Katrin Zipse — Die Quersumme von Liebe

Katrin Zipse Die Quersumme von Liebe25.Juni 2015

Thad­dä­us-Troll-Preis­trä­ge­rin Kat­rin Zip­se legt mit “Die Quer­sum­me von Lie­be” ihren nächs­ten Roman vor. Gekonnt und auf ihre beson­de­re, tief­grün­di­ge Art erzählt sie von einem alten Fami­li­en­ge­heim­nis, der Sehn­sucht nach Sicher­heit und der Lie­be. Zutiefst ergrei­fend. Für Jugend­li­che ab 15 Jah­ren, die auch mit ein wenig anspruchs­vol­le­rer Lite­ra­tur etwas anfan­gen kön­nen und Erwach­se­ne.

In der Grund­schu­le hat die nun 16-jäh­ri­ge Luzie damit ange­fan­gen. Mit dem Zäh­len. Sie zähl­te die Tage, bis Robert, der neue, unbe­lieb­te Freund ihrer Mut­ter wie­der aus­zie­hen wür­de (es waren letzt­end­lich 1080 Tage). Bis ihr frisch auf die Welt gekom­me­ne Halb­bru­der Aaron, mit dem der unbe­lieb­te Freund die Mut­ter zurück­ge­las­sen hat­te, wie­der ver­schwin­den wür­de (“Am ein­tau­send­ein­hun­dertundein­und­zwan­zigs­ten Tag gab ich das Wün­schen auf, weil ich kei­ne Hoff­nung mehr hat­te. Aaron blieb. Aber ich zähl­te wei­ter. Man wuss­te ja nie.” Zitat aus “Die Quer­sum­me von Lie­be”, S.18). Im Alter von neu­en Jah­ren ent­deck­te Luzie, als sie in der Schu­le das Divi­die­ren lernt, dass hin­ter den Zah­len noch ein viel grö­ße­res Sys­tem liegt. Dazu muss­te sie nicht ein­mal die Tage zäh­len. Es reich­te auch ein Datum oder die Anzahl von Regen­schir­men oder ein Auto­kenn­zei­chen. Sie nahm jene Zahl und teil­te sie durch deren Quer­sum­me. Ist das Ergeb­nis eine gera­de, wird alles gut. Ist eine Zahl nach dem Kom­ma vor­han­den, wird zwar kei­ne rie­sen­gro­ße Kata­stro­phe ein­tre­ten, aber opti­mal wird das Ereig­nis, auf wel­ches sie sich bezieht, nicht lau­fen. Die Kata­stro­phe tritt erst dann ein, wenn Katrin Zipse Die Quersumme von Liebeunend­lich vie­le Zah­len nach dem Kom­ma ste­hen. Die­ses Rech­nen gab Luzie, deren Vater auf einer Klet­ter­tour töd­lich ver­un­glückt war, als sie fünf war, lan­ge Zeit gro­ße Sicher­heit: “End­lich ver­stand ich, war­um die Tage so unter­schied­lich waren und wie­so ich nichts dage­gen machen konn­te. War­um an man­chen Tagen Kata­stro­phen pas­sier­ten und ande­re Tage strahl­ten vor Glück, wie­so an einem Tag ein Kätz­chen spiel­te und es am ande­ren tot war, war­um Robert auf­tauch­te und wes­halb er plötz­lich wie­der ver­schwand, und wie­so es an man­chen Tagen aus­zu­hal­ten war, dass es Aaron gab, und an ande­ren nicht…” (Zitat S.18) Ihre Ohn­machts­ge­füh­le, ihre Panik, die sie zuwei­len über­kommt, las­sen sich so in einen Rah­men pres­sen. Luzie kann berech­nen, was pas­sie­ren wird und sich inner­lich bereits dar­auf vor­be­rei­ten, dass etwas Schlim­mes geschieht. So hat es zehn Jah­re lang funk­tio­niert. Bis es auf ein­mal nicht mehr so war: “Der Tag, an dem das Sys­tem anfing, mich im Stich zu las­sen und die Zufäl­le began­nen, war der drei­tau­send­drei­hun­dert­und­vier­zigs­te Tag seit Roberts Erschei­nen. Der Berech­nung nach hät­te er gut sein müs­sen.” (Zitat S.8). Doch das war er nicht. Denn Luzie fin­det in der Müll­ton­ne uner­war­te­ter­wei­se eine Ein­la­dung zu einer Beer­di­gung, die ihre Mut­ter ent­sorgt hat. Die Beer­di­gung von Luzi­es Oma, der Mut­ter ihres ver­un­glück­ten Vaters. Nur, dass die­se doch eigent­lich schon seit zehn Jah­ren tot war…? Luzie beschließt dem nach­zu­ge­hen und heim­lich an der Trau­er­fei­er teil­zu­neh­men und sticht in ein Wes­pen­nest…

