Jesper Wung-Sung — Weg mit Knut

Jesper Wung-Sung Weg mit Knut8.Februar 2017

Weg mit Knut!” von dem däni­schen Auto­ren Jesper Wung-Sung ist ein Roman, der sich dem The­ma Krebs auf eine ganz ande­re Art und Wei­se annä­hert. Ein Autor, der mit zahl­rei­chen Prei­sen sei­nes Lan­des aus­ge­zeich­net wur­de und des­sen Titel zu den meist­ge­le­se­nen Büchern in däni­schen Schu­len gehö­ren. Eine Geschich­te über eine Krank­heit, über einen beson­de­ren Freund/Feind und den Mut, nie­mals auf­zu­ge­ben. Anders, manch­mal ein wenig schräg, aber sehr berüh­rend. Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Eigent­lich hat Wil­liam Angst davor im Dun­keln zu schla­fen. Er hat meist ein klei­nes Licht­chen an. Aber seit Knut da ist, nicht mehr. Mit Knut ist sowie­so vie­les anders. Eines Tages ist die­ser ein­fach auf­ge­taucht, kam durch sein Fens­ter her­ein­spa­ziert und hat­te einen Zet­tel dabei, auf dem stand: Ich hei­ße Knut. Ich bin nicht wie die ande­ren. Ich suche einen Ort zum Woh­nen.” (Zitat S.11) Zuerst hass­te Wil­liam ihn: “Selbst die größ­ten Super­hel­den haben einen Erz­feind. Jetzt hat­te Wil­liam sei­nen gefun­den. Das mach­te ihn selt­sa­mer­wei­se stär­ker, und sei­ne Stim­mung bes­ser­te sich. Er hass­te Knut aus tiefs­tem Her­zen.” (Zitat S.12) Er dach­te sich alle mög­li­chen Arten aus, um Knut los­zu­wer­den und umzu­brin­gen: er erstick­te ihn mit einem Kopf­kis­sen, ertränk­te ihn in Jesper Wung-Sung Weg mit Knutder Toi­let­te, stieß ihn vor ein Auto oder über­re­de­te ihn, einen Blick in den Mixer zu wer­fen. Nichts funk­tio­nier­te. Zuletzt spiel­te er mit ihm Ver­ste­cken und bohr­te in die Sport­ta­sche, in der er sei­nen Wider­sa­cher ver­mu­te­te, lau­ter Grill­spie­ße hin­ein (lei­der befand Knut sich dann doch woan­ders). Nie­mand außer Wil­liam kann Knut sehen. Er ver­steckt sich immer schnell, wenn jemand kommt. Und er löst zwie­späl­ti­ge Gefüh­le in Wil­liam aus: “Wenn es mal ein paar Tage dau­ert, bis Knut wie­der auf­taucht, ertappt sich Wil­liam manch­mal dabei, dass er ihn ver­misst. Es ist so ver­rückt. In sei­ner Gesell­schaft ver­fliegt die Zeit viel schnel­ler. Aber zugleich hofft Wil­liam auch, dass Knut ein für alle Mal ver­schwun­den bleibt. Wie etwas, das man in die Toi­let­te gewor­fen und run­ter­spült hat.” (Zitat S.19) Aber den­noch ist Knut auch irgend­wie zu Wil­liams Freund gewor­den. Er hat die ver­rück­tes­ten Ide­en, erzählt merk­wür­di­ge Geschich­ten und ist angeb­lich über drei­tau­send Jah­re alt. Durch ihn ist er nicht so ein­sam, fühlt sich nicht so aus­ge­schlos­sen und unver­stan­den. “Es ist pein­lich, ich zu sein, denkt Wil­liam, Ich bin so lang­wei­lig. Ich kann mich glück­lich schät­zen, Knut zu haben.” (Zitat S.34) Das denkt Wil­liam, obwohl er doch eigent­lich genau weiß, wer Knut in Wirk­lich­keit ist. Denn Knut ist der Krebs, der ihn seit eini­ger Zeit befal­len hat…

