John Green — Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken

John Green Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken17.November 2017

Schlaft gut, ihr fie­sen Gedan­ken” ist das neu­es­te Werk des ame­ri­ka­ni­schen Best­sel­ler­au­to­ren John Green, der nun fünf Jah­re nach dem Welt­erfolg “Das Schick­sal ist ein mie­ser Ver­rä­ter” end­lich wie­der etwas von sich hören lässt. In den Mit­tel­punkt stellt er ein psy­chisch kran­kes Mäd­chen und ihren tur­bu­len­ten All­tag. Eine Geschich­te über Gedan­ken­spi­ra­len, der Suche nach dem eige­nen Selbst und dem uner­war­te­ten Fin­den der Lie­be. Ein tief­sin­ni­ges, cha­rak­ter­star­kes Buch, das durch Authen­ti­zi­tät und lite­ra­ri­scher Qua­li­tät zu über­zeu­gen weiß. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

India­na­po­lis. Die 16-jäh­ri­ge Aza lei­det unter star­ken Ängs­ten und Zwän­gen. Wenn sie nur an ihren Magen­in­halt denkt, wird ihr ganz anders. Sie ekelt sich vor ihren eige­nen Ver­dau­ungs­vor­gän­gen und ver­sucht sich beim Essen lie­ber kei­ne Gedan­ken über die Pro­zes­se zu machen, die in ihrem Kör­per ablau­fen. An der Anzahl der Zel­len gemes­sen besteht der Mensch zu über 50 Pro­zent aus Bak­te­ri­en, was bedeu­tet, dass die Hälf­te der Zel­len, die zu uns gehö­ren, gar nicht unse­re sind. […] ich bil­de mir häu­fig ein, ich kann spü­ren, wie sie in und auf mir leben, sich fort­pflan­zen und ster­ben.” (Zitat S.9 aus “Schlaft gut, ihr fie­sen Gedan­ken”) Immer wie­der liest Aza fach­spe­zi­fi­sche Wiki­pe­dia-Ein­trä­ge und hat pani­sche Angst davor eineInfek­ti­on mit dem Bak­te­ri­um Clo­s­tri­di­um dif­fi­ci­le zu bekom­men, die meist töd­lich ver­läuft. Ein selt­sa­mes Mageng­rum­meln könn­te da schon den bal­di­gen Nie­der­gang bedeu­ten. Daher kann es auch mal vor­kom­men, dass sie inmit­ten einem Pau­sen­tref­fen (unter ande­rem mit ihrer bes­ten Freun­din Dai­sy) den Gesprä­chen am Tisch nicht mehr ganz fol­gen kann und sich im Netz ver­ge­wis­sern muss, ob sie Anzei­chen die­ser schlimJohn Green Schlaft gut, ihr fiesen Gedankenmen Infek­ti­on auf­weist. Außer­dem hat sie noch einen ganz ande­ren außer­ge­wöhn­li­chen Tick“Seit ich klein bin, habe ich die Ange­wohn­heit, mir den rech­ten Dau­men­na­gel in die Kup­pe des rech­ten Mit­tel­fin­gers zu boh­ren, sodass mein Fin­ger­ab­druck inzwi­schen eine Schwie­le hat. Nach all den Jah­ren lässt sich die Haut­stel­le mühe­los auf­krat­zen, wes­we­gen ich immer ein Pflas­ter dar­über kle­be, damit sich die Wun­de nicht ent­zün­det. Aber manch­mal fan­ge ich an, mir ein­zu­bil­den, dass die Wun­de viel­leicht schon ent­zün­det ist und dass ich sie unbe­dingt rei­ni­gen muss, und der ein­zi­ge Weg, die Wun­de zu rei­ni­gen, ist sie wie­der zu öff­nen, und das Blut her­aus­zu­drü­cken, falls wel­ches kommt.” (Zitat S.11) Aza ist in the­ra­peu­ti­scher Behand­lung und muss regel­mä­ßig Medi­ka­men­te neh­men. Doch irgend­wie ver­bes­sert sich ihr Zustand nicht. Dann ver­schwin­det auf ein­mal ein ver­mö­gen­der Vor­stands­vor­sit­zen­der, der wegen Kor­rup­ti­on ver­haf­tet wer­den soll und Davis, der Sohn die­ses Man­nes, taucht wie­der in Azas Leben auf. Denn Dai­sy will den zur Fahn­dung Aus­ge­schrie­be­nen unbe­dingt fin­den und die Beloh­nung von 100.000 Dol­lar kas­sie­ren und da Aza Davis frü­her ein­mal sehr gut kann­te, will ihre bes­te Freun­din, dass sie wie­der Kon­takt mit­ein­an­der auf­neh­men. Uner­war­tet kommt Aza Davis näher. Aber wenn man unter Zwän­gen und Ängs­ten lei­det, ist Ver­lie­ben nicht gera­de die ein­fachs­te Sache der Welt…

