Jenny Valentine — Durchs Feuer

Jenny Valentine Durchs Feuer19.Februar 2016

Die bri­ti­sche Auto­rin Jen­ny Valen­ti­ne hat mit “Durchs Feu­er” einen Roman geschrie­ben, der es in sich hat. Eine explo­si­ve Mischung aus lite­ra­ri­scher For­mu­lie­rungs­ge­nia­li­tät und einer Fami­lie, die nicht so ist wie gewöhn­li­che Fami­li­en. Im Mit­tel­punkt zudem eine erwa­chen­de Vater-Toch­ter-Bezie­hung, der Tod und eine Lie­bes­er­klä­rung an das Leben. Bril­lant erzählt! Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und Erwach­se­ne, die Freu­de an beson­de­rer Lite­ra­tur haben.

Die 16-jäh­ri­ge Iris ist ein Mäd­chen pyro­ma­ni­scher Natur, sie liebt das Zün­deln: “An man­chen Tagen habe ich nichts als Feu­er im Kopf. […] Mein Herz quillt über beim Anblick einer Rauch­säu­le am Him­mel. Ich ver­zeh­re mich nach dem Zün­geln der Flam­me, dem schar­fen Bren­nen in mei­ner Lun­ge wie ein Süch­ti­ger nach einem Schuss.” (Zitat S.29) Oft stellt sie sich vor, wie sämt­li­che Gegen­stän­de in ihrem Zim­mer in Flam­men auf­ge­hen. Pure Ent­span­nung für ihre Gedan­ken. Los­las­sen. Super­hel­din sein. Aber sie zün­delt auch in der Wirk­lich­keit, jen­seits aller Fan­ta­sie. An ver­las­se­nen Orten, wo sie “auf­räumt”, ohne Scha­den zu hin­ter­las­sen. Mit zwölf Jah­ren hat sie bereits damit ange­fan­gen. Jetzt muss sie aller­dings auf­pas­sen, Jenny Valentine Durchs Feuernicht von ihrer Mut­ter, die von ihrer Vor­lie­be weiß, erwischt und in ein Erzie­hungs­heim gesteckt zu wer­den. Zu ihrer Mut­ter Han­nah hat Iris ohne­hin nicht das bes­te Ver­hält­nis. Ihrer kauf­süch­ti­gen, kre­dit­kar­ten­über­zie­hen­den, über­schul­de­ten Mut­ter, die mehr an dem Inhalt ihres Klei­der­schranks inter­es­siert ist, als am Leben ihrer Toch­ter. Ihren Stief­va­ter Lowell, ein ehe­ma­li­ger Fern­seh­star, kann man ohne­hin ver­ges­sen. Nicht ver­ges­sen kann Iris jedoch ihren Über­le­bens­künst­ler und Exzen­trik­er­freund Thurs­ton, von dem sie weder die Anschrift kennt, noch ihn errei­chen kann, da er kein Han­dy besitzt. Mit ihm hat sie sich gestrit­ten, ehe ihre Mut­ter mit ihr und Lowell die Staa­ten ver­ließ, um nach Lon­don zurück­zu­ge­hen. Iris ver­misst ihn. Und Thurs­ton weiß nicht, dass sie über­stürzt abge­reist sind. Denn ihre Mut­ter hat gro­ße Plä­ne: “Dein Vater”, erklär­te sie, “war ein sehr rei­cher Mann.” “Ist”, sag­te ich. “Du hast eben noch mit ihm tele­fo­niert. Noch ist er nicht tot.” “Ja, sicher.” Sie wähl­te Lowells Num­mer, zog eine Gri­mas­se. “Ist. Aber er wird bald tot sein.” Ich lach­te. “Du siehst aus wie ein Mensch”, sag­te ich ihr, “aber im Inne­ren musst du was von einem Andro­iden haben.” (Zitat S.24) Der Vater hat ihre Mut­ter und sie sit­zen­las­sen, als Iris noch klein war. Das Mäd­chen hat kei­ner­lei Erin­ne­run­gen mehr an ihn. Eigent­lich will sie ihn auch gar nicht sehen. Aber Han­nah hat end­lich eine Mög­lich­keit ent­deckt ihre rie­si­gen Schul­den zu beglei­chen und für den Rest ihre Lebens aus­zu­sor­gen: Jenny Valentine Durchs Feuer“Hol aus Ernest Toby Jones raus, was du krie­gen kannst”, sag­te sie. “Das ist mein Rat für dich, kos­ten­los.” In der Welt mei­ner Mut­ter ist nichts kos­ten­los. Sie hat noch nie etwas gege­ben, ohne irgend­wen irgend­wo dafür zah­len zu las­sen. Ich kann­te sie gut genug, um zu wis­sen, dass wir hier nicht einem Boot saßen, nicht eine Sekun­de. (Zitat S.24) Denn Ernest ist ein ver­mö­gen­der Kunst­händ­ler. Mit einem Haus voll unschätz­bar wert­vol­len Gemäl­den. “Han­nah hat­te die Augen von Glücks­spiel­au­to­ma­ten, beson­ders jetzt, da sie wuss­te, dass Ernest im Ster­ben lag. Sie woll­te unbe­dingt zu ihm und abräu­men.” (Zitat S.46) Iris ist von all­dem nicht beson­ders begeis­tert. Doch dann kommt sie Ernest unge­wollt näher und ent­deckt, dass auch er eine inter­es­san­te Geschich­te über sei­ne Ver­gan­gen­heit zu erzäh­len hat…

