Lena Hach — Nichts wünsche ich mir mehr

Lena Hach - Nichts wünsche ich mir mehr12.Februar 2017

Die deut­sche Auto­rin Lena Hach hat mit “Nichts wün­sche ich mir mehr” einen Roman über ein abso­lu­tes Tabu­the­ma im Jugend­buch geschrie­ben: Alope­zie. Den krank­haf­te Ver­lust der Haa­re am gan­zen Kör­per. Die­ses Schick­sal ereilt ein jun­ges Mäd­chen, des­sen Leben kom­plett aus den Fugen gerät, nach die­ser scho­ckie­ren­den Dia­gno­se. Eine authen­tisch erzähl­te Geschich­te übers Anders­sein, unheim­lich berüh­rend geschrie­ben. Lese­tipp! Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Ber­linFür die 16-jäh­ri­ge Katha­ri­na, genannt Katha, ist auf ein­mal alles anders gewor­den. “Ich ver­su­che ein Grin­sen. In letz­ter Zeit fällt es mir schwer, die Mund­win­kel hoch­zu­zie­hen. Es schmerzt in den Wan­gen, als wür­de ich geknif­fen. Frü­her war das anders, frü­her war ich anders. Lus­tig. Nicht so sar­kas­tisch. Spon­tan. Nicht so zöger­lich.” (Zitat S.5) Denn sie hat auf ein­mal eine kreis­run­de, kah­le Stel­le auf ihrem Kopf. Ihre Haa­re fal­len aus! Kathas Bru­der hat es zuerst bemerkt und sie noch damit auf­ge­zo­gen, dass sie eine Glat­ze bekä­me. Doch die Dia­gno­se der Ärz­te, zu denen ihre Mut­ter sie panisch hin­schleppt, ist ein­deu­tig: Alope­zie. Sie wird nach und nach Lena Hach - Nichts wünsche ich mir mehrall ihre Haa­re ver­lie­ren. Das kommt einem gesell­schaft­li­chen Todes­ur­teil gleich, dem ist sich Katha sicher: “Ich kann mir ein­fach nicht vor­stel­len, wie das funk­tio­nie­ren soll. Ein Leben ohne Haa­re. Allein der Gedan­ke ver­setzt mich in Panik. Am liebs­ten wür­de ich vor mir selbst flüch­ten.” (Zitat S.29) Ihren zwei bes­ten Freun­din­nen erzählt sie nichts davon. Nie­mand darf hin­ter ihr Geheim­nis kom­men. Die münz­gro­ßen, kah­len Stel­len über­deckt sie mit ande­ren Haa­ren und steckt die­se fest. Beson­ders beim Sport­un­ter­richt muss sie daher höl­lisch auf­pas­sen: “Des­halb tas­te ich nach jedem Über­schlag, nach jeder Rol­le mei­nen Hin­ter­kopf ab. Ein flüch­ti­ger Kon­troll­griff, den nie­mand bemer­ken soll. So, wie wenn man mit der Hand unter die Ach­sel fasst und heim­lich an den Fin­gern schnup­pert. Mit dem Unter­schied, dass das alle tun. Was ich mache, macht kei­ner. Nie­mand sonst hat es nötig. (Zitat S.8) Jetzt inter­es­siert sich plötz­lich auch noch die­ser neue Jun­ge an der Schu­le für sie: Jas­per. Und auch wenn Katha ihn ins­ge­heim mag, wim­melt sie ihn ab. Einen Jun­gen kann sie jetzt abso­lut nicht gebrau­chen in ihrem chao­ti­schen Leben. Doch Jas­per lässt nicht locker…

