John Boyne — Der Junge auf dem Berg

John Boyne Der Junge auf dem Berg24.August 2017

Der Jun­ge auf dem Berg” ist der neu­es­te Roman des iri­schen Best­sel­ler­au­to­ren John Boy­ne. Genau zehn Jah­re nach sei­nem Erfolgs­ti­tel “Der Jun­ge im gestreif­ten Pyja­ma” ist die­ses Buch nun im Deut­schen erschie­nen und ver­setzt sei­ne Leser erneut in ein dunk­les Kapi­tel Zeit­ge­schich­te vor und wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs. Erzählt aus der Per­spek­ti­ve eines Wai­sen­jun­gen, der uner­war­tet in Kon­takt mit eben jener Per­son gerät, die den Namen Adolf Hit­ler trägt. Eine Geschich­te, wie nur ein John Boy­ne sie erzäh­len kann! Erschre­ckend, ergrei­fend und fas­sungs­los machend. Ein wich­ti­ges Buch, das man so schnell nicht mehr ver­ges­sen wird. Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und ins­be­son­de­re für Erwach­se­ne.

Der klei­ne Pier­rot stammt aus einer deutsch-fran­zö­si­schen Fami­lie. Sein Vater ist deut­scher Her­kunft und sei­ne Mut­ter Fran­zö­sin. Zusam­men leben sie mit einem Hund namens D’Artagnan in Paris. Doch das Leben meint es nicht gut mit dem Jun­gen: sein Vater, der im ers­ten Welt­krieg gedient und Schlim­mes erlebt hat, ver­liert all­mäh­lich den Ver­stand und ver­lässt die Fami­lie, als Pier­rot 4 Jah­re alt ist. Kurz dar­auf erfah­ren sie, dass er ist vor einen Zug gesprun­gen ist. Drei Jah­re spä­ter stirbt Pier­rots Mut­ter an Tuber­ku­lo­se. Wäh­rend er noch kur­ze Zeit bei sei­nem bes­ten Freund Anshel, einem jüdi­schen, tau­ben Jun­gen unter­kommt, wird der nun 7-jäh­ri­ge Pier­rot schließ­lich in ein Wai­sen­heim gebracht. Es ist das Jahr 1936. Doch er hat Glück: eine John Boyne Der Junge auf dem BergTan­te namens Bea­trix, die er noch nie zuvor gese­hen hat, erfährt vom Tod sei­ner Mut­ter und nimmt ihn bei sich auf. Sie lebt auf dem Ober­salz­berg in Berch­tes­ga­den mit­ten in einer impo­san­ten Berg­land­schaft: “Was er sah, ver­setz­te ihn in Erstau­nen. Er stand nicht nur auf dem Gip­fel eines Ber­ges; er stand auf einem Berg inmit­ten einer Ansamm­lung ande­rer Ber­ge mit gewal­ti­gen Gip­feln, die bis an die Wol­ken reich­ten. […] Etwas Ver­gleich­ba­res hat­te Pier­rot in sei­nem gan­zen Leben noch nicht gese­hen.” (Zitat aus “Der Jun­ge auf dem Berg” S.116ff) Sei­ne Tan­te arbei­tet dort in einem Anwe­sen als Haus­wirt­schaf­te­rin und der Herr des Hau­ses hat es erlaubt, dass Pier­rot dort eben­falls woh­nen darf. Etwas merk­wür­dig fin­det er nur, dass sei­ne Tan­te ver­langt, dass er ab sofort “Peter” genannt wer­den soll und nie­man­dem von sei­nem Freund Anshel erzäh­len darf. Aber Pier­rot macht, was Bea­trix sagt. Mit dem Haus­her­ren — der nur gele­gent­lich zu Besuch kommt und vor dem alle Bediens­te­ten mäch­tig Respekt haben — ver­steht der Jun­ge sich eigent­lich auch ganz gut: “Er erin­nert mich an Papa. Sei­ne Art, über Deutsch­land zu reden, über die Bestim­mung und die Ver­gan­gen­heit sei­nes Lan­des. Sein Stolz auf sein Volk. Genau­so hat Papa auch gere­det.” (Zitat S.172) Doch der Haus­herr ist nie­mand Gerin­ge­res als Adolf Hit­ler. Und er wird Pier­rots Leben für immer ver­än­dern…

