Hayfa Al Mansour — Das Mädchen Wadjda

Hayfa Al Mansour Das Mädchen Wadjda

30.September 2017

Das Mäd­chen Wad­j­da” der sau­di-ara­bi­schen Auto­rin und Regis­seu­rin Hay­fa Al Man­sour ist der Roman zum gleich­na­mi­gen Film — dem ers­ten abend­fül­len­den Film Sau­di-Ara­bi­ens -, der zudem von einer Frau gedreht wur­de. Das Buch erzählt die Geschich­te eines muti­gen, klei­nen Mäd­chens, für das ein Fahr­rad zum Sym­bol von Frei­heit und Rebel­li­on wird, in einer Gesell­schaft, in der die Stel­lung der Frau gene­rell unter der des Man­nes ist. Eine ergrei­fen­de, warm­her­zi­ge Geschich­te mit einem wirk­lich gelun­ge­nen Cover. Gewin­ner des Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis 2016 in der Kate­go­rie “Kin­der­buch”! Jetzt neu als Taschen­buch erschie­ne. Für Jugend­li­che allen Alters (frü­hes­tens ab 10 Jah­ren) und Erwach­se­ne.

Die 11-jäh­ri­ge Wad­j­da (spricht man: Wod­scha) ist ein klei­ner Wild­fang. Frech, unan­ge­passt, neu­gie­rig. Und sie wächst auf in Riad, in Sau­di-Ara­bi­en. Einem Land, in dem sie sich gera­de als Mäd­chen an vie­le Regeln hal­ten muss. In der Öffent­lich­keit muss sie einen Schlei­er tra­gen. Es fin­det eine strik­te Geschlech­ter­tren­nung statt. Rei­sen, arbei­ten gehen ohne die Ein­wil­li­gung des Man­nes: unmög­lich. Auto­fah­ren als Frau: undenk­bar. Beson­ders ihre Rek­to­rin Ms Hus­sa ist im Regelnein­hal­ten beson­ders streng. Schon ein paar Mal ist Wad­j­da des Unter­richts ver­wie­sen wor­den: “Vom ers­ten Schul­tag an hat­te man ihr gesagt, dass Demut, Stil­le und ein Leben, in dem nie­mand etwas über sie wuss­te oder über sie rede­te, nie, die höchs­ten Tugen­den waren, die sie zu errei­chen hof­fen konn­te.” (Zitat aus “Das Mäd­chen Wad­j­da” S.10) Wenigs­tens hat Wad­j­da eine schrift­li­che Beschei­ni­gung von ihren Eltern bekom­men, dass sie allei­neHayfa Al Mansour Das Mädchen Wadjda und zu Fuß nach Hau­se gehen darf. Das ver­schafft ihr ein wenig Frei­heit. Oft ist sie mit dem Nach­bars­jun­gen Abdul­lah unter­wegs. Abdul­lah, der ein Fahr­rad besitzt und sie damit immer abhängt. “Wad­j­da seufz­te und rann­te los. In der Fer­ne konn­te sie immer noch die Jun­gen auf ihren Fahr­rä­dern sehen, so fröh­lich und frei. Wie schnell sie waren auf ihren Rädern! Wie Vögel flo­gen sie durch Riad. “Ich wer­de auch eins haben!”, sag­te Wad­j­da laut. Es klang wie ein Schlacht­ruf.” (Zitat S. 41). Ihre Mut­ter ist von die­sem Vor­schlag nicht son­der­lich begeis­tert. Als Mäd­chen Fahr­rad zu fah­ren ist nicht erlaubt. Doch Wad­j­da lässt sich nicht beir­ren. Sie hat ihr Traum­fahr­rad in einem Spiel­zeug­la­den ent­deckt: es ist grün und es muss ganz ein­fach bald ihr gehö­ren! Dafür spart sie so viel Geld wie sie kann. Davon ver­dient sie eini­ges heim­lich und ver­bo­te­ner­wei­se in der Schu­le: sie ver­kauft selbst gemix­te Kas­set­ten mit west­li­cher Musik und geknüpf­te Arm­bän­der in den Far­ben der Lieb­lings­fuß­ball­mann­schaf­ten der Mäd­chen. Aber dann wird sie eines Tages von Ms Hus­sa erwischt. Wie soll sie denn jetzt an Geld für ihr Fahr­rad kom­men? Ein hohes Preis­geld winkt hin­ge­gen beim Koran­re­zi­ta­ti­ons­wett­be­werb. Wad­j­da ist nicht wirk­lich die Klügs­te was Lesen und Zitie­ren angeht und doch will sie kei­ne Gele­gen­heit unver­sucht las­sen, das ers­te Mäd­chen Sau­di-Ara­bi­ens zu wer­den, das Fahr­rad fährt…

