Katja Brandis — Freestyler

Katja Brandis Freestyler22.Februar 2016

End­lich wie­der etwas Neu­es von der deut­schen Auto­rin Kat­ja Bran­dis:Free­sty­ler” heißt ihr neu­es Werk und ent­führt sei­ne Leser in die Welt des Leis­tungs­sports im Jah­re 2030 und erzählt die Geschich­te einer jun­gen Sprin­te­rin, die von Olym­pia träumt. Neben Leis­tungs­druck und Opti­mie­rung durch künst­li­che Kör­per­tei­le in einer fort­schritt­li­che­ren Zeit, kom­men auch die The­men Behin­de­rung und den Preis, den man für Erfolg zu zah­len hat, zur Spra­che. All das hat Kat­ja Bran­dis in einen wirk­lich loh­nens­wer­ten und fas­zi­nie­ren­den (Science-Fiction-)Roman ver­packt, der sich sehr fes­selnd liest. Ein Buch, das defi­ni­tiv nicht lang­wei­len wird! Für Jungs und Mäd­chen ab 14 Jah­ren. Und Erwach­se­ne.

Mün­chen. Die 17-jäh­ri­ge Johan­na Laris­sa, genannt Jola, übt flei­ßig für den nächs­ten Wett­be­werb. Sie ist im Natio­nal­ka­der und wird von ihrer Trai­ne­rin Hei­ke mit einer Grup­pe ande­rer Sprin­ter auf dem Olym­pia­ge­län­de trai­niert. Lau­fen ist ihre Lei­den­schaft. Und Jola ist gut. “Wenn du so wei­ter­machst, muss ich dich wohl zur Welt­meis­ter­schaft anmel­den”, mein­te Hei­ke […] Welt­meis­ter­schaft. Das Wort vibrier­te durch sie hin­durch, als hät­te jemand sie an den Schul­tern gepackt und durch­ge­schüt­telt. Dann brei­te­te sich in ihr eine gol­de­ne Wär­me aus, die sich bis in die Fin­ger­spit­zen zog. Das war ein wich­ti­ger Schritt auf dem Weg zur Olym­pia­de und von der träum­te sie schon so lan­ge.(Zitat aus “Free­sty­ler” S.38) Manch­mal ist Jola ein wenig abge­lenkt. Fami­liä­re Pro­ble­me zu Hau­se (die Insol­venz des Vaters, das sich ver­schlech­tern­de Ver­hält­nis zwi­schen ihren Eltern) beschäf­ti­gen sie. Und dann ist da auch die­ser inter­es­san­te Typ im Roll­stuhl, der sie stän­dig beim Trai­ning Katja Brandis Freestylerzu beob­ach­ten scheint. Jola spricht ihn schließ­lich an und kommt mit Ryan ins Gespräch. Er ist nett. Sie gehen nach einem Trai­ning zusam­men einen Döner essen. “Ryan mus­ter­te sie nach­denk­lich, aber auch neu­gie­rig, und Jola hat­te das Gefühl, dass ihm nichts ent­ge­hen wür­de, nicht die kleins­te Regung. Das fühl­te sich beson­ders an […] Sie fühl­te, wie ein Lächeln auf ihr Gesicht kroch. “Wie vie­le Leu­te sind eigent­lich süch­tig nach die­sem Lächeln?” frag­te Ryan, ganz ruhig, ohne Ver­le­gen­heit.” (Zitat S.28) Doch ehe Jola ihm bei einem nächs­ten Tref­fen in einem Eis­ca­fé näher kom­men kann, ereig­net sich dort eine zutiefst pein­li­che Situa­ti­on, die Ryan wie­der ein­mal an sei­ne Behin­de­rung erin­nert. Er hat bei einem Unfall bei­de Bei­ne ver­lo­ren und im Roll­stuhl zu sit­zen und sich hilf­los zu füh­len, damit kommt er ein­fach nicht klar. Er flüch­tet aus dem Café und Jola kann ihn tele­fo­nisch nicht mehr errei­chen. Er ändert sei­ne Num­mer. Er, der schon seit län­ge­rer Zeit Schlaf­ta­blet­ten hor­tet… Kur­ze Zeit spä­ter beginnt Jola uner­war­tet eine heim­li­che Bezie­hung mit einem ande­ren Trai­ner. Till. Nie­mand darf wis­sen, dass sie zusam­men sind. Sonst wür­den sie gro­ße Schwie­rig­kei­ten bekom­men. Umso erstaun­ter ist Jola nach einem drei­vier­tel Jahr wie­der auf Ryan zu tref­fen. Ryan, der plötz­lich in der­sel­ben Hal­le trai­niert wie sie — der künst­li­che Bei­ne hat! Er tritt nun in der Kate­go­rie “Free­style” an, in der Behin­der­te mit Pro­the­sen oder nor­ma­le Sport­ler mit opti­mier­ten Kör­per­tei­len an den Start gehen. Und Ryan ist eben­falls rich­tig gut! Jola hin­ge­gen hat wie­der­holt Pro­ble­me mit ihrer Achil­les­fer­se. Was wenn sie durch eine Ver­let­zung wie­der aus­fällt? Was ist dann mit ihrem Traum von Olym­pia im Jah­re 2032? Till rät ihr dazu, sich ein künst­li­ches Gelenk ein­bau­en zu las­sen. Das will Jola auf gar kei­nen Fall. Doch, was wenn ihre Leis­tung ein­fach nicht reicht? Auch ihr Spon­sor macht plötz­lich Druck. Jola muss sich ent­schei­den…

