Graham Gardner — Im Schatten der Wächter

Graham Gardner - Im Schatten der Wächter 7.Mai 2017

Für sein Erst­lings­werk “Im Schat­ten der Wäch­ter” wur­de der bri­ti­sche Autor Gra­ham Gard­ner 2005 zu Recht mit dem Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis aus­ge­zeich­net (Preis der Jugend­ju­ry). Anläss­lich des 70-jäh­ri­gen Jubi­lä­ums des Ver­lags Frei­es Geis­tes­le­ben erscheint das Buch nun in einem neu­en Gewand. Eine Geschich­te über Gewalt, Mob­bing und die Mecha­nis­men von Macht. Ein her­aus­ra­gen­des, span­nungs­ge­la­de­nes Buch, das man nahe­zu in einem Zug ver­schlin­gen möch­te. Ein­dring­lich und tief­grün­dig geschrie­ben. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und Erwachsene.

Elli­ot lebt in stän­di­ger Angst. Und die­se Angst hört ein­fach nicht auf. Auch nicht jetzt, an sei­ner neu­en Schu­le. Jetzt nach dem Umzug sei­ner Fami­lie. Denn Elli­ot wur­de an sei­ner alten Schu­le aufs Übels­te gemobbt: “Es fing mit Klei­nig­kei­ten an. Ein Tritt in sei­ne Fer­sen, als er den Flur ent­langlief. Ein Schlag auf den Hin­ter­kopf im Klas­sen­zim­mer. […] Er wuss­te nicht, war­um man ihn aus­er­wählt hat­te. Viel­leicht, weil er allein war. Viel­leicht weil er klein und mager war. […] Viel­leicht, weil es ihn über­haupt gab.” (Zitat S.31) Es war sein gro­ßes Glück, dass sei­ne Fami­lie nun Graham Gardner - Im Schatten der Wächterden Wohn­ort gewech­selt hat. Sein Vater, der nach einem Über­fall schwe­re kör­per­li­che und vor allem see­li­sche Ver­let­zun­gen erlitt und kaum mehr ansprech­bar ist. Sei­ne Mut­ter, die nun ver­sucht die Fami­lie zu ernäh­ren und bis zum Umfal­len schuf­tet. Jetzt kann Elli­ot neu anfan­gen.Hier kennt mich nie­mand. Er hat­te eine Chan­ce. Nicht nur die Chan­ce, den alten Elli­ot hin­ter sich zu las­sen, son­dern einen völ­lig neu­en Elli­ot zu erfin­den. Elli­ot, gebo­ren aus dem Nichts. […] Es muss­te nicht so sein wie frü­her.” (Zitat S.13ff) Trotz­dem ist da die­se gro­ße Angst in ihm. Was, wenn es genau­so wird wie damals? Wenn er auch hier in die Spi­ra­le aus Mob­bing und Gewalt hin­ein­ge­rät? Wenn er wie­der zum Opfer wird: gede­mü­tigt, miss­han­delt und geschla­gen? Von einem Klas­sen­ka­me­ra­den erfährt Elli­ot sogar noch von einem viel schlim­me­ren Sys­tem. Von einer Grup­pe, die sich die “Wäch­ter” nennt und an der Schu­le zu herrsch­ten scheint: “…hier drau­ßen ist das Reich der Wäch­ter. Hier drau­ßen pas­siert, was die Wäch­ter sagen. Wenn jemand Prü­gel bezieht, dann nur, weil die Wäch­ter es so wol­len. Sie tref­fen die Aus­wahl, wer bestraft wird und sie bestim­men auch, wer die Bestra­fung über­nimmt.” (Zitat S.57ff) Graham Gardner - Im Schatten der WächterUnfrei­wil­lig muss er bei einer jener Bestra­fungs­ak­tio­nen zuse­hen. Wie ein Jun­ge mehr­mals mit dem Kopf in eine Toi­let­te getaucht wird. Plötz­lich gerät auch Elli­ot in das Visier der Wäch­ter, aber ganz anders, als er denkt. Denn die­se wol­len ihn zu einem von ihnen machen…

