu­ge­hen weiß, in ihrer Umge­bung hat sie es damit nicht immer leicht. In der Schu­le muss sie ihre Sät­ze stän­dig erklä­ren und auch ihre Eltern flüch­ten oft vor ihrer gewief­ten Logik. Doch Phoebe weiß auch um die Wich­tig­keit des Schwei­gens: “Denn egal, wie vie­le Wor­te es gibt, und egal, wie anmu­tig man sie benut­zen kann, es gibt Momen­te, da muss man sein Glück für sich behal­ten, damit die Wor­te den Klang der wun­der­sa­men Stil­le nicht zer­stö­ren. Glück braucht kei­ne Wor­te. Glück hört man auch so.” (S.162/163)
Sehr viel geschwie­gen hat auch Phoe­bes Schwes­ter. Zum Schluss hat sie ein­fach auf­ge­hört mit ihren Eltern zu spre­chen. War­um, das erfährt man im zwei­ten Teil von “Was fehlt, wenn ich ver­schwun­den bin”. Die­ser wird eben­falls in anein­an­der­ge­rei­ten Brie­fen aus Aprils Sicht erzählt: “Ich war neun Jah­re alt, so alt wie du jetzt bist, als ich mei­ne Stim­me auf­ge­ge­ben habe. Mama hat damals zu mir gesagt: “Ver­dammt, April! Kannst du nicht ein­mal fünf Minu­ten lang wie ein ganz nor­ma­les Kind sein?” Und Papa hat hin­zu­ge­fügt: Lilly Lindner Was fehlt, wenn ich verschwunden bin“Du bist ein Wortun­ge­heu­er.” (S. 216) Die­ser Zeit­raum makier­te auch den Beginn von Aprils Krank­heit. Ihrem Wunsch sich auf­zu­lö­sen. Ihre Eltern konn­ten mit ihr nie etwas anfan­gen. Sie haben sie nie wirk­lich gese­hen. Das liest sich sehr, sehr trau­rig. Des­halb ist es nun April, die ihrer Schwes­ter Mut macht, ihre Wor­te nie zu ver­lie­ren. Um gehört zu wer­den. Und nicht unter­zu­ge­hen in die­ser Welt. So wie sie.
Phoebe nun noch ein­mal aus der Per­spek­ti­ve von April zu erle­ben, macht einen ganz beson­de­ren Reiz der Geschich­te aus und gibt dem Leser noch mehr Mög­lich­keit die­ses bezau­bern­de Mäd­chen ken­nen­zu­ler­nen. Ein Mäd­chen, das ihren selbst gebau­ten Schnee­mann mit einem Schlit­ten durch die Gegend zieht und ihn spä­ter dann in der Tief­kühl­tru­he vor dem Auf­tau­en ret­ten will. Ein Mäd­chen, das sich in einer Decke ein­wi­ckelt und sich wie­der dar­aus ent­fal­tet, um “sich zu ent­fal­ten” (wor­über ihr Vater nur den Kopf schüt­telt).
Dem Leser wird nun aber auch erklärt, war­um April ihrer Schwes­ter nicht geant­wor­tet hat. War­um sie ihre Brie­fe nie­mals abge­schickt hat. Und was danach geschah, als der Win­ter kam… Auch die Bezie­hung der Schwes­tern wird mehr als deut­lich dar­ge­stellt: “Ich lie­be dich, Phoebe. Du bist nicht ein­fach nur mei­ne klei­ne Schwes­ter. Du bist mein Leben.” (S. 260)

Fazit: Poe­tisch, kraft­voll, amü­sant und gefühl­voll! Die­ses Buch wird jetzt schon defi­ni­tiv eines mei­ner Jah­res­high­lights blei­ben!

Lese­al­ter­na­ti­ven für Jugend­li­che ab 16 Jah­ren sind noch die ande­ren bemer­kens­wer­ten Bücher von Lil­ly Lind­ner. Zwei davon sind auto­bio­gra­fisch: Split­ter­fa­ser­nackt” und Win­ter­was­ser­tief”. LesealternativenZwei sind fik­tiv: Bevor ich fal­le” und Da vor­ne war­tet die Zeit” (wobei vie­le The­ma­ti­ken an Lil­ly Lind­ners per­sön­li­che Geschich­te erin­nern, so wie auch in “Was fehlt, wenn ich ver­schwun­den bin”). Ande­re Alter­na­ti­ven sind Der Jun­ge im gestreif­ten Pyja­ma” von John Boy­ne (eine eben­falls nai­ve, kind­li­che Sicht nähert sich einem erns­ten The­ma) oder Bird und ich und der Som­mer, in dem ich flie­gen lern­te” von Crys­tal Chan (in dem man erfährt, war­um es so wich­tig ist in einer Fami­lie immer mit­ein­an­der zu reden). Wenn du eine berüh­ren­de Schwes­tern­ge­schich­te, in der eben­falls das The­ma Mager­sucht eine Rol­le spielt, lesen möch­test, wären Zer­trenn­lich” von Sas­kia Sarg­in­son, das sprach­ge­wal­ti­ge  Und auch so bit­ter­kalt” von Lara Schütz­sack und “Win­ter­mäd­chen” von Lau­rie Hal­se Ander­son etwas für dich. Auto­bio­gra­fisch und über eine Ess­stö­rung ist “Das Lächeln der Lee­re ” von Anna S. Höpf­ner. Ein Buch, das auch aus­führ­lich über den Pro­zess einer Hei­lung berich­tet, was in der Jugend­li­te­ra­tur sehr sel­ten ist.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Fischer
ISBN: 978-3-73350093-1
Erscheinungsdatum: 19.Februar 2015
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 9,99€
Seitenzahl: 400
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Trailer zu "Was fehlt, wenn ich verschwunden bin":
 
Ein interessantes Interview mit Lilly Lindner:
 

Kasimiras Bewertung:

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