Katja Brandis FreestylerWas mir bei “Free­sty­ler” und gene­rell bei vie­len Büchern von Kat­ja Bran­dis immer sehr gut gefällt, ist die Tat­sa­che, dass sie gleich zu Beginn inter­es­sant los­ge­hen. Kein lan­ges Vor­ge­plän­kel, kei­ne Sei­ten­lan­gen Hin­ter­grund­be­schrei­bun­gen von Per­so­nen, Land­schaf­ten etc. — der Leser ist sogleich mit­ten im Gesche­hen! Auch wenn man viel­leicht — so wie ich — mit dem The­ma Leis­tungs­sport zunächst denkt nicht beson­ders viel anfan­gen zu kön­nen, schafft es die Auto­rin einem selbst die­ses The­ma schmack­haft zu machen. Der Roman wird haupt­säch­lich aus Jolas Sicht erzählt, aber auch Ryan kommt gele­gent­lich zu Wort. In Jola kann man sich als Cha­rak­ter sehr gut ein­füh­len, ihre Sor­gen und Ängs­te mit­füh­len und mit ihr fie­bern, wenn sie an einem Wett­kampf teil­nimmt. Es sind die Höhen und Tie­fen, die sie durch­lebt und die ihre Geschich­te trotz zukünf­ti­ger Ver­än­de­run­gen authen­tisch machen: “Total albern, die­ses klei­ne Trepp­chen, aber es war das cools­te Gefühl der Welt, ganz oben zu ste­hen. Gab es irgend­et­was, das sich damit ver­glei­chen ließ? Jola beug­te den Kopf, wäh­rend zwan­zig­tau­send Men­schen applau­dier­ten, und irgend­ein Offi­zier häng­te ihr die Medail­le um. Gold!” (Zitat S.57) In einer Welt, in der der Hoch­leis­tungs­sport an sei­ne Gren­zen gerät und durch lega­le Opti­mie­rung dar­über hin­aus­geht, muss das jun­ge Mäd­chen sich ent­schei­den. Denn der Druck ist hart und die Kon­kur­renz schläft nicht. Beson­ders die Fra­ge nach der eige­nen Leis­tung stellt das Mäd­chen sich zwangs­wei­se immer wie­der: “Jola fühl­te sich schlaff und mut­los. Kein Spon­sor. Nur Wor­te, die sie ein­fach nicht aus dem Kopf bekam. Wer nicht ope­riert ist, lebt in Zukunft außen vor. Wür­de sie wie­der die­ses Katja Brandis FreestylerGefühl haben müs­sen, nicht gut genug zu sein? Sie hass­te es und doch kam es immer wie­der zurück zu ihr wie ein anhäng­li­cher Hund.” (Zitat S.185) Doch zugleich drängt sich eine wei­te­re Fra­ge auf: wie mensch­lich bin ich noch, wenn ich aus künst­li­chen Metall- und Plas­tik­tei­len bin? Ändert sich dadurch mei­ne Iden­ti­tät? Es gibt auch sehr extre­me Bei­spie­le von Free­sty­lern: eine jun­ge Frau, die statt zwei Bei­nen sich nun einen Del­fin­schwanz hat machen las­sen, meis­tens im Was­ser lebt und jetzt ziem­lich schnell schwim­men kann. Oder einen Mann, dem Jola und ihr Vater begeg­nen, der nach einem Unfall sei­ne Augen ver­lo­ren hat und mit sei­nen ange­pass­ten sogar zoo­men und eine Nacht­sicht­funk­ti­on hat. Sogar Jolas Trai­ner Till ist modi­fi­ziert: “Ich hat­te lei­der ziem­lich schnell kaput­te Knie — fal­sches Trai­ning”, erklär­te Till. Nach der Olym­pia­de brauch­te ich neue und hab mir gleich rück­fe­dern­de Sport­mo­del­le bestellt.” (Zitat S.104) Neben Leis­tungs­druck und Kon­kur­renz­kampf mit unfai­ren Mit­teln spielt auch das The­ma Behin­de­rung eine Rol­le. Es ist Ryan, der sehr unter den Fol­gen sei­nes Unfalls lei­det. Auch als er bereits Lauf­pro­the­sen hat, lässt ihn die­ses Gefühl nicht immer los: “Er hink­te wei­ter, doch nun deut­lich lang­sa­mer als zuvor. Und das ätzen­de Gefühl, hilf­los zu sein, stieg wie­der in ihm hoch. Ein Krüp­pel bist du, nichts als ein Krüp­pel. […] Es war sein eige­ner beschis­se­ner Kopf, der die­se Gedan­ken her­vor­brach­te. Manch­mal kam es ihm vor, als sei es schwe­rer, mit sei­nem Kopf klar­zu­kom­men, als mit Bei­nen, die unter dem Knie ende­ten.” (Zitat S.232) Zu den Hin­ter­grün­den des Unfalls erfährt man auch erst gegen Ende des Buches Genaue­res. Was mir auch sehr gut gefal­len hat an “Free­sty­ler” ist die inter­es­san­te Schil­de­rung zukünf­ti­ger Ver­än­de­run­gen im Jah­re 2030: die Men­schen benut­zen kein Smart­pho­ne mehr, son­dern einen Com­mu­ni­ca­tor oder auch Daten­bril­len, mit denen sie Erleb­tes gleich fil­men und ins Netz stel­len. Katja Brandis FreestylerDie Poli­zei kann mitt­ler­wei­le sogar vir­tu­ell auf Strei­fe gehen (wie der Vater von Jolas Freun­din). Es gibt Geh­weg­ro­bo­ter, die die Stra­ße rei­ni­gen und neben­bei auto­ma­ti­sche DNA-Pro­ben von Hun­de­kot machen und dem Besit­zer des Hun­des dann einen Straf­zet­tel schi­cken (das kam bereits in “Schat­ten des Dschun­gels” vor) Aber auch im Pri­va­ten gibt es jede Men­ge Opti­mie­run­gen: mit Nano­sil­ber über­zo­ge­ne Schreib­ti­sche; Müll­beu­tel, die mit UV-Licht des­in­fi­ziert wer­den oder Haie, die mit­tels Pro­jek­ti­on durch Jolas Zim­mer schwim­men. Den Leser erwar­tet eine fas­zi­nie­ren­de Welt, über deren Erfin­dungs­reich­tum man stau­nen kann. Das Ende ist Adre­na­lin pur!