John Green Schlaft gut, ihr fiesen GedankenSchlaft gut, ihr fie­sen Gedan­ken” war­tet mit einem dies­mal nicht dun­kel­blau gestal­te­ten Cover auf — so wie die Vor­gän­ger­ti­tel, die seit dem Erfolg von “Das Schick­sal ist ein mie­ser Ver­rä­ter” neu und ein­heit­lich dun­kel­blau auf­ge­legt wur­den — son­dern mit einem hell­blau­en. Doch: für alle, die es farb­lich etwas kräf­ti­ger mögen, es gibt auf der Rück­sei­te des Schutz­um­schlags ein Wen­de­co­ver mit einem leicht lila-bläu­li­chen Hin­ter­grund (der mir per­sön­lich etwas bes­ser gefällt). Der oran­ge­far­be­ne Schnitt dazu — sehr schön gemacht. Der Roman wird durch­ge­hend aus Azas Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt und macht bereits zu Beginn klar, dass John Green eine ganz außer­ge­wöhn­li­che Figur erschaf­fen hat. Eine Prot­ago­nis­tin, die glaubt nicht “echt” zu sein und nur das Opfer ihrer Umstän­de und Gedan­ken: Ich beschlie­ße in die­sem Moment, zum Mit­tag­essen zu gehen, denkst du, wenn um 12 Uhr 37 das mono­to­ne Schril­len von oben klingt. Dabei ent­schei­det eigent­lich die Glo­cke. Du hältst dich für den Künst­ler, aber du bist die Lein­wand.” (Zitat S.7) Azas Art, sich über die­se Abhän­gig­keit von der Außen­welt, aber vor allem über ihre Zwangs­neu­ro­sen, Gedan­ken zu machen, ver­lei­hen dem RJohn Green Schlaft gut, ihr fiesen Gedankenoman eine über­ra­schend phi­lo­so­phi­sche und tief­grün­di­ge Note, denn in nur sehr weni­gen Jugend­bü­chern wer­den solch grund­le­gen­de, exis­ten­ti­el­le Fra­gen gestellt: “…gibt es über­haupt ein Selbst, unab­hän­gig von den Umstän­den? Ist da ein tie­fe­res Ich, das die ech­te wah­re Per­son ist […]?”  Denn wenn Aza plötz­lich anfängt zu schwit­zen, und dann an gar nichts ande­res mehr den­ken kann, als an das (ihr unan­ge­neh­me) Schwit­zen, und dadurch nur noch mehr schwitzt, dann ist sie nicht mehr Herr über sich selbst. “Und wenn du nicht steu­ern kannst, was du denkst oder tust, viel­leicht gibt es dich dann gar nicht wirk­lich […]? Viel­leicht bin ich bloß eine Lüge, die ich mir selbst ein­flüs­te­re.” (Zitat S.107) Dar­um kneift sie sich auch immer wie­der in ihre Fin­ger­kup­pe, um sich davon zu über­zeu­gen, dass es sie wirk­lich gibt. Denn als Kind hat ihre Mut­ter ihr ein­mal erklärt, dass sie sich ein­fach zwi­cken kön­ne, um fest­zu­stel­len, ob sie wach sei oder ob sie träu­me. Wenn sie den Schmerz spürt, dann muss es “echt” sein. Beson­ders ihre Gedan­ken­gän­ge, die sich krei­sen und wie eine Spi­ra­le immer wie­der ver­en­gen, hat John Green meis­ter­haft getrof­fen: “Ich glau­be nicht, dass du es gewech­selt hast. Ich glau­be, das ist noch das Pflas­ter von ges­tern Abend. Nein, von John Green Schlaft gut, ihr fiesen Gedankenges­tern Abend kann es nicht sein, weil ich es auf jeden Fall nach dem Mit­tag­essen gewech­selt habe. Wirk­lich? Ich glau­be schon. Du GLAUBST? Ich bin mir sicher. Aber die Wun­de nässt. Was stimm­te. Sie war noch nicht ver­heilt. Und du trägst das­sel­be Pflas­ter seit — o Gott — wahr­schein­lich über 37 Stun­den und lässt die Wun­de in die­sem war­men, feuch­ten Pflas­ter vor sich hin eitern. Ich warf einen Blick auf das Pflas­ter. Es sah neu aus. Du hast es nicht gewech­selt. Doch, ich glau­be schon. Bist du dir sicher?(Zitat S.129) Wäh­rend die Prot­ago­nis­tin zu Beginn auf­grund ihrer Ticks und Ritua­le fast ein wenig absto­ßend wirkt, wächst einem das Mäd­chen nach und nach beim Lesen wirk­lich ans Herz. Man spürt ihre Ver­zweif­lung und ihre Ableh­nung sich selbst gegen­über so deut­lich und inten­siv, dass ihr Leid wirk­lich greif­bar scheint. Den Cha­rak­ter einer Außen­sei­te­rin so glaub­wür­dig, so kom­plex und ihre Hilf­lo­sig­keit so über­deut­lich zu skiz­zie­ren, dar­in hat der Autor sich wirk­lich selbst über­trof­fen: “Ich spür­te, wie ich den Halt ver­lor, aber selbst das ist eine Meta­pher. Spür­te, wie ich fiel, auch das ist eine. Kann das Gefühl nicht beschrei­ben, kann nur sagen, ich bin nicht ich. Geschmie­det auf dem Amboss einer ande­ren See­le. Bit­te lass John Green Schlaft gut, ihr fiesen Gedankenmich hier raus. Wer immer mich erfun­den hat, lass mich hier raus. Alles, um hier raus­zu­kom­men. (Zitat S.209) Der Roman ist ergrei­fend, mit­rei­ßend, schmerz­voll und zugleich vol­ler Hoff­nung. Mit tol­len Neben­cha­rak­te­ren, einer teils anspruchs­vol­le­ren Spra­che (lan­ge, ver­schach­tel­te Sät­ze) und manch klu­gen Wor­ten, die man sich am liebs­ten unter­strei­chen möch­te: “In die Augen kann man jedem sehen. Aber jemand zu fin­den, der die­sel­be Welt sieht, ist ziem­lich sel­ten.” (Zitat S.14) und “Das wah­re Grau­en ist nicht Angst zu haben; es ist kei­ne ande­re Wahl zu haben.” (Zitat S.27) Und auch, wenn ich zu Beginn ein­zel­ne Stel­len manch­mal etwas zu aus­ge­schmückt fand (Gesprä­che über Fan­fic­tion & Star Wars), gebe ich dem Buch den­noch die vol­le Punkt­zahl, da es in sei­nem Gesamt­pa­ket ein­fach über­zeugt und defi­ni­tiv gele­sen wer­den soll­te!