John Boyne Der Junge auf dem BergDer Jun­ge auf dem Berg” wird in ins­ge­samt drei Tei­len und einem Epi­log erzählt. Teil 1 spielt kom­plett im Jahr 1936 und zeich­net Pier­rots Kind­heit, bis hin zum ers­ten Tref­fen mit Hit­ler. Teil 2 beschreibt die Jah­re 1937 bis 1940. Und Teil 3 die Jah­re 1941 bis 1945. Die Kapi­tel­über­schrif­ten sind hier­bei ganz klas­sisch gestal­tet: “Kapi­tel drei” und dar­un­ter eine Über­schrift, die zugleich den Inhalt tref­fend wie­der­gibt. Der Erzähl­stil ist der eines per­so­na­len Erzäh­lers, der Pier­rots Sicht­wei­se wider­gibt. Inter­es­sant ist hier­bei, dass zunächst noch der Name Pier­rot ver­wen­det wird, obwohl Pier­rot längst von allen Peter genannt wird. Irgend­wann hat er dann so die “deut­sche Iden­ti­tät” über­nom­men, dass von ihm nur noch als “Peter” erzählt wird. Dies macht die Ver­än­de­run­gen sei­ner Per­sön­lich­keit noch deut­li­cher. Und gera­de das ist wohl gleich­zei­tig das Fas­zi­nie­rends­te und das Erschre­ckends­te an John Boyles Roman: wie klar und bewe­gend er Pier­rots Ent­wick­lung und sei­ne Beein­flus­sung durch Hit­ler zeich­net. In einem Vor­wort scheibt der Autor: “Ich hof­fe, dass die­ses Buch jun­gen Lesern begreif­lich macht, wie leicht man sich selbst aus den Augen ver­lie­ren kann, wenn man in den Sog vonJohn Boyne Der Junge auf dem Berg Ereig­nis­sen gerät, deren Dimen­si­on man gar nicht durch­schaut. Genau das pas­siert Pier­rot in die­sem Buch. Er ver­liert aus den Augen, wer er ist, er ver­liert das Gefühl für Anstand und Mensch­lich­keit, ein­fach weil er so beein­druckt ist von der Auto­ri­täts­per­son Adolf Hit­ler.” Dies merkt man auch zu Beginn des Buches, als der Jun­ge von einer Hor­de Jugend­li­cher der Hit­ler­ju­gend im Zug um sein But­ter­brot erleich­tert wird. In der Uni­form wir­ken sie anders. Eben­so wie ein uni­for­mier­ter Mann am Bahn­hof, den Pier­rot ver­se­hent­lich anrem­pelt und der ihm absicht­lich auf die Hand tritt. Uni­form bedeu­tet Macht. Groß sein, wich­tig sein. Und genau das wünscht sich der Jun­ge irgend­wie auch. Andeu­tun­gen des Chauf­feurs zu die­sem The­ma inter­es­sie­ren ihn da wenig: “Du weißt, war­um Leu­te Uni­for­men tra­gen, oder, Pier­rot?”, sprach der Chauf­feur wei­ter. Der Jun­ge schüt­tel­te den Kopf. “Weil sie glau­ben, dann könn­ten sie alles machen, was sie wol­len. […] Uni­for­men erlau­ben es uns, unse­re Grau­sam­keit aus­zu­le­ben, ohne jemals Schuld zu emp­fin­den.” (Zitat S.126) Wenn­gleich der Anfang von “Der Jun­ge auf dem Berg” noch etwas schlep­pend erzählt wird, so ändert sich dies defi­ni­tiv, als Pier­rot auf den Füh­rer trifft und der Schre­cken sich lang­sam und John Boyne Der Junge auf dem Bergunauf­halt­sam sei­nen Weg bahnt. Man kann sich der Geschich­te kaum ent­zie­hen, die mit vie­len Ereig­nis­sen gespickt ist, die sich geschicht­lich gese­hen tat­säch­lich zuge­tra­gen haben. Hier­für hat John Boy­ne sehr viel recher­chiert und in jedem Kapi­tel (abge­se­hen vom fik­ti­ven Anfang) etwas vor­kom­men las­sen, das sich auf dem Berg­hof tat­säch­lich ereig­net hat. Besu­cher, die dort­hin kom­men, wie bei­spiels­wei­se der Her­zog und Her­zo­gin von Wind­sor oder der Archi­tekt eines der Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Auch wird Eva Brauns Geburts­tag gefei­ert. In jeder die­ser Pas­sa­gen habe ich mich so eng wie mög­lich an die his­to­ri­schen Fak­ten zu hal­ten ver­sucht,” schreibt John Boy­ne in dem Vor­wort, “obwohl ein fik­tio­na­ler Cha­rak­ter im Mit­tel­punkt steht.” Daher (und im All­ge­mei­nen sowie­so) ist der Roman auch ide­al für den Schul­un­ter­richt geeig­net.

