Jan De Leeuw — Eisvogelsommer

Jan De Leeuw - Eisvogelsommer17.März 2016

Eis­vo­gel­som­mer” von dem bel­gi­schen Auto­ren Jan De Lee­uw ist ein Roman über Ver­lust, den Schmerz der Trau­er und des Los­las­sens. In einer poe­ti­schen, meis­ter­haf­ten Spra­che und aus einer ganz beson­de­ren Per­spek­ti­ve erzählt. Für Leser anspruchs­vol­ler, außer­ge­wöhn­li­cher Geschich­ten. Ab 14 Jah­ren und vor allem für Erwach­se­ne.

Nie­der­lan­de. Der 15-jäh­ri­ge Tho­mas ist bei einem Unfall ums Leben gekom­men. Zurück­ge­las­sen hat er sei­nen altern­den, lang­sam dement wer­den­den Groß­va­ter, den gro­ßen Geschich­ten­er­zäh­ler: “Der Mann ist talen­tiert, das lässt sich nicht leug­nen. Die Art, wie jemand dir die Hand gibt oder bloß sei­nen Hut trägt, genügt ihm, um dir das gan­ze Leben die­ses Men­schen zu erzäh­len. Gib ihm ein Sand­korn und er erfin­det ein Schloss, zeig ihm eine Wim­per und er erzählt dir eine Fami­li­en­sa­ga.” (Zitat aus “Eis­vo­gel­som­mer” S.48) Zurück­ge­las­sen hat er auch sei­ne Eltern. Sei­nen Vater, den gro­ßen Schwei­ger, der mit der Trau­er um ihn bes­ser zurecht­zu­kom­men scheint als sei­ne Mut­ter. Sie möch­te sich auf ein­mal schei­den las­sen, sieht kei­nen Sinn mehr in ihrem Leben und ver­sinkt in der Bedeu­tungs­lo­sig­keit. Ihr ein­zi­ger Mit­tel­punkt ist ihr ver­stor­be­ner Sohn, des­sen Zim­mer sie Jan De Leeuw - Eisvogelsommerbewacht und für den sie stets einen wei­te­ren Tel­ler auf­tischt und befüllt. “Wenn ich Tho­mas los­las­se, dann…[…] fal­le ich, dann ver­schwin­de ich in einem dicken, schwar­zen Meer. Tau­sen­de Meter und tie­fer fal­le ich und der Druck nimmt zu, ich bekom­me kei­ne Luft mehr. Öff­ne ich den Mund, dann schwappt mir dickes, schwar­zes Was­ser in den Hals, ich ersti­cke, ich wer­de zer­schmet­tert. Er ist mein Atem. Ohne ihn ster­be ich. (Zitat S.50) Und zurück­ge­las­sen hat er Orphee, sei­ne Freun­din, die eben­so von den Erin­ne­run­gen an ihre gemein­sa­me Zeit über­wäl­tigt wird. Sie ver­brennt die Fotos von ihnen, die CDs, die er ihr geschenkt hat. “Ich habe sie hun­dert­mal gese­hen, wenn sie sich eine Ziga­ret­te anzün­de­te. Mei­ne coo­le Orphee. Mei­ne rebel­li­sche Liebs­te, mei­ne Rau­che­rin. Sie wuss­te, wie ich die­ses Rau­chen hass­te. “Ich bin nicht dein Eigen­tum”, sag­te sie und blies mir mit jedem Zug ihren Eigen­sinn ins Gesicht.” (Zitat S.8) Doch selbst die­ser Eigen­sinn und ihre Zer­stö­rungs­wut hel­fen ihr nicht wirk­lich wei­ter. Sie kann nicht essen. Sie kann nicht schla­fen. Sie kann ihn nicht ver­ges­sen. Doch Tho­mas, der all die­se Men­schen aus dem Off beob­ach­tet und ihren All­tag ver­folgt, lei­det eben­falls: “Denn ich kann nir­gend­wo auf­tau­chen, ohne ein Mes­ser ins Herz der­je­ni­gen zu ram­men, die ich mag, und ich bin es so leid, bin es müde, will, dass es auf­hört, will, dass man mich gehen lässt.” (Zitat S.30) Wann wird man ihn los­las­sen? Wie viel Schmerz muss ver­ge­hen, damit eben jener weni­ger wird?