Fazit: Alles in allem ein wirk­lich tol­ler Roman. Die­se Auto­rin ver­steht ein­fach ihr Hand­werk! Lese­tipp.

Wenn dir der Erzähl­stil von Kat­ja Bran­dis gefällt, dann lies doch noch ihren Bücher. Rich­tig klas­se fand ich vor Lesealternativenallem “Ruf der Tie­fe” und “Schat­ten des Dschun­gels”, die sie bei­de zusam­men mit dem Wis­sen­schaft­ler Hans-Peter Zie­mek geschrie­ben hat. Das The­ma Umwelt ist in die­sen bei­den Roma­nen eben­so im Vor­der­grund wie in “Vul­kan­jä­ger” (das mir eben­so gut gefal­len hat) und “Floaters”. Unab­hän­gig von Umwelt­schutz ist “Und kei­ner wird dich ken­nen”, das eine Fami­lie beschreibt, die von einem Stal­ker ver­folgt wird — unfass­bar span­nend! Um Leis­tungs­sport geht es auch in “Wie ein Flü­gel­schlag” von Jut­ta Wil­ke (schwim­men) und in der Neu­erschei­nung “Bro­ken: Der Moment, in dem du fällst” von Tab­i­tha Suzu­ma (Olym­pia & Turm­sprin­gen). Zwar kei­ne Olym­pia-Anwär­te­rin, aber auch eine lei­den­schaft­li­che Läu­fe­rin, ist die Prot­ago­nis­tin in “Gut. Bes­ser. Das Bes­te auf der Welt”. von Johan­na Lind­bäck. Unter enor­men Leis­tungs­druck steht auch die Haupt­fi­gur in “Vir­tuo­si­ty: Lie­be um jeden Preis” von Jes­si­ca Mar­ti­nez.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Beltz & Gelberg
ISBN: 978-3-407-82101-0
Erscheinungsdatum: 8.Februar 2016
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,95€
Seitenzahl: 432
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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