Juliane Breinl — Graue Wolken im Kopf

Juliane Breinl Graue Wolken im Kopf30.Juli 2017

Die deut­sche Auto­rin Julia­ne Breinl hat mit “Graue Wol­ken im Kopf” einen Roman geschrie­ben, der — wie der Titel schon ver­lau­ten lässt — sich mit einem erns­ten The­ma beschäf­tigt: Depres­si­on bei Jugend­li­chen. Die Geschich­te eines jun­ge Mäd­chens, die unwis­sent­lich in solch eine hin­ein­rutscht, ehe sie begreift, was über­haupt mit ihr los ist. Ein auf­klä­ren­des und bewe­gend erzähl­tes Buch. Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Die 15-jäh­ri­ge Tizia­na ist hübsch, beliebt und hat neben­bei auch noch sehr gute Noten. Jetzt geht es auf den Abschluss zu und da braucht sie noch ein­mal rich­tig viel Power. Sie will Klas­sen­bes­te wer­den und anschlie­ßend gleich das Fach­ab­itur machen. Denn um an der Jour­na­lis­ten­schu­le genom­men zu wer­den, auf die sie gehen möch­te, muss man schon ein Aus­nah­me­ta­lent sein. Des­halb nimmt sie mit ihrer bes­ten Freun­din Vivi­an auch an einem Foto­pro­jekt teil, bei dem sie Obdach­lo­se inter­view­en und foto­gra­fie­ren soll. Neben­bei arbei­tet sie nicht nur für die Schü­ler­zei­tung, son­dern ist eben­falls Mit­glied in einem Vol­ley­ball­ver­ein. Frei­zeit hat sie kaum noch. Das nervt vor allem Vivi­an: Wir sehen uns seit WochenJuliane Breinl Graue Wolken im Kopfnur noch zum Arbei­ten. Foto­st­o­ry, Vol­ley­ball­spiel, Refe­rat aus­ar­bei­ten und so’n Zeug. Kön­nen wir nicht ein­fach mal wie­der mit­ein­an­der abhän­gen? Musik hören, Kla­mot­ten anpro­bie­ren und über ande­re läs­tern. Das haben wir frü­her total oft gemacht!” (Zitat S.56) Das wür­de Tizia­na ger­ne mal wie­der, aber wie soll sie das bei ihrem Arbeits­pen­sum schaf­fen? Die nächs­ten Klau­su­ren ste­hen an, für die sie ler­nen muss und jetzt hat ihr Vol­ley­ball­trai­ner ihr auch noch vor­ge­schla­gen in der Erwach­se­nen-Damen­mann­schaft mit zu trai­nie­ren. Dort wür­de drin­gend Unter­stüt­zung gebraucht wer­den. Und obwohl sie eigent­lich ableh­nen woll­te, hat der Trai­ner sie irgend­wie dazu gedrängt auf sei­nen Vor­schlag ein­zu­ge­hen. “War­um ist das alles so kom­pli­ziert?, frag­te sie sich und am liebs­ten hät­te sie Vivi­an ihr Herz aus­ge­schüt­tet, ihr erklärt, wie ver­zwickt alles war — wie ihr Trai­ner ihr kei­ne Chan­ce gelas­sen hat­te und dass sie natür­lich ger­ne mehr Frei­zeit hät­te, aber nicht wuss­te, wie sie das anstel­len soll­te. Doch sie brach­te kei­nen Ton über die Lip­pen und setz­te sich schwei­gend neben Vivi­an auf ihren Platz.” (Zitat S.61) Juliane Breinl Graue Wolken im KopfJetzt steht auch noch ihr 16.Geburtstag an und eine gro­ße Par­ty ist geplant. Tizia­na fühlt sich mehr und mehr über­for­dert: “Wie soll ich das nur alles schaf­fen?, frag­te sie sich zum wie­der­hol­ten Male, und obwohl sie wuss­te, dass es eigent­lich unge­recht war, ver­fluch­te sie Vivi­an, die ihr die­se Par­ty ein­ge­brockt hat­te.” (Zitat S.75) Dann pas­siert etwas auf der Fei­er, dass das Fass zum Über­lau­fen bringt und Tizia­na zusam­men­bre­chen lässt. Doch nie­mand merkt, was wirk­lich mit ihr los ist…