In “Durchs Feu­er” erzählt Iris ihre Geschich­te in der Ich-Per­spek­ti­ve. Inter­es­sant hier­bei ist vor allem der Wech­sel der Zeit­ebe­nen wäh­rend des Erzäh­lens: “Spä­ter sag­te Ernest, sei­ne Keh­le hät­te sich ange­fühlt wie ein Häcks­ler. Lan­ge Äste von Gedan­ken sei­en durch ihn hin­durch­ge­gan­gen und als blo­ßes Säge­mehl wie­der her­aus­ge­kom­men. Da war ich, und sei­ne ver­fluch­te Stim­me ver­sag­te ihm ein­fach den Dienst. Er habe gelä­chelt, denn mehr habe er nicht tun kön­nen, und es gebe ohne­hin kein Wort auf er Welt, das ihm gut genug gewe­sen sei.” (Zitat S.59) Indem Iris aktu­el­le Gescheh­nis­se kom­men­tiert und bereits spä­ter sich ereig­nen­de Din­ge vor­greift, erschließt Jenny Valentine Durchs Feuersich für den Leser ein viel kom­ple­xe­res Bild man­cher Situa­ti­on, was einen gewis­sen Reiz beim Lesen aus­macht. Was in Jen­ny Valen­ti­nes Roman jedoch beson­ders posi­tiv auf­fällt, ist ihre Spra­che. Es ist unglaub­lich, was für Bil­der sie beim Schrei­ben erzeugt, wel­che Ver­glei­che sie ver­wen­det, um Situa­tio­nen ein­dring­li­cher und wirk­li­cher zu beschrei­ben: “Nach die­sem Tele­fo­nat hat­te mei­ne Mut­ter eine ganz ande­re Art, sich zu bewe­gen, leicht­fü­ßi­ger, als ob sie gera­de ein Fass vol­ler Hoff­nung ange­sto­chen hät­te.” (Zitat S.23) und “Ernest lag gestran­det auf sei­ner wei­ßen Insel aus Kis­sen, und Han­nah und Lowell schwam­men um ihn her­um und zogen immer enge­re Krei­se wie Haie, wäh­rend er sich an mich klam­mer­te, als ob ich die­je­ni­ge wäre, die ihm hel­fen könn­te.” (Zitat S.60) und “Was Ernest wirk­lich dach­te, muss­te er alles zer­drückt und gefal­tet haben wie ein Auto in einer Schrott­pres­se und in den raschen Blick gestopft haben, den er ihr ver­setz­te, viel­sa­gend wie eine Biblio­thek, die auf einer Nadel­spit­ze unter­ge­bracht war. (Zitat S.63) Regel­mä­ßig stol­pert man über die­se beson­de­ren Meta­phern und muss erst ein­mal inne­hal­ten, um deren Außer­ge­wöhn­lich­keit auf sich wir­ken zu las­sen. Ich per­sön­lich habe beim Lesen wirk­lich gedacht, scha­de, dass ich von die­ser Auto­rin schon län­ger nichts mehr gele­sen habe. Es lohnt sich! Zudem liegt ein Hauch von Iro­nie über der gesam­ten Geschich­te, wie ein Pri­se frisch gefal­le­ner Schnee, und man kann sich eines Schmun­zelns manch­mal ein­fach nicht erweh­ren. Bei­spiels­wei­se will Ernest mit allen ansto­ßen und lässt von sei­ner Haus­häl­te­rin Jane eine Fla­sche edlen Cham­pa­gner brin­gen: “Jane kam aus dem Haus, gefolgt von Han­nah und Lowell, die der Fla­sche hin­ter­her­zo­ckel­ten wie Eisen­spä­ne einem Magne­ten.” (Zitat S.72) Die Sät­ze sind meist län­ger, ver­schach­telt, aber nie­mals so kom­plex, dass man ihnen nicht ein­fach fol­gen könn­te. Die Cha­rak­te­re sind sehr fas­zi­nie­rend gezeich­net. Tief­grün­dig. Abseits des Main­streams (vor allem Thurs­ton). Anders. Aber Jenny Valentine Durchs Feuervor allem äußerst greif­bar: “Mein Stief­va­ter, Lowell Bax­ter, altern­der Pin-up-Boy, ehe­ma­li­ger Fern­seh­star und jetzt hoff­nungs­lo­ser Fall, stand schwan­kend da, ver­stört und mit lee­ren Blick, ein Mann, der nach einem lan­gem Schlaf am fal­schen Ort auf­ge­wacht war. Han­nah, mei­ne Mut­ter, in ihrem kre­dit­be­feu­er­tem Fum­mel, knick­te im nas­sen Gras zusam­men wie ein neu­ge­bo­re­nes Foh­len, wäh­rend ihr pracht­vol­les Gesicht lang­sam ein­sank. (Zitat S.11) Ich wür­de jetzt nicht sagen, dass “Durchs Feu­er” eine rie­si­ge Por­ti­on Span­nung ent­hält, es ist eher die Erzähl­art, die den Leser für sich ver­ein­nahmt. Auch die Bot­schaft des Buches hat mir gut gefal­len. Denn es gibt eine beson­de­re Par­al­le­le zwi­schen Ernest und Iris: Ernest hat­te eine Schwes­ter, namens Mar­got, die früh schon ihren eige­nen Weg gegan­gen ist und ihren Bru­der immer wie­der dazu ani­miert hat aus­zu­bre­chen, das Leben zu genie­ßen, sich nicht dar­um zu sche­ren, was die ande­ren von ihm erwar­ten. Gera­de die­ser Auf­ruf zur Indi­vi­dua­li­tät und die Kunst den Moment mit vol­len Zügen aus­zu­schöp­fen und auch mal ein Risi­ko ein­zu­ge­hen, die­se Eigen­schaf­ten ver­ei­nen Thurs­ton und Mar­got. Und tref­fen somit auch auf Ernest und Iris. Ernest, der in den vor­ge­fer­tig­ten Bah­nen ste­cken geblie­ben zu sein scheint. Iris, die viel­leicht noch etwas dar­an ändern kann… Das Ende haut einen erst ein­mal um!

