Lena Gorelik — Mehr Schwarz als Lila

Lena Gorelik - Mehr Schwarz als Lila5.März 2017

Die rus­si­sche Auto­rin Lena Gore­lik hat mit “Mehr Schwarz als Lila” einen Roman geschrie­ben, der eigent­lich in einem Erwach­se­nen­ver­lag erschie­nen ist, sich aber auf­grund der Geschich­te vor allem an ein junges/jugendliches Publi­kum rich­tet. Ein Buch über Freund­schaft, das Erwach­sen­wer­den und die Lie­be, die nicht immer erwi­dert wird. Authen­tisch und ein­fühl­sam erzählt. Mit einem beson­ders gelun­ge­nem Cover! Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Die 17-jäh­ri­ge Alex­an­dra, die von allen nur Alex genannt wird, hat zwei bes­te Freun­de: Paul und Rat­te (die eigent­lich Nina heißt). “Manch­mal ist da die­se Nähe zwi­schen uns. Die Nähe bedarf kei­ner Wor­te. Ich spü­re sie dann, sogar in den Füßen, und ich weiß dann nicht, wie ich sie in Wor­te fas­sen soll­te…[…] Manch­mal fah­re ich Paul dann durch die strub­be­li­gen Haa­re und mei­ne Hand bleibt in sei­nen Haa­ren ste­cken, und das ist, als hiel­te er mich damit fest. Oder ich leh­ne mei­nen Kopf an Rat­tes Schul­ter, und das ist bei­na­he ein Wort.” (Zitat aus “Mehr Schwarz als Lila” S.63ff) Alex, die einen Papa­gei namens Astrid daheim hat, trägt am liebs­ten schwarz. Sie hat nur schwar­ze Klei­dungs­stü­cke in ihrem Schrank hän­gen, auch wenn Rat­te behaup­tet, sie hät­te eine Hose in einer ande­ren Far­be (“Das ist dun­kel­li­la! Bist du far­ben­blind, oder was? “Nee, aber du offen­sicht­lich. Das ist Schwarz, Rei­nes Schwarz.” (Zitat S.65)) Zusam­men füh­reLena Gorelik - Mehr Schwarz als Lilan die drei Freun­de oft tief­sin­ni­ge Gesprä­che, lesen sich gegen­sei­tig Tex­te vor oder spie­len her­aus­for­dern­de Spie­le wie “Stell dir vor…” und “Du wirst dich doch trau­en…” Bis eines Tages ein neu­er Refe­ren­dar an der Schu­le auf­taucht, der sie in Deutsch und Geschich­te unter­rich­tet und alles ver­än­dert: “Ich weiß nicht, wann sich die Din­ge ver­scho­ben, das Leben Rich­tung Hoff­nung, Geschich­te und Deutsch inein­an­der, weil du kei­ne Unter­schied zwi­schen den Din­gen mach­test, und wir sag­ten nicht mehr, wir haben Geschich­te, wir sag­ten, wir haben dich. Ich weiß nicht, wann sich die Din­ge ver­scho­ben, in Rich­tung du. Dass ein Tag, an dem wir Deutsch oder Geschich­te hat­ten, zu einem Tag wur­de, an dem ich dich hat­te. Als du eine Bedeu­tung wur­dest, eine für mich.” (Zitat S.37) Alex ver­liebt sich in John­ny, wie sie ihn nen­nen. Mit dem sie sich manch­mal tref­fen, ein­fach so, um eine Aus­stel­lung anzu­se­hen oder zu reden. “Es ist das ers­te Mal, dass wir dich außer­halb der Schu­le tref­fen. Wir sind auf­ge­regt. Wir wol­len. Wol­len wir jetzt schon zu viel?” (Zitat S.66) Doch dann spie­len sie wie­der eines ihrer Spie­le — mit ihm- und Alex geht einen Schritt zu weit…

