Hilde Kvalvaag — Das ist der Sommer im Paradies, wie er eben aussieht, wenn man die Sonnenbrille absetzt

Hilde Kvalvaag - Das ist der Sommer im Paradies, wie er eben aussieht, wenn man die Sonnenbrille absetzt18. Febru­ar 2015

Einen Roman mit einem außer­ge­wöhn­lich lan­gen Titel hat die nor­we­gi­sche Auto­rin Hil­de Kval­va­ag geschrie­ben: “Das ist der Som­mer im Para­dies, wie er eben aus­sieht, wenn man die Son­nen­bril­le absetzt”. Eine Geschich­te über Ent­täu­schun­gen, das Seh­nen nach Lie­be und das Erwach­sen­wer­den. Inten­siv, bewe­gend und authen­tisch. Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren.

Ein gan­zer Som­mer liegt vor der jun­gen Johan­ne. Zwei gan­ze Mona­te bei ihren Groß­el­tern auf dem Land. Ihre Schwes­ter Kat­rin wird noch nach­kom­men: “Den gan­zen Win­ter hocken wir in der Stadt und freu­en uns auf den Som­mer, freu­en uns auf unse­re Bet­ten an den gegen­über­lie­gen­den Wän­den. Dann lie­gen wir da wie zwei Prin­zes­sin­nen auf der Erb­se und fut­tern Chips und Scho­ko­la­de aus dem Laden.” (Zitat aus “Das ist der Som­mer im Para­dies, wie er eben aus­sieht, wenn man die Son­nen­bril­le absetzt” S.11). Eine ver­hei­ßungs­vol­le Zeit scheint anzu­bre­chen. Zumal Johan­ne sich ver­liebt hat. In Are: “Den gan­zen letz­ten Som­mer und Win­ter ist er mir im Kopf her­um­ge­geis­tert. Er ist dort ein­ge­zo­gen, ohne mich zu fra­gen, hat sich ein­fach ein­ge­nis­tet und ich hab ihn nicht mehr da raus­ge­kriegt. Er hat so viel Platz ein­ge­nom­men, dass ich kaum noch
an was ande­res den­ken konn­te.” (S.21)
Hilde Kvalvaag - Das ist der Sommer im Paradies, wie er eben aussieht, wenn man die Sonnenbrille absetztDoch selt­sa­mer­wei­se scheint ihr Traum­prinz, auf den sie wäh­rend ihres Feri­en­jobs in einem klei­nen Laden sehn­süch­tig war­tet, eher an ihrer Schwes­ter inter­es­siert zu sein. Als Are Johan­ne end­lich begeg­net, ist es Kat­rin, nach der er fragt. Das tut weh. Noch mehr schmerzt aller­dings, dass Are eine Affä­re mit der wesent­lich älte­ren Bea­te zu haben scheint. Bea­te ist wie eine alte Freun­din für Johan­ne und ihre Schwes­ter, und mit ihnen ver­wandt. Und dann kommt Kat­rin auch gar nicht! Sie hat einen Job in der Stadt gefun­den. Alles ist anders ohne sie. “Viel­leicht lass ich mich mal bli­cken, wir wer­den sehen…” Kat­rins Stim­me sackt tie­fer und tie­fer in mei­ne Ein­ge­wei­de, brennt wie viel zu hei­ße Sup­pe.” (S.25) Jetzt muss Johan­ne selbst jemand sein. Eige­ne Ent­schei­dun­gen tref­fen. Sie lässt sich mit Mat­ti­as ein, Ares jün­ge­rem Bru­der, der sie mehr zu mögen scheint, als sie ihn. Der ist anders als Are. Nicht so cool und beliebt. Mag sie ihn wirk­lich oder ist er nur ein Ersatz? Aber plötz­lich ist Mat­ti­as ver­schwun­den…

Das ist der Som­mer im Para­dies, wie er eben aus­sieht, wenn man die Son­nen­bril­le absetzt” fällt gleich schon durch sein beson­de­res Cover auf, das eher aus­sieht, als wäre es mit Filz­stift nach­träg­lich auf­ge­malt wor­den. Es ist anders, so wie das Buch selbst. Kein Mains­traim, son­dern eine beson­de­re Geschich­te.

