Kate Gordon — Wohin meine Flossen mich tragen

Kate Gordon Wohin meine Flossen mich tragen30.April 2016

Wohin mei­ne Flos­sen mich tra­gen” von der aus­tra­li­schen Auto­rin Kate Gor­don erzählt eine Geschich­te über Freund­schaft, über das Erwach­sen­wer­den, das nicht immer ein­fach ist und dem Seh­nen nach Glück. Äußerst unter­halt­sam und mit einer posi­ti­ven Bot­schaft: Schwimm gegen den Strom und sei du selbst! Ein klei­nes Gute-Lau­ne-Buch:-) Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Aus­tra­li­en. Die 15-jäh­ri­ge Cle­men­ti­ne geht in die 9.Klasse. Sie liebt es Gedich­te zu schrei­ben und möch­te am liebs­ten Schrift­stel­le­rin wer­den. “Mir gefällt es, Wort an Wort zu rei­hen und Wor­te wie Bau­stei­ne auf­ein­an­der­zu­schich­ten, wie beim Bau eines Hau­ses, sie mit Mör­tel mit­ein­an­der zu ver­bin­den, damit etwas Schö­nes ent­steht, und die dif­fu­sen Gedan­ken, die einem im Kopf her­um­spu­ken, zu etwas Soli­dem zu for­men. Um das Leben zu begrei­fen.” (Zitat aus “Wohin mei­ne Flos­sen mich tra­gen” S.11) Auch in der Schu­le darf sie viel schrei­ben, beson­ders im Phi­lo­so­phie­un­ter­richt. Ihre Leh­re­rin, Ms Hil­ler, gibt ihren Schü­lern Schreib­auf­ga­ben. Manch­mal sol­len sie ein­fach nur drauf los­schrei­ben, manch­mal gibt sie ihnen ein The­ma vor. Eine Men­ge Din­ge bewe­gen Cle­men­ti­ne, die sie in Wor­te fasst: sie erzählt von ihren zwei bes­ten Freun­din­nen Cleo und Chel­sea-Grace, die sich so ver­än­dert haben. Die cool und schlank sind und über so vie­le ober­fläch­li­che The­men reden, die Cle­men­ti­ne nicht immer inter­es­sie­ren. Und die bei­den het­zen sie alle zwei Tage über den Sport­platz, wo sie mit ihnen lau­fen soll. Denn Cle­men­ti­ne hKate Gordon Wohin meine Flossen mich tragenat Klei­der­grö­ße 42. “Sie behaup­ten zwar, sie hät­ten Lust zu jog­gen und ich sol­le ihnen nur Gesell­schaft leis­ten, aber das stimmt nicht. Sie wol­len mich “opti­mie­ren”. (Zitat S.15) Cle­men­ti­ne ärgert es, dass ihre Freun­din­nen sie nicht so mögen, wie sie ist. Doch sie traut sich nicht ihnen das zu sagen. Des­halb läuft sie immer flei­ßig mit ihnen mit, obwohl sie das Lau­fen mitt­ler­wei­le hasst. “Manch­mal habe ich das Gefühl, wir wür­den aus­ein­an­der­bre­chen, wenn ich nur einen klei­nen Feh­ler mache. […] Des­halb bin ich gezwun­gen, eini­ge Din­ge vor ihnen zu ver­heim­li­chen. Zum Bei­spiel, was mit Fer­gus ist.” (Zitat S.42) Fer­gus ist Cle­men­ti­nes gro­ßer Bru­der. Seit unge­fähr einem Jahr hat er sein Zim­mer nicht mehr ver­las­sen. Und wenn, dann nur, wenn kei­ner da ist. Er spricht nicht mehr mit ihnen und Cle­men­ti­ne hat das Gefühl, dass auch sie dar­an Schuld hat. Ihre über­all als per­fekt ange­se­he­ne Schwes­ter Sophie scheint auch irgend­wel­che erns­ten Pro­ble­me zu haben. Oder war­um wirkt sie in letz­ter Zeit immer schma­ler und schma­ler? Über all das spricht Cle­men­ti­ne jedoch mit ihren Freun­din­nen nicht. Sie ver­sucht geheim zu hal­ten, was in ihrer Fami­lie pas­siert. Jetzt wol­len Chel­sea-Grace und Cleo sie sogar mit einem Jun­gen ver­kup­peln, damit sie Grup­pen­da­tes abhal­ten kön­nen. Dabei mag Cle­men­ti­ne Fred doch eigent­lich viel mehr. Doch den neu­en Mit­schü­ler mit den schrä­gen Kla­mot­ten und der Vor­lie­be für Steam­punk wür­den ihre Freun­din­nen nie­mals akzep­tie­ren. Bis es auf­grund eines Miss­ver­ständ­nis­ses plötz­lich zu einem furcht­ba­ren Streit zwi­schen ihnen kommt und Chel­sea-Grace und Cleo nichts mehr mit Cle­men­ti­ne zu tun haben wol­len. Und das Mäd­chen eines Tages beschließt die Din­ge selbst in die Hand zu neh­men…