Jesper Wung-Sung Weg mit KnutWeg mit Knut!” beginnt mit ein paar kla­ren Wor­ten: “Es war ein­mal ein Kind. […] Es heißt Wil­liam, und in vie­ler­lei Hin­sicht ist Wil­liam ein glück­li­cher Jun­ge. Er hat Eltern. Er wohnt in einem Haus. Er bekommt jeden Tag Essen. Doch da ist auch noch Knut.” (Zitat S.7) Die Spra­che ist schlicht und ein­fach. Der Anfang star­tet mit zwei Kapi­teln “Das Spiel” (wie Wil­liam und Knut ver­ste­cken spie­len) und “Der Gast” (wie Knut durchs Fens­ter zu ihm kam). Danach folgt der Haupt­teil, der vier Mona­te spä­ter ein­setzt. Zuerst kommt man als Leser nicht umhin zu glau­ben, dass Knut ein ganz nor­ma­ler Freund von Wil­liam sein könn­te. Doch als die­ser ihn mit Grill­spie­ßen in der Sport­ta­sche erste­chen will, merkt man schon, dass hier etwas nicht stim­men kann. Ich muss zuge­ben, dass der ers­te Teil des Buches auf mich doch sehr befremd­lich und abge­fah­ren gewirkt hat. Knut als Per­son ist mir ein­fach total unsym­pa­thisch gewe­sen. Was er für abstru­se, ver­rück­te Din­ge erzählt, wel­che Sprü­che er von sich gibt und wie er sich Wil­liam gegen­über ver­hält. Aber viel­leicht muss das auch so sein, bei jeman­dem, der den Krebs per­so­ni­fi­ziert: “Es ist nicht immer ein­fach, ich zu sein”, sagt Knut.[…] “Weil ich der bin, den man auf der Büh­ne mit fau­len Eiern bewirft. Der, den man mit der Mist­ga­bel aus dem Dorf jagt. Weil ich immer und ewig der Abschaum bin. […] Es ist tau­send­mal leich­ter, ein ver­wöhn­ter, fau­ler, blass­ge­sich­ti­ger und unwis­sen­der Ben­gel [wie du] zu sein.(Zitat S.27ff)
Wil­liams Geschich­te hin­ge­gen liest sich sehr berüh­rend; wie er schil­dert, was ihm pas­siert ist: “Wil­liams Krank­heit fing damit an, dass er sich müde fühl­te. Sehr müde. Wenn er zurück­denkt, war es so, als wäre sei­ne Schul­ta­sche immer schwe­rer gewor­den — als hät­te ihm jemand jeden Tag einen neu­en Stein dazu­ge­packt.” (Zitat S.48) Wel­che Art von Krebs Wil­liam hat, wird nie expli­zit erwähnt, aber es wird von eineJesper Wung-Sung Weg mit Knutm selt­sa­men Zie­hen in der Magen­ge­gend gespro­chen und davon, dass er immer mehr zunimmt und Hun­ger hat, als Neben­wir­kung von den Medi­ka­men­ten: “Es über­rascht ihn, wie dick die Wan­gen sind. Sei­ne Gesichts­zü­ge ver­schwim­men, weil das Gesicht so auf­ge­dun­sen und blass ist. Wäre der Kopf nicht am Hals befes­tigt, sähe er aus wie ein Bal­lon.” (Zitat S.37) Vor allem aner belas­tet es Wil­liam, dass man ihn nicht mehr nor­mal behan­delt und mit Samt­hand­schu­hen anfasst. Sein Vater schimpft nicht ein­mal mit ihm, als er ein ver­bo­te­nes Video­spiel spielt oder als er sei­ne Sport­ta­sche rui­niert hat: …Wil­liam denkt an die Zeit, als Knut sein Feind Nr.1 war. Zum Bei­spiel an den Tag, als er ver­such­te, ihn mit den Grill­spie­ßen in der schwar­zen Sport­ta­sche umzu­brin­gen. Mama und Papa haben nie ein Wort über die zer­stör­te Tasche ver­lo­ren. Sie haben ein­fach eine neue gekauft. Genau die glei­che.” (Zitat S.29) Nichts sehn­li­cher wünscht sich Wil­liam, als dass er nor­mal behan­delt wird. Wie ein ganz nor­ma­ler Jun­ge. Letzt­end­lich ist es jedoch aus­ge­rech­net Knut, der ihm Selbst­ver­trau­en schenkt, der ihn auf­for­dert Din­ge zu tun, die er selbst nie­mals getan hät­te. Irgend­wie passt es schließ­lich doch mit den bei­den und ich habe das Buch dann doch echt ger­ne gele­sen und war neu­gie­rig dar­auf, wie es aus­geht.

Fazit: Ein zunächst etwas schräg wir­ken­des Buch, dem man aber auf jeden Fall eine Chan­ce geben soll­te!

Jesper Wung-Sung hat noch ein wei­te­res Buch im Deut­schen ver­öf­fent­licht: “Opfer” über eine Schu­le, die auf­grund einer Epi­de­mie plötz­lich unter Qua­ran­tä­ne gestellt wird. Über das The­ma Krebs gibt es im Jugend­buch natür­lich vie­le Bücher: (MLesealternativenoder­ne) Klas­si­ker wie zum Bei­spiel “Bevor ich ster­be” von Jen­ny Down­ham und natür­lich “Das Schick­sal ist ein mie­ser Ver­rä­ter” von John Green, das einen wah­ren Hype in der Lite­ra­tur­bran­che aus­ge­löst hat und vie­le Krebs/-und Krank­heits­ge­schich­ten fol­gen ließ. Eines, das eben­so von einem Jun­gen erzählt wird, der Krebs hat, und das ich zuletzt sehr berüh­rend fand, ist “Die wirk­li­che Wahr­heit” von Dan Gemein­hart. Oder lies “Krebs­meis­ter­schaft für Anfän­ger” von Edward van de Ven­del, das auf der wah­ren Geschich­te eines 15-jäh­ri­gen Jun­gen beruht. Eben­falls etwas abge­fah­ren und aus der Sicht eines Jun­gen erzählt wer­den: “But­ter” von Erin Jade Lan­ge und “Der zwei­te Kopf des Richard West­la­ke” von Andy Mul­ligan. Oder greif zu “Sie­ben Minu­ten nach Mit­ter­nacht” von Siob­han Dowd und Patrick Ness, das auch auf eine gan­ze ande­re, uner­war­te­te Art erzählt wird.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-25495-4
Erscheinungsdatum: 30.Januar 2017
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,00€ 
Seitenzahl: 224 
Übersetzer: Friederike Buchinger
Originaltitel: "Ud med Knut" 
Originalverlag: Høst

Dänisches Originalcover:
Jesper Wung-Sung Weg mit Knut

Kasimiras Bewertung:

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Dänisches Cover: Homepage von Jesper Wung-Sung

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