Fazit: Ein groß­ar­ti­ger Roman!!

Wenn dir Jen­ny Valen­ti­nes Erzähl­stil gefällt, dann lies noch ihre Lesealternativenande­ren Jugend­bü­cher: “Wer ist Vio­let Park?”, “Kaput­te Sup­pe”, “Die Amei­sen­ko­lo­nie” oder “Das zwei­te Leben des Cas­siel Road­night” (hat mir auch sehr gut gefal­len!). Roma­ne über Pyra­ma­nie (zwang­haf­tes Feu­er­le­gen) gibt es im Jugend­buch kaum. Mir fällt hier­zu nur Brenn­wei­te: Spiel mit dem Feu­er” von Harald Rosen­løw Eeg ein und even­tu­ell noch “Das wirst du nie mehr los” von Gail Giles und “Pan­ther” von Carl Hiaa­sen, in dem eben­falls ein Jun­ge vor­kommt, der ger­ne zün­delt. Das The­ma “Feu­er” an sich, spielt in die­sen zwei Roma­nen eine gro­ße Rol­le: “Solan­ge wir lügen” von E.Lockhart und “Schö­ne Mäd­chen bren­nen nicht” von Lynn Wein­gar­ten. Wenn du eine berüh­ren­de Vater-Toch­ter-Geschich­te lesen möch­test, in der der Vater eben­falls im Ster­ben liegt, dann greif zu dem roman­ti­schen “Mit dir an mei­ner Sei­te” von Nicho­las Sparks.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: dtv
ISBN: 978-3-423-65020-5
Erscheinungsdatum: 19.Februar 2016
Einbandart: Broschur
Preis: 14,95€
Seitenzahl: 220
Übersetzer: Klaus Fritz
Originaltitel: "Fire Colour One"
Originalverlag: Harper Collins

Britisches Originalcover: 
Jenny Valentine Durchs Feuer










Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Britisches Cover: Homepage von Harper Collins

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