Wenn dir “Schlaft gut, ihr fie­sen Gedan­ken” gefal­len hat, lies noch die ande­ren Bücher von John Green, hier chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum: “Eine wie Alas­ka” (200Lesealternativen7), “Die ers­te Lie­be (nach 19 ver­geb­li­chen Ver­su­chen)” (2008), “Tage wie die­ser” (mit Mau­re­en John­son und Lau­ren Myra­cle, 2010), “Mar­gos Spu­ren” (2010), “Will & Will” (2012) und “Das Schick­sal ist ein mie­ser Ver­rä­ter” (2012). Zwän­ge und Ängs­te, das kennt auch die Haupt­fi­gur in der Neu­erschei­nung “100 schlim­me Din­ge, die mir bestimmt pas­sie­ren” von Car­rie Mac. Eine wirk­lich gran­dio­se Novi­tät über eine Angst­stö­rung ist auch “Born Sca­red” von Kevin Brooks! Roma­ne über Zwän­ge gibt es im Jugend­buch immer mal wie­der. Einen Jun­gen mit Zwangs­stö­rung fin­dest du in “Chucks Welt” von Aaron Karo (mit viel Humor), in “Dani­el is dif­fe­rent” von Wes­ley King, in “Per­fect escape” von Jen­ni­fer Brown (berüh­rend) und in “Der unge­wöhn­li­che Held aus Zim­mer 13b” von Tere­sa Toten. Ein Mäd­chen mit Zwangs­stö­run­gen erlebst du (ver­bun­den mit einer Lie­bes­ge­schich­te) in “Wenn du dich traust” von Kira Gem­bri und in “Cryer’s Cross” von Lisa McMann (mit etwas Span­nung dabei). Eine außer­ge­wöhn­li­che Prot­ago­nis­tin, die zwar kei­ne Zwangs­stö­rung hat, aber auch eine Außen­sei­te­rin der ganz beson­de­ren Art ist, fin­dest du in “Soli­taire” von Ali­ce Ose­man.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-25903-4
Erscheinungsdatum: 10.November 2017
Einbandart: Hardcover
Preis: 20,00€ 
Seitenzahl: 288 
Übersetzer: Sophie Zeitz
Originaltitel: "Turtles all the way down" 
Originalverlag: Penguin Books

Amerikanisches Originalcover: 
John Green Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken










John Green über sein Buch (auf Englisch mit deutschem Untertitel):
 

Kasimiras Bewertung:

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Amerikanisches Cover: Homepage von Penguin

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