Karen Foxlee — Das nachtblaue Kleid

Karen Foxlee Das nachtblaue Kleid7. März 2016

Das nacht­blaue Kleid“ von der aus­tra­li­schen Auto­rin Karen Fox­lee besticht nicht nur durch sein bemer­kens­wer­tes Cover, son­dern auch durch die beson­de­re Spra­che, die sich wie ein „blau­er“ Faden durch den Roman zieht. Die Geschich­te über das Nähen eines außer­ge­wöhn­li­chen Klei­des, über Freund­schaft und das Ver­schwin­den eines Mäd­chens. Geheim­nis­voll, exo­tisch, anders und auf jeden Fall lesens­wert! Jetzt neu als Taschen­buch erschie­nen. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Aus­tra­li­en. Im Jah­re 1986. Ein klei­ner Ort an der Küs­te. Hier sind die 15-jäh­ri­ge Rose und ihr rast­lo­ser Vater mit ihrem Wohn­wa­gen gelan­det. Hier auf einem Cam­ping­platz geht das Leben für das trau­ri­ge Mäd­chen, das sich am liebs­ten die Fin­ger­nä­gel schwarz anmalt, wei­ter. Der Vater ist Alko­ho­li­ker,die Zei­ten, in denen er trinkt, wech­seln sich mit den nüch­ter­nen Pha­sen ab. Eine Hass­lie­be ver­bin­det ihn mit sei­ner Toch­ter. Die Mut­ter ist schon vor Jah­ren gestor­ben und im Meer ums Leben gekom­men. Dunk­le Gedan­ken schreibt Rose in ihr klei­nes Notiz­buch. Freun­de möch­te sie lie­ber kei­ne. Mensch­li­che Nähe behagt ihr nicht beson­ders. Doch dann lernt sie die quir­li­ge Pearl ken­nen, mit der sie zusam­men in die Schu­le geht. Pearl plap­pert meist ohne Ende, schreibt nur mit bun­ten Filz­stif­ten und träumt von Russ­land, in dem sie ihren leib­li­chen Vater ver­mu­tet. Aber vor allem träu­men Pearl und ihre Mit­schü­le­rin­nen von dem gro­ßen Fest zum Ende der Zucker­rohr­ern­te, bei dem sich all Mäd­chen ein Kleid kau­fen oder nähen las­sen und das Schöns­te von ihnen zur Köni­gin ernannt wird. Eigent­lich wür­de Rose bei so etwas nie­mals mit­ma­chen, doch dann lässt sie sich anste­cken von Pearls Eupho­rie. Sie wird zu der alten Edie Baker geschickt, einer Schnei­de­rin, die ihr Kleid nähen wird, sogar kos­ten­los. Nur unter der Bedin­gung, dass Rose ihr dabei hilft. Die alte Frau ist ein wenig schrul­lig, ihr Haus, das völ­lig her­un­ter­ge­kom­men ist, gleich mehr einer Mes­si-Unter­kunft. Aber Rose lässt sich auf die Zusam­men­ar­beit ein, lernt das Nähen und lauscht der Fami­li­en­ge­schich­te der alten Frau, die von ihrer Ver­gan­gen­heit erzählt. Die von der alten Hüt­te weit weg im Dschun­gel berich­tet, die Edies Vater einst für ihre Mut­ter gebaut hat. Rose fin­det die­se Hüt­te. Zusam­men mit Pearl, die heim­lich in einen älte­ren Mann ver­liebt ist. Nicht ahnend, dass sich bald ein gro­ßes Unglück abspie­len wird…

