Kim Hood — Das Schweigen in meinem Kopf

Kim Hood - Das Schweigen in meinem Kopf - cbj                                                                   20.Juli 2014

Die kana­di­sche Auto­rin Kim Hood hat mit „Das Schwei­gen in mei­nem Kopf“ einen Roman geschrie­ben, der sich mit dem Anders­sein, dem Gehört- und Ange­nom­men­wer­den beschäf­tigt. Auch Behin­de­rung und psy­chi­sche Krank­heit spie­len eine Rol­le. Inhalt­lich gese­hen kein ein­fa­ches Buch, aber eine sehr sehr berü­hend erzähl­te Geschich­te. Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Die 13-jäh­ri­ge Jo ist schon seit der ers­ten Klas­se eine Außen­sei­te­rin. Kein Wun­der, wenn die Mut­ter wie eine Furie im Klas­sen­zim­mer der Leh­re­rin in aller Laut­stär­ke erklärt, wel­che Bücher für den Unter­richt auf kei­nen Fall ver­wen­det wer­den dür­fen und mun­ter das Regal aus­sor­tiert. Jo’s Mut­ter ist anders als alle ande­ren. Sie ist psy­chisch krank. Schon seit Jah­ren. Ihre Krank­heit ist nicht ein­deu­tig dia­gnos­ti­zier­bar. Sie hat star­ke Stim­mungs­schwan­kun­gen, teil­wei­se Wahn­vor­stel­lun­gen und über­trie­be­ne Ängs­te. Ver­fällt in Depres­sio­nen und ist dann wie­der so über­mu­tig, dass sie beim Ein­kau­fen in einer Zoo­hand­lung ein­fach mal die Wel­len­sit­ti­che aus dem Schau­fens­ter befreit. Das Mäd­chen lebt allei­ne mit ihrer Mut­ter. Nur, wenn sie mal wie­der in die Kli­nik muss, kommt eine Sozi­al­ar­bei­te­rin vor­bei und ihre Groß­mut­ter zieht kurz­fris­tig bei Jo ein. In der Schu­le wird sie ent­we­der igno­riert oder es wird über sie getu­schelt. Jetzt hat sich Jo das ers­te Mal mit Sarah, einem neu­en Mäd­chen in ihrer Klas­se, nach­mit­tags ver­ab­re­det und es war auch rich­tig nett. Doch als sie nach Hau­se kommt, flippt ihre Mut­ter total aus. Vor Sor­ge, vor Panik. Ihr nächs­tes Stim­mungs­tief naht und Jo kann nichts dage­gen tun. Nur eines: Sarah aus dem Weg zu gehen. Ihre Freund­schaft hat kei­ne Zukunft. Sie muss sich um ihre Mut­ter küm­mern. Des­halb mel­det Jo sich auch bei einem Sozi­al­pro­jekt in der Schu­le, damit sie die Mit­tags­pau­se woan­ders ver­brin­gen kann. Nun darf sie sich um einen schwer­be­hin­der­ten Jun­gen namens Chris küm­mern. Er kann nicht spre­chen, hat teil­wei­se Zuckun­gen an Armen und Bei­nen und sitzt in einem Roll­stuhl. Sie füt­tert ihn und fängt ein­fach an, ihm aus ihrem Leben zu erzäh­len. Denn Chris hört zu. Mit auf­merk­sa­men Augen schaut er sie an. End­lich hat Jo das Gefühl irgend­wie ver­stan­den zu wer­den. Und dann fin­det sie her­aus, wor­an ande­re Pfle­ge­kräf­te und Leh­rer geschei­tert sind: auf ein­fa­che Wei­se kann man mit Chris sehr wohl kommun­zie­ren…