Katrin Zipse Die Quersumme von LiebeRoma­ne von Kat­rin Zip­se sind Roma­ne, die man sich erst lang­sam erschlie­ßen muss. Kur­ze Abschnit­te zu Beginn des Buches erzäh­len Din­ge, die man nicht sofort ver­steht. Es wer­den geheim­nis­vol­le Andeu­tun­gen gemacht, deren Bedeu­tung sich einem erst nach und nach offen­ba­ren. Das gefällt mir so an ihrem Erzähl­stil, dass sie kei­ne 0–8-15-Schemata ver­wen­det, son­dern den Leser auf ihre eige­ne Art und Wei­se eine beson­de­re Geschich­te ent­de­cken lässt. Rück­blen­den, die in lau­fen­de Abschnit­te ein­ge­baut wer­den, kur­ze Frag­men­te, die den Leser direkt anspre­chen und Beschrei­bun­gen von unbe­kann­ten Gemäl­den flie­ßen in den Text mit ein. “Die Quer­sum­me von Lie­be” wird jedoch nicht nur aus Luzi­es Sicht erzählt, son­dern lässt zuwei­len auch eine zwei­te Per­son zu Wort kom­men: Puma (der eigent­lich Luis heißt) und in Luzie ver­liebt ist und mit dem sie kur­ze Zeit zusam­men war, ehe sie sich gestrit­ten haben. Denn zu ihm kommt Aaron eines Tages und bit­tet ihn um Hil­fe, weil Luzie auf ein­mal ver­schwun­den ist. Puma ist es auch, der ihre Auf­schrie­be liest, in denen Luzie ihre Geschich­te erzählt. Ihre Auf­schrie­be, die sie eigent­lich nie­man­den lesen las­sen woll­te: “Ich schrei­be mei­ne Geschich­te für alle, die sie lesen wer­den. Und das heißt: für nie­man­den, außer für mich selbst und für alle Maul­wür­fe, Regen­wür­mer, Schne­cken und Mikro­ben, die sie zu Humus ver­ar­bei­ten wer­den, weil ich sie im Obst­gar­ten ver­gra­be, wenn ich mit ihr fer­tig bin. Sie wer­den sie anna­gen, sich durch die Sei­ten boh­ren, ihre Schleim­spur dar­über zie­hen, sie auf­wei­chen, ver­schlin­gen und wie­der aus­ka­cken. Katrin Zipse Die Quersumme von LiebeBis nichts mehr davon übrig ist als sat­te brau­ne Erde. Denn dies ist mei­ne Geschich­te und ich will sie nicht mehr haben.” (Zitat S.13). Gera­de die­ses zeit­ver­setz­te Lesen macht sehr neu­gie­rig. Da ist zum einen Puma, der Luzie bereits gefun­den hat und rück­wir­kend erzählt, wie ihm das gelun­gen ist, wäh­rend er ihre Auf­schrie­be liest und zum ande­ren Luzie, die erzählt, was danach kam, als sie sich auf­mach­te den Spu­ren ihrer Ver­gan­gen­heit zu fol­gen. Sehr inter­es­sant fand ich auch die Sym­bo­lik des Rie­sen und die des Was­sers, die Kat­rin Zip­se in den Roman mit ein­baut, um Luzi­es Ängs­te zu beschrei­ben. Es ist unglaub­lich, auf welch authen­ti­sche Wei­se die Auto­rin es schafft, die Zer­ris­sen­heit des jun­ge Mäd­chens und ihre Sehn­sucht nach Sicher­heit und Gebor­gen­heit in Wor­te zu fas­sen. Die Geschich­te, die sich wie ein Puz­zle nach und nach zusam­men­setzt, ver­stört eben­so wie sie berührt und lässt den Schluss zu, dass ein Haus aus Lügen­ge­bil­den immer irgend­wann ein­stür­zen wird und die Wahr­heit, auch wenn sie erschre­ckend ist, hel­fen kann sich mit sei­ner Ver­gan­gen­heit aus­zu­söh­nen.

Fazit: Ein äußerst lesens­wer­tes Buch!

Sicher­heit durch Zah­len, das fin­det auch die Prot­ago­nis­tin in “Wenn du dich traust” von Kira Gem­bri, die unter einer Zwangs­stö­rung lei­det und sich stän­dig alle Mög­li­chen Zah­len in ihrem Notiz­heft notiert, um Kon­trol­le zu erlan­gen. Eine gute Alter­na­ti­ve für viel­schich­ti­ge LesealternativenRoma­ne, die viel Raum für eige­ne Inter­pre­ta­tio­nen las­sen, sind auch: “Mari­en­bil­der” von Tama­ra Bach oder Dünn” von Do van Ranst. Aus­ein­an­der­set­zen mit dem Gele­se­nen das muss man auch mit “2 12 Gespens­ter” von Peter-Härt­ling-Preis­trä­ge­rin Regi­na Dürig. Oder lies noch das ande­re Buch von Kat­rin Zip­se, mit dem sie bekannt und das mit dem Thad­dä­us-Troll-Preis 2014 aus­ge­zeich­net wur­de: “Glücks­dra­chen­zeit”. Beson­de­re Bücher, die anders und außer­ge­wöhn­lich sind, fin­dest du im sel­ben Ver­lag, in dem “Die Quer­sum­me von Lie­be” und “Glücks­dra­chen­zeit” erschie­nen sind: Dem Magel­lan Ver­lag, der noch recht neu ist. Mir haben fol­gen­de Titel sehr gut gefal­len: “Bird und ich und der Som­mer, in dem ich flie­gen lern­te” von Chan Crys­tal, Back to blue” von Rusal­ka Reh und “Mari­en­kä­fer­ta­ge” von Uticha Mar­mon.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Magellan
ISBN: 978-3-7348-5011-0
Erscheinungsdatum: 17.Juli 2015
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,95€
Seitenzahl: 288
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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