Karen Foxlee Das nachtblaue KleidDas nacht­blaue Kleid“ wird haupt­säch­lich aus Roses Per­spek­ti­ve erzählt, wech­selt jedoch (vom all­wis­sen­den Erzäh­ler) wäh­rend des Tex­tes manch­mal auch zur Sicht der ande­ren Figu­ren. Die Spra­che ist sehr kraft­voll und poe­tisch. Man­che Sät­ze möch­te man sich am liebs­ten anstrei­chen, so beson­ders sind sie. Wie zum Bei­spiel: „Rose kann das Meer hören; das plötz­li­che Ein­at­men der Wel­len, als wäre ihm plötz­lich etwas ein­ge­fal­len, etwas Furcht­ba­res, aber da es nicht zu ändern ist, atmet es wie­der aus.“ oder „Wenn sie Licht machen könn­te, wür­de sie etwas in ihr klei­nes grü­nes Notiz­buch schrei­ben, das sie in der Schub­la­de auf­be­wahrt. Die Wor­te wür­den schwer­fäl­lig sein wie Back­stei­ne, und spä­ter wür­de sie, weil sie ihr pein­lich sind, viel­leicht die Sei­te her­aus­rei­ßen.“ (Zita­te aus “Das nacht­blaue Kleid”).
Die Geschich­te streicht sanft wie ein Herbst­wind durch die Zei­len, flaut manch­mal auf, um sich dann wie­der zu legen. Die Span­nung – was wird am Ende sein? – wird jedoch bei­be­hal­ten, und das vor allem des­we­gen, weil jedes Kapi­tel durch einen in kur­si­ver Schrift gefass­ten Text ein­ge­lei­tet wird, in dem bereits davon berich­tet wird, dass eines der bei­den Mäd­chen – Rose oder Pearl? – ver­schwun­den ist. Ermitt­lun­gen eines Kom­mis­sa­ren, eben­so wie die Per­spek­ti­ve eines namen­lo­sen Mannes/Jungen kom­men noch dazu und sor­gen für eini­ge Spe­ku­la­tio­nen. Wel­ches Mäd­chen trifft das Unglück? Bei wel­chem von ihnen hat sich der Traum auf dem Ern­te­fest in einem wun­der­schö­nen Kleid zu ste­hen in einen Alp­traum ver­wan­delt?
Karen Foxlee Das nachtblaue KleidDas Motiv des Nähens ist sehr kunst­voll in den Roman mit ein­ge­ar­bei­tet, und zwar beginnt jedes Kapi­tel mit einer Stichart: „Anker­stich, Koral­len­stich, Hexen­stich, Vor­stich,…“ Roses Arbeit an dem Kleid zieht sich eben­falls durch die gesam­te Geschich­te, so wie ihr Kon­takt zu der alten Edie, der sie nach und nach ver­än­dert. So scheint sie doch etwas weni­ger trau­rig und etwas gedul­di­ger zu wer­den. Eine uner­war­te­te Bin­dung ent­steht zwi­schen den bei­den. Denn eine Gemein­sam­keit ver­bin­det sie: sie haben bei­de in jun­gen Jah­ren einen Men­schen ver­lo­ren: Rose ihre Mut­ter und Edie ihren Vater, der nach dem Krieg nie mehr der­sel­be war und die Fami­lie irgend­wann ver­ließ.
Das Ende des Romans hat mich mit ein wenig gemisch­ten Gefüh­len zurück­ge­las­sen. Gut, ja, aber eini­ge Fra­gen blie­ben für mich lei­der offen. Ein biß­chen mehr hät­te da nicht gescha­det. Trotz­dem ist das Buch ins­ge­samt gese­hen abso­lut gelun­gen und emp­feh­lens­wert. Viel­leicht ist es auch gera­de das Ende, das es beson­ders macht, weil es nicht kli­scheemä­ßig typisch ist, son­dern eben anders ist.
Inter­es­sant ist, dass der Bel­tz Ver­lag zunächst noch einen ande­ren Titel für den Roman in pet­to hat­te: “Das Mit­ter­nachts­kleid”, die direk­te Über­set­zung aus dem Eng­li­schen. Aller­dings muss ich sagen, dass “Das nacht­blaue Kleid” etwas poe­ti­scher klingt und somit sehr gut zu dem Buch passt.

Fazit: Unbe­dingt lesen!Lesealternativen

Lese­al­ter­na­ti­ven ange­sichts der schö­nen Spra­che wären die Bücher von Anto­nia Michae­lis wie zum Bei­spiel Der Mär­chen­er­zäh­ler” oder Solan­ge die Nach­ti­gall singt”. Zwei Roma­ne, in denen eben­falls eine/mehrere Geschichte/n ein­ge­floch­ten ist/sind, sind: Die Rose von Ara­bi­en” von Chris­ti­ne Leh­mann und “Dor­nen­herz” von Jut­ta Wil­ke. Eben­falls in Aus­tra­li­en spie­len Lie­der eines Som­mers” von Cath Crow­ley und Euka­lyp­tus­mond” von Chris­ti­ne Leh­mann. Das Nähen spielt eine Haupt­rol­le in “Kir­schen­küs­se” von Cori­na Bomann und in der Mode­mäd­chen”-Rei­he von Sophie Ben­nett.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Beltz & Gelberg
ISBN: 978-3-407-74702-0
Erscheinungsdatum: 7.März 2016
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 8,95€
Seitenzahl: 335
Übersetzer: Beatrice Howeg
Originaltitel: "The midnight dress"
Originalverlag: Random House

Australisches Originalcover:
Karen Foxlee Das nachtblaue Kleid








Kasimiras Bewertung:

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2. Bild v. oben: © RainerSturm  / pixelio.de
Englisches Cover: Homepage von Random House

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