Graue Wol­ken im Kopf” ist aus zwei sich abwech­seln­den Per­spek­ti­ven und in per­so­na­ler Erzähl­wei­se geschrie­ben. Es ist nicht nur Tizia­na, die berich­tet, son­dern auch Vivi­an, die ihre Sicht der Din­ge schil­dert. Ein­ge­lei­tet wer­den die Kapi­tel mit einer in einem Regen­trop­fen umhüll­ten Kapi­tel­num­me­rie­rung und einem Zitat einer inter­view­ten Per­son. Der Anfang des Roman war für mich noch eher etwas zäh zu lesen, zieht sich sehr in die Län­ge und man­che Sze­nen (z.B. wie ande­ren Leu­ten “spon­tan” um den Hals gefal­len wird) lesen sich etwas geküns­telt. Aber dann wird man buch­stäb­lich in einen Sog hin­ein­ge­zo­gen und kann den RomanJuliane Breinl Graue Wolken im Kopf kaum aus den Hän­den legen. Tizia­nas Emp­fin­dun­gen wer­den sehr berüh­rend beschrie­ben: “Ihr gan­zer Kör­per fühl­te sich an, als hät­te jemand tage­lang dar­auf her­um­ge­tram­pelt, und in ihrem Kopf herrsch­te eine Art Betriebs­aus­fall. Sie konn­te kei­nen kla­ren Gedan­ken fas­sen und muss­te sich sogar dar­auf kon­zen­trie­ren, wie man Trep­pen stieg. Zudem war ihr andau­ernd schwin­de­lig. Dr. Gras­ser hat­te gesagt, sie hät­te einen Infekt, aber […] wie eine Erkäl­tung fühl­te sich das alles nicht an. Eher wie eine nie enden wol­len­de Kata­stro­phe!” (Zitat S.106) Gera­de ihre Sor­ge die­sem Zustand nie wie­der ent­kom­men zu kön­nen und ihre gleich­zei­ti­gen wider­sprüch­li­chen Gefüh­le — war­um sie sich denn nicht ein­fach zusam­men­rei­ßen kann — sind sehr gut getrof­fen. Selbst die ein­fachs­ten Din­ge gelin­gen dem jun­gen Mäd­chen nicht mehr. Eng­lisch­vo­ka­beln pau­ken… kei­ne Chan­ce. Sie kann sich an die Wör­ter ein­fach nicht mehr erin­nern, auch wenn sie sie zig­mal durch­geht. Dann immer die­ses lau­te Rau­schen, der Schwin­del. Und ihre Eltern, die ein­fach nicht nach­voll­zie­hen kön­nen, war­um sie “alles hin­schmeißt”, was sie sich so lan­ge erar­bei­tet hat. Die­se über­le­gen sogar, sie mit­tels der Poli­zei dazu zu zwin­gen wie­der zur Schu­le zu Juliane Breinl Graue Wolken im Kopfgehen. Sehr pas­send sind auch die bereits erwähn­ten Zita­te, die am Anfang jedes Kapi­tels erschei­nen. Zu Beginn tau­chen die­se noch mit­ten im jewei­li­gen Kapi­tel ein zwei­tes Mal auf und es wird klar, dass dies die Wor­te der Obdach­lo­sen sind, die Tizia­na und Vivi­an inter­view­en. Spä­ter erschei­nen die Zita­te zwar nicht mehr im Fließ­text selbst, es sind aber noch die glei­chen Urhe­ber und die­se schil­dern die Gefüh­le von Men­schen wäh­rend einer Depres­si­on. Was mir am Ende noch gefehlt hat, sind Adres­sen oder Anga­ben, an wen man sich als Jugend­li­cher wen­den kann, wenn man selbst in einen depres­si­ven Zustand gerät.

Fazit: Ein auf­wüh­len­des, packend erzähl­tes Buch über ein wich­ti­ges The­ma.

Ein Mäd­chen, das nicht weiß, was mit ihr los ist und dar­un­ter lei­det, fin­dest du eben­so in Wie ein Fisch im Baum” von Lyn­da Mulla­ly Hunt. Hier hat das Mäd­chen Leg­asthe­nie. Roma­ne über Depres­siLesealternativenonen gibt es im Jugend­buch eini­ge. Eine weib­li­che Haupt­fi­gur, der dies pas­siert, fin­dest du in “Schwar­ze Zeit” von Jana Frey (eben­falls sehr flüs­sig geschrie­ben), in der Taschen­buch-Neu­erschei­nung “Was uns bleibt ist jetzt” von Meg Wolit­zer und in “Mein Herz und ande­re schwar­ze Löcher” von Jas­mi­ne War­ga. Einen männ­li­chen Prot­ago­nis­ten erlebst du in “Eine echt ver­rück­te Sto­ry” von Ned Viz­z­i­ni“Allein unter Schild­krö­ten” von Marit Kald­hol (hef­tig!) und “Das hier ist kein Tage­buch” von Erna Sas­sen (zwei Mal nomi­niert für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis 2016). Sehr oft ist in Jugend­bü­cher auch die Mut­ter an Depres­sio­nen erkrankt, wie zum Bei­spiel in “Easy” von Chris­toph Wort­berg, Das Gegen­teil von fröh­lich” von Kat­rin Steh­le und “Mei­ne wah­re, erfun­de­ne Welt” von Kaat Vrancken. Wenn du — unab­hän­gig von Depres­sio­nen — ein wirk­lich bewe­gen­des Jugend­buch lesen möch­test, dann greif mal zu “Nichts wün­sche ich mir mehr” von Lena Hach. Bekann­te, deut­sche Rea­lit­yau­to­rin­nen, die über vie­le auf­rüt­teln­de The­men schrei­ben, sind vor allem Jana Frey und Bri­git­te Blo­belaber auch Man­fred Thei­sen oder Bir­git Schlie­per.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Arena
ISBN: 978-3-401-50987-7
Erscheinungsdatum: 6.Juni 2017
Einbandart: Broschur 
Preis: 9,99€ 
Seitenzahl: 224 
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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