Hayfa Al Mansour Das Mädchen WadjdaDas Mäd­chen Wad­j­da” wird von einem all­wis­sen­den Erzäh­ler erzählt, der sich haupt­säch­lich auf die Sicht der Haupt­fi­gur kon­zen­triert und nur kurz­wei­lig ande­re Per­spek­ti­ven mit ein­flie­ßen lässt. Die Spra­che ist ein­fach und der Text sehr flüs­sig zu lesen. Als Leser taucht man rasch ein in die frem­de Welt des König­reichs Sau­di-Ara­bi­ens, was sehr inter­es­sant und fas­zi­nie­rend ist. Ein Land zwi­schen Moder­ne und Tra­di­ti­on. Vie­le Din­ge sind hier völ­lig anders. Es gibt bei­spiels­wei­se eine Reli­gi­ons­po­li­zei, die auf das Ein­hal­ten der Regeln ach­tet. Frau­en — auch bereits jün­ge­re Mäd­chen — wer­den von den Eltern ver­hei­ra­tet. Ein Mann kann auch meh­re­re Ehe­frau­en haben (vor allem Wad­jdas Mut­ter lei­det unter die­ser Mög­lich­keit). Man­ches über­rascht den Leser, aber es wird alles sehr gut erklärt: “In klei­nen Läden durf­te es kei­ne Umklei­de­ka­bi­nen geben. Frau­en durf­ten ihre Klei­der nicht an unge­schütz­ten Orten able­gen. Man­che Laden­in­ha­ber ver­steck­ten Kame­ras oder bohr­ten Löcher in die Wän­de der Kabi­nen, damit sie die Frau­en nackt sehen konn­ten, wäh­rend sie sich umzo­gen. Damit die Frau­en vor zudring­li­chen Bli­cken geschützt waren, muss­ten sie die Klei­der in öffent­li­chen Toi­let­ten anpro­bie­ren.” (Zitat S. 219). Und in der Schu­le haben die Fah­rer der Mäd­chen, die mit dem Auto abge­holt wer­den, eine schrift­li­che Beschei­ni­gung der Eltern vor­zu­wei­sen, ansons­ten dür­fen sie die Mäd­chen nicht mit­neh­men. Zeit­schrif­ten in der Schu­le angu­cken: ver­bo­ten. Hayfa Al Mansour Das Mädchen WadjdaDie Rek­to­rin per­sön­lich steht am Ein­gang und kon­trol­liert das Erschei­nungs­bild der Mäd­chen, wenn die­se ein­tref­fen und ehe sie das Gebäu­de ver­las­sen. Wad­j­da als Haupt­fi­gur ist gera­de des­halb so beson­ders, weil sie im Gegen­satz zu den ande­ren Mäd­chen etwas wagt. “Abge­se­hen davon, waren aber die meis­ten Mäd­chen in Wad­jdas Alter anschei­nend zufrie­den damit, die Regeln zu befol­gen. Wad­j­da wuss­te, dass sie viel ris­kier­te, wenn sie in eine fins­te­re Gas­se flitz­te und nach Schät­zen such­te oder auf der Jagd nach Aben­teu­ern hin­ter Abdul­lah her saus­te. Frü­her oder spä­ter wür­de sie erwischt wer­den.” (Zitat S.47) Sie sucht sich ihre Nischen in dem gesell­schaft­li­chen Käfig, stellt Din­ge in Fra­ge und kämpft um Träu­me, die man eigent­lich nicht haben darf. Die Geschich­te ist nicht gera­de mit größ­ten Span­nungs­ele­men­ten gespickt, aber sie unter­hält und zeich­net ein fein­füh­li­ges Bild einer jugend­li­chen Kul­tur, einer Stim­me, die lau­ter wird. Der Frei­heit nach Selbst­be­stim­mung. Ein gelun­ge­nes Buch und ide­al für eine Buch­vor­stel­lung oder als Klas­sen­lek­tü­re!