Lena Hach - Nichts wünsche ich mir mehrGanz ehr­lich: auch wenn das Cover mit den Haa­ren, die ein Gesicht über­de­cken, fas­zi­nie­rend aus­sieht — auf den ers­ten Blick denkt man eher an ein Mäd­chen, das ver­schlei­ert ist. An ein Buch mit mus­li­mi­schem Hin­ter­grund, an Frau­en mit Kopf­tü­chern und eine ganz ande­re Art von Geschich­te. Das nimmt dem Roman viel­leicht ein biss­chen Poten­ti­al, weil es Leser, die sich für sol­che The­ma­ti­ken nicht inter­es­sie­ren, gleich mal vor­über­ge­hen lässt. Dabei ist “Nichts wün­sche ich mir mehr” wirk­lich ein außer­ge­wöhn­li­ches Buch! Mich hat es gleich von Anfang gepackt und mit­ge­ris­sen. Der Text ist sehr flüs­sig geschrie­ben, hat ein ange­neh­mes Erzähl­tem­po. Auch die vie­len kür­ze­ren Abschnit­te tra­gen hier­zu bei. Kathas Geschich­te liest sich tra­gisch und wird äußerst rea­lis­tisch wie­der­ge­ge­ben. Man kann sich sehr gut in das jun­ge Mäd­chen hin­ein­ver­set­zen und mit ihr füh­len: “Dass man immer wie­der vor sich erschre­cken kann. Was mich aus dem Spie­gel anstarrt, ist nicht von die­ser Welt. Ein Ali­en. Ein Es. Will nicht auf die­ser Welt sein. Nicht so. Jeden Mor­gen das Gefühl, im fal­schen Kör­per zu ste­cken. Das da bin nicht ich. Das ist so leer. So häss­lich. Ent­stellt.” (Zitat S.77) Ihr gan­zes Leben hat sich durch die Dia­gno­se Alope­zie ver­än­dert. Was für eine gro­ße Rol­le die eige­nen Haa­re spie­len, das wird Katha erst jetzt wirk­lich bewusst. Zu Beginn des Romans wech­selt die Geschich­te zwi­schen der Jetzt-Zeit und ihrer Krank­heits­ge­schich­te, wie sie bei­spiels­wei­se ihre ers­ten Haa­re im Dusch­ab­fluss fin­det: “Ihr gehört doch zu mir, dach­te ich. Ich brau­che euch doch. Was macht ihr denn da? Eine Ant­wort blieb aus. Nur im Mär­chen spre­chen leb­lo­se Din­ge.” (Zitat S.13) Wie sie zahl­lo­se Ärz­te auf­sucht und The­ra­pie­mög­lich­kei­ten tes­tet. Nichts hat Erfolg. Und es wird immer schwe­rer ihr Geheim­nis für sich zu behal­ten.  Bis Katha sich eines Tages zu einem radi­ka­len Schritt ent­schei­det und sich die Haa­re kom­plett abra­siert, ehe die­se aus­fal­len. In die Schu­le traut sie sich mit einer Glat­ze aber niLena Hach - Nichts wünsche ich mir mehrcht. Jetzt kommt nur noch eine Perü­cke in Fra­ge. Doch wann wird ihr Schwin­del auf­flie­gen? Sehr gut geschil­dert ist auch die Iden­ti­täts­kri­se, in die das Mäd­chen stürzt, die Fra­gen der  Selbst­fin­dung, die sie sich stellt: “Bin ich eine ande­re, “nur” weil ich anders aus­se­he? […] Mein Aus­se­hen lenkt ab von der, die ich wirk­lich bin, den­ke ich. Aber wer bin ich eigent­lich, jetzt, in die­sem Moment? […] Und wer bin ich mor­gen? Oder: Wer will ich sein? (Wer kann ich noch sein?)” (Zitat S.78) Am Ende kommt etwas raus, bei dem ich mir noch mehr Hin­ter­grün­de gewünscht hat­te. Die Haupt­fi­gur stellt sich die glei­chen Fra­gen dazu, wie der Leser, aber man erhält lei­der kei­ne Ant­wor­ten, obwohl es die sicher­lich gege­ben hät­te! Toll hin­ge­gen ist die Bot­schaft, die in dem Roman ver­mit­telt wird, und auf die Katha irgend­wann stößt: “Man­che Din­ge kann man sich nicht aus­su­chen, den­ke ich. Viel­leicht kommt es nur dar­auf an, was man dar­aus macht. Eine Bin­sen­weis­heit, das weiß ich selbst. Aber bes­ser die als nichts, alles ande­re kann ja noch kom­men.” (Zitat S.110)

Der Bel­tz & Gel­berg Ver­lag hat noch einen wei­te­ren Roman über ein Tabu­the­ma her­aus­ge­bracht“Wie das Licht von einem erlo­sche­nen Stern” von Nico­le Boyle Rødt­nes, über Apha­sie — den Ver­lust der SpLesealternativenrache. Auch hier — eben­so wie bei “Nichts wün­sche ich mir mehr” sind sie der ers­te Jugend­buch­ver­lag, der sich an ein sol­ches The­ma wagt. Respekt! Lese­al­ter­na­ti­ven hin­sicht­lich Alope­zie gibt es somit bis­her noch kei­ne, nur eines über Tri­chotil­lo­ma­nie, das krank­haf­te Haare­he­r­aus­rei­ßen, das du in “Zwi­schen zwei Fens­tern” von Dian­ne Tou­chell fin­dest. Pro­ble­me mit dem Aus­se­hen auf­grund eines Brands hat auch die Prot­ago­nis­tin in dem neu­en Roman von Col­le­en Hoo­ver: “Nächs­tes Jahr zu sel­ben Zeit”. Oder lies “Der zwei­te Kopf des Richard West­la­ke” von Andy Mul­ligan, des­sen Haupt­fi­gur plötz­lich zwei Köp­fe wach­sen! Anderss­sein und zu sich selbst ste­hen ler­nen, die­se Erfah­rung macht eben­so das Mäd­chen in dem schö­nen “Mut ist der Anfang vom Glück” von Hei­ke Karen Gürt­ler. Oder lies noch ande­re Bücher von Lena Hach: “Wan­ted. Ja. Nein. Viel­leicht”, “Zoom: Alles ent­wi­ckelt sich” oder “Ich, Tes­sa und das Erb­sen­ge­heim­nis” (schon ab 10 Jah­ren).

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Beltz & Gelberg
ISBN: 978-3-407-82191-1
Erscheinungsdatum: 30.Januar 2017
Einbandart: Broschur	
Preis: 12,95€ 
Seitenzahl: 206 
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Ein Mädchen berichtet über ihr Leben mit Alopezie:

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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