Kevin Brooks — Born scared

Kevin Brooks - Born scared3.November 2017

Born sca­red” — das neue Werk von dem bri­ti­schen Erfolgs­au­tor Kevin Brooks hat es defi­ni­tiv in sich! Eine unver­gess­li­che Geschich­te über einen Jun­gen, der vor ALLEM Angst hat und durch eine Ver­ket­tung unglück­li­cher Umstän­de dazu gezwun­gen wird sei­ne Kom­fort­zo­ne (die für ihn not­wen­di­ger­wei­se ein­ge­rich­tet wur­de) zu ver­las­sen. Ein Thril­ler über Schnee­stür­me, Schnee­ku­geln, böse Scha­fe und raff­gie­ri­ge Gangs­ter. Ein psy­cho­de­li­scher Cock­tail an Emo­tio­nen — abge­fah­ren, cool und meis­ter­haft erzählt! Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne, die außer­ge­wöhn­li­che Bücher lie­ben.

Hei­lig­abend. Elli­ots Mut­ter muss das Haus noch ein­mal ver­las­sen. Auch wenn ein Schnee­sturm drau­ßen wütet. Denn Elli­ot, der unter einer schlim­men Angst­stö­rung lei­det, braucht drin­gend sei­ne Medi­ka­men­te. Und Tan­te Shir­ley, die die Besor­gung der (überlebens-)wichtigen Medi­zin eigent­lich über­neh­men woll­te, ist tele­fo­nisch auf ein­mal nicht mehr erreich­bar. Also beschließt Elli­ots Mut­ter sich auf den Weg zu dem Haus ihrer Schwes­ter zu machen, um mehr her­aus­zu­fin­den. Doch dann blei­ben die ver­ein­bar­ten Anru­fe der Mut­ter aus und Elli­ot, der sei­ne letz­te Pil­le längst genom­men hat, merkt, dass irgend­et­was schief gelau­fen sein muss. Wo blei­ben sei­ne Tan­te und sei­ne Mut­ter? Was ist pas­siert? Doch eigent­lich kann Elli­ot Kevin Brooks - Born scareddas Haus unmög­lich ver­las­sen! Das hat er seit Jah­ren schon nicht mehr getan. Denn er hat Angst. Gro­ße Angst. Und das schon seit er auf die Welt gekom­men ist. “Ich wein­te nicht ein­fach wie ein nor­ma­les Baby, ich heul­te und kreisch­te, ich zit­ter­te am gan­zen Leib und wich vor so gut wie allem zurück.” (Zitat aus “Born Sca­red” S.14) Elli­ot war eine Früh­ge­burt und eigent­lich ein Zwil­ling. Doch sei­ne Zwil­lings­schwes­ter starb kur­ze Zeit spä­ter. “Unse­re Her­zen hör­ten prak­tisch im sel­ben Moment auf zu schla­gen. Doch auch wenn die Ärz­te und Schwes­tern es irgend­wie schaff­ten, mich zu ret­ten, für Ella konn­ten sie nichts mehr tun. Ein Teil von mir starb mit ihr und ein Teil von ihr leb­te in mir wei­ter. Gemein­sam sind wir sowohl tot als auch leben­dig.” (Zitat S.10) Bereits im Brut­kas­ten hat­te Elli­ot pani­sche Angst davor, wenn sich nur jemand dar­über beug­te. Auch wenn dies sei­ne Mut­ter war. Der Arzt unter­such­te ihn auf alle mög­li­chen Din­ge. Aber kör­per­lich fehl­te Elli­ot nichts. Er ver­mu­te­te bereits, dass der Jun­ge ein­fach nur Angst haben könn­te, wegen sei­ner Zeit im Kran­ken­haus, vor den Ärz­ten. Und dass sich das aber sicher­lich bald wie­der legen wür­de. “Doch es wur­de nicht alles gut. Ich über­wand mei­ne Pro­ble­me nicht. Und als ich gut genug spre­chen konn­te, um mei­ne Gefüh­le aus­zu­drü­cken, gab es kei­nen Zwei­fel, was mit mir nicht stimm­te. “Ich habe Angst, Mum­my.” “Angst wovor, Schatz?” “Vor allem.” (Zitat S.16) Eine Psy­cho­lo­gin auf­zu­su­chen, brach­te nicht wKevin Brooks - Born scaredirk­lich etwas. Elli­ot rann­te schrei­end aus der Pra­xis. Er hat Angst vor ande­ren Men­schen, die er als “Goril­ler” bezeich­net. Aus­nah­men sind da ledig­lich sei­ne Mut­ter, sei­ne Tan­te Shir­ley und sein Arzt. “Sie hei­ßen Goril­ler, weil sie in mei­nem Träu­men als schreck­li­che, furcht­erre­gen­de Wesen mit zot­te­li­gen Gorillal­ei­bern, lan­gen zupa­cken­den Armen, krum­men Bei­nen, klei­nen Men­schen­köp­fen und böse grin­sen­den Mün­dern zu mir kom­men, die Lip­pen weit nach hin­ten über ihre bös­ar­ti­gen Goril­la­zäh­ne gezo­gen… So emp­fin­de ich ande­re Men­schen. Als schreck­li­che Wesen, die mich zer­flei­schen und fres­sen wol­len.” (Zitat S.22) Des­halb ver­lässt Elli­ot auch so gut wie nie das Haus. Er besitzt nicht ein­mal Stie­fel oder eine Jacke, weil er sie ohne­hin nicht braucht. Sein Zim­mer wur­de umge­baut in einen Angst­schutz­raum. Eine Zone, in der er sich sicher füh­len kann mit schall­iso­lier­ten Wän­den, damit kei­ne angst­ma­chen­den Geräu­sche zu ihm her­ein­drin­gen und sei­nen Medi­ka­men­ten, die er immer griff­be­reit hat. Doch jetzt ist er gezwun­gen das Haus zu ver­las­sen. Das ers­te Mal seit über drei Jah­ren. “Mein Herz pocht. Ich schau­de­re, zit­te­re. Mir ist schlecht. Und jede Zel­le mei­nes Kör­pers brüllt mich an, ich soll umkeh­ren und weg­lau­fen. Doch ich kann mich nicht rüh­ren. In kei­ne Rich­tung. Ich kann nicht zurück. Ich kann nicht nach drau­ßen. Ich schaf­fe es nicht. Unmög­lich. Ich kann da nicht raus. Ich habe Angst.” (Zitat S.5) Was Elli­ot jedoch außer­halb erwar­ten wird, damit hät­te er nicht ein­mal in sei­nen kühns­ten Alp­träu­men gerech­net…