Hayfa Al Mansour Das Mädchen WadjdaAls Ergän­zung bie­tet sich der gleich­na­mi­ge Film “Das Mäd­chen Wad­j­da”, der vor dem Roman bereits in die Kinos kam und zahl­rei­che Prei­se absahn­te. Die Regis­seu­rin Hay­fa Al Man­sour muss­te zeit­wei­se wegen der Geschlech­ter­tren­nung an Dreh­or­ten außer­halb des Stu­di­os (der Film wur­de kom­plett in Sau­di-Ara­bi­en gedreht) sogar aus einem Auto her­aus per Wal­kie-Tal­kie und Moni­tor Regie­an­wei­sun­gen geben, weil sonst die Reli­gi­ons­po­li­zei ein­ge­grif­fen hät­te. Auch gab es wäh­rend der Dreh­ar­bei­ten immer wie­der Unter­bre­chun­gen wegen der Gebets­zei­ten. Und der Film wur­de nicht ein­mal in Sau­di-Ara­bi­en gezeigt: Kinos sind dort ver­bo­ten! Dafür muss man schon ins benach­bar­te Kuwait oder Bah­rain fah­ren. (sie­he Arti­kel in “Die Zeit”, Mai 2012: “Unter den Augen der Reli­gi­ons­po­li­zei”).

Du suchst eine Alter­na­ti­ve zu “Das Mäd­chen Wad­j­da”? Es gibt eini­ge Titel, die sich eben­falls mit den stren­gen Fami­li­en- und Gesell­schafts­tra­di­tio­nen in isla­mis­ti­schen Staa­ten beschäf­ti­geLesealternativenn: “Der gehei­me Him­mel” von Atia Aba­wi (eine ver­bo­te­ne Lie­be in Afgha­ni­stan), “Wenn der Mond am Him­mel steht, denk ich an dich” von Debo­rah Ellis (Homo­se­xua­li­tät im Iran) und “Fel­sen­mond” von Jas­min Adam (fünf Mäd­chen, fünf Schick­sa­le in Jemen). Einen eher roma­ni­schen Ein­blick in die ara­bi­sche Kul­tur bie­tet “Die Rose von Ara­bi­en” von Chris­ti­ne Leh­mann, das jedoch mehr wie ein Mär­chen aus 1001 Nacht erscheint, ange­sichts der vie­len Sagen und Legen­den, mit denen es gefüllt ist. Sehr bekannt ist auch das Buch “Mala­la. Mei­ne Geschich­te” der jüngs­ten Frie­dens­no­bel­preis­trä­ge­rin Mala­la Yous­af­zai (und Patri­cia McCor­mick), in wel­chem sie um das Recht nach Bil­dung in Paki­stan kämpft. Wenn du zwei eben­so herz­er­grei­fen­de Geschich­ten über ein Mäd­chens lesen möch­test, das um sein Glück kämpft, dann greif zu “Das Blub­bern von Glück” von Bar­ry Jons­berg oder “Mit Wor­ten kann ich flie­gen” von Sharon M. Dra­per.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: cbt
ISBN: 978-3-570-31146-2
Erscheinungsdatum: 11.September 2017
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 9,99€
Seitenzahl: 304
Übersetzer: Catrin Frischer
Originaltitel: "The green bicycle"
Originalverlag: Penguin US

Amerikanisches Originalcover: 
Hayfa Al Mansour Das Mädchen Wadjda











Deutscher Trailer zum Film:
 

Kasimiras Bewertung:

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Die ersten drei Fotos nach dem Cover stammen aus dem Film "Das Mädchen Wadjda": 
Pressematerial © Razor Film
Das Foto von „HaifaaAlMansour“ ist von HaylieNiemann - Eigenes Werk. 
Lizenziert unter GFDL über Wikimedia Commons
Amerikanisches Cover: Homepage von Penguin US

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