Lena Gorelik - Mehr Schwarz als LilaMehr Schwarz als Lila” ist ein in sich stim­mi­ges, bewe­gen­des, aber eher ruhi­ge­res Buch. Es weiß nicht mit Span­nung zu über­zeu­gen — zumal es zu Beginn bereits Hand­lungs­strän­ge, die gegen Ende pas­sie­ren wer­den, andeu­tet — aber es über­zeugt durch ein rea­lis­ti­sches Por­trät einer Freund­schaft, denen die Ver­än­de­run­gen des Erwach­sen­wer­dens in die Que­re kommt. Rat­te, die sich in ein Mäd­chen ver­liebt und plötz­lich nicht mehr so prä­sent ist. Alex, die ihren Freun­den nicht erzählt, dass sie sich in ihren Leh­rer ver­liebt hat. Und Paul, der auf ein­mal ganz ande­re, neue Gefüh­le ent­wi­ckelt: “Rat­te hat sich in S. ver­liebt, und Paul hat sich in mich ver­liebt, das ist ein Viel­leicht, und ich habe mich in dich ver­liebt, das ist ein Sicher. Und du. Rat­te, Paul, du und ich.” (Zitat S.19) Der Roman wird durch­ge­hend aus Alex Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Es ist Alex, die die Freund­schaft der Drei in Wor­te fasst, die ihre Freun­de cha­rak­te­ri­siert (“Paul geht so: …” “Rat­te geht so: …” “Pauls Geschich­te geht so: …” “Rat­tes Geschich­te geht so: …”) und immer wie­der ihren Leh­rer — den Refe­ren­dar — als zen­tra­len Mit­tel­punkt setzt, indem sie ihn mit einem “Du” anspricht: “Die­se Geschich­te ist ein Ich, sie ist ein Du, und sie ist Er nicht, und sie istLena Gorelik - Mehr Schwarz als Lila ein biss­chen ein Viel­leicht. Ich weiß gar nicht, wo ich anfan­gen soll zu erzäh­len. Ich spu­le zurück, ich suche den Anfang. Als du das Klas­sen­zim­mer betriffst. So hat die­se Geschich­te begon­nen.” (Zitat S.19) Das Buch ist mit vie­len Dia­lo­gen gespickt und bie­tet neben ver­ein­zelt lan­gen, kunst­vol­len Sät­zen eine zumeist sehr kla­re, schlich­te, fast schon kind­lich wir­ken­de Spra­che, die mit kur­zen Sät­zen besticht: “Paul ist mein aller­bes­ter Freund. Paul ist ver­schwun­den, es sind jetzt sechs Tage. Alle machen sich Sor­gen. Ich mache mir kei­ne, weil ich weiß, es geht ihm gut.” (Zitat S.9) Kraft­voll, manch­mal fast poe­tisch und mit sehr viel Tie­fe zwi­schen den Zei­len: “Ein blon­der Jun­ge mit Haa­ren, die für Eigen­wil­lig­keit spre­chen, und ein Mäd­chen, deren Ras­tas schrei­en, dass sie anders ist. Sie son­nen sich, und sie sind sich einig. Sie sind hier, und woan­ders möch­ten sie nicht sein. Ein schö­nes Bild, das von Jugend erzählt, von Frei­heit und dem Jetzt.” (Zitat S.153) Lena Gore­lik erzählt eine hoff­nungs­vol­le Geschich­te. Mit Klug­heit, Ein­sicht und Lie­be zu ihren Cha­rak­te­ren. Sie zeigt die Höhen und Tie­fen des Erwach­sen­wer­dens, die Ver­än­de­run­gen, die gesche­hen, manch­mal schlei­chend und manch­mal laut­stark und explo­si­ons­ar­tig schnell. Wie ein fal­sches Foto zur fal­schen Zeit, wie am Anfang bereits ver­ra­ten wird: Lena Gorelik - Mehr Schwarz als LilaWenn man jeman­den küsst, dann kommt man ihm schon sehr nahe. Paul hat mich geküsst. Ich habe ihn dazu gezwun­gen. Ich weiß nicht, wer da wem zu nahe gekom­men ist. Irgend­je­mand hat den Kuss foto­gra­fiert.” (Zitat S.16) Dum­mer­wei­se war jener Kuss direkt in Aus­schwitz unter einem sehr bekann­ten Bogen mit einer sehr bekann­ten Schrift. Und auf ein­mal neh­men noch viel mehr Men­schen auf der Welt Anteil am Erwach­sen­wer­den, an Dis­kus­sio­nen über die heu­ti­ge Jugend, über “Wie kann man nur…?” und “War­um?”. “Mehr Schwarz als Lila” macht nach­denk­lich und ist mei­ner Mei­nung nach auch sehr gut für eine Klas­sen­lek­tü­re oder für eine Buch­vor­stel­lung geeig­net.

Du kannst noch die ande­ren Bücher von Lena Gore­lik lesen: Ihr ers­ter Roman war “Mei­ne wei­ßen Näch­te”, für das sie hoch­ge­lobt wur­de. Ihr zwei­ter Titel war “Hoch­zeit in Jeru­sa­lem”, wel­cher auch für den Deut­schen Buch­preis 2007 nomi­niert war. Anschlie­ßend folg­ten der Rei­se­beLesealternativenricht “Ver­liebt in St. Peters­burg. Mei­ne rus­si­sche Rei­se”, der auto­bio­gra­phi­sche Roman “Lie­ber Mischa… du bist ein Jude” und das Sach­buch “Sie kön­nen aber gut Deutsch”.  Ihre letz­ten Bücher waren “Die Lis­ten­samm­le­rin” und Null gegen Unend­lich” und die E-Book-Kurz­ge­schich­te “Unter dem Baum­haus”. Du möch­test eine Geschich­te über die Freund­schaft drei­er Jugend­li­che lesen, die sich ver­än­dert, wäh­rend sie erwach­sen wer­den? Dann greif zu “All the stran­gest things are true.” von April Gene­vie­ve Tuchol­ke (erzählt aus drei Per­spek­ti­ven, mit Anspruch) und “Pondero­sa” von Micha­el Sie­ben (erzählt aus der Sicht eines Jun­gen). Drei beson­de­re Roma­ne übers Erwach­sen­wer­den sind auch “Vier­zehn” von Tama­ra Bach (mit einer eben­falls sehr inten­si­ven Spra­che), “Das ist der Som­mer im Para­dies, wie er eben aus­sieht, wenn man die Son­nen­bril­le absetzt” von Hil­de Kval­va­ag (berüh­rend und beklem­mend zugleich) und “Und plötz­lich war der Wald so still” von Moa Eriks­son Sand­berg (authen­tisch!). Ver­liebt in den Leh­rer, das erlebst du in “Zum Glück allein” von Kata­ri­na von Bre­dow, in “Stern­schnup­pen­stun­den” von Rachel McIn­ty­re, “Love Les­sons” von Jaque­line Wil­son und etwas böser in “Teach me” von R.A.Nelson.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Rowohlt Berlin
ISBN: 978-387134-175-5
Erscheinungsdatum: 17.Feburar 2017
Einbandart: Hardcover
Preis: 19,95€ 
Seitenzahl: 256 
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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