Fazit: Ein unver­gess­li­ches, betrof­fen machen­des Buch, das defi­ni­tiv gele­sen wer­den soll­te!

Eben­falls lesens­wert ist natür­lich John Boy­nes bekann­tes “Der Jun­ge im gestreif­ten Pyja­ma”. Wobei die Haupt­fi­gur Bru­no eher eine pas­si­ve­re Rol­le ein­nimmt im Gegen­satz zu Pier­rot. Inter­es­san­ter­wei­se kommt Leut­nant Kot­ler, in den sich Bru­nos Schwes­terLesealternativen Gre­tel ver­liebt hat, auch in “Der Jun­ge auf dem Berg” vor, jedoch noch in jün­ge­ren Jah­ren: er ist einer der Jun­gen, denen Pier­rot im Zug begeg­net und bereits Mit­glied der Hit­ler­ju­gend. Wenn du noch ande­re Jugend­bü­cher von John Boy­ne lesen möch­test, dann greif zu (chro­no­lo­gisch nach Erschei­nen): “Der Schiffs­jun­ge: Die wah­re Geschich­te der Meu­te­rei auf der Boun­ty”, Zu schnell” ( The­ma: Schuld), “Der Jun­ge mit dem Herz aus Holz” (eine Para­bel über den Trost des Erzäh­lens), “Die unglaub­li­chen Aben­teu­er des Bar­na­by Bro­cket” (The­ma: Anders­sein), So fern wie nah” (The­ma: Ers­ter Welt­krieg). Wie Men­schen sich beein­flus­sen las­sen, das fin­dest du auch in dem Klas­si­ker “Die Wel­le” von Mor­ton Rhue. Mit Schuld aus­ein­an­der­set­zen müs­sen sich die Jugend­li­chen in “Das haben wir nicht gewollt” von Paul Zin­del (eben­falls ein ame­ri­ka­ni­scher Klas­si­ker) und “War­um wir Gün­ter umbrin­gen woll­ten” von Her­mann Schulz. Oder auf sehr hef­ti­ge Wei­se in “Dreck­stück” von Clé­men­ti­ne Beau­vais. Oder lies noch ande­re Bücher, die wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs spie­len. Die­se fin­dest du in die­sem Spe­cial.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Fischer
ISBN: 978-3-7373-4062-5
Erscheinungsdatum: 24.August 2017
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,99€ 
Seitenzahl: 304 
Übersetzer: Ilse Layer
Originaltitel: "The Boy at the Top of the Mountain"
Originalverlag: Penguin Random House 

Britisches Originalcover: 
John Boyne Der Junge auf dem Berg











John Boyne spricht über sein Buch (auf Englisch):

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Britisches Cover: Homepage von Penguin Random House

Schwarz-weiß Abbildungen: 
Oben der Berghof im Vordergrund die Haupteinfahrt: Von Bundesarchiv, Bild 183-1999-0412-502 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5348273 
Hitler im Haus Von Bundesarchiv, Bild 146-1973-034-42 / Heinrich Hoffmann / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5482732
Große Halle des Berghofs: Von Bundesarchiv, Bild 146-1991-077-31 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5483535
Adolf Hitler und Eva Braun auf dem Berghof Von Bundesarchiv, B 145 Bild-F051673-0059 / CC-BY-SA, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5457502

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