Kate Gordon Wohin meine Flossen mich tragenWohin mei­ne Flos­sen mich tra­gen” wird kom­plett aus Cle­men­ti­nes Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve und in Auf­sät­zen, die im Phi­lo­so­phie­un­ter­reicht von Ms Hil­ler ent­ste­hen, erzählt. Hier­bei spricht sie wäh­rend des Tex­tes die Leh­re­rin mit­un­ter direkt an:  “Was den­ken Sie dar­über, Ms Hil­ler? Wer­den Sie das hier lesen, Ms Hil­ler?” (Zitat S.59) und “Ich über­le­ge mir, ob ich mein Jour­nal die­se Woche etwas frü­her abge­be und Sie bit­te, die­sen Ein­trag zu lesen. Ich wün­sche mir so sehr, dass mir jemand zuhört.” (Zitat S.110). Und es exis­tie­ren zwei Stel­len im Roman, in denen die Ms Hil­ler ihrer erzäh­le­risch begab­ten Schü­le­rin sogar ant­wor­tet. Cle­men­ti­ne ist ein wun­der­ba­rer, sehr sym­pa­thi­scher Cha­rak­ter, sie erzählt mit einer Leich­tig­keit und manch­mal auch ein wenig Iro­nie aus ihrem Leben. Es macht Spaß ihren Gedan­ken­gän­gen zu fol­gen. Und sie ist selbst mit ihrer Figur ziem­lich zufrie­den: “Sie begrei­fen nicht, dass man­che von uns eben nie so aus­se­hen wer­den, was abso­lut okay und sogar gut ist, denn die Welt wäre doch schreck­lich lang­wei­lig, wenn wir alle wie Tay­lor Swift aus­sä­hen, oder? Mich stört es nicht, dass ich Klei­der­grö­ße 42 tra­ge. […] Für das Leben, das ich füh­ren möch­te, muss man kei­ne bestimm­te Klei­der­grö­ße haben. Schrift­stel­ler wer­den wegen ihres Intel­lekts und ihrer Wor­te bewun­dert.” (Zitat S.16) Die­ses Selbst­be­wusst­sein und posi­ti­ve Selbst­bild­nis fin­det man in Jugend­bü­chern äußerst sel­ten. Den­noch gibt es eine Sache, die Cle­men­ti­ne gar nicht gut kann: sagen, was sie wirk­lich denkt. Zu ihren Gefüh­len ste­hen und sie selbst sein, unge­ach­tet der Mei­nung ande­rer. Ein Pro­blem, das vie­le Jugend­li­che in dem Alter (und viel­leicht sogar noch die Erwach­se­nen;-)) ken­nen dürf­ten. Hier ist es ihre Leh­re­rin Ms Hil­ler, Kate Gordon Wohin meine Flossen mich tragendie ihr einen wert­vol­len Satz ver­mit­telt: Jeder Schritt, den man macht, ist der eige­ne, und die Rich­tung, in die er einen trägt, hat man selbst aus­ge­sucht. Nur tote Fische schwim­men mit dem Strom.” (Zitat S.125). Cle­men­ti­ne erkennt, dass sie selbst eben­falls mit dem Strom schwimmt. Wie sie all­mäh­lich lernt ihre eige­nen “Flos­sen” zu benut­zen und sie selbst zu sein, liest sich sehr ergrei­fend. Neben die­ser posi­ti­ven Bot­schaft und den kurz­wei­li­gen Gedich­ten, die Cle­men­ti­ne schreibt und die im Buch immer wie­der zwi­schen­durch auf­tau­chen, setzt sich Kate Gor­don auch mit einem wei­te­ren, sehr wich­ti­gen The­ma aus­ein­an­der: Freund­schaft, die sich lang­sam ver­än­dert, wäh­rend man älter wird: “Es fühlt sich nicht rich­tig an, wenn ich es sage, aber seit Cleo sich die Haa­re blond färbt und ihr die Zahn­span­ge her­aus­ge­nom­men wur­de und Chel­sea-Grace eine tol­le Figur bekam, pas­se ich irgend­wie nicht mehr zu ihnen wie frü­her. Ich weiß, dass sie sich wün­schen, ich wäre mehr wir sie, damit sie sich nicht stän­dig Sor­gen machen müss­ten, was die ande­ren über mich den­ken könn­ten.” (Zitat S.31) Wie wich­tig es ist, offen mit­ein­an­der zu reden, kris­tal­li­siert sich beson­ders am Ende von “Wohin mei­ne Flos­sen mich tra­gen” her­aus, wäh­rend sich alles all­mäh­lich auf ein schö­nes Hap­py-End zube­wegt und die Geschich­te ein­fach nur rich­tig gute Lau­ne erzeugt!