RollstuhlDas Schwei­gen in mei­nem Kopf“ (mit einem bril­lan­ten Cover!) ist durch­ge­hend aus Jo’s Per­spek­ti­ve erzählt. Man kann sich in das jun­ge Mäd­chen sehr gut ein­füh­len und nach­voll­zie­hen, wie es ihr geht. Jedoch merkt man sehr schnell, wie viel sie sich eigent­lich zumu­tet, dass sie eigent­lich nicht „Toch­ter“ sein kann, son­dern eher „Betreue­rin“ ihrer Mut­ter ist. Selbst eine Freund­schaft zu einem gleich­alt­ri­gen Mäd­chen ist nicht mög­lich, eben weil sie das see­li­sche Gleich­ge­wicht ihrer Mut­ter dadurch gefähr­den könn­te. Jo gibt alles für sie auf. Ihre eige­nen Wün­sche steckt sie zurück, will nur für ihre Mut­ter da sein. Jede Gefühls­schwan­kung führt sie auf eige­nes Ver­sa­gen zurück. Gleich­zei­tig wünscht sie sich jedoch nichts sehn­li­cher, als dass ihre Mut­ter nor­mal wäre und sich bei­spiels­wei­se ein­mal für sie inter­es­sie­ren wür­de, so wie Chris es tut. Eine beson­de­re Freund­schaft ent­steht zwi­schen den bei­den. Aus­gren­zung aus der Gesell­schaft ist ihre trau­ri­ge Gemein­sam­keit. Ver­ständ­nis und Mit­ge­fühl für den ande­ren ihre Stär­ke. Kim Hood schil­dert ihr Zusam­men­tref­fen auf sehr sen­si­ble Wei­se und macht offen für mehr Tole­ranz gegen­über Behin­der­ten. Die Auto­rin arbei­tet selbst mit behin­der­ten Kin­dern zusam­men, sie ist Sozi­al­ar­bei­te­rin im Bereich Erzie­hung und The­ra­pie. Auch Jo ist in einer The­ra­pie, schafft es aber nicht, über ihre Pro­ble­me zu reden. Dies ist wohl auch „Das Schwei­gen in mei­nem Kopf“, das sie nicht bre­chen möch­te. Hil­fe holen, kommt nicht in Fra­ge, lie­ber alles allei­ne meis­tern. Dass das nicht geht, wird Jo frü­her oder spä­ter jedoch auf schmerz­li­che Wei­se bewusst. Die Geschich­te nimmt jedoch ein posi­ti­ves Ende und ver­söhnt den Leser mit der klu­gen Weis­heit: ande­re um Hil­fe zu bit­ten, ist manch­mal der aller­bes­te Weg, als immer stark sein zu müs­sen.

Fazit: ein wirk­lich lesens­wer­tes Buch!

Die bes­te Alter­na­ti­ve zu „Das Schwei­gen in mei­nem Kopf“ ist „Mit Wor­ten kann ich flie­gen“ von Sharon M. Dra­per. Hier fehlt zwar das The­ma psy­chi­sche Krank­heit, aber die Behin­de­rung der Prot­ago­nis­tin ähnelt sehr der von Chris und nimmt einen ver­gleich­ba­ren Aus­gang. Auch das The­ma Außen­sei­ter­sein wird in die­sem Roman beson­ders schön geschil­dert. BeLesealternativenhin­de­rung gepaart mit jeder Men­ge Humor fin­dest du in “Sim­pel” von Marie-Aude Murail, das auch mit dem Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis aus­ge­zeich­net wur­de. Eine rich­ti­ge gute Lese­va­ri­an­te ist auch „Wun­der“ von Raquel J. Pala­cio. Behin­de­rung und Aus­ge­schlos­sen­wer­den fügen sich hier in einer wirk­lich herz­er­wär­men­den Geschich­te zusam­men. Eben­falls eine mul­ti­ple Behin­de­rung hat die Haupt­fi­gur in „Die Wahr­heit über Ivy“ von Kathy Stin­son. Hier lei­det der Bru­der unter der behin­der­ten Schwes­ter. Bücher, in denen die Mut­ter an einer psy­chi­schen Stö­rung (meist Depres­si­on) lei­det sind: „Easy“ von Chris­toph Wort­berg und „Mei­ne wah­re erfun­de­ne Welt“ von Kaat Vrancken. “Wie ein Flü­gel­schlag“ von Jut­ta Wil­ke ist zwar eigent­lich ein Kri­mi, dar­in spielt aber eben­falls eine psy­chisch kran­ke Mut­ter eine Rol­le. In “Noah und Echo. Lie­be kennt kei­ne Gren­zen” von Katie McGar­ry ist die Mut­ter von Echo manisch-depres­siv.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: cbj          
ISBN: 978-3-570-40237-5 


Erscheinungsdatum: 14.Juli 2014 
Einbandart: Taschenbuch    
Preis: 7,99€        
Seitenzahl: 288  
Übersetzer: Anne Braun  
Originaltitel: "Finding a voice"
Originalverlag: O'Brien Press

Kanadisches Originalcover:
Finding a voice - Das Schweigen in meinem Kopf









Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

 

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2.Bild v.o.: © Dieter Schütz/pixelio.de
Kanadisches Cover: Homepage von O'Brien Press

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