Kevin Brooks - Born scaredBorn sca­red” ent­führt in eine Welt mensch­li­cher Abgrün­de und der Autor hat mit Elli­ot einen ganz außer­ge­wöhn­li­chen Cha­rak­ter geschaf­fen. Authen­ti­zi­tät ist eine von Kevin Brooks größ­ten Stär­ken: eine 0–8-15-Persönlichkeit, eine Geschich­te, die nach Sche­ma F funk­tio­niert, wird man bei ihm nie­mals fin­den. Und das ist auch gut so, denn das Buch lebt durch skur­ri­le Momen­te und Stel­len, an denen man (dabei habe ich mich wirk­lich zeit­wei­se ertappt!) ein­fach nur auf­lacht, weil sie so obsku­re, aber bril­lan­te Wen­dun­gen dar­stel­len. Das Buch, das als Thril­ler bezeich­net wird, für mich aber eher wie ein Roman (mit viel Span­nung) gewirkt hat, wird haupt­säch­lich aus Elli­ots Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Es ist in Kapi­tel ein­ge­teilt, des­sen Über­schrif­ten wort­wört­lich inner­halb des Kapi­tels irgend­wo auf­tau­chen (was ich sehr inter­es­sant fand). Ande­re ergän­zen­de Per­spek­ti­ven sind die der Gangs­ter, deren Vor­ha­ben geschil­dert wird, aber auch ande­rer Neben­fi­gu­ren, wie die des Sohn von Tan­te Shir­ley oder eini­ger Poli­zis­ten bei der Arbeit oder ein­zel­ner Dorf­be­woh­ner, die auf Elli­ot tref­fen. Neben eini­gen phi­lo­so­phi­schen Gedan­ken über den Tod zu Beginn des Buches ver­wen­det Kevin Brooks jedoch auch sehr beson­de­re Stil­mit­tel um den Gemüts­zu­stand sei­nes Prot­ago­nis­ten zu ver­deut­li­chen: dass er bei­spiels­wei­se mit sei­ner toten Schwes­ter spricht, die nur er sehen kann; sei­ne “Schnee­ku­gel­phan­ta­si­en”, in denen er sich selbst unter die­ser Glas­ku­gel zu erken­nen glaubt Kevin Brooks - Born scaredund die Per­spek­ti­ve von oben gegen Ende des Buches, die sei­nen inne­re Zer­ris­sen­heit zeigt. Lite­ra­ri­sche Ele­men­te en mas­se. Künst­le­risch gese­hen ein geschickt durch­dach­tes Buch und eine Freu­de für so man­chen Deutsch­leh­rer (was der Unter­hal­tung aller­dings nie­mals einen Abbruch tut). Wor­in der Autor aller­dings wirk­lich her­vor­sticht, sind sei­ne Beschrei­bun­gen, mit denen er Elli­ots Ängs­te dem Leser näher­bringt“Die schlimms­te mei­ner Ängs­te, die, vor der ich mich mehr als vor allem ande­ren fürch­te, ist die Angst vor der Angst selbst. Sie ist wirk­lich ein Mons­ter, ein heu­len­der Dämon, der in mei­nem Inne­ren her­um­wir­belt, eine uner­sätt­li­che Bes­tie, die stän­dig grö­ßer und immer grö­ßer wird… […] Molo­xe­tin hilft mir, die Bes­tie im Zaum zu hal­ten. Ich weiß, dass sie wei­ter da ist. Ich höre sie manch­mal, ein fer­nes, dunk­les Grol­len, und ab und zu schme­cke ich auch, wie ein fau­li­ger Geruch ihres dämo­ni­schen Atems in mei­ner Keh­le hoch­steigt. Aber solan­ge ich wei­ter mei­ne Angst­pil­len neh­me […] kommt die Bes­tie nicht näher.” (Zitat S.56) Dass die Bes­tie in “Born sca­red” dies­mal nicht nur näher kom­men, son­dern alles nie zuvor Dage­we­se­ne zum Vor­schein brin­gen wird, ist offen­sicht­lich und lie­fert bes­te, span­nungs­ge­la­de­ne Unter­hal­tung auf hohem Niveau. Vom Ende hät­te ich mir noch ein paar mehr Infor­ma­tio­nen und etwas mehr Aus­führ­lich­keit gewünscht, aber pas­send und rea­lis­tisch ist es den­noch.

Fazit: Ein gran­dio­ses Buch, das man defi­ni­tiv lesen soll­te! Ich wün­sche dem Auto­ren, der bereits fünf Mal für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis nomi­niert war (und ihn zwei Mal erhal­ten hat!), dass auch die­ses Buch nächs­tes Jahr in die enge­re Aus­wahl kommt!

Dir gefällt Kevin Brooks Schreib­stil? Dann lies noch sei­ne ande­ren Bücher (chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum der deut­schen Aus­ga­be): “Mar­tyn Pig” (2004), Lucas” (2005), “Can­dy” (2006) “Kis­sing the rain” (2007), “The Road of the Dead” (200Lesealternativen8), “Being” (2009), “Black Rab­bit Sum­mer” (2009), “Kil­ling God” (2011), “iBoy” (2011), “Live fast, play dir­ty, get naked” (2013), “Bun­ker Dia­ry” (2014), “Tra­vis Del­a­ney: Was geschah um 16:08?” (2015), “Tra­vis Del­a­ney: Wem kannst du trau­en?” (2015), “Tra­vis Del­a­ney: Um Leben und Tod” (2016), “Finn Black: Der fal­sche Deal” (2017). Ein Schnee­sturm, der eini­ges durch­ein­an­der­bringt? Das fin­dest du in “Käl­te” von Micha­el Nor­throp. Eine sehr gute inhalt­li­che Alter­na­ti­ve zu “Born sca­red” ist “Hoch­gra­dig unlo­gi­sches Ver­hal­ten” von John Corey Wha­ley. Die Haupt­per­son lei­det eben­falls unter einer schlim­men Angst­stö­rung und hat seit 3 Jah­ren das Haus nicht mehr ver­las­sen. Schon ihr gan­zes Leben nur daheim ist die Prot­ago­nis­tin in “Du neben mir und zwi­schen uns die gan­ze Welt” von Nico­la Yoon. Angst­stö­run­gen wer­den in Jugend­bü­chern eher sel­ten the­ma­ti­siert. Lies hier­zu “Ver­rückt vor Angst” von Jana Frey oder “Schau mir in die Augen, Audrey” von Sophie Kin­sel­la. Oder die Neu­erschei­nung “100 schlim­me Din­ge, die mir bestimmt pas­sie­ren” von Car­rie Mac.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: dtv
ISBN: 978-3-423-74029-6
Erscheinungsdatum: 13.Oktober 2017
Einbandart: Broschur
Preis: 14,95€ 
Seitenzahl: 240 
Übersetzer: Uwe-Michael Gutzschhahn
Originaltitel: "Born scared" 
Originalverlag: Egmont Publishing

Britisches Originalcover: 
Kevin Brooks - Born scared











Kevin Brooks liest aus seinem Buch (auf Englisch):
 Kasimiras Bewertung: 

110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw 110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw

(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

Dir gefällt die­ser Bei­trag? Dann abon­nie­re “Kasi­mi­ra” ein­fach
und erhal­te eine E-Mail
sobald ein neu­er Bei­trag erscheint!

---------------------------------------------------
Britisches Cover: Homepage von Egmont Publishing

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.