Jan De Leeuw - EisvogelsommerEis­vo­gel­som­mer” ist aus einer ganz spe­zi­el­len Erzähl­per­spek­ti­ve geschrie­ben. Es ist Tho­mas’ Sicht, die den gan­zen Raum in dem Roman ein­nimmt, so wie sein Ver­schwin­den aus dem Leben der ande­ren. Er schaut ihnen über die Schul­ter, liest in ihren Gedan­ken und unter­hält sich mit ihnen, ohne dass sie wis­sen oder nur erah­nen, dass er da ist. Ich möch­te nicht behaup­ten, dass das Buch mit gro­ßer Span­nung glänzt — zwar schwebt über allem die gro­ße Fra­ge nach den Hin­ter­grün­den des Unfalls — aber es ist mehr eine ruhi­ge­re, bedäch­tig erzähl­te Geschich­te, die sei­ne Leser vor allem durch die bril­lan­te Spra­che begeis­tern wird. Jan Van Lee­uw erschafft gran­dio­se Bil­der beim Erzäh­len: “Mein Groß­va­ter ist eine Spin­ne. Er lebt in einem unsicht­ba­ren Netz aus Wor­ten. Er war­tet. Wer so dumm ist, mal eben bei ihm vor­bei­zu­schau­en, ist ver­lo­ren. Wenn er merkt, dass sich die Beu­te acht­los an den Küchen­tisch gesetzt hat, lässt er sei­ne Wor­te los. Sie […] wickeln einen ein, sodass man wie gelähmt an sei­nen Lip­pen klebt, bis er das letz­te Biss­chen Auf­merk­sam­keit aus einem her­aus­ge­sagt hat.” (Zitat S.28) Der Roman ist ein Sprach­kunst­werk, vol­ler Poe­tik und Aus­drucks­stär­ke. “Das Getrei­de ist gera­de gesät. Wo die Räder der Maschi­nen Fur­chen im Schlamm gezo­gen haben, zit­tern graue Wol­ken­pfüt­zen. […] Zwi­schen den kah­len Fel­dern ver­läuft die Stra­ße, mehr Schlag­loch als Asphalt und über­sät mit Klein­tier­lei­chen. Die Auto­fah­rer kön­nen nichts dafür. Plötz­li­che Kur­ven neh­men ihnen die Sicht, und wenn Igel und Wie­sel sich mit Todes­ver­ach­tung unter ihre Räder stür­zen, dann ist jedes Brem­sen ver­geb­lich.” (Zitat S.10) Jan De Leeuw - EisvogelsommerVor allem Natur­be­schrei­bun­gen, in denen Ele­men­te der Natur per­so­ni­fi­ziert wer­den, las­sen deren Bedeu­tung noch greif­ba­rer wer­den: “In die­sem Wald gibt es eine Lich­tung, wo eine Bir­ke, des Baumseins müde, ein­ge­knickt und so zur natür­li­chen Bank zwi­schen den Nes­seln gewor­den ist.” (S.7) oder “Es war unver­schämt früh, noch kaum hell, am Hori­zont zögernd das ers­te Rosa. Die Erde war eine müde Schlä­fe­rin, zog ein Augen­lied hoch und ein Halb­kreis aus Licht glitt durchs Dun­kel.” (Zitat S.93) Gleich­zei­tig ist “Eis­vo­gel­som­mer” aber auch ein Geschich­ten­ro­man. Denn neben der Erzäh­lung von Orphees und Tho­mas’ Lie­be — wie sie zusam­men­ge­kom­men sind, was sie gemein­sam erlebt haben — wer­den auch die Geschich­ten des Groß­va­ters in das Buch mit ein­ge­floch­ten. Die Geschich­te von Phi­lo­me­na, einem Mäd­chen aus dem Dorf, die eines Tages schrei­end aus dem Wald gerannt kam und seit­dem ver­stumm­te und nur noch durch die Bil­der sprach, die sie in ihre Tep­pi­che hin­ein­web­te. Und die Geschich­te vom Eis­vo­gel, der zugleich titel­ge­bend ist und das Sym­bol für den her­an­na­hen­den Tod. Tho­mas’ Groß­va­ter war zehn Jah­re alt, als damals der gro­ße Schnee­sturm über sein Dorf kam. Als er allei­ne Zuhau­se war und selbst die Tie­re aus dem Stall zu ihm in die war­me Küche kamen. Er erin­ner­te sich an sei­nen Vater, der ihm selbst die Geschich­te vom Eis­vo­gel erzähl­te, “…einem rie­si­gen Vogel, grö­ßer als ein Dorf, der im grim­mi­gen Nor­den leb­te, sich aber manch­mal in die bewohn­te Welt auf­mach­te. Nicht Hun­ger oder Neu­gier­de lock­ten ihn, son­dern der Ruf eines Men­schen, ein kal­tes Lied mit Wor­ten aus Eis, das Unheil über einen gan­zen Land­strich her­ab­ru­fen konn­te. Nur ver­zwei­fel­te Men­schen, so erzähl­te mein Vater, wag­ten es, den Eis­vo­gel anzu­lo­cken, denn sie wuss­ten, auch sie wür­den zur Beu­te des mons­trö­sen Vogels wer­den. […] Die Käl­te wur­de ihnen Jan De Leeuw - Eisvogelsommerzu viel, sie erfro­ren an Ort und Stel­le und er pack­te sie mit sei­nem Schna­bel, zer­malm­te sie, genoss das Kna­cken der eisi­gen Kno­chen.” (Zitat S.79ff) Der Groß­va­ter über­leb­te damals, aber sei­nen Vater fand er erfro­ren in einer Bar. In der Hand hielt er eine Zei­tungs­ar­ti­kel über einen Groß­brand bei einem Fest. Einem Fest, bei dem sei­ne Frau kur­ze Zeit zuvor in Flam­men auf­ge­gan­gen war. Auch das Herz des Groß­va­ters beleg­te sich damals mit einer dün­nen Schicht Eis. Das Dorf kam davon, es tau­te auf. Aber das Eis auf sei­nem Her­zen ver­schwand nie ganz und heu­te hat er nun den Ein­druck, dass es immer mehr wird und der Eis­vo­gel auch ihn bald holen wird, sein Tod bald naht. Das Cover wirkt mini­ma­lis­tisch und kommt mit gan­zen drei Far­ben aus. Es wirkt freund­lich und bedroh­lich zugleich. Aber auf jeden Fall irgend­wie anders und fas­zi­nie­rend. Für ein Jugend­buch die­ses Umfangs ist es jedoch mit 16,95€ rela­tiv teu­er. Das soll­te den Leser aller­dings in die­sem Fall kei­nes­falls vom Zugrei­fen abhal­ten;-)

Die wohl Lesealternativenbes­te Alter­na­ti­ve hin­sicht­lich der Erzähl­per­spek­ti­ve ist “In mei­nem Him­mel” von Ali­ce Sebold (ab 1516), wel­ches ein Mäd­chen in den Mit­tel­punkt setzt, das vom Him­mel aus die Gescheh­nis­se nach ihrem Tod beob­ach­tet. Sprach­lich gese­hen zeich­net auch die Auto­rin Jen­ny Valen­ti­ne in ihrer Neu­heit “Durchs Feu­er” fan­tas­ti­sche Bil­der. Das The­ma Trau­er­ver­ar­bei­tung fin­dest du auf sehr sen­si­ble Wei­se in den Roma­nen “Wie viel Leben passt in eine Tüte?” von Don­na Frei­tas und in “Nichts als Lie­be” von Beth Kephart. Ein Titel eher für Jungs, eben­so im Gers­ten­berg Ver­lag die­ses Jahr erschie­nen, das auch einen Ver­lust the­ma­ti­siert, ist das gelun­ge­ne “French Sum­mer: A fuck­ing gre­at road trip” von Mari­an De SmetDie Auto­rin stammt eben­so aus Bel­gi­en. Oder lies noch zwei ande­re Bücher von Jan De Lee­uw: “Schrö­din­ger, Dr. Lin­da und die Lei­che im Kühl­haus” und “Roter Schnee auf Thor­stein­hal­la”.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Gerstenberg
ISBN: 978-3-8369-5841-7
Erscheinungsdatum: 25.Januar 2016
Einbandart: Hardcover
Preis: 16.95€
Seitenzahl: 256
Übersetzer: Rolf Erdorf
Originaltitel: "Vijftien wilde zomers"
Originalverlag: Davidsfonds

Belgisches Originalcover:
Jan De Leeuw - Eisvogelsommer









Kasimiras Bewertung:

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Belgisches Cover: Homepage von Jan De Leeuw

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