Fazit: Eine gelun­ge­ne Geschich­te mit Tief­gang. Eine Prot­ago­nis­tin, die man rasch ins Herz schließt. Ein biss­chen Son­nen­schein im Her­zen. Was will man mehr?

Die wohl bes­te Alter­na­ti­ve zu “Wohin mei­ne Flos­sen mich tra­gen” ist für mich “Das Blub­bern von Glück” von Bary Jons­berg mit einer Lesealternativeneben­so sym­pa­thi­schen Haupt­per­son, die am liebs­ten die gan­ze Welt glück­lich machen wür­de und deren Erzäh­lung auch eine Schreib­auf­ga­be der Leh­re­rin ist. Ein Roman gefäl­lig, der gute Lau­ne hin­ter­lässt? Dann lies unbe­dingt “Wun­der” von Raquel J. Pala­cio, das 2014 den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis erhielt (von den Jugend­li­chen selbst gewählt!). Ein sehr bewe­gen­des Buch über Freund­schaft, die sich ver­än­dern kann, ist “Papier­flie­ger­wor­te” von Dawn O’Porter. Oder greif zu der Neu­erschei­nung “Pondero­sa” von Micha­el Sie­ben, das das­sel­be The­ma ver­ar­bei­tet. Das Schrei­ben eines Tagebuchs/Schreibaufgaben eines Leh­rers fin­dest du eben­so in fol­gen­den Büchern: “Dein eines, wil­des, kost­ba­res Leben” von Jes­si Kir­by, “Mei­ne wah­re erfun­de­ne Welt” von Kate Vrancken (auch The­ma Depres­si­on, wie bei Cle­men­ti­nes Bru­der) und “Was uns bleibt ist jetzt” von Meg Wolit­zer.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: cbt
ISBN: 978-3-570-16398-6
Erscheinungsdatum: 21.März 2016
Einbandart: Broschur
Preis: 12,99€ 
Seitenzahl: 256 
Übersetzer: Anne Braun
Originaltitel: "Writing Clementine"
Originalverlag: Allen & Unwin

Australisches Originalcover:
Kate Gordon Wohin meine Flossen mich tragen

Kasimiras Bewertung:

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Australisches Cover: Homepage von Allen & Unwin

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