Im Schat­ten der Wäch­ter” ist durch­gän­gig in der per­so­na­len Erzähl­wei­se aus Elli­ots Sicht geschrie­ben und star­tet sogleich mit einem Pro­log, in dem eine hef­ti­ge Prü­gel­sze­ne dar­ge­stellt wird: “Elli­ots Zorn war ver­flo­gen. Er spür­te nur noch eine woh­li­ge Taub­heit in sei­nem Inne­ren. Alles stand jetzt klar und deut­lich vor ihm. Schon bald wür­de er tot sein. Aber in Wirk­lich­keit hat­ten sie ihn bereits vor lan­ger Zeit umge­bracht. Also konn­ten sie ihm gar nicht mehr weh­tun.” (Zitat S.8) Dann beginnt der eigent­li­che Erzähl­teil. Zu Anfang erfährt man erst lang­sam, Stück für Stück, was Elli­ot wider­fah­ren ist. Was an sei­ner alten Schu­le pas­siert ist; was in sei­ner Fami­lie gesche­hen ist; war­um sein Vater so schwer krank ist. Der Span­nungs­bo­gen ist hier­bei sehr gut gehal­ten, wäh­rend die Rück­blen­den sich immer mit den aktu­el­len Gescheh­nis­sen abwech­seln. Der Text ist abso­lut flüs­sig geschrie­ben und es gibt kei­nen Moment, in dem man sich irgend­wie lang­wei­len könn­te. Stän­dig pas­siert etwas und man klebt förm­lich an der Geschich­te. Will wis­sen, wann fliegt er auf? Schafft er es ein ande­rer zu sein? Graham Gardner - Im Schatten der WächterDass man sich so gut in Elli­ots Den­ken ein­füh­len kann, liegt vor allem an den bra­vou­rö­sen Beschrei­bun­gen des Auto­ren, der Gefüh­le so wun­der­bar in Wor­te fas­sen kann: “Elli­ot Sut­ton schluck­te die kleb­ri­ge, säu­er­li­che Angst her­un­ter, die ihn zu ersti­cken droh­te.” (Zitat S.11) Der Prot­ago­nist wirkt abso­lut authen­tisch und greif­bar. Man fühlt und lei­det mit ihm:  “Nach außen hin war er Elli­ot der Gleich­gül­ti­ge, aber sein Inne­res bestand aus einem Cha­os von mit­ein­an­der rin­gen­den Gefüh­len und Kon­flik­ten. Er fing wie­der an, schlecht zu schla­fen, wach­te alle paar Stun­den schweiß­ge­ba­det und mit klop­fen­dem Her­zen auf, aus Träu­men geris­sen, in denen Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart sich stän­dig wie­der­hol­ten, immer und immer wie­der. Egal, was er tat, wo er auch hin­ging, es mach­te kei­nen Unter­schied. Es schien, als ob er nur an einem Ort zu Hau­se war: im Reich der Angst.” (Zitat S.73) Dass Gra­ham Gard­ner sich mit dem Zusam­men­hang zwi­schen Macht und Gesell­schaft in länd­li­chen Gebie­ten beschäf­tigt und dar­über auch pro­mo­viert hat, das merkt man defi­ni­tiv. Jah­re­lang hat er als wis­sen­schaft­li­che For­scher und Autor gear­bei­tet und gibt in “Im Schat­ten der Wäch­ter” einen tie­fen Ein­blick in die mensch­li­che Psy­che. Wäh­rend vie­le Jugend­bü­cher sich vor allem mit der Suche nach der eige­nen Iden­ti­tät beschäf­ti­gen, zeigt der Roman eher, dass auch das Gegen­teil der Fall Graham Gardner - Im Schatten der Wächtersein kann. Dass man sich selbst “neu erfin­den” kann, Tei­le sei­ner selbst unter­drü­cken und ver­ber­gen zu ver­mag, um in der Außen­welt zu bestehen: “Über­le­ben war gar nicht so schwer. Es bedeu­te­te ledig­lich, dass man alle Ecken und Kan­ten von einem selbst abschnei­den und glatt fei­len muss­te, die nicht pas­send waren. Nach einer Wei­le wur­de einem die neue Iden­ti­tät zur zwei­ten Natur, als ob man schon immer so gewe­sen wäre, wie man jetzt war. Der schwie­ri­ge Teil war, die ver­schie­de­nen Iden­ti­tä­ten, die man anneh­men muss­te, zu ver­wal­ten und aus­ein­an­der­zu­hal­ten.” (Zitat S.171) Der eng­li­sche Ori­gi­nal­ti­tel “Inven­ting Elli­ot” geht auf die­sen Sach­ver­halt noch etwas prä­zi­ser ein. Inter­es­sant fand ich auch den Bezug zu “1984” von Geor­ge Orwell, aus des­sen Werk ver­ein­zelt Zita­te genannt wer­den. Das Ende des Buches ist pas­send, war mir per­sön­lich aber doch etwas zu offen. Ein Epi­log, in dem zum Bei­spiel ein “Drei Mona­te spä­ter” fol­gen wür­de, wäre für den neu­gie­ri­gen Leser doch sehr wün­schens­wert gewe­sen. Für eine Buch­vor­stel­lung oder als Klas­sen­lek­tü­re eig­net sich “Im Schat­ten der Wäch­ter” hervorragend.

Fazit: Eine Geschich­te, die unter die Haut geht!

Eine sehr gute Alter­na­ti­ve zu “Im Schat­ten der Wäch­ter” ist “Opfer­land: Wenn die ande­ren dich kaputt machen” von Bet­ti­na Obrecht. Hier wech­selt ein JLesealternativenunge auf­grund von Mob­bing eben­falls die Schu­le und hofft neu anfan­gen zu kön­nen. Dass die Rol­len zwi­schen Opfer und Täter wech­seln, fin­dest du — wenn auch anders her­um — in “Das wirst du bereu­en” von Aman­da Maciel, “Denk­zet­tel: Wenn dein Alb­traum wahr wird” von Daniël­le Bak­huis und in “Die Welt wär bes­ser ohne dich” von Sarah Darer Litt­man. Als Lese­va­ri­an­te könn­te ich mir auch “Evil: Das Böse” von Jan Guill­ou gut vor­stel­len. Eine Grup­pe, die an einer Schu­le “herrscht”, kannst du auch in fol­gen­den Büchern ent­de­cken: “Wir sind nicht zu fas­sen” von Kurt Dinan und Die Regeln des Schwei­gens” von Tino Schrödl. Ein bewe­gen­des Buch über einen Jun­gen, der sei­ne Ver­gan­gen­heit hin­ter sich las­sen will, und stän­dig Angst hat, dass man hin­ter sein Geheim­nis kommt, ist “Das wirst du nie los” von Gail Giles. Noch mehr Bücher über das The­ma Mob­bing fin­dest du hier.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Freies Geistesleben
ISBN: 978-3-7725-2836-1 
Erscheinungsdatum: 8.März 2017 
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 10,00€ 
Seitenzahl: 222 
Übersetzer: Alexandra Ernst
Originaltitel: "Inventing Elliot"
Originalverlag: Orion Children's Books

Britisches Originalcover:
Graham Gardner - Im Schatten der Wächter

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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