Ich füh­le mich wie am Anfang eines Films. Du weißt, dass etwas pas­sie­ren wird, aber nicht was und wann. Wenn ich die Augen schlie­ße, sehe ich hel­le Näch­te und Jungs mit braun gebrann­ten Armen. Autos und Motor­rä­der in der Dun­kel­heit. Frisch gemäh­tes Gras. Glän­zen­de Pfer­de auf der Kop­pel.” (S.7).

Hilde Kvalvaag - Das ist der Sommer im Paradies, wie er eben aussieht, wenn man die Sonnenbrille absetztDer Roman wird durch­ge­hend aus Johan­nes Sicht und in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Kris­tall­klar schil­dert Hil­de Kval­va­ag die Gefüh­le ihrer Prot­ago­nis­tin: “Ich schwei­geMei­ne Gedan­ken haben sich in Luft auf­ge­löst, mein Gehirn ist eine aus­ge­trock­ne­te Pfüt­ze…[…]… “Ziem­lich süß, dei­ne Schwes­ter”, sagt er mehr zu sich selbst, und es fühlt sich an, als hät­te er Eis­wür­fel hin­ten in mein Kleid gesteckt.” (S.22). Johan­nes Suche nach Lie­be und Gebor­gen­heit, nach Aner­ken­nung und Bestä­ti­gung lesen sich berüh­rend und beklem­mend zugleich. Man spürt die Trau­rig­keit, die Eifer­sucht, die Ver­än­de­run­gen, die sie durch­lebt und ahnt bereits, dass sie sich ver­ab­schie­den muss vom Kind­sein, von nai­ven Vor­stel­lun­gen und Wün­schen, dass sie erwach­sen wer­den muss. Und bei Hil­de Kval­va­ag endet dies meist in etwas Außer­ge­wöhn­li­chem, das die Haupt­fi­gur für immer ver­än­dern wird.

LesealternativenWenn dir die­ses Buch gefal­len hat, kannst du noch das zwei­te Jugend­buch von Hil­de Kval­va­ag lesen: “Pri­son Island”. Eben­falls sehr berüh­rend! Von der Stim­mung her, hat mich Das ist der Som­mer im Para­dies, wie er eben aus­sieht, wenn man die Son­ne­bril­le absetzt” auch ein wenig an “Und plötz­lich war der Wald so still” von Moa Eriks­son Sand­berg erin­nert. Sehr sen­si­bel mit dem Erwach­sen­wer­den gehen auch fol­gen­de zwei Auto­rin­nen um: Johan­na Lind­bäck (“Gut. Bes­ser. Das Bes­te auf der Welt”) und Kata­ri­na von Bre­dow (“Ich will end­lich flie­gen, so ein­fach ist das”). Einen Som­mer auf dem Land, der alles ver­än­dert, erlebt auch die Haupt­per­son in “Lie­der eines Som­mers” von Cath Crow­ley. Bücher mit lan­gen Titeln gibt es übri­gens immer mal wie­der, zum Bei­spiel: “Wenn du stirbst, zieht dein gan­zes Leben an dir vor­bei, sagen sie” von Lau­ren Oli­ver oder “Das also ist mein Leben. Und ich will, dass du weißt, ich bin glück­lich und trau­rig zugleich und ver­su­che noch immer her­aus­zu­fin­den, wie das sein kann” von Ste­phen Chbo­s­ky.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Gerstenberg
ISBN: 978-3-8369-5712-0
Erscheinungsdatum: 26.Januar 2015
Einbandart: Hardcover
Preis: 13,95€
Seitenzahl: 160
Übersetzer: Maike Dörries
Originaltitel: "Nattsommarfugl" 
               ("Nachtsommervogel" auf deutsch)
Originalverlag: Samlaget

Norwegisches Originalcover:
Hilde Kvalvaag - Das ist der Sommer im Paradies, wie er eben aussieht, wenn man die Sonnenbrille absetzt




Kasimiras Bewertung:

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Norwegisches Cover: Homepage von Samlaget

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