Johanna Nilsson — Hass gefällt mir

Johanna Nilsson Hass gefällt mir26.Februar 2016

Die schwe­di­sche Auto­rin Johan­na Nils­son hat mit “Hass gefällt mir” einen Roman geschrie­ben, der mit (Cyber-) Mob­bing und der damit ver­bun­de­nen Eigen­dy­na­mik von Grup­pen und Selbst­jus­tiz aus­ein­an­der­setzt. Äußerst rea­li­täts­nah und erschre­ckend. Hef­tig. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Bor­län­ge. Schwe­den. Die 15-jäh­ri­ge Jon­na fühlt sich eher als Außen­sei­te­rin, die ver­sucht nicht auf­zu­fal­len, um nicht zum “Hack­ob­jekt des Schul­jah­res” (Zitat aus “Hass gefällt mir” S.12) zu wer­den. Denn Gemobbt wer­den, das “…ist kein Ver­gnü­gen. Da muss man jeder­zeit mit Zusam­men­stö­ßen beim Hal­len­ho­ckey rech­nen oder Klo­schüs­sel­tau­fe bei gedrück­tem Spül­knopf. Oder man muss dafür ble­chen, dass man nicht ver­kloppt wird, und kann nie sicher sein, dass das Rad nicht einen Plat­ten hat.” (Zitat S.12). Vor unge­fähr vier Mona­ten hat sie jedoch die wun­der­schö­ne Glo­ria ken­nen­ge­lernt, die zwar beim Kas­ten­sprin­gen im Schul­sport eine Nie­te ist, aber genau­so ein gro­ßer Bücher­fan ist wie Jon­na. Glo­ria hat sogar einen eige­nen Blog, den jedoch nur Jon­na liest. Und sie ist ver­liebt in den coo­len Robin aus der Par­al­lel­klas­se, den Star der Schu­le. Beliebt sind die bei­den Mäd­chen nicht unbe­dingt: sie ran­gie­ren Johanna Nilsson Hass gefällt mirirgend­wo ”…in der Mit­te zwi­schen Mit­te und Null­punkt. Wer das fest­ge­legt hat, kann ich nicht sagen, es ist ein­fach so. Die Regel ist irgend­wann aus dem Nichts ent­stan­den. Und alle hal­ten sich dar­an.” (Zitat S.43) Doch dann wer­den Jon­na und Glo­ria nach dem Lucia­fest spon­tan auf eine Par­ty ein­ge­la­den. Eine Par­ty, auf der auch Robin und sei­ne Cli­que ist. Das ist für Glo­ria, die Robin unbe­dingt näher kom­men möch­te, natür­lich klas­se. Sie hat Robin bereits eine Freund­schafts­an­fra­ge über Face­book zuge­schickt. Und er hat sie ange­nom­men, nach­dem sie ihm gewis­se Fotos von sich schick­te. Fotos oben ohne. Jon­na, die dies über­haupt nicht toll von ihrer Freun­din fand, ist auch von der Par­ty nicht son­der­lich begeis­tert. Robin macht sich über einen schwu­len Leh­rer lus­tig, den Jon­na eigent­lich ganz nett fin­det. Sie möch­te gehen. “Komm, wir hau­en ab”, sage ich. “Nein”, sag­te sie. “Ich will noch blei­ben. [..] Ich will mit Robin tan­ze.” “Er grapscht.” “Das tun alle Jungs. Die sind so. Das muss man ertra­gen.” “Ich will nicht.” “Dann geh doch!” Ihre Stim­me ist hart. Ihr Blick spitz. Ich schlu­cke, schlu­cke. Schmir­gel­pa­pier­hals. Ich gehe. Lachen hin­ter mei­nem Rücken.” (Zitat S.54 ff) Jon­na ist ent­täuscht von ihrer Freun­din. Aber etwas ist auf die­sem Fest noch pas­siert. Etwas Schlim­mes. Auf ein­mal tau­chen belei­di­gen­de Kom­men­ta­re auf Glo­ri­as Blog auf. Auf ihrem Spind steht “Die Hure bläst gut”. Mit Jon­na redet Glo­ria nicht dar­über. Sie will das Gan­ze nur igno­rie­ren. Aber Glo­ria, die sich mal geritzt und die Schu­le gewech­selt hat, ist anders gewor­den: “Wir schie­len uns von der Sei­te an. Grin­sen. Und jetzt sehe ich, was anders ist. Ihre Augen. Sie sind erlo­schen.” (Zitat S.70) Und bald kur­siert nicht nur ein “Oben ohne”-Foto von Glo­ria, son­dern auch ein Sex-Video von ihr im Netz…

Johanna Nilsson Hass gefällt mirHass gefällt mir” fällt schon durch sein prä­gnan­tes Cover auf. Das Wort “Hass” erscheint wie ein Stem­pel, den man jeman­dem auf­drückt. Und das ist für den Inhalt des Buches äußerst tref­fend — vor allem, wenn man betrach­tet, dass der Roman in drei Tei­len und aus drei Sich­ten erzählt wird, die jeweils in der Ich-Per­spek­ti­ve berich­ten. Die zei­gen, wie schnell ein Stem­pel dem einen, und dann dem ande­ren auf­ge­drückt wer­den. Den größ­ten und ers­ten Teil nimmt dabei Jon­na ein, die über ihre Freund­schaft zu Glo­ria und die sich dar­auf­hin ereig­nen­den Gescheh­nis­se erzählt. Die­ser Teil wirkt zuerst etwas zäh und lang­at­mig, ehe es schließ­lich auf die Par­ty zusteu­ert. Was genau dort pas­siert ist, erfährt man erst im zwei­ten Teil, als Robins Per­spek­ti­ve beginnt: “Mir. Einen. Bla­sen. Für die­sen klei­nen Dienst habe ich ihr ver­spro­chen, die Fotos nicht in Umlauf zu brin­gen, die sie mir für die Zusa­ge mei­ner Freund­schaft auf Face­book geschickt hat. […] Ich hab am Hin­ter­kopf ihre glän­zend wei­chen Haa­re gepackt, die gei­le Hure. Ich weiß, dass es ihr gefal­len hat. Auch, Zuschau­er zu haben. Mol­le, Erik, Kar­ro und Isa­bel waren näm­lich dabei. Mol­le hat das Gan­ze mit dem Han­dy gefilmt.” (Zitat S.73) Die Spra­che ist nah an der Ziel­grup­pe, umgangs­sprach­lich und direkt. Johanna Nilsson Hass gefällt mirVor allem die Kom­men­ta­re der “Hass die Hure”-Grup­pe, die auf Face­book gegrün­det wird, um über Glo­ria zu läs­tern, sind sehr derb und hef­tig. Teil­wei­se wer­den sei­ten­lan­ge Kom­men­ta­re anein­an­der­ge­reiht. Wäh­rend Robin zu Beginn des zwei­ten Teils noch als Ober­ma­cho und Held sei­ner Freun­de dar­ge­stellt wird, ändert sich dies rela­tiv schnell. Denn sowohl Jon­na (als auch Glo­ria, wie man im drit­ten Teil erfährt) haben Rache geschwo­ren. Da wer­den anony­me Droh-SMS an ihn gesandt, ein Stein durch sein Fens­ter gewor­fen und er bei sei­nen Eltern ange­schwärzt. Und eine zwei­te “Hass die Hure 2” -Grup­pe über Robin gegrün­det, in der Gerüch­te gestreut wer­den, dass Robin schwul ist. Je mehr “Gefällt mir” eine Grup­pe erhält (die Abstim­mungs­er­geb­nis­se wer­den zwi­schen­zeit­lich ein­ge­blen­det), des­to unbe­lieb­ter die Per­son. Dies erklärt auch den Buch­ti­tel. Eine Eigen­dy­na­mik ent­steht schnell und Robin wird vom Mob­ber zum Opfer und selbst aufs Übels­te schi­ka­niert. Die­se Wen­dung lässt nach­denk­lich wer­den und die unkal­ku­lier­ba­ren Fol­gen von Selbst­jus­tiz erken­nen. Darf man Mit­leid emp­fin­den? Ist Robin selbst schuld? Hat er es ver­dient so behan­delt zu wer­den? Darf man selbst Rache üben? Oder hät­te es noch ande­re Lösun­gen gege­ben? “Hass gefällt mir” wirft vie­le Fra­gen auf. Das Buch eig­net sich somit eben­falls sehr gut für eine Buch­vor­stel­lung oder als Klas­sen­lek­tü­re. Das Ende macht deut­lich: Hass bringt einen nicht wei­ter. Es macht nichts bes­ser.

Eine schwe­di­sche Schrift­stel­le­rin, die Mob­bing auch zum The­ma macht, aber nicht ganz so hef­tig beschreibt, ist Kata­rina von Bre­dow. Ihr Roman heißt Ich will end­lich flie­gen, so ein­fach ist das”. LesealternativenSehr hef­tig hin­ge­gen schil­dert der Autor Mats Wahl sel­bi­ges The­ma auf schwe­di­schen Schul­hö­fen bis hin zu Eska­la­ti­on in “Wie ein flam­men­der Schrei”. Eine inhalt­lich sehr gute Alter­na­ti­ve zu “Hass gefällt mir” ist auch die Neu­erschei­nung “Die Welt wär bes­ser ohne dich” von Sarah Darer Litt­man (klas­se!), das eben­falls einen Wech­sel vom Opfer zum Täter erwähnt. Letz­te­res kam in Jugend­bü­chern bereits letz­tes Jahr gele­gent­lich vor: “Denk­zet­tel: Wenn dein Alb­traum wahr wird” von Daniël­le Bak­huis und “Das wirst du bereu­en” von Aman­da Maciel. Ein Roman, in dem sich die Prot­ago­nis­tin eben­so mit einem “Oben ohne”-Foto in eine Spi­ra­le von Mob­bing hin­ein­ka­ta­pul­tiert, ist “Weil es nie auf­hört” von Man­fred Thei­sen. Cyber­mob­bing und Abstim­mungs­er­geb­nis­se online fin­dest du auch in dem hoch­span­nen­den “Match­box Boy” von Ali­ce Gaba­thuler. Das The­ma Mob­bing inter­es­siert dich? Dann schau doch mal hier nach! Oder lies doch noch ande­re Buch von Johan­na Nils­son: “…und raus bist du!”, “Lügen­netz” und Ich hau erst mal ab!”

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Beltz & Gelberg
ISBN: 978-3-407-82099-0
Erscheinungsdatum: 8.Februar 2016
Einbandart: Broschur
Preis: 12,95€
Seitenzahl: 169
Übersetzer: Maike Dörries	
Originaltitel: Gilla "Hata Horan!"
Originalverlag: Pocketförlaget

Schwedisches Originalcover: 
Johanna Nilsson Hass gefällt mir









Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Schwedisches Originalcover: Homepage von Pocketförlaget

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