Kenneth Oppel — Das Nest

Kenneth Oppel Das Nest7.Juni 2016

Das Nest” von dem bekann­ten, viel­fach aus­ge­zeich­ne­ten, kana­di­schen Fan­ta­sy- und Sci­ence-Fic­tion-Auto­ren Ken­neth Oppel ist ein Roman mit Hor­ror- und Fan­ta­sy-Ele­men­ten. Eine Geschich­te über ein kran­kes Baby, ein geheim­nis­vol­les Wes­pen­volk und einen ver­häng­nis­vol­len Deal. Düs­ter und sehr pas­send illus­triert von Jon Klas­sen. Ein­dring­lich erzählt mit einem dunk­len Grau­en, das lang­sam um sich greift. Für (muti­ge, ner­ven­star­ke) Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Ste­ven ist von einer Wes­pe gesto­chen wor­den. “Ich war noch nie gesto­chen wor­den, aber Wes­pen ver­setz­ten mich in tota­le Panik, das war schon immer so gewe­sen. Ich wuss­te, dass das total albern war, aber sobald sie in mei­ne Nähe kamen, füll­te sich mein Kopf mit einem lau­ten Rau­schen und ich konn­te nur noch wild um mich schla­gen.” (Zitat aus “Das Nest” S.16ff) In der sel­ben Nacht träumt Ste­ve — der Angst vorm Dun­keln und oft Alb­träu­me hat — das ers­te Mal von einer Höh­le, in der er sich befin­det. Dem Inne­ren eines Wes­pen­nests, in dem die Wes­pen­kö­ni­gin zu ihm spricht: “Wir sind wegen des Babys gekom­men”, sag­te sie. “Wir sind hier, um zu hel­fen.” “Wer ist denn wir?”, frag­te ich. “Wir kom­men immer dann, wenn Men­schen Angst oder Pro­ble­me haben. Wir kom­men, wenn sie trau­rig sind.” (Zitat S.25) Denn Ste­vens jün­ge­rer Bru­der Theo, der vor zehn Tagen erst auf die Welt gekom­men ist, ist schwer krank. Kei­ner weiß genau, wasKenneth Oppel Das Nest er hat, weder die Ärz­te, noch sei­ne Eltern. Fast jeden Tag sind sie des­we­gen in der Kli­nik mit dem Baby. Die Wes­pen­kö­ni­gin ver­spricht Ste­ven sich um das Baby zu küm­mern, es “heil­zu­ma­chen”. Erst all­mäh­lich und in den dar­auf­fol­gen­den Träu­men begreift er, was die Wes­pen­kö­ni­gin damit wirk­lich meint: sie will es erset­zen. Durch ein ande­res, neu­es Baby. Eines, das her­an­ge­züch­tet wird von den Wes­pen. In dem gro­ßen Nest, das seit eini­ger Zeit unter der Dach­kan­te des Hau­ses der Fami­lie hängt…

Das Nest” war­tet mit einem bril­lan­ten, auch fühl­bar unter­schied­lich erha­be­nen Cover auf und wird durch­ge­hend aus Ste­vens Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Die Spra­che ist ein­fach und sehr flüs­sig zu lesen. Manch­mal sind die inhalt­li­chen Über­gän­ge etwas abge­hackt, aber wirk­lich nur sehr ver­ein­zelt. Toll sind hin­ge­gen die Bil­der von Jon Klas­sen, die in ihrer Art das Gele­se­ne per­fekt ergän­zen und die düs­te­re Stim­mung, die sich immer mehr ein­schleicht, sehr gut trans­por­tie­ren. Denn das Grau­en — der sub­ti­le Hor­ror — wächst in dem Roman erst lang­sam her­an, so wie die Waben eines Wes­pen­stocks, Zel­le um Zel­le. Merk­wür­di­ge Ele­men­te sind in die Geschich­te ein­ge­baut: die mys­te­riö­sen Anru­fe, die die Fami­lie seit eini­ger Zeit erei­len; der Mes­ser­mann, der ihre Mes­ser schär­fen will, den aber noch kein Nach­bar gese­hen haben will, obwohl er fast jede Woche vor­bei­kommt; der anony­me Anruf, Kenneth Oppel Das Nestder angeb­lich ein Nach­bar gewe­sen sein soll, als Ste­ven ver­sucht das Wes­pen­nest eigen­stän­dig zu ent­fer­nen: “Mit jeder Spros­se wur­de ich wüten­der. Mei­ne Eltern küm­mer­ten sich nicht um das Nest. Ich hat­te eine Wes­pen­stich­all­er­gie, aber sie waren mit ande­ren Din­gen beschäf­tigt. Mit dem Baby zum Bei­spiel, und das wür­de wohl auch für den Rest ihres Lebens so blei­ben, also muss­te ich selbst was unter­neh­men.” (Zitat S.87) Als Leser ist man stän­dig im Zwei­fel mit dem Gesche­he­nen: pas­siert dies alles wirk­lich oder sind das nur Ste­vens Träu­me, um die Ereig­nis­se zu ver­ar­bei­ten? Sind die Wes­pen nun Freund oder Feind? Inter­es­san­ter­wei­se erfährt man neben­bei sehr viel Wis­sens­wer­tes über die­se Tie­re, bei­spiels­wei­se, was sie alles dazu ver­wen­den, um ihr Nest zu bau­en. Der Titel “Das Nest” ist äußerst pas­send gewählt und neben dem Bezeich­nen des Wes­pen­nests zugleich Sym­bol für das Seh­nen nach Sicher­heit des Prot­ago­nis­ten, da Ste­ven sich jeden Abend eine Art “Nest” aus sei­ner Bett­de­cke baut, um dar­in zu ver­schwin­den. Nur ein klei­nes Luft­loch lässt er frei. Der Jun­ge lei­det seit lan­ger Zeit schon unter wie­der­keh­ren­den Alb­träu­men, war bereits bei einem Psy­cho­lo­gen und ist auch in der Schu­le eher ein AußeKenneth Oppel Das Nestnsei­ter. “Ich wuss­te, dass mit mir selbst auch eini­ges nicht stimm­te. Ich war nicht wie ande­re. Ich war ängst­lich und schrul­lig und so oft trau­rig, ohne zu wis­sen, war­um. Mei­ne Eltern hiel­ten mich für unnor­mal, da war ich mir ziem­lich sicher.” (Zitat S.110) Frü­her hat­te er einen unsicht­ba­ren Freund und lei­det auch immer noch unter Wasch­zwän­gen. Für Ste­ven ist klar: er darf nicht so sein, wie er ist. Er muss ver­su­chen, so zu tun, als wäre er wie alle ande­ren auch. Nor­mal. Nicht kaputt, so wie das Baby. Erst durch das Wes­pen­volk, die ein Ersatz­kind vol­ler Per­fek­ti­on her­an­züch­ten — ohne Ängs­te, Krank­hei­ten, Feh­ler — wird Ste­ven schließ­lich bewusst, dass “Nor­mal­sein” nicht das Erstre­bens­wer­tes­te ist: “Denn das Baby war so per­fekt, dass es nie ver­ste­hen wür­de, wie es war, nicht per­fekt zu sein. Es wür­de nie wis­sen, wie sich Angst oder Schwä­che anfühl­te. Aber ich wuss­te es. Weil ich im Inne­ren auch ein biss­chen kaputt war. Und in die­sem Moment beschloss ich, dass die­ses per­fek­te Baby nie­mals mei­nen Bru­der erset­zen wür­de.” (Zitat S.163) Das Ende des Buches ist defi­ni­tiv nichts für schwa­che Ner­ven und lässt selbst Erwach­se­ne rich­tig gru­seln!

Fazit: Eine gelun­gen erzähl­te Geschich­te, die mit Tief­gang und Grau­en zu über­zeu­gen weiß. Ein Gesamt­kunst­werk.

Wenn dir “Das Nest” gefal­len hat, dann lies doch auch noch die ande­ren Bücher von Ken­neth Oppel. Er hat vor allem vie­le Rei­hen geschrie­ben. Die Sil­ber­flü­gel”-Rei­he (Haupt­per­so­nen sind Fle­dermLesealternativenäuse): Sil­ber­flü­gel”, “Son­nen­flü­gel”, “Feu­er­flü­gel” und “Nach­flü­gel”. Die “Wol­ken­pan­ther”-Rei­he (Gen­re: Steam­punk): “Wol­ken­pan­ther”, “Wol­ken­pi­ra­ten” und “Ster­nen­jä­ger”. Der Ein­zel­ti­tel: Affen­bru­der. Zwei zusam­men­hän­gen­de Roma­ne über Fran­ken­stein: “Düs­te­res Ver­lan­gen” und “Ein dunk­ler Wil­le”. Von der düs­te­ren Auf­ma­chung und den Zeich­nun­gen im Innen­teil her, erin­nert mich “Das Nest” auch ein wenig an “Sie­ben Minu­ten nach Mit­ter­nacht” von Patrick Ness und Shi­ob­han Dowd. Auch hier hat der Jun­ge nachts Alb­träu­me und hofft, dass sei­ne kran­ke Mut­ter wie­der gesund wird. Wes­pen bezie­hungs­wei­se Bie­nen als Haupt­ak­teu­re? Das fin­dest du in “Storm­glass: Angriff der Kil­ler­bie­nen” von Tim Pratt. Oder lies “Infi­ni­ty Dra­ke: Scar­lat­tis Söh­ne” von John McNal­ly.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Dressler
ISBN: 978-3-7915-0005-8
Erscheinungsdatum: 25.Januar 2016
Einbandart: Hardcover
Preis: 12,99€ 
Seitenzahl: 217 
Übersetzer: Jessika Komina
Originaltitel: "The nest"
Originalverlag: David Fickling Books

Amerikanisches Originalcover:
Kenneth Oppel Das Nest











Amerikanischer Trailer:
 

Kasimiras Bewertung:

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Amerikanisches Cover: Homepage von Kenneth Oppel
Fotos: sind aus dem Roman "Das Nest" abfotografiert